10. Kapitel

Herbert Wehner

  Ich war nicht der Einzige, der an Herbert Wehner litt, beileibe nicht. Unzählige Leichen säumen seinen Weg - bildhaft gesprochen. Es gab Abgeordnete, die schon nach dem ersten Gespräch mit ihm jedes weitere Fortkommen vergessen konnten. Sie merkten es nur nicht immer gleich, langjährige Beobachter schon. Er setzte die Ausgrenzung und politische Vernichtung gezielt als Machtinstrument ein, ebenso wie seine Wutanfälle. Das hatte er bereits in den 1920er und 1930er Jahren in der Kommunistischen Partei (KPD) gelernt. Aber die SPD als Ganzes profitierte davon. Mit eiserner Hand führte er sie 1966 in die Große Koalition und hielt sie bis 1982 an der Macht. Ob das jemand anderem gelungen wäre, steht dahin. Abweichler in der Fraktion und Partei überzog er mit Strafaktionen, irgendwann gaben sie auf und verschwanden von der politischen Bühne.

  Es gibt offene Fragen zu Wehner: dazu gehören u. a. sein Überleben im Hotel Lux in Moskau während der Säuberungen Stalins, als viele der emigrierten deutschen Kommunisten dem Terror Stalins zum Opfer fielen und ermordet wurden. Oder sein Wandel vom linientreuen Spitzenkommunisten zum Sozialdemokraten nach dem Krieg. Manche haben ihn deswegen unter Generalverdacht gestellt. Zu diesen gehöre ich nicht. Aber es stellt sich die Frage, warum er Karl Wienand gegen alle Widerstände bis 1974 gehalten und auch nach dessen Sturz weiter unterstützt hat? Die erste Antwort lautet, dass Karl Wienand in der Tat ein hervorragender Parlamentarischer Geschäftsführer war, vielleicht - sieht man von seinen Affären ab - der beste, den SPD je hatte: Ein phänomenales Gedächtnis, die dem Kölner Kungeln nah verwandte Naturbegabung zum Strippenziehen und eine grenzenlose Skrupellosigkeit zeichneten ihn ebenso aus wie seine Vorliebe, im Schatten zu agieren.

  Wehner mag in Wienand auch so etwas wie einen Ziehsohn gesehen haben. Wienands Vater, in den 1930er Jahren wie Wehner Kommunist, war von den Nazis gequält und 1939 zu Tode gebracht worden. Vielleicht wollte Wehner etwas gut machen. Sicher hat Wehner zeitweise auch geglaubt, er könne "Wienand halten". Schließlich war es ihm gelungen, schon viele - einschließlich sich selbst - zu halten und gegen alle Widerstände nach "oben" durchzusetzen. Auch Solidarität mit jemandem, der einmal große Verdienste (vielleicht im Umfeld des Misstrauensvotums 1972?) erworben hatte, der nun in Not war, sollte man auch nicht unterschätzen. Sie kann unter Politikern weit tragen, obwohl der Parteifreund manchmal der schärfste Konkurrent ist. Möglicherweise haben alle diese Gründe eine Rolle gespielt, wir wissen es nicht. Selber erfahren habe ich die Bedeutung von Solidarität, als in den 1990er Jahren ein SPD-Bundestagsabgeordneter, den ich aus gemeinsamen SHB- und Juso-Zeiten kannte, wegen - vergleichsweise - Lappalien aus der SPD-Bundestagsfraktion ausgeschlossen und gemieden wurde. Ostentativ habe ich mich neben ihn gesetzt. Es war mir schlicht egal, was Dritte darüber dachten.

   Meine Unbefangenheit gegenüber Wehner habe ich rasch verloren. Nach meinem Einstieg in der SPD-Bundestagsfraktion war mir früh gesteckt worden, dass alle, die über Wehner den Einstieg in die Politik versucht hatten, gescheitert waren. Entweder waren sie, um ein Beispiel zu nennen, unfähig gewesen, etwas zu publizieren, weil sie nicht gut genug schreiben konnten. Oder im Gegenteil: sie publizierten zu viel. Wehner scheint auch Gerüchte begierig aufgesaugt und für bare Münze gehalten zu haben - was natürlich eine Einladung für Gerüchtemacher und Intriganten war. Ebenso hatte kaum eine Chance, wer sich nicht auf Anhieb "instrumentalisieren" ließ. Einer meiner Vorgänger soll Wehner sogar einmal den Vogel gezeigt haben - mit absehbaren Folgen. Sie verschwanden allesamt und man hörte nichts mehr von ihnen. Anfangs wollte ich das nicht glauben. Bald hatte ich aber das Gefühl, dass eine Art Magie zu wirken schien: wen Wehner anfasste, der verdorrte. Es war als versorgte sich Wehner aus dem ungelebten Leben anderer mit Frischzellen. (Klingt komisch, geb ich zu.) Wienand hat sich übrigens dunkel und verschleiert einmal in ähnlicher Weise über sein Verhältnis zu Wehner geäußert...

   Ein Zug Wehners sollte nicht unerwähnt bleiben, der wahrscheinlich überraschend ist. Hinter der öffentlichen, selbstsicheren, mitunter gewalttätig wirkenden Fassade muss Wehner manchmal in Abgründe der Angst geblickt haben. Die anfänglich von ihm geförderten jungen Leute, die dann alle scheiterten, müssen ihn beunruhigt haben. Wie mir glaubhaft berichtet wurde, fürchtete er sich davor, dass es einmal zu einer großen Katastrophe kommen würde, die auch ihn herunter reißen werde. Bei einer zufälligen späteren Begegnung im Bundeshaus, um 1974, wich er mir geradezu ängstlich aus. (Fürchtete er sich vor einer physischen Attacke? Das wäre mir freilich niemals in den Sinn gekommen.) Anderes Beispiel: Vor einer Reise nach Moskau überfiel ihn plötzlich panische Angst, er könne dort sofort verhaftet werden. Welch fürchterliche Erinnerungen muss er mit sich getragen haben. Die Moskauer Zeit lag immerhin mehr als ein Vierteljahrhundert zurück. Die Furcht vor "Enthüllungen" ehemaliger Kampfgefährten bzw. deren Angehörigen aus der Moskauer Zeit, die den Terror Stalins überlebt hatten, begleitete ihn bis zu seiner Umnachtung in der Alzheimer-Krankheit.

  Wehner überdauerte alles und alle: "Willy Brandt musste nach der Guillaume-Affäre am 6. Mai 1974 abtreten, Wehner hatte mitgeholfen, aber blieb im Amt. Als Karl Wienand, mit dessen Schicksal er sich doch so eng verbunden hatte: "Wenn er geht, gehe ich auch", wenige Monate später fiel, schien Wehner einen Augenblick beunruhigt, dass Helmut Schmidt, inzwischen Kanzler, ihn kippen könnte; aber Schmidt wollte nicht. Helmut Schmidts Beziehung zu Wienand war ebenfalls sehr eng, Wienand hatte stets zwischen Schmidt und Wehner vermittelt und gewissermaßen als Brücke gedient. In der SPD-Troika: Schmidt, Brandt und Wehner war es Wehner, der Brandt immer die Schuld zuschob, wenn etwas schief lief. Die Szenen in der SPD-Bundestagsfraktion, in denen Wehner grimmig auf den versteinerten Brandt zeigte, um ihn für alles Mögliche verantwortlich zu machen, sehe ich noch heute bildhaft vor mir. Auf die Fraktion und Wehner konnte sich Helmut Schmidt als Kanzler verlassen. Wehner wusste auch, dass er als ehemaliger Kommunist nicht selber Kanzler werden konnte und dass ihm ein zweiter Kanzlersturz nicht möglich war.

   Wehner ist und bleibt, trotz Wienand und allem Dunklen und Negativen, unbestritten einer der herausragenden Politiker der deutschen Sozialdemokratie. Mit Ausnahme Skandinaviens wurde er im Ausland, in den angelsächsischen Ländern, in Frankreich wenig geschätzt. Der Mann erschloss sich nicht entlang den allgemein üblichen Kategorien und Kriterien. Er war das Gegenteil eines glatten, stets lächelnden, verbindlichen Politikers heutigen Typs. Er bleibt ein Einzelfall, ein sperriger an die Oberfläche gespülter Findling aus den Urgründen deutscher Politik. In ihm kristallisieren sich die Irrungen und Wirrungen deutscher Politik des 20. Jahrhunderts, die Verwundungen, aber auch die geballte Aggressivität, etwas Barsches und Polterndes. Er war in seiner Art sehr deutsch. Irrational war er freilich nicht: unbeirrbar verfolgte er die deutschen Interessen, die er in seiner Sozialdemokratie als Repräsentantin der deutschen Arbeiterbewegung am besten verkörpert sah. Am ehesten haben das wahrscheinlich noch die Russen verstanden.

Ende der Durststrecke

  In der Politik lernt man oder geht unter. Irgendwann Ende der 1970er Jahre war mir klar geworden, dass ich an Wehner und seinem Geschäftsführer Jahn nicht vorbeikam. Ich musste mich arrangieren, freilich ohne in Sachen Wienand etwas zurückzunehmen. Geholfen hat mir meine Kandidatur für den Bundestag 1980 in Biberach/Oberschwaben, wo ich in einem sicheren CDU-Wahlkreis ohne tragfähige Absicherung auf der SPD-Landesliste, d. h. ohne Aussicht in den Bundestag gewählt zu werden, für die SPD Wahlkampf machte. Alex Möller, ehemaliger Bundesfinanzminister und "Ehrenvorsitzender" der baden-württembergischen SPD legte danach ein gutes Wort für mich ein. Für den "Spiegel" schrieb ich im Sommer 1981 einen Artikel über Herbert Wehner, in dem ich besonders auf seinen antifaschistischen Kampf und seine Zeit als Kommunist in Moskau abhob. Dafür hatte ich mich immer interessiert und machte in dem Essay auch keinen Hehl daraus (abgedruckt in: GvS, Autobiografie, 1. Aufl., 193). Das Dunkel um Wehner zu lüften, ist mir freilich mit diesem Artikel nicht gelungen. Vielleicht hat ihn Augstein deshalb nicht genommen. Aber eine Kopie hatte ich Herbert Wehner zugespielt.

  Wie auch immer: Gerhard Jahn unterstützte jetzt meinen Einstieg in das Auswärtige Amt (AA). Bis es soweit war, dauerte es von der ersten Kontaktaufnahme mit dem AA bis zum unterschriebenen Arbeitsvertrag freilich mehr als ein Jahr. Zu prüfen gab es dieses und jenes. Besonders hartleibig zeigte sich der Personaltrat des AA, der am liebsten überhaupt niemand übernehmen wollte. Vielleicht versteckten sich auch Außenminister Genscher und die AA-Personalabteilung hinter dem Personalrat. Schließlich wurde der Vertrag mit dem AA zunächst befristet abgeschlossen. Wäre die SPD nicht schon im Herbst 1982 durch eine schwarz-gelbe Koalition unter Helmut Kohl abgelöst worden, hätte wahrscheinlich schon damals die Übernahme ins AA in eine dauerhafte umgewandelt werden können.


  Ich hatte also die lange Durststrecke überstanden und dem Zorn Wehners getrotzt, ohne in Sachen Wienand auch nur ein Jota nachzugeben. Ob erste Auswirkungen der Alzheimer Krankheit Wehners schon 1981/1982 eine Rolle gespielt haben können, weiß ich nicht. Wehner war nicht irgendwer. In meinen Augen war das ein großer Sieg. Nach meiner Kenntnis können das nur ganz wenige von sich sagen. Eine Metapher kam mir mehrfach in den Sinn: Wenn Ernst Jünger als Soldat den Ersten Weltkrieg in "Stahlgewittern" überlebt hatte, dann hatte ich das "Stahlbad" Wehners überstanden. Eine übertriebene Metapher, gewiss, aber sie entsprach meinem gewachsenen Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein. (Die in den 1970er Jahren gebräuchliche Metapher war der "Eisschrank von Onkel Herbert" , in dem unliebsame Genossen dauerhaft verschwanden.) Mich sollte nichts mehr aus der Ruhe bringen oder gar umwerfen.



Fritz Mühlenweg, 1956


  Wie ich erfuhr, hat mein unveröffentlichter Artikel Wehner veranlasst, seine 1946/1947 verfassten Erinnerungen über seine Zeit als Kommunist, die bisher als "Graue Mappe" im Giftschrank gelegen hatten, unter dem Titel "Zeugnis" zu veröffentlichen. Ich erhielt ein Exemplar mit der persönlichen Widmung: "Guntram von Schenck, mit guten Wünschen und in Dankbarkeit, Herbert Wehner, 8.VI.82".