13. Kapitel


Publikationen


  Als Zeichen des Selbstbehauptungswillens publizierte ich. Daneben ließ es sich nicht vermeiden, auch für Dritte zu schreiben: Abgeordnete, Mitglieder des Fraktionsvorstands oder der Regierung. Ich war eine Art "Ghostwriter". Das Schreiben für andere, d. h. unter fremdem Namen, gewissermaßen unter Pseudonym, ließ eine eigene Meinung oft nur begrenzt oder gar nicht zu. Irgendwann fühlte ich mich missbraucht und lieferte - in vorsichtiger Dosierung - hin und wieder Mangelware ab. Die Redakteure der "Bild-Zeitung" standen mir als Negativbeispiele vor Augen: ein Auftragsschreiberling wollte ich nicht werden.

  Das eigene Publizieren ist in der Politik im Grunde genommen nicht unüblich, aber exzessives Publizieren ist doch weniger gern gesehen. Es ist auch ein Zeichen der Schwäche. Wer viel publiziert, hat es nötig: Er hat sonst keine ausreichende Gelegenheit, sich einzubringen, mitzumachen, mitzugestalten. In späteren Jahren, nach Überwindung der Durststrecke brauchte ich das nicht mehr. Wenn dann hie und da besserwisserische Artikel auftauchten, dachte ich: Ja, ja, schreib du nur...! Bedeutung hatte das keine. Aber in den 1970er Jahren wollte ich mich nicht zum Schweigen bringen lassen. Danach habe ich mich nur noch punktuell zu einigen Fragen publizistisch geäußert.

  Erst im Ruhestand, 30 - 40 Jahre später, habe ich das Schreiben und Publizieren wieder aufgenommen, nunmehr frei von Karrierezwängen und mit wiederbelebter Freude am Widerspruch zum politischen Mainstream und zur sogenannten "politischen Korrektheit". Es überrascht, wie viele Fragestellungen sich seit den 1970er Jahren nur unwesentlich verschoben haben, ja sogar zum Teil noch identisch sind. Die Kontinuitätsfrage bleibt, trotz aller Brüche, biografisch und politisch immer interessant. So ist einiges von dem, was ich in den Durstjahren der 1970er publizierte, - über die Dokumentation als Zeitzeugnis hinaus - doch und wieder lesenswert.

Parteien

  Die CDU/CSU war nach der Wahl 1972 tief gefallen. Sie hatte den Status der stärksten Partei verloren. Konnte sie bis zum Herbst 1972 hoffen, dass der Machtverlust nur eine Episode blieb, so war die Bundestagswahl 1972 eine Zäsur: Der Machtverlust war dauerhaft, die Frage, wann dieser Zustand überwunden werden könnte, völlig offen. In einem Artikel für die "Gesellschaftlichen Kommentare", die der CDU/CSU nahe standen, versuchte ich im Juli 1973 einen Beitrag zur Klärung zu leisten (GvS, Schriften II, 52). Mein Interesse an der CDU/CSU war staatspolitisch begründet; denn eine Gesellschaft, die vom Wettstreit der Parteien lebt, nimmt Schaden, wenn eine der großen Parteien eine passive, "rückwärtsgewandte" Politik einnimmt. Ich empfahl den Christdemokraten in einem "weit ausholenden Vorgriff ein Zukunftsbild unserer Gesellschaft und unseres Staates zu erarbeiten und politisch zu vertreten". Dazu nannte ich einige Problemfelder wie "Tradition" und "Priorität Europas". Dass ich mir über die Zukunft der Unionsparteien Gedanken machte, sorgte bei einigen Sozialdemokraten für Irritationen.

  In der sozial-liberalen Regierungskoalition hatten 1969 Liberale und Sozialdemokraten ein Bündnis geschlossen, das keineswegs selbstverständlich war. Seit Gründung der Bundesrepublik waren die Liberalen von 1949 bis 1966 eng mit der anderen "bürgerlichen" Partei, der CDU/CSU liiert gewesen, nach 1982 wieder. Ein Teil der FDP war 1966 - 1969 zu den Konservativen übergelaufen. Es ging darum, die sozial-liberale Koalition über den Tag hinaus und fernab von tagespolitischen, taktischen Erwägungen stärker zu fundieren. In einem Aufsatz für die "Neue Gesellschaft", einer Monatszeitschrift, die der SPD nahe stand, begründete ich im Mai 1973 diesen Anspruch historisch und ideologisch (GvS, Schriften II, 56). Zusammengefasst ging es darum, das Streben nach Einheit und Freiheit Deutschlands, das in der Revolution 1848 gescheitert war, wieder aufzunehmen und zum Erfolg zu führen. Die Liberalen hatten sich unter Bismarck von diesen Zielen abgewandt, was mit ursächlich für deutsche Fehlentwicklungen wurde. Die sozial-liberale Koalition war deshalb historische Chance und Verpflichtung zugleich.

Sozialistische Partei Frankreichs

  Die Verbindung zu Frankreich hatte ich nie abreißen lassen und verfolgte die Entwicklung im Nachbarland aufmerksam. Das Schicksal der französischen Sozialisten, der Schwesterpartei der SPD, lag mir natürlich besonders am Herzen. So veröffentlichte ich in der "Zeitschrift für Politik", dem Organ der Hochschule für Politik München, 1978 einen Aufsatz über die "Sozialistische Partei Frankreichs" (Parti Socialiste), die nach einer längeren Zeit des Niedergangs unter Führung von Francois Mitterrand vor dem Wiederaufstieg stand (GvS, Schriften II, 20). Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist die Aktualität verblüffend. Wieder sehen sich die französischen Sozialisten Fragmentierungen und Auflösungserscheinungen gegenüber, der Zusammenhalt ist trotz oder gerade wegen der Regierungsbeteiligung gefährdet. Die Uneinigkeit lähmt die innerparteiliche Willensbildung und die Regierungsführung.

  Für die SPD mag interessant sein, wie sich die französischen Sozialisten mit den Kommunisten, der Parti Communiste (PC), auseinander gesetzt haben, die der PS von links viele Jahre das Wasser abgegraben hatten. In der "Union der Linken", der "Union de la Gauche" verbündeten sich die Sozialisten und Kommunisten und konnten 1980 die langjährige Vorherrschaft der Gaullisten und bürgerlichen Parteien brechen. Eine Frage, vor der die SPD heute steht, ist - wenn nicht die gleiche - aber doch eine ähnliche: geht die SPD eine Koalition mit der Partei "Die Linke" ein, und wenn ja, unter welchen Bedingungen? Mitterrand war es nach 1980 gelungen, die Kommunisten in der "Union der Linken" zurückzudrängen und zu marginalisieren. Kopieren kann man das Verfahren Mitterrand freilich nicht, das geht meistens schief.

Europäische Sozialdemokratie

   Die Sozialdemokratie hatte sich nicht nur in Deutschland und Frankreich zu bewähren, sondern auch in Europa. Die Direktwahlen zum Europäischen Parlament 1979 veranlassten mich, die Positionen der Sozialdemokratischen und Sozialistischen Parteien in einem Überblick darzustellen. In der Beilage "Aus Politik und Zeitgeschichte" zur Wochenzeitung "Das Parlament", die von der Bundeszentrale für Politische Bildung in einer Auflage von rund 100 000 herausgegeben wurde, stellte ich diese Parteien vor, analysierte ihre Unterschiede und Gemeinsamkeiten vor der Direktwahl (GvS, Schriften II, 33). In der gleichen Beilage wurden die "Europäische Volkspartei" und die "Föderation der Europäischen Liberalen Demokraten" von anderen Autoren beschrieben. Die Sozialistischen und Sozialdemokratischen Parteien waren die ersten gewesen, die in der damaligen Europäischen Gemeinschaft (EG), der Vorläuferin der Europäischen Union (EU), zusammen gearbeitet hatten. In der Sozialistischen Internationale hatten sie schon seit vielen Jahrzehnten eine Zusammenarbeit erprobt, die über Europa hinausging. Nun konnten sie auf diesen Erfahrungen aufbauen.

  Wie selbstverständlich übernahmen Sozialdemokraten und Sozialisten eine Motorrolle in Europa. Differenzen untereinander gab es gleichwohl im Hinblick auf das Verhältnis der Europäischen Gemeinschaft (EG) zu den Vereinigten Staaten. Auch das Thema mediterraner oder nordischer Sozialismus spielte Ende der 1970er Jahre schon eine Rolle, es sollte mit der Einführung des Euro wieder virulent werden. Das Thema Zusammenarbeit mit Kommunisten hat sich seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion erledigt, das Thema USA ist mit "altem" und "neuem" Europa während des Irak-Krieges 2003 wieder aufgebrochen. Die Direktwahlen zum Europaparlament übten und üben weiterhin einen heilsamen Druck zur Annäherung und Vereinheitlichung divergierender Meinungen aus.

Parteiprogramme

  1987 habe ich mich ein letztes Mal mit einer Publikation parteipolitisch geäußert. Die SPD war nach dem Machtverlust 1982 in den ersten Jahren der Regierung Kohl tief abgestürzt. Es wollte einfach nicht gelingen, die Partei, die von wiederkehrenden Krisen geschüttelt war, zu stabilisieren. Parteivorsitzende und Kanzlerkandidaten lösten sich in kurzen Abständen ab. Nur in der SPD-Bundestagsfraktion gelang es Hans-Jochen Vogel, straffe Korsettstangen einzuziehen und die Abgeordneten durch harte Oppositionsarbeit von der Misere abzulenken. In solchen Situationen wird meist versucht, durch eine Programmdiskussion eine neue Balance, ein neues Gleichgewicht zu finden. So auch in der SPD. Eine von der Partei eingesetzte Programmkommission legte schließlich den sogenannten Irseer Programmentwurf vor.

  Ich bekam den Auftrag, den Entwurf zu erläutern, zu begründen, ja im Sinne der Autoren wohl zu einer Art Diamant zu schleifen. Die vorbereitenden Papiere des Programmentwurfs hatte ich von Zeit zu Zeit flüchtig und mit Stirnrunzeln gelesen. Der Programmentwurf bestätigte alle meine Befürchtungen. Was ich las war einfach Mist und schlecht. Da hatten sich die Genossen, die von Helmut Schmidt zurück- und abgedrängt worden waren (u.a. Erhard Eppler), zusammengetan, um Rache zu üben. Die Ära Bundeskanzler Helmut Schmidt sollte mit dem neuen Programm schlicht getilgt, ausgelöscht werden. Da wurde nicht nur gegen die Atompolitik und den NATO-Doppelbeschluss heftig zu Feld gezogen, was vertretbar war (ich war ja auch dieser Meinung gewesen). Sogar die Sitzblockade 1982 vor der Kaserne Mutlangen, wo die Mittelstreckenwaffen stationiert werden sollten, wurde als Programmteil explizit positiv gewürdigt - für ein Parteiprogramm völlig fehl am Platz!

  Nun hatte Helmut Schmidt sicherlich Fehler gemacht, auch mir war er dauernd aufgestoßen. Das Abbrechen des Dialogs mit der jungen Generation und die Entstehung der Partei "Die Grünen" hat er zum großen Teil zu verantworten. Etwas anderes war die pauschale Verdammung seiner Amtszeit in einem SPD-Parteiprogramm. Wie sollte die SPD vor der Öffentlichkeit, vor den Wählern jemals wieder auf einen grünen Zweig kommen, wenn sie den von ihr gestellten Kanzler im eigenen Parteiprogramm in Grund und Boden verdammte? Immerhin hatte Schmidt die Republik acht Jahre lang regiert, in den Augen der Bundesdeutschen nicht ohne Erfolg - wenn auch nicht in den Augen vieler Sozialdemokraten, mich eingeschlossen. Rachegelüste, Ressentiments haben in der Politik nichts verloren, sie führen mit Sicherheit in die Irre - oder eben zum Irseer Programmentwurf.

  Ich verwarf den Entwurf ohne Wenn und Aber, der ganze Ansatz stimmte nicht. Mein Vermerk zu dem Programmentwurf zirkulierte in den Führungsgremien, eine knappe Woche hörte ich nichts. Wahrscheinlich haben sich andere ähnlich geäußert. Der Entwurf wurde zurückgezogen. Ich bekam neue Order, meine Einwände zu publizieren, diesmal unter eigenem Namen. Das habe ich getan unter dem Titel (der nicht von mir stammt): "Die richtigen Einsichten - aber nicht die Kraft sie durchzusetzen? Anmerkungen zum Irseer Programmentwurf" (GvS, Schriften II, 15). Die Redaktion der Zeitschrift kürzte noch und strich insbesondere die Polemik. Ein Vierteljahrhundert später sollte die SPD nicht den gleichen Fehler wiederholen und Gerhard Schröders Agenda 2010 verdammen. Die Hartz-Reformen waren richtig. Das Land hat enorm davon profitiert.

Terrorismus

   Der Terrorismus war in den 1970er Jahren sicher das schwierigste innenpolitische Problem, dem sich die Bundesrepublik konfrontiert sah. Die Studentenbewegung hatte sich ab 1969/1970 in verschiedene Strömungen und Gruppierungen aufgefächert, die sich heftig und unversöhnlich bekämpften. Die Gruppe um Bader, Meinhof und Ensslin ging früh zu Gewaltakten über, von denen sie sich eine grundlegende Änderung der Verhältnisse in Deutschland erhoffte. So illusionär diese Vorstellung auch war, sie sahen darin einen selbstgegebenen Auftrag, für den sie nicht zögerten, das Leben Unschuldiger zu opfern und ihr eigenes Leben einzusetzen.

  Über das Stuttgarter Rechtsanwaltbüro Croissant war z. B. Jörg Lang in die Sympathisantenszene geraten und wurde bald als Terrorist gesucht. Ich war ihm in Stuttgart und Tübingen als Sprecher der baden-württembergischen Gerichtsreferendare begegnet, eine Funktion, die ich gemeinsam mit ihm ausübte. Spätestens auf dem Höhepunkt der Terroranschläge 1977/1978 wurde klar, dass der Terrorismus nicht durch polizeiliche Mittel und strafrechtliche Maßnahmen allein besiegt werden konnte, sondern dass eine intensive und gesellschaftlich in die Breite gehende geistig-politische Auseinandersetzung nötig war, um den Terrorismus auszutrocknen.

  Für die Spitzen der SPD-Bundestagsfraktion - die SPD stellte damals die stärkste Regierungspartei - schrieb ich Vermerke, die die Bedeutung der geistig-politischen Auseinandersetzung hervorhoben. Gleichzeitig zeigte ich eine mögliche Argumentationskette auf, die ich dann teilweise in einer Publikation in der Neuen Rundschau: "Terrorismus als deutsches Phänomen?" 1978 wieder aufnahm (GvS, Schriften I, 101). Wichtig waren mir zwei Punkte. Der eine betraf die ideologische Ausgangslage der Studentenbewegung von 1969/1970, die heute vielleicht etwas haarspalterisch erscheint, es damals aber nicht war.

  In der Studentenbewegung gab es eine Trennlinie zwischen denen, die auf die Arbeiterschaft als "revolutionäres Subjekt" setzten, und denen, die die Arbeiterbewegung als revolutionäres Subjekt abgeschrieben hatten. Letztere erhoben andere gesellschaftliche Kräfte zum "revolutionären Subjekt", die das erforderliche Bewusstsein hätten, wie z. B. die Studenten. Erstere fanden bald den Weg in die SPD oder landeten bei den orthodoxen Kommunisten. Terroristische Gewalt war dort nur in der Abgrenzung zu intellektuellen Marktschreiern und deren Aktionen ein Thema.

  Anders die selbsternannten revolutionären Studenten. Aus ihnen rekrutierten sich verschiedenste Gruppen und eben auch die Terroristen. Sie stiegen - in der damaligen Sprache - aus dem von Karl Marx vorformulierten notwendigen geschichtlichen Prozess aus. Dort musste man also u. a. ansetzen und den Terroristen, die sich als marxistische Revolutionäre verstanden, das eigene marxistische Lied vorsingen, um sie zurückzuholen. Das allein reichte natürlich nicht aus, zumal die Ideologie bei den Terroristen der 2. und 3. Generation mehr und mehr an Bedeutung verlor.

  Der zweite Punkt ist die Beobachtung, dass sich der Terrorismus in den 1970er Jahren vor allem in Italien, Japan und Deutschland entwickelte, den Ländern, die den Krieg verloren hatten. In Deutschland und Italien hatten Faschisten regiert, in Japan eine autoritäre kaiserliche Regierung. In den angelsächsischen Ländern spielte der Terrorismus als Folge der Studentenrevolte keine Rolle, in Frankreich nur eine marginale. Was ließ sich daraus ableiten, welche Möglichkeiten der Argumentation ergaben sich daraus? Mit dem Vorsitzenden der CDU/CSU-Fraktion, Alfred Dregger, hatte ich hierzu einen interessanten Briefwechsel. Auch er sah hier Verbindungslinien, für Historiker heute sicher eine interessante Frage.

  Mein Essay wurde in den vom Presse- und Informationsamt der Bundesregierung herausgegebenen "Themen der Zeit" 1978 nachgedruckt (GvS, Schriften I, 101).

  Das Thema Terrorismus war für mich nach der "bleiernen Zeit" im Deutschland der 1970er Jahre nicht abgeschlossen. In Kairo, wo ich 1992-1994 drei Jahre als Vertreter der Friedrich-Ebert-Stiftung tätig war, holte mich das Thema wieder ein. Islamistische Fundamentalisten machten in Ägypten Jagd auf Ausländer, Touristen wurden attackiert und getötet. Ein Bombenattentat wurde auf die Bank verübt, bei der ich mein privates Konto und das der Niederlassung der Friedrich-Ebert-Stiftung führte. Eine Warnung war hinterlassen worden, dass alle Ausländer Ägypten sofort verlassen sollten, wenn sie nicht ihr Leben riskieren wollten. Eine Zeitlang bestand die Befürchtung, die Entwicklung könnte wie in Algerien verlaufen, wo von 1992-1998 bürgerkriegsähnliche Zustände zwischen der Regierung und radikalen Islamisten herrschten.

  Ich kam in Kairo in Kontakt mit Verantwortlichen der ägyptischen Terrorabwehr, deren Arbeit sehr erfolgreich war. Der Druck, den sie auf die Terroristen ausübten, zwang diese zum Ausweichen ins Ausland, darunter künftige Al-Qaida-Kader. Die Warnung, dass diese schon Anfang der 1990er Jahre in Westeuropa und den USA neue Terrorzellen aufbauten, gab ich weiter. Mit Ägyptens höchstem Richter, Al-Ashmawy, der auf der Hitliste der Terroristen an oberster Stelle stand, unternahm ich 1993 eine Informationsreise nach Deutschland. Wir führten u. a. einschlägige Gespräche im Bonner Innenministerium. Man hörte uns geduldig zu; ob damals schon Konsequenzen gezogen wurden, entzieht sich meiner Kenntnis.

  1994 veröffentlichte ich aufgrund meiner Erfahrungen in Kairo einen Artikel unter dem Titel: "Die Angst des Westens vor dem Islam" (Titel stammt nicht von mir), in dem ich vor dieser Terrorgefahr gewarnt habe (GvS, Schriften I, 158). Am 11. September 2001 ist diese Warnung mit dem Angriff auf das World Trade Center in New York auf schreckliche Weise Realität geworden.

Wirtschaft

  Mit Wirtschaftsfragen befasste ich mich nur am Rande. Zwar konnte meine Aufsatz "Leistung durch Demokratisierung" von 1972 (GvS, Schriften II, 128) durchaus auch auf die Wirtschaft bezogen werden, doch war er in seiner grundsätzlichen Ausrichtung zu abstrakt. Eine schwere Wirtschaftskrise hatte 1973 nach dem Ölpreisschock als Folge des Jom-Kippur-Krieges die Bundesrepublik erfasst. Die Arbeitslosenzahlen wuchsen, während gleichzeitig die Inflation anstieg. In der Gewerkschaftlichen Monatsheften veröffentlichte ich 1975 einen Aufsatz zum Thema "Wirtschaftsdemokratie", in dem ich meine Vorstellungen zu einer Wirtschaftsordnung konkretisierte, die den Interessen der Menschen dient (GvS, Schriften, II, 119). Die Frage nach den Regeln einer Wirtschaft, die im Dienst der Interessen der Menschen steht, und nicht zu deren Auslieferung an entfesselte Finanz- und Wirtschaftsinteressen degeneriert, ist durch die Finanzkrise 2008/2009 wieder hochaktuell geworden. Die Probleme haben sich von der Realwirtschaft auf die Finanzwirtschaft verschoben.

  Es geht damals wie heute nicht um "Systemüberwindung", sondern um Regelungen, die den Menschen aus der Lage des hilflosen Opfers befreien und zum Nutznießer der Wirtschaft machen. Die Wirtschaft ist keine Naturgewalt, die über den Menschen hereinbricht, sie ist Menschenwerk und kann nicht nur, sie muss entsprechend geordnet und reguliert werden. 1975 habe ich ein Bündel von Maßnahmen vorgeschlagen, die von der Investitionslenkung, der Mitbestimmung, der Überführung einzelner Produktionsmittel in Gemeineigentum bis zur Vermögensbildung in Arbeitnehmerhand reichen. In der Bündelung dieser Maßnahmen, nicht in Einzelregelungen, sah ich die Möglichkeit, den Menschen wieder zum Herren des Wirtschaftsgeschehens werden zu lassen. Heute müsste das Konzept weiter entwickelt und neuen Gegebenheiten angepasst werden. Nationalstaatliche Regelungen reichen nicht mehr aus, die Lösungen müssen auf europäischer und internationaler Ebene gefunden werden.

  Der Aufsatz wurde seinerzeit von der Zeitschrift "Junge Kirche" nachgedruckt (GvS, Schriften I, 119).

Philosophie

  Die Philosophie hatte mich schon früh in ihren Bann gezogen. Besonders in Tübingen hatte mich Ernst Bloch tief beeindruckt. Mit der Wucht eines alttestamentlichen Propheten hatte er das "Prinzip Hoffnung" aufgerichtet und in einem dreibändigen Werk niedergelegt, das eine Initialzündung bei mir auslöste. 1975 war mir das "Marxistisch-leninistische Wörterbuch der Philosophie" in die Hände gefallen, das in der DDR neu herausgegeben worden war. Unter dem Titel "Philosophie als Funktion der DDR-Politik" kommentierte ich im Deutschland-Archiv einige Stichwörter (GvS, Schriften I, 390). Die Philosophie hatte in den kommunistischen Ländern eine systemkonstituierende Bedeutung. Jede Abweichung von der offiziellen Linie bedrohte das gesamte Gebäude von Staat und Gesellschaft. Philosophie war im Ostblock Staatsaffäre, die Philosophie war operativ ein Instrument des politischen Kampfes. Dem "Prager Frühling", verschiedenen "Konvergenztheorien" oder "Alternativen zum real existierenden Sozialismus" wurden in dem Philosophischen Wörterbuch klare Absagen erteilt. "Marxist ist nur, wer die Anerkennung des Klassenkampfes auf die Anerkennung der Diktatur des Proletariats erstreckt" - so das Wörterbuch. Natürlich fielen die häufige Bezugnahme zur Sowjetunion und den "vorbildlichen Beschlüssen der KPdSU" auf. Heute ist das nur noch für Historiker interessant. Mitte der 1970er Jahre, mitten im Kalten Krieg, hatte das Wörterbuch und meine Kommentare jedoch unmittelbaren politischen Bezug.

  Im Anschluss an eine Diskussion über das Verhältnis von Wissenschaft und Politik, Politikberatung und politischer Praxis war ich 1977 aufgefordert worden, für einen Sammelband einen Beitrag über die Figur des "Königsphilosophen" Platons zu liefern. Das Problem der Einheit von Theorie und Praxis hatte mich schon immer fasziniert. Der griechische Philosoph Platon hatte es dadurch gelöst, dass er den Philosophen, der das Wissen seiner Zeit in sich aufgenommen hatte, zum Herrscher einsetzen wollte. Nur ein Weiser sollte König werden und Herrscher sollten philosophisch ausgebildet sein. Platon schwebte eine Personalunion vor. Wie man aus der Geschichte weiß, ist Platon mit dieser Idee persönlich grandios gescheitert. Nur durch Flucht entging er in Sizilien der Versklavung, als er im 4. Jahrhundert v. Chr. Dionys, den Tyrannen von Syrakus, auf diesen Weg führen wollte. Als moderne Vision der Idee Platons habe ich dafür plädiert, dass möglichst viele ausgewiesene Wissenschaftler in der Politik eine führende Rolle spielen sollten. Die eindrucksvolle Zahl von Professoren in führenden Positionen z. B. in der SPD, eingebunden in die Fortschrittsidee des demokratischen Sozialismus, schien mir eine gute Voraussetzung zu sein (GvS, Schriften I, 378).

Geschichte

  Die Geschichtswissenschaft hatte ich in jenen Jahren nicht völlig ad acta gelegt. Das Mittelmeer, das ich als Jugendlicher vielfach durchstreift hatte, fesselte mein Interesse. Der griechisch-türkische Konflikt belastete das NATO-Bündnis immens, insbesondere nach der Besetzung eines Teils von Zypern durch die Türkei 1974. Daraufhin hatte Griechenland seine Streitkräfte dem NATO-Oberkommando entzogen, die Türkei schloss mehrere US-Stützpunkte und Beobachtungsstationen. Die Grenze zwischen beiden Ländern war gesperrt. Orient und Okzident, griechische Christen und türkische Muslime, trafen aufeinander, ein Spannungsverhältnis, das über den aktuellen Konflikt hinaus ging. In der Zeitschrift "Geschichte in Wissenschaft und Unterricht" habe ich 1977 unter dem Titel: Der griechisch-türkische Konflikt" die Historie des konfliktbeladenen Beziehungen aufgearbeitet (GvS, Schriften I, 337). Sie beginnen mit der entscheidenden Niederlage der Byzantiner gegen Turkstämme in der Schlacht von Malazgirt 1071, setzen sich fort mit der Eroberung Konstantinopels 1453 durch Sultan Mehmed II, dem griechischen Befreiungskrieg zu Beginn des 19. Jahrhunderts und dem griechisch-türkischen Krieg nach dem Ersten Weltkrieg bis zum Ausgleich zwischen Venizelos und Atatürk 1923. Den Abschluss bildete die aktuelle Lage des Streits um Zypern, um den Festlandsockel in der Ägäis und die Remilitarisierung der ägäischen Inseln.