12. Kapitel


1976-1980: Unerträgliche Chefs


  Im Herbst 1976 ging die Legislaturperiode zu Ende. Ich hatte in der Hochschulpolitik geleistet, was unter den gegebenen Umständen möglich war. Nach der Neuwahl des Bundestages wollte ich zu neuen Ufern aufbrechen. Der knappe Wahlsieg von Helmut Schmidt und die zunehmende Verengung sozialdemokratischer Politik auf Themen wie die Rente, Sicherheitsfragen und ähnliches ließ allerdings wenig auf einen neuen Aufbruch hoffen. Zu erwarten war, dass Helmut Schmidt Zukunftsthemen noch weiter zurückdrängen würde. Von der SPD und der SPD-Bundestagsfraktion erhoffte und erwartete sich Helmut Schmidt keine politischen Impulse, sie sollten nur noch seinem Machterhalt dienen. Die SPD wurde zwar nicht zum Kanzlerwahlverein, aber litt (oder verkam) zu einer negativen Projektionsfläche für Schmidts Versuche, auf Kosten der Partei Popularität zu gewinnen. Er hielt das für Staatsmannskunst, verlor damit aber mittelfristig seine Basis und Regierungsmehrheit. Viele zogen sich in eine Art innere Opposition zurück. Es sah nicht gut aus.

  Noch ein Wort zu den Legislaturperioden. Sie sollten fortan den zeitlichen Rahmen meines beruflichen Werdeganges bestimmen. Schon die vorgezogene Bundestagswahl von 1972 hatte eine Zäsur gesetzt und mich im Vorfeld aus dem Schatten Karl Wienands "befördert". Das Kapitel Hochschulreform war mit der Legislaturperiode 1972-1976 für mich abgeschlossen. Jede Legislaturperiode eröffnete neue Möglichkeiten - oder auch nicht. Nach dem Wahlausgang wird alles neu sortiert. Man tat allerdings gut daran, schon vor den entscheidenden Bundestagswahlen die Weichen in die eine oder andere Richtung zu stellen. Niemand wird in der Politik "irgendwas" ohne eigenes energisches Zutun. Wer nicht drängt und/oder gottergeben abwartet, kommt nicht weit. Die Zwischenphase von der Auflösung des Bundestages bis zur Konstituierung des neuen Bundestages und seiner Gremien ist dafür die interessanteste und wichtigste Zeit. Das sei schon einmal vorab in ganz allgemeiner Form gesagt. Die Legislaturperiode ist das zeitliche Gerüst, das mögliche nächste Schritte vorstrukturiert. Das galt auch für mich.


Helmut Schmidt

   Vorbemerkung: Die folgenden Erinnerungen an Helmut Schmidt habe ich vor der Veröffentlichung Freunden gezeigt, die mich fragten, ob das wirklich sein muss? Es muss! Die Autobiografie wäre ohne sie in einem entscheidenden Punkt unvollständig.

  Ich will versuchen, meine Stimmungslage vor und im Wahlkampf 1976 für den neuen Bundestag wieder wach- und zurückzurufen. Helmut Schmidt war mir einige Male persönlich begegnet. Er war klein, zumindest einen Kopf kleiner als ich, der ich nur mittelgroß bin. Von der Eleganz und Ästhetik, die ihm später zugeschrieben wurde, war nun wirklich nichts zu sehen. Er wirkte stets mürrisch. Seine Reden fand ich eher mittelmäßig: bemerkenswert waren sie nur, wenn er mit seiner Schlagfertigkeit auftrumpfen oder schneidend Dritte verletzen konnte. Dann lief er zur Hochform auf. Den Spitznamen "Schmidt-Schnauze" hat er sich redlich verdient. Er duldete als Kanzler, anders als später Gerhard Schröder, keine politischen Persönlichkeiten neben sich, die ihm aus eigenem Standing Widerworte geben konnten. Fördern tat er aus dem jüngeren SPD-Nachwuchs nur Mittelmaß: Bildungsminister Björn Engholm, Verteidigungsminister Andreas von Bülow, Entwicklungsminister Rainer Offergeld etc... Der Ausblick auf eine Kanzlerschaft von Helmut Schmidt für weitere 4 Jahre hatte 1976 für mich nichts Verlockendes. Auch persönlich hatte ich davon nichts zu erwarten.

  Schmidt hatte Karl Wienand gestützt und es war erkennbar, dass er auch in Zukunft entgegen allen gerichtlich erhärteten Erkenntnissen dabei bleiben würde. Noch in den späten 1990er Jahren stellte sich Helmut Schmidt hinter Karl Wienand und verhinderte mit einem Gesuch an den damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog, dass Wienand eine Gefängnisstrafe wegen Spionage absitzen musste. Für mich war die Haltung Schmidts gleichbedeutend mit Korruption in höchsten SPD-Kreisen. Mit Karl Wienand hatte die SPD ihre Unschuld verloren und war für Korruption anfällig geworden. Korruption wurde zwar nicht hoffähig aber zur lässlichen Sünde, sobald es sich um jemanden handelte, der im engeren personellen Machtgeflecht der SPD eine Rolle spielte oder einfach zu viel wusste. Das lehnte ich entschieden ab und war entschlossen, das auch in Zukunft zu tun.

  Mir passte die ganze Richtung nicht, die Helmut Schmidt eingeschlagen hatte. Aus der Zeit der großen Hoffnungen unter Willy Brandt war die bleierne Zeit geworden. Das ließ sich bereits 1976 nach zwei Kanzlerjahren Schmidts an einigen Punkten festmachen. Die Bildungsreform war ausgebremst, um nicht zu sagen "abgewürgt" worden. Technokratische Gängelung, das Beharren auf Strukturen im Bildungswesen, die die verkrusteten Gesellschaftsstrukturen zementierten, der Radikalenerlass mit seiner Gesinnungsschnüffelei und allgegenwärtigen Einschüchterung, führten zu einer maßlosen Enttäuschung der Jugend. Eine ganze Generation fühlte sich abgeblockt, ein Teil sah sich um seine Zukunft betrogen. Die Folgen sind bekannt: die Ausbreitung radikaler Strömungen bis hin zum Terrorismus fand hier seinen Nährboden. Die Gründung der Partei "Die Grünen" war ebenso eine Folge - ein Aderlass für die SPD, von dem sie sich nie wieder erholen sollte.

  Rente statt Bildung, so kann man - grob gezeichnet - die innenpolitische Wende der Ära Schmidt beschreiben. Die Themen Bildung und Zukunftsinvestitionen wurden durch das Thema Renten ersetzt. Die SPD wurde zunehmend eine Renten- und Rentnerpartei. Die Interessen der Alten, die schon in Rente waren bzw. kurz davor standen, wurden in endlosen Debatten abgehandelt. Was den Alten zugute kam, wurde bei der Bildung und bei Zukunftsinvestitionen gespart. Wenn die SPD im 21. Jahrhundert wegen Überalterung geschlossen ins Altersheim übertreten kann, ist das ein Erbe Schmidts. Die Rentenfrage war eine bewusst herbeigeführte Angstdebatte: Viele Menschen begannen sich Sorgen um ihre Zukunft nach dem Berufsleben zu machen, obwohl ihr Renteneintritt erst in Jahrzehnten anstand. Dass die Renten vom Nachwachsen einer ausreichend großen jüngeren Generation und deren Ausbildung abhängt, wurde - abgesehen von einigen verbalen Schlenkern - unter Schmidt bewusst ausgeblendet.

  Nichts wurde infolgedessen unternommen, um dem erschreckenden Geburtenrückgang in den 1970er Jahren als Folge des sogenannten Pillenknicks rechtzeitig und tatkräftig entgegen zu wirken. In Frankreich wurden zur gleichen Zeit geeignete Maßnahmen ergriffen; deshalb hat Frankreich heute eine der höchsten Geburtenraten in Europa. Die Regierung Schmidt tat das Gegenteil: im Kanzleramt durfte sich ein hochrangiger Mitarbeiter, Albrecht Müller, austoben, um alle Ansätze eines Gegensteuerns zu vereiteln und im Keime zu ersticken. Anfang des 21. Jahrhunderts stehen wir in Deutschland deshalb vor einer demografischen Katastrophe. In einer Gesellschaft, die vertrauensvoll in die Zukunft blickt, kommen auch genug Kinder zur Welt. Das Zukunftsvertrauen war in der "bleiernen Zeit" des Helmut Schmidt abhanden gekommen.

  Angst, Zukunftsangst sind die bekannten und bewährten Mittel, mit denen Konservative und Reaktionäre in der Politik operieren, um sich Gehör zu verschaffen und ihre Interessen durchzusetzen. Schmidt bediente sich ausgiebig dieses Instruments. Überall sah er Gefahren: Zukunft der Rente, Terrorismus, Waldsterben... Und wo es sie nicht gab, wurden sie eben herbeigeredet, wie die sowjetische Bedrohung durch die sogenannten SS-20 Mittelstreckenraketen. (Schmidt war als Verteidigungsexperten natürlich nicht entgangen, dass J.F.K. Kennedy die US-Präsidentschaftswahlen 1960 gegen Nixon nicht zuletzt mithilfe einer bedrohlichen Raketenlücke gewonnen hatte, die Kennedys Mitstreiter im Wahlkampf überraschend aus dem Hut zauberten). Gefahren lauerten überall, die die Bundesrepublik und ihre satte Gesellschaft bedrohten. Der Rückfall in alte Denkschablonen wurde allfällig im Wahlkampf 1976, den Schmidt unter das Motto "Modell Deutschland" stellte. Die Welt sollte - wieder mal - "am deutschen Wesen genesen". Der Rechtsruck war nicht zu übersehen.

  Stichwort Deutschland: In der Frage der deutschen Teilung und Wiedervereinigung sagte Helmut Schmidt im Juli 1982, noch als Bundeskanzler: Die Deutschen hätten sich damit abgefunden, "dass sie in diesem Jahrhundert nicht möglich sei", sie sei "um Lichtjahre entfernt, also völlig unrealistisch" (Akten zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland, Hrsg. im Auftrag des Auswärtigen Amtes, Bearbeitet von M. Ploetz..., München 2013; auch FAZ vom 2. April 2013, S. 8). Sieben Jahre später fiel die Berliner Mauer und die deutsche Einheit wurde Realität. Soviel zur Voraus- und Weitsicht des Staatsmanns und Staatenlenkers Schmidt.

  Neben den Kanzlern Adenauer, Brandt und Kohl ist Schmidts Rolle in der deutschen Geschichte unbedeutend, auch Gerhard Schröder hat ihn mit der Agenda 2010 übertroffen und im Rückblick Verdienstvolleres geleistet. Die gekonnte Selbstinszenierung Schmidts, auch als Weltökonom, ist an sich noch kein Verdienst. Das zeigt nicht zuletzt der zeitgenössische Spott, mit dem Schmidt als "größter Ökonom aller Zeiten" (Grökoz) überzogen wurde - in Anspielung auf den "größten Feldherrn aller Zeiten" (Gröfaz), dem Schmidt bis Kriegsende 1945 als Wehrmachtsoffizier gedient hatte. Natürlich gilt der Satz: "De mortuis nil nisi bene" (nur Gutes über die Toten). Aber die Nachrufe der deutschen Mainstream-Medien sind nach dem Tod von Schmidt darüber hinaus geschossen und zeigen eine auffällige Neigung zum Personenkult.


Bundestagswahl 1976

  Am Wahlkampf 1976 habe ich mich nur mit spitzen Fingern beteiligt. Über Wochen meldete ich mich krank. Die freie Zeit nutzte ich zur Skizzierung eines Buches mit dem Titel: "Modell Deutschland: Verrat an der Zukunft". Das war die Stimmung, mit der ich dem Wahltag 1976 entgegen sah. Vom Ausgang erwartete ich nichts, weder für das Land im Sinne meiner politischen Vorstellungen noch für mich persönlich. Beim Versuch, mich zu erinnern, wie ich den Wahlschein ausfüllte, scheitere ich an einer Erinnerungsblockade, glaube aber ausschließen zu können, dass ich (indirekt) Schmidt wählte. Ich wähnte mich seinerzeit isoliert und verhielt mich nach außen konform und loyal. Es muss aber vielen in der SPD wie mir gegangen sein, wie sich spätestens nach Schmidts Abgang 1982 herausstellen sollte. Die Kritik von Oskar Lafontaine, dass man mit Schmidts Sekundärtugenden "Pflichtgefühl, Berechenbarkeit, Machbarkeit" auch ein "KZ betreiben" könne, sagt alles. Auch der "Hass", mit dem die Irseer Programmkommission der SPD 1986/1987 gegen Schmidt polemisierte, spricht Bände (dazu unten...Kapitel 13 - Parteiprogramme).

   So wurde die Wahlkampfzeit 1976 für mich zu einer dunklen Stunde in beruflicher, psychischer und menschlicher Hinsicht. Ich sah nur noch schwarz. War es eine psychologische Erschöpfung, die durch eine vom Beruf geforderte Konformität nach außen und innerem Aufruhr verursacht wurde? Da half es auch nichts, dass ich im Vorfeld Reisen in ferne Länder unternahm, um mich abzulenken und aufzuheitern. So nach Ostafrika (Kenia, Tansania), nach Südamerika (Peru, Bolivien) und immer wieder ans Mittelmeer und nach Frankreich. Mit Sport versuchte ich die Frustrationen zu überwinden: Reiten, Tiefseetauchen, Extremskifahren (z.B. die Haute Route von Chamonix nach Zermatt) - es brachte nicht viel. Erfolgreiche Publikationen gaben mir natürlich Auftrieb, aber immer nur für kurze Zeit. Auch wegen der von Wehner und Wienand verhängten Blockade war ein vernünftiger Absprung von der SPD-Bundestagsfraktion unter diesen Bedingungen unmöglich. Nirgendwo gab es Ansatzpunkte. Ich konnte nur versuchen zu überwintern und für bessere Zeiten Punkte zu sammeln.


Ostafrika nach erfolgreicher Angeltour 1974

  Beim Angeln braucht man - wie in der Politik - Geduld, einen langen Atem und Ausdauer für die letzte Kraftanstrengung, bis man den Fisch endgültig an Bord hat. Ich nahm mir vor, nicht noch einmal in ein solches politisches und psychisches Loch zu fallen, wie im Herbst 1976. Das gelang mir - mit jeder neuen Legislaturperiode besser.


Horst Ehmke

  Nach der Wahl wechselte ich in das Büro von Horst Ehmke. Damit konnte ich der ungeliebten Bildungspolitik Lebewohl sagen und mich in erster Linie der Außenpolitik widmen. Horst Ehmke war als Stellvertretender Fraktionsvorsitzender für die Außenpolitik zuständig, so dass ich meinen Interessen in der Außenpolitik nunmehr offen nachgehen konnte. Ehmke, ehemaliger Professor an der Universität Freiburg, dann Justizminister und unter Kanzler Willy Brandt Chef des Bundeskanzleramtes und Minister für besondere Aufgaben, schließlich bis 1974 Bundesminister für Forschung und Technologie sowie für das Post- und Fernmeldewesen, war kein einfacher Chef. Ihm wurde äußerste Brutalität im Umgang mit Mitarbeitern nachgesagt. Der Legende nach soll er 1969 als neu ernannter Kanzleramtsminister mit dem Maschinengewehr durch die Flure des Kanzleramtes gelaufen sein - nur wenige sollen das Gemetzel überlebt haben (bildhaft gesprochen).

  Er war daran gewohnt, ganze Ministerien bzw. das Kanzleramt zu dirigieren. 1977 hatte er zunächst nur noch mich. Ich erinnere mich an Arbeitsbesprechungen, wo er - mit den Armen hierhin und dorthin fuchtelnd - mir vielerlei Aufträge gab, die ich vielleicht als Leiter eines Ministerbüros mithilfe eines großen Apparats, niemals aber als Einzelperson ausführen oder abarbeiten konnte. Mit der Zeit gab sich das. Es ging bei ihm weniger um inhaltliche Fragen: ständig musste ich mich meiner Haut erwehren und einen Freiraum erkämpfen. Er ging immer bis zur Außenkante Ellenbogen, um seine Interessen, oder was er dafür hielt, durchzusetzen. Das praktizierte er auch gegenüber Bundestagsabgeordneten, mitunter in offener Sitzung und in manchmal äußerst verletzender Weise. Dominieren und andere demütigen, das war Ehmkes Art. Hans-Jürgen Wischnewski wurde dann vorgeschickt, um ihn - ebenfalls öffentlich - zurecht zu weisen.

  Seine norddeutsche, nassforsche Art - er war in Danzig geboren und aufgewachsen - harmonierte nicht richtig mit meiner süddeutschen, badischen Natur. So besann ich mich auf Verhaltensweisen, die er für "schwäbisch" hielt: ich ließ ihn auflaufen, leistete hinhaltenden Widerstand, gab immer Contra und riskierte Kräche. (Dazu hatte mir auch Ehmkes zweite Frau, die Tschechin Maria geraten.) Schwaben hatte Ehmke als Abgeordneter in Stuttgart kennen gelernt, wo er verdrängt worden war, um dann als Bundestagsabgeordneter in Bonn Zuflucht zu suchen. Einmal meinte er, er habe zwar "lange Zeit unter Schwaben gelebt und vieles erlebt, aber so etwas wie mich noch nicht". Natürlich musste ich viel für ihn schreiben, darunter auch größere und längere Texte. Es war Auftragsschreiberei, zu der er mir inhaltliche Vorgaben machte. Das hasste ich mehr als alles auf der Welt. Als ich mit dem Ansinnen an ihn herantrat, auch die Honorare für meine Texte unter dem Pseudonym Ehmke einstreichen zu wollen, war er wenig begeistert...

   Das war nur eine der vielen Konfliktlinien, die ich mit Ehmke hatte. Er war, das muss ich zu seinen Gunsten sagen, nicht nachtragend. Eine gewisse Großzügigkeit ging ihm nicht ab. Wahrscheinlich war er einfach gewohnt, dass ihm Mitarbeiter auf Geheiß und ohne Knirschen im Getriebe zuarbeiteten und sich problemlos instrumentalisieren ließen. Das klappte mit mir nicht. Gute Texte konnte ich nur schreiben, wenn sie meine Meinung zum Ausdruck brachten - dann flossen die Formulierungen wie von selbst. Die Unterschiede zu seinen Auftragsarbeiten müssen ihm aufgefallen sein. Ich fuhr fort, meine eigene Meinung zu publizieren. Ich verhielt mich formal immer korrekt, sagte und zeigte ihm immer vorher, was ich vorhatte. Meist hielt er es für schlecht geschrieben und/oder taktisch wenig klug - wahrscheinlich oft zu recht. Allerdings war Ehmke selbst kein guter Schreiber und ein Großmeister gelungener Taktik auch nicht.

  Horst Ehmke war 1977 und in den Folgejahren in einer schwachen Position. Mit Helmut Schmidt hatte er sich als Kanzleramtsminister dauerhaft überworfen. Auch dem Fraktionschef Wehner, der 1976 wieder gewählt worden war, war Ehmke negativ aufgestoßen, weil er aus Sicht Wehners mit von Bundeskanzler Willy Brandt abgeleiteter Autorität anmaßend und arrogant aufgetreten war. Die Fraktionsmehrheit der Kanalarbeiter hatte ihn nur mit knapper Stimmenzahl gewählt, da er als Sprecher des linken Fraktionsflügels kandidierte. Das war für viele überraschend gewesen, denn im Kanzleramt und als Minister war er nicht gerade mit linken Positionen aufgefallen. Ehmke war z. B. einer der Erfinder des sogenannten Radikalenerlasses. Als ihn später in seinem Bonner Wahlkreis Jungsozialisten aufforderten, sich für Opfer des Radikalenerlasses einzusetzen, reichte er die Fälle an mich weiter - was mich auf die Palme brachte. Ehmke nannte seine neue Position Mitte-Links. Nicht alle wollten ihm dahin folgen und hatten ihm gegenüber Vorbehalte.

  Ehmke legte sich nach dem Motto "Viel Feind, viel Ehr" schnell mit allen an. Das ist in der Politik nicht außergewöhnlich oder unter allen Umständen schädlich, solange man klare Positionen vertritt und in Personalbeziehungen loyal bleibt. Letzteres war Ehmkes schwacher Punkt. Es war erschütternd zu beobachten, wie er um kleiner und kleinster Vorteile willen jede Loyalität ohne Zögern über Bord warf. Er konnte dann nicht anders, wie er einmal bekannte. Niemand war vor seinen Rochaden und Rotationen sicher. Politiker vergessen das nicht. Ehmke verlor das Vertrauen, ohne das es auch in der Politik nicht geht. Trotz allen seinen intellektuellen und politischen Fähigkeiten stolperte er immer wieder über sich selbst. Das Gegenbeispiel ist Hans-Jürgen Wischnewski, dem das Kunststück gelang, sowohl mit Helmut Schmidt als mit Willy Brandt durch alle Fährnisse hindurch ein ausgezeichnetes Vertrauensverhältnis zu bewahren - eben durch Loyalität und Konstanz.

  Letztlich gab mir Ehmke lange Leine. Ich kandidierte nebenher für den Bundestag, war oft "aushäusig" und vertrat außenpolitisch mitunter Meinungen, die sich mit seinen keineswegs deckten. Von Nachteil war für mich, dass Ehmke als Stuttgarter Abgeordneter aus dem SPD-Landesverband nach Bonn vertrieben worden war und mir in Baden-Württemberg für die Absicherung meiner Kandidatur in Biberach/Oberschwaben auf der SPD-Landesliste nicht mehr behilflich sein konnte - wenn er es denn gewollt hätte. Ehmkes Name wirkte in Baden-Württemberg geradezu kontraproduktiv. Dort hatte sich der pietistische und asketische Erhard Eppler gegen den sinnenfrohen Horst Ehmke durchgesetzt. Einer anekdotischen Überlieferung zufolge sollen Empfänge des SPD-Landesverbandes Baden-Württemberg entscheidend zum Bruch zwischen Ehmke und Eppler geführt haben: für Eppler gab es Brezeln mit Butter, für Ehmke Brezeln ohne Butter (oder war es umgekehrt?).

  Als ich 1985 aus dem Auswärtigen Amt und Damaskus wieder in die Bundestagsfraktion zurückkehrte, war Horst Ehmke immer noch Stellvertretender Fraktionsvorsitzender und als solcher zuständig für Außenpolitik. Mir blieb in der neuen Funktion als Arbeitskreisreferent für Außenpolitik nichts anderes übrig, als mich erneut mit ihm zu arrangieren. Helmut Schmidt war zwar 1985 nicht mehr Bundeskanzler und Herbert Wehner nicht mehr Chef der SPD-Fraktion. Dafür hatte es sich Ehmke gründlich mit Hans-Jochen Vogel verdorben, der den Fraktionsvorsitz übernommen hatte und bald auch SPD-Parteivorsitzender wurde. Ich hatte also reichlich Zeit, meine Abneigung gegen Ehmke zu pflegen und in allen Verästelungen auszubauen. Von einer kurzen Anfangsphase abgesehen, hatte ich mit ihm eigentlich nie ein gutes persönliches Verhältnis. Von Vorteil war, dass er mich mit der Zeit mehr und mehr respektierte, wobei ich mir natürlich bewusst war, dass er mir jederzeit enorm schaden konnte.

  Distanz und Auflehnung kennzeichnen im ersten Jahrzehnt meiner Berufstätigkeit das Verhältnis zu den Chefs, denen ich in der Politik eigentlich zuarbeiten sollte: war es in Hochschulpolitik der Mediziner und Obmann Rolf Meinecke, in der Außenpolitik später der Allround-Minister und Professor der Rechte, Horst Ehmke, im übergeordneten Sinne Kanzler Helmut Schmidt. Ich akzeptierte keine Autorität und hatte immer meinen eigenen Kopf. War dieses Verhalten die Folge des fortwirkenden, totalen Vertrauensverlustes wegen Karl Wienand oder war ich von der Persönlichkeitsstruktur her einfach nicht der Typ des Mitarbeiters? Oder war es die Freude am Widerspruch? Steckte in mir doch etwas von einem "Aufrührer"? Wahrscheinlich wirkte alles zusammen. Wie auch immer: ich setzte alles daran, mir schnell einen Freiraum zu erkämpfen, was manchmal schneller ging, manchmal länger dauerte. Ich war mehr an der Sache interessiert, als am Wohlwollen von Personen. Die SPD des Sigmar Gabriel hat einige Jahre vor seinem Tod (2015) mit dem greisen, 90-jährigen Helmut Schmidt emotional ihren Frieden gemacht - ich nicht.


Bundestagswahl 1980

  Im Wahlkreis Biberach/Wangen war ich 1980 für die SPD als Bundestagskandidat aufgestellt worden. Die ganz überwiegende Zahl der SPD-Bundestagsabgeordneten aus Baden-Württemberg wurden über die Landesliste in den Bundesag gewählt. Es lag natürlich nicht nur an Ehmke, dass ich auf einem der hinteren, wenig aussichtsreichen Listenplätze der SPD platziert wurde. Die guten Listenplätze waren rar. Ich konnte nur zum Teil an meine aktive Zeit im SPD-Landesverband aus der Jungsozialistenzeit anknüpfen, sie lag zwei Legislaturperioden zurück. Der eine oder andere "Parteifreund" aus der JUSO-Zeit nahm mich wohl auch als Konkurrenz wahr, die es im Auge zu behalten und ggfs. auszubremsen galt. Wie in der Bundestagsfraktion konnte ich nicht - auch nicht andeutungsweise - über mein entscheidendes Motiv sprechen, warum ich mich wieder in Baden-Württemberg engagierte: nämlich die Sperre von Wehner und Wienand zu umgehen. Unter den gegebenen Umständen wäre das gewiss nicht gut angekommen. Es galt 1980 den CDU/CSU-Kanzler-Kandidaten, Franz-Josef Strauß, als Kanzler zu verhindern. Das ging nur mit Helmut Schmidt, er war das kleinere Übel.

  Im Wahlkreis Biberach/Wangen führte ich in Oberschwaben einen engagierten Wahlkampf. Der Wahlkreis war fest in der Hand der CDU. Es hieß damals, die CDU könnte einen Besenstiel aufstellen, er würde gewählt. Die CDU hatte allerdings mit Graf Waldburg-Zeil einen guten Kandidaten. Wir lagen uns nicht wirklich in den Haaren. Die Regionalpresse kommentierte unseren Wahlkampf mit dem Satz: "Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus". Meine Doktorarbeit: "Reims in merowingischer Zeit: Stadt, Civitas, Bistum" war für mich dieses Mal von Vorteil. Ich schickte sie dem Bischof von Rottenburg-Stuttgart, Georg Moser, der mir eine eigene Schrift mit "besten Segenswünschen" zurückgab. Ich wurde im streng katholischen, ländlichen Oberschwaben niemals persönlich angegriffen, obwohl zu dieser Zeit u. a. die harzige Frage des Schwangerschaftsabbruchs für sehr böses Blut zwischen der Kirche und SPD sorgte.
  
  Wer es nicht selbst gemacht hat, glaubt nicht, wie anstrengend so ein Wahlkampf als Kandidat sein kann. Ich musste einen Raum von Riedlingen an der Donau im Norden über Biberach/Riss, Bad Waldsee, Leutkirch bis Isny und Wangen im Allgäu im Süden abdecken, von Nord nach Süd eine Strecke von rund 120 km. Das bedeutete über viele Wochen nur 4-5 Stunden Schlaf, manchmal noch weniger. Fahren musste ich meist selber, auch die Artikel für die Presse schrieb ich überwiegend selbst (sie wurden fast ausnahmslos in der Schwäbischen Zeitung abgedruckt). Aber ich lernte Land und Leute kennen - und lieben. Gern denke ich an diese Zeit zurück, ungern allerdings an die Ausgaben, die ich aus eigener, privater Schatulle finanzieren musste. Ich habe es nie ausgerechnet... Augen zu und durch. Am Wahlabend war ich so erschöpft, dass ich eine gute Woche brauchte, um halbwegs wieder zu einem Normalzustand zurückzufinden.

  Während des Wahlkampfs habe ich von Riedlingen einen Abstecher zu Ernst Jünger in Wilflingen gemacht und mir sein berühmtes Buch In Stahlgewittern signieren lassen. Ich weiß nicht, was er für eine Vorstellung von einem Sozialdemokraten hatte, nehme aber an, dass ich dieser Vorstellung nicht ganz entsprach. Ich hatte schon immer Freude an abweichenden Meinungen und hielt bei geeigneten Gesprächspartnern damit auch nicht zurück. In Biberach stieß ich auf den ehemaligen Biberacher Reichstagsabgeordneten und Zentrumspolitiker Matthias Erzberger, der im August 1921 von Rechtsradikalen ermordet worden war. Er hatte für Deutschland den Waffenstillstand vom 11. November 1918 unterzeichnet, der die die Kampfhandlungen des Ersten Weltkriegs beendete. Als Reichsfinanzminister hatte er 1919/1920 eine grundlegende Finanzreform durchgesetzt. Um 1980 war er fast in Vergessenheit geraten, die CDU als Erbin des Zentrums hatte ihn nicht mehr im Blick. Deshalb würdigte ich ihn an seinem Grab in Biberach mit einem Gedenken, zu dem ich auch die BürgerInnen von Biberach eingeladen und aufgerufen habe. Als ich dann 2007 im Ruhestand trat, knüpften Freunde in Biberach daran an und luden mich zu Vorträgen über Erzberger ein - eine Einladung, der ich gerne nachkam.

  Noch eine Erinnerung, da sie eine Überleitung zu meiner nächsten beruflichen Station im Auswärtigen Amt (AA) an der Botschaft Damaskus ist: Jupp Darchinger, der bekannte Fotograf, dem die Bonner Republik zahlreiche Porträts prominenter Persönlichkeiten verdankt, war von der SPD engagiert worden, um die Fotos der SPD-Kandidaten für die Wahlplakate des Bundestagswahlkampfs 1980 zu machen. Also kam auch ich zu dieser Ehre. Während des Termins machte er mehrere Fotos und wir wechselten dabei ein paar Worte. Er meinte u. a. , was ich denn im Wahlkampf mache, ich würde besser ins Auswärtige Amt passen. Wie kam er dazu? Das Thema meines Wechsels ins AA stand zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht an. Hatte er durch seine vielen Porträtstudien einen Blick für besondere Veranlagungen erworben? Oder eine Typologie entwickelt: Politiker, Diplomaten, Manager? Gute Porträtkunst setzt - wie man von Malern weiß - Menschenkenntnis voraus.


Wahlkampf-Flyer 1980