I. Kindheit und Jugend

1. Kapitel

1942 - 1961: Erste Erinnerungen / Schule


  Zum See? Nein, nach Ägypten! Meine Antwort hielt ein Mitschüler für einen schlechten Scherz - man sah es seinem Gesichtsausdruck an. Im Sommer 1960 war ich auf dem Weg zum Bahnhof Singen (Hohentwiel) und hatte nur einen Matchsack dabei, einen damals gebräuchlichen Beutel, mit dem man zum Baden an den Bodensee fuhr. Mein Freund und ich fuhren allerdings nach München. Von dort ging es - nunmehr zu viert - weiter mit der Eisenbahn im Orientexpress (Studenten/Schülertarif) nach Athen, auf einem Frachter nach Port Said am Suezkanal, von dort Nil aufwärts nach Kairo, Luxor, Assuan, dann zurück nach Kairo und über Alexandria mit dem Schiff als Deckpassagiere nach Genua; schließlich die letzte Etappe per Autostopp zurück ins heimatliche Singen.

  Eine solche Reise war in den 1950er Jahren für 18-Jährige eher ungewöhnlich. Ein Oberstudienrat regte sich in der Abiturklasse mächtig auf. Das sei ja unerhört, früher sei man allenfalls im Krieg in so entfernte Länder gekommen. Mit drohendem Unterton: In wenigen Monaten stünde das Abitur an, dann würde man ja sehen, wer die Ferienwochen nicht zur Vorbereitung genutzt habe.

  Die Schule war für uns Schüler damals nicht so wichtig, sie blieb auch im Abiturjahr eher Nebensache. Die Eltern hatten uns großzügig Richtung Ägypten losziehen lassen. Allerdings war Ägypten nicht unsere erste große Fahrt, wir hatten schon einige Erfahrungen hinter uns. Wir hatten uns bei den "Grauen Reitern", einer Abspaltung der Pfadfinder, zusammen gefunden und fast jedes Wochenende zu Wanderungen oder anderen Aktivitäten genutzt. Die Reisen, sogenannte "Großfahrten" waren der jeweilige Höhepunkt des Jahres. Die elterliche Großzügigkeit erstreckte sich allerdings weniger auf das Reisegeld, wovon wir nicht viel mitbekamen und das meiste für billigste Transportmittel einsetzen mussten. Bei der Rückkehr nach Genua hatte ich noch 50 Pfennig (heute vielleicht 1-2 Euro), die für die anderthalb Tage Autostopp bis nach Hause reichen mussten.



Frühe Kindheitserinnerungen

   Kindheitserinnerungen steigen auf, wie aus dem Nichts: was verschüttet, vergessen, verschlossen war, gewinnt plötzlich eine Präsenz, eine Wucht, die den Atem stocken lässt. Es sind Nichtigkeiten: zum Teil - zum Teil aber auch nicht. Ein Beispiel: Ich war schon im Ruhestand, als ich 2008 in meiner Heimatstadt Singen an einer Wirtschaft (Ecke Thurgauer- Schwarzwaldstrasse) vorbei kam und mich plötzlich - wie ich meine - ganz genau an die Lieder erinnerte, die ein Männergesangverein dort vor 60 Jahren gesungen hatte. Oder der Zauber, der mich nach mehr als einem halben Jahrhundert wieder einfing, als ich meine erste (unerfüllte) Liebe wieder traf. Das ist die eine Seite.

  Die andere Seite ist das vorsichtige Zurücktasten in lang Vergangenes, das Umkreisen, das Prüfen, der Versuch der Einordnung. War das damals wichtig, wirkte es weiter, ist es noch bedeutsam? Eine Autobiografie ist oft ein Gang durch verschlungene Pfade, die "Suche nach der verlorenen Zeit" (Proust) führt durch oft unübersichtliches, unwegsames Gelände - beim Schreiben bricht Verschüttetes, Eingekapseltes wieder auf. Eine Autobiografie soll, um Bestand zu haben, auch eine Selbstprüfung sein, sie darf keine Fiktion, keine Literatur werden. Die Wahrhaftigkeit ist nicht immer einfach.

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  An die Bombennächte in Mainz erinnere ich mich natürlich nicht. Ich war drei Jahre alt, als wir dort Anfang 1945 ausgebombt wurden. Aus Erzählungen weiß ich, dass meine Mutter mit meinem Bruder und mir nächtelang in Bunkern ausharren musste. Einmal erzählte sie, wie sie auf dem Heimweg von einem Bomberangriff überrascht wurde und mit uns unter einer Parkbank Zuflucht suchte. Das Rhein-Main-Dreieck wurde von den alliierten Bomberflotten häufig angeflogen, was in Mainz stets Alarm auslöste. So soll denn mein erstes Wort nicht Mama oder Papa gewesen sein, sondern "Alarm". Vielleicht ist es dieses Dunkle von noch nicht bewusst wahrgenommenen Bedrohungen, weswegen mich Fliegerangriffe mit Abscheu erfüllen. Ganz besonders, wenn diese auf die Zivilbevölkerung zielen oder deren Tod bewusst in Kauf nehmen. Für Drohnen gilt das noch mehr.

  Auch an die Hungerjahre nach dem Krieg habe ich keine konkreten Erinnerungen. In Singen, wo meine Großeltern väterlicherseits bis 1945 lebten, hatten meine Eltern nach Kriegsende schließlich eine dauerhafte Bleibe gefunden. Sie waren neu in der Stadt und hatten keine Beziehungen zu den Bauern im Umland. Das Beschaffen von Nahrungsmitteln war eine ständige Sorge. Das Himbeersuchen im Wald hat sich mir besonders eingeprägt, da ich inmitten der stacheligen Stauden und Büsche von allerlei Schnaken, Stechmücken und Bremsen gepeinigt wurde. Aber meine Eltern waren froh, wenn wir eine Kanne voll Beeren gesammelt hatten, um Himbeersirup zu machen; dieser enthielt die wertvollen Vitamine für den Winter. Auch an einen Ausflug auf der Ladefläche eines sogenannten Holzvergasers erinnere ich mich dunkel: irgendwo gab es Kartoffeln zu ergattern. Beim Abholen der letzten Lebensmittelkarten 1950 bekam ich meine erste Schokolade, 50 Gramm. Noch heute meine ich, den Geschmack auf der Zunge zu spüren.

  Singen war nach 1945 eine französisch besetzte Stadt: an mehreren Orten hatten die Franzosen Schilderhäuschen aufgestellt, wo Soldaten darüber wachten, dass die Deutschen nichts Böses unternahmen. Eines dieser Schilderhäuschen stand genau bei uns gegenüber (zwischen dem Gasthaus Bären - heute eine Bank - und dem Haus der Familie Brunner in der August-Ruf-Straße). Einmal hatten meine Eltern Frau Külb zu Besuch, die Frau des ehemaligen Bürgermeisters von Mainz, in dessen Haus wir ausgebombt worden waren. Sie stammte aus Straßburg. Mit mir an der Hand ging sie mit Elsässer-Französisch auf den französischen Soldaten los und muss ihm so allerhand an den Kopf geworfen haben. Für mich hörte es sich wie eine Schimpfkanonade an - was es wahrscheinlich auch war. Vielleicht hat der Wachsoldat sie nicht verstanden oder er ließ es einfach gut sein. Optisch auffällig waren die Franzosen in der Stadt ohnehin: vielerorts waren auf französischen Befehl die Gartenzäune in deren Nationalfarben "blau, weiß, rot" angestrichen. (Was mögen sich die Franzosen dabei wohl gedacht haben?) Die ersten Süßigkeiten/Bonbons, die ich kennen lernte, hatte mein Vater von einem französischen Offizier mitgebracht, dessen Kinder er als Arzt behandelt hatte.

  Es waren schwierige Kriegs- und Nachkriegsjahre. Es wäre aber unrichtig zu behaupten, dass mir davon mehr als ein paar unscharfe Erinnerungen geblieben sind. Ganz unbeeinträchtigt blieb ich davon allerdings doch nicht: in Sachen Gesundheit hatte ich als Folge der Hungerjahre eine Rachitis davon getragen.

Eltern

  Meine beiden Eltern waren Ärzte. Sie hatten 1941 geheiratet, ich war das erste Kind und wurde 1942 geboren. 1943 folgte mein Bruder Henning, 1946 mit Hubertus ein zweiter Bruder, 1947 meine Schwester Johanna. Heute staune ich, dass man in dieser Zeit 4 Kinder in Welt setzen konnte. Dazu gehörte sicher ein großer Lebensmut. Mein Vater war als Arzt im Krieg nicht an der Front, sondern an einer Klinik im Hinterland in Mainz eingesetzt gewesen. Meine Mutter praktizierte wenig und wurde - mangels Berufspraxis - auch immer unsicherer, bis sie es vorzog ganz aufzuhören. Mein Vater wurde in den 1950er Jahre Chefarzt der Kinderklinik am Krankenhaus in Singen, was ihn neben der Praxis (in der Ekkehardstraße) gehörig beanspruchte. Verdienen tat er gut (aus seiner Sicht natürlich eher zu wenig), meine Mutter erbte mehrfach, so dass wir immer ein gutes Auskommen hatten. Alle Geschwister haben studiert: Medizin, Jura, Musik.

  Meine Großeltern hatten sich in Singen im April 1945 vor dem Eintreffen der franzöischen Truppen das Leben genommen, weil sie - so erfuhr ich später beim Tod meiner Mutter - das nationale Unglück nicht überleben wollten. Gegen Ende des Krieges hat es in Deutschland zahlreiche Suizide gegeben, vor allem im Osten, aber nicht nur dort. Mein Vater redete nie über den Tod seiner Eltern, auch nicht über seine politische Orientierung während der Nazizeit. Erst die Erschütterung beim Tod meiner Mutter löste seine Zunge etwas. Es wäre unehrlich zu sagen, dass mich die Umstände des Freitods meiner Großeltern jemals besonders belastet hätten. Sie traten ohnehin erst ein halbes Jahrhundert später voll in mein Bewusstsein - vorher hatte niemand daran gerührt. Meine Mutter war offener und äußerte oft ihre Empörung, wie ihr jugendlicher Idealismus von den Nazis missbraucht worden sei. Abitur hatte sie 1935 gemacht und ihre männlichen Klassenkameraden waren - wie sie erzählte - fast ausnahmslos im Krieg gefallen. Mein Vater tendierte nach dem Krieg zu den Freidemokraten, mit einer Schlagseite zu deren nationalliberalem Flügel, meine Mutter gegen Ende ihres Lebens zu den Grünen.

  Das Verhältnis zu meiner Mutter war schwierig. Ich hielt sehr früh emotionale und physische Distanz. Ich muss für sie öfters eine ziemliche Provokation gewesen sein, denn ich erinnere mich deutlich an drastische Gegenreaktionen. Warum das Verhältnis seit meinen frühesten Erinnerungen so schlecht war, weiß ich nicht, es würde wohl auch zu wenig oder nichts führen, das jetzt im Alter herausfinden zu wollen. Mit meinem Vater war es besser, er war wenig Patriarch und ließ mich meinen Weg gehen. Er versuchte nie, seine Meinung mir gegenüber durchzusetzen. Er gab nur gelegentlich Tipps, Hinweise, die nützlich waren. Er war wenig präsent - beruflich war er immer stark angespannt.

  Meine Eltern lebten sich bald auseinander, blieben aber der Kinder wegen zusammen. Längere Zeit war meine Mutter mit einem Schweizer Bildhauer liiert. Lieblinge meiner Mutter waren Henning und Johanna, die sie - wie sie sagte - im Fall einer Scheidung mitnehmen wollte. Vaters Lieblingssohn war Hubertus, ich fiel irgendwie heraus, war früh etwas am Rande. Ich kann allerdings nicht sagen, dass mich das sonderlich gegrämt oder belastet hätte. Das ständige Gestreite und Gezerre meiner Eltern ging mir ohnehin auf die Nerven und so suchte ich oft das Weite. Angesichts der heutigen "Patchwork-Familien" kann man gleichwohl von relativ stabilen Familienverhältnissen sprechen.

Schule

  An die Volksschule, die ich ab 1948 besuchte, habe ich wenige Erinnerungen, außer dass ich mich auf dem Schulhof als Beschützer meines kleinen Bruders bewähren und aufspielen musste. Ab der 2. Klasse erhielten wir alle von den USA gespendete Schulspeisungen in Gestalt einer Flasche Kakao, die dann später auf eine kleinere Anzahl von Schülern eingegrenzt wurde. Mehrfach wurden wir auf die Herkunft der Spende aus den USA hingewiesen. Wir bekamen zur Strafe noch Tatzen, Schläge mit dem Lineal auf die ausgestreckte Hand.

  Eine kuriose Begebenheit habe ich im Gedächtnis behalten, wahrscheinlich weil sie wieder und wieder erzählt wurde. Höhere Kirchenvertreter besuchten/examinierten einmal unsere Volksschule und forderten meinen Bruder und mich auf, etwas zu singen, wobei sie natürlich an ein Kirchenlied dachten. Aber wir stimmten in aller Unschuld einen damals beliebten Schlager an: "Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt...". Konsequenzen hatte das keine, außer dass der Pfarrer es unseren Eltern - wohl mit einem Schmunzeln - weitergab.

  Die ersten Jahre auf dem Hegau-Gymnasium war ich ein miserabler Schüler und ein- oder zweimal akut versetzungsgefährdet. Ein bedenkliches Zwischenzeugnis hatte ich einmal im Klavier versteckt, bis es entdeckt wurde, und meine Eltern in Alarmbereitschaft versetzte. Ab der 9. Klasse (Obertertia) muss ich einen Entwicklungssprung gemacht haben. In der Fächern Mathematik, Deutsch und Geschichte wurde ich gut, ohne dass ich mir besondere Mühe gegeben hätte. Die Oberstufe durchlief ich problemlos und konnte sogar in den anfänglich verhassten Sprachen Französisch, Englisch und Latein vertretbare Ergebnisse erzielen. Wir hatten, das muss man im Nachhinein anerkennen, teilweise vorzügliche und engagierte Lehrer. In besonderer Erinnerung bleibt mir Dr. Glunk. Mit dem Schulfranzösisch, das er mir beibrachte, konnte ich unmittelbar nach dem Abitur an der französisch-sprachigen Universität Genf in der Schweiz, dann an der Sorbonne in Paris mithalten und Examen machen. Das Abitur bestand ich 1961 mit einigen Auszeichnungen. Ich hätte die Abiturrede halten sollen, war aber in Rom abgetaucht und nicht rechtzeitig erreichbar (Mobiltelefone o. ä. gab es damals noch nicht).

  Wer den Schulalltag zu Beginn des 21. Jahrhunderts mit dem der 1950er Jahre vergleicht, stellt einen enormen Wandel fest. Rangeleien auf dem Schulhof oder im Klassenzimmer, die nicht selten mit den Fäusten ausgetragen wurden, kamen zwar nicht täglich vor, aber sie gehörten zum Schulalltag. Natürlich wurden sie von den Lehrkräften unterbunden und teilweise geahndet. Mit einem Sohn des altkatholischen Pfarrers geriet ich wiederholt aneinander. Auch erinnere mich an eine Auseinandersetzung, bei der ich einen Mitschüler am Kinn getroffen habe, so dass er K.O. am Boden lag, als die nächste Schulstunde begann. Er erhob sich bald, erinnerte sich aber - vor allem gegenüber dem Lehrer - an nichts... Und das war´s dann auch. Vermutlich würden nicht wenige Schulkameraden und ich heutzutage als pathologisch eingestuft und vom Schulpsychiater zur Einnahme von Sedativen verdonnert bzw. von der Schule verwiesen. Unnötig zu sagen, dass ich diese Entwicklung für falsch halte. Man kann nicht alle Jungs in die Schablone des idealen Schülertyps vom "braven Mädchen" pressen.

  Apropos Schulleiter: Der bereits erwähnte Dr. Glunk wurde später Leiter des traditionsreichen und bundesweit bekannten Internats Salem. Nach einigen Jahren kehrte er allerdings nach Singen zurück und wurde Direktor unseres Gymnasiums. Er trat dort die Nachfolge von Dr. Götz an, dessen schwere Hand seit Anfang der 1950er Jahre auf dem Gymnasium lastete. Götz führte die Schule autoritär und reaktionär. Gnadenlos siebte er unter den Schülern aus. Von anfänglich rund 100 Schülern meines Jahrgangs machten letztlich wenig mehr als 20 Abitur. Wer nicht mithielt, aus welchen Gründen auch immer, flog von der Schule. Förderung von Kindern aus bildungsfernen Schichten lag ihm fern. Im Gegenteil, dem schnellen Schulabgang wurde teilweise mit Nachdruck nachgeholfen. Die meisten meiner vorzeitig abgegangenen, ehemaligen Schulkameraden würden heute problemlos Abitur machen. Nach dem Aufstieg von Dr. Götz in höhere Sphären der Kultusverwaltung in Baden-Württemberg bekämpfte er unter dem Spitznamen "Gymnasial-Götz" die Einrichtung von Gesamtschulen, die das Bildungssystem sozial öffnen sollten.

  Inhaltlich war das Gymnasium sicherlich keine Hort progressiver Gesinnungen. Viele Lehrer waren ehemalige Nazis, sie hielten sich bei politischen Themen bedeckt, wichen ins Unbestimmte aus oder gaben plötzlich ganz unvermittelt krude Meinungen von sich. Ein Lehrer und Vater meiner Tanzstundenflamme hatte z. B. an einer Napola, einer speziell für den NS-Nachwuchs eingerichteten Schule, unterrichtet, wenn auch (nur) als Sportlehrer. Anekdotisch aber doch bezeichnend für den Geist, der an der Schule herrschte, war die Begrüßung, die Dr. Götz den Schülern am Beginn jedes Schultags angedeihen ließ: er stand im Eingang der Schule und jeder Schüler musste ihn grüßen. Wehe jemand kam zu spät... Eintrag ins Klassenbuch mit Folgen!

  Dr. Götz hatte eine Vergangenheit, über die wir als Schüler nur Gerüchte hörten. Es hieß, er habe während des Krieges bei der Abwehr und/oder Gestapo im besetzten Paris gearbeitet. Die Briten haben ihre Vernehmungsakten aus der Nachkriegszeit, während der Dr. Götz in England interniert war, ins Netz gestellt. Seither ist offenkundig, dass er nicht als kleiner Dolmetscher in Paris tätig war, sondern durchaus eine Rolle spielte. Er hat darüber auch im örtlichen Rotary-Club berichtet. Während sonst alle Vortragsprotokolle getreulich aufbewahrt wurden, fehlen ausgerechnet diese Protokolle, wie ich auf Nachfrage erfuhr.

  Beherrschte der Nazi-Ungeist unser Gymnasium? Das wohl nicht, aber es gab doch eine sehr konservative bis reaktionäre Grundstimmung, der sich auch jüngere Lehrer nicht entziehen konnten. Die jüngste deutsche Vergangenheit, der Holocaust, der Zweite Weltkrieg waren nie Gegenstand des Unterrichts. Einige Lehrer erzählten sogar gern von ihren Fronteinsätzen im Krieg - keineswegs mit negativer Schlagseite. In den Klassenzimmern hingen Deutschland-Karten mit den Grenzen von 1914 und 1937. Wenn es die Absicht gewesen war, uns im konservativen Sinne zu erziehen, so wurde dieses Ziel bei vielen allerdings auf mittlere Sicht verfehlt. Aus verschiedenen Biografien einschließlich meiner eigenen kann ich nur schlussfolgern, dass der Geist des Widerspruchs, ja der Revolte herangezüchtet wurde: je konservativer die Schule, desto selbstbewusster und aufmüpfiger die Schüler. Symptomatisch ist der Fasnachts-Scherz des Abiturjahrgangs 1960, der den Schuleingang zugemauert hatte (die alemannische Fasnacht entspricht in etwa dem rheinischen Karneval). Die Saat ging endgültig in der Studentenrevolte 1967/68 auf.

  Es war freilich nur ein kleiner Teil der Jugend, der in den 1950er Jahren mit einem Anteil von 2 Prozent im Regierungsbezirk Südbaden Abitur machte - ein verschwindend kleiner Prozentsatz, wenn man an die heutigen Zahlen von 40 Prozent und mehr denkt. Für die, die das Abitur schafften, hatte das Gymnasium auch sein Gutes: wir hatten etwas gelernt und wurden nach dem Abitur mit wachem Selbstbewusstsein ins Leben entlassen. Leistungswille und Bereitschaft zu politischem Engagement gehörten sicher auch dazu. Um beispielhaft einige Absolventen aus dem kleinen, von mir überschauten Bereich des Auswärtigen Amtes (AA) zu nennen, die hier zur Schule gingen: Paul Frank, Abitur 1937, AA-Staatssekretär 1970-1974; Hermann Erath, Abitur 1966, Gudrun Sräga, Abitur 1974, und ich, Abitur 1961, allesamt deutsche Botschafter. Volker Kauder, CDU/CSU-Fraktionsvorsitzender im Bundestag seit 2005, machte 1969 ebenfalls hier Abitur. Für ein Gymnasium einer süddeutschen Kleinstadt doch ziemlich auffällig.


Singen (Hohentwiel)

Festung Hohentwiel


  Singen am Hohentwiel war die Stadt meiner Kindheit und Jugend. Singen ist eine Industrie- und Arbeiterstadt, entstanden zu Beginn des 20. Jahrhunderts um drei von Schweizer Firmen gegründeten Fabriken: die Maggi, bekannt durch die Suppen, die Aluminiumwalzwerke, kurz Alu, und die Fitting oder Georg Fischer-Werke. Die Fabriken hatten in den 1950er Jahren jeweils tausende von Arbeitern, stets wurde angebaut, erweitert, expandiert, immer mehr Menschen wurden angezogen. Hatte die Stadt vor dem 2. Weltkrieg wenig mehr als 15.000 Einwohner, so wurden es bis 1960 über 30.000.

  Das Unorganische, Zweckmäßige prägt die Stadt, die Straßen sind im Schachbrett-Muster angelegt. Gnadenlos wurde Altes oder Älteres abgerissen - übrigens bis in unsere Tage. Wer Singen besucht, wird feststellen, dass nur das Nüchterne, Funktionale die Stadt bestimmt. Eine Ästhetik der 1950/60er Jahre, die heute seelenlos wirkt und auf das Gemüt schlagen kann, beherrscht die Stadt. Als Schüler haben wir das kaum wahrgenommen, allenfalls im Vergleich zu den umliegenden Städten Konstanz, Schaffhausen, Radolfzell.

  Als Ausgleich hatten wir den Hegau, eine unvergleichlich schöne Landschaft, in die die Stadt Singen mit ihren Industrieanlagen wie ein Fremdling hineinwuchert. Unverkennbar ragen die Hegau-Vulkanberge ins Land: vom Hohenhöwen im Norden über den Mägdeberg, den Hohenstoffel, den Hohenkrähen bis zum Hohentwiel. Gewaltig überblickt dessen Festungsruine das Land. Von hier aus hatten im Mittelalter die alemannischen Herzöge vom Elsass im Westen bis Augsburg im Osten, vom Gotthard-Pass im Süden bis Stuttgart im Norden geherrscht - eine Erinnerung, die in Singen präsent ist.


Rudolf Stuckert 1988: Hegaublick

  Eine Vielzahl kleinerer Berge und Burgen reihen sich neben den markanten Gipfeln aneinander bis zum westlichsten Teil des Bodensees. Es ist eine Kulturlandschaft von seltenem und einzigartigem Reiz. Nicht umsonst gehört die Reichenau mit ihrem Kloster und den Kirchen zum Weltkulturerbe, nicht umsonst ist die Mainau die beliebteste Blumeninsel Deutschlands. Über den Rhein blickt man hinüber in die Schweiz, deren Alpenkranz an hellen Tagen herüber leuchtet. Viele Reisende, die nach Süden, nach Italien eilen, erhalten hier eine Vorahnung toskanischer Landschaft, das Versprechen kommender Dinge, die Ankündigung eines Traums. Aber sie wollen weiter... sie haben Unrecht damit.

  Nach dem Abitur habe ich zweimal als Werkstudent mehrere Wochen in der Maggi gearbeitet, davon einmal 6 Wochen in der Nachtschicht, um mir ein kleines Zubrot für Reisen etc. zu verdienen. Diese Zeit hat mein Denken und meine Einstellungen nachhaltig geprägt. Die Fronarbeit am Fließband, die Eintönigkeit der Abläufe, die kurzen Pausen, die Überwachung des (verbotenen) Rauchens auf den Toiletten, die allgegenwärtige Disziplinierung, die Lohnabzüge wegen diesem und jenem, haben mich gewaltig gestört. Dabei hatten wir Werkstudenten viele Freiheiten. Verstießen wir gegen Vorschriften, wurde meist wohlwollend darüber hinweg gesehen. Selbst die wenig beliebten Vorarbeiter legten sich selten mit uns an. (Der Vater eines meiner Freunde war Personalchef der Maggi.) Welch´ wichtige Rolle die Gewerkschaften spielen, ging mir damals auf. Die Gewerkschaftvertreter hatten ein großes Verantwortungsbewusstsein, sowohl gegenüber den Arbeitern als auch gegenüber dem Werk. Aus der Interessenlage der Arbeiterschaft sahen sich die Dinge ganz anders an, als was ich zuhause gehört oder auf andere Weise mitbekommen hatte.

Neigungen und Interessen

  Das kulturelle Angebot in Singen war in den 1950er Jahren recht überschaubar. Es gab zwei Kinos, in dem einen gastierte einige Male im Jahr eine Theatertruppe mäßiger Qualität. Meine Eltern besuchten diese Aufführungen meiner Erinnerung nach selten. Musikdarbietungen fanden hin und wieder in der Aula des Gymnasiums statt. Auch ich musste meine Fertigkeiten auf dem Klavier einmal dort zum Besten geben. Sie waren sehr bescheiden und mein Klavierunterricht wurde bald danach als hoffnungslos aufgegeben. Dem Schulchor konnte ich entgehen, meine Stimme wurde beim Vorsingen als zu schlecht befunden. Das war auch meine Absicht, denn der Chor musste in der letzten Schulstunde oder nachmittags antreten - für diese Stunden meinte ich, andere und bessere Pläne zu haben. Einige Vorträge, ebenfalls in der Aula des Gymnasiums, sind mir vage in Erinnerung. Der Chefdolmetscher von Adolf Hitler berichtete einmal über seine Erfahrungen, darunter Skurriles und wohl auch Amüsantes, denn es wurde gelacht.

   In Singen hatten wir Anfang der 1950er Jahre noch eine Jugendbücherei in der Freiheitsstraße, neben der altkatholischen Kirche. Sie war nicht besonders gut bestückt, aber immerhin. Außerdem konnten wir Lesestoff bei der Amerikanischen Bücherei entleihen, die ein- oder zweimal wöchentlich mit einem Bus in Singen haltmachte. Die Diskrepanz zwischen dem, was in beiden Büchereien angeboten wurde, war mir sogar als Kind aufgefallen. In der Jugendbücherei gab es überwiegend noch Bücher, in denen die NS-Herrschaft völlig unkritisch dargestellt und unterschwellig Propaganda gemacht wurde. Wahrscheinlich waren die schlimmsten Auswüchse ausgemistet worden, aber eben nicht alles: So ließen kluge deutsche Geheimagenten englische und US-Spione in die Falle laufen und überführten sie mit Geschick und überlegener Technik; auf der anderen Seite gab es NS- oder SS-Schurken, die ihrer gerechten Strafe oder Vernichtung nicht entgingen. Helden wurden zu Verbrechern und umgekehrt, je nachdem, ob man Bücher aus der Jugendbücherei oder der Amerikanischen Bücherei in die Hand nahm. Einen richtigen Reim konnte ich mir damals nicht darauf machen - aber die Erinnerung blieb mir.

  Anfang der 1950er Jahr fanden in Singen noch die legendären Kunstausstellungen in der Ekkehardschule mit Malern statt, die am Bodensee während des Krieges Zuflucht gesucht hatten und zum Teil auf der benachbarten Höri wohnten: u. a. Otto Dix, Erich Heckel, Ferdinand Macketanz, Fritz Mühlenweg. Sie erhielten in Singen kurz nach 1945 erste Ausstellungsmöglichkeiten. Man kommt aus dem Staunen nicht heraus, wenn man die alten Kataloge durchblättert. Die Qualität dieser Ausstellungen konnte allerdings nur wenige Jahre gehalten werden, die Ausstellungen in Singen waren für die Künstler nur ein zeitweiser Notbehelf, bis sie an anderen Orten geeignetere Ausstellungsmöglichkeiten bekamen. In Zürich, das nur eine knappe Autostunde entfernt ist, besuchten wir öfters sehr gute Kunstausstellungen: Picasso, Matisse, van Gogh, Impressionisten etc. Einen frühen Zugang zur Bildenden Kunst verdanke ich wohl der Liaison meiner Mutter mit dem Schweizer Bildhauer und den damit einhergehenden Atelierbesuchen. Einige Bilder und Plastiken haben meine Eltern selbst erworben, leider ohne Sammlerehrgeiz. Die Bilder von Otto Dix waren zu dieser Zeit noch recht günstig zu erwerben, heute wären sie ein Vermögen wert.

  In der Schule haben wir natürlich Autoren gelesen: Lessing, Goethe, Schiller; im Französisch-Unterricht haben wir monatelang "Eugenie Grandet" von Balzac übersetzt. Aber das ging, wie vieles in der Schule, an mir vorüber. Doch ich habe selber - meinen eigenen Interessen folgend - gelesen, phasenweise sehr intensiv. Gottfried Benn hat bei mir sofort eingeschlagen, viele seiner Gedichte habe ich abseits der Schule auswendig gelernt. Zu meinem Lesestoff gehörten Belletristik, vor allem die alten Texte: die Odyssee, die Ilias, Biographien, Historisches, insbesondere Kriegsgeschichte (dazu später). Die griechische Geschichte hatte es mir besonders angetan. Ich träumte mich in diese Welt geradezu hinein. Themistokles und der Kampf der Athener gegen die Perser, der Peloponnesische Krieg, Alexander der Große, das bewegte meine Fantasie. Freiwillig habe ich Altgriechisch (als vierte Sprache) gelernt, der Unterricht fand um 7:00 morgens vor dem regulären Schulbeginn oder nach der letzten Stunde während der Mittagszeit statt.

  Das war nicht unbemerkt geblieben, denn ein Lehrer, genannt der "rote Eckert" (wegen seiner roten Haare, nicht wegen einer linken Gesinnung), schenkte mir ein antiquarisches Buch über die griechische Geschichte (das ich noch heute aufbewahre). Meine Liebe für die antike Welt muss so auffällig gewesen sein, dass mir bei einer Umfrage nach späteren Berufswünschen suggeriert wurde, ich müsste Archäologie studieren. Da ich selbst unbestimmt blieb, bzw. keinen Berufswunsch äußerte, hat man das wohl aufgeschrieben. Im mündlichen Abitur wollte man mir im Fach Geschichte einen triumphalen Abgang gönnen und forderte mich auf, einige berühmte Archäologen zu nennen. Außer Schliemann, dem Ausgräber von Troja, fiel mir keiner ein... Aber ich wollte ja auch kein Archäologe werden, das hatte ich trotz bleibendem Interesse nie ernsthaft in Erwägung gezogen. Eine gewisse Liebe zu diesem Fach aber blieb mir.