14. KAPITEL

Außenpolitik/Deutschlandpolitik

Mittelmeerraum

  Der Außenpolitik galt schon in den frühen 1970er Jahren mein wachsendes Interesse. Ich musste mich damals tagaus, tagein mit linken Studenten, visionären Bildungspolitikern und den sogenannten Kanalarbeitern, der Traditionstruppe der SPD in der Bundestagsfraktion herumschlagen. Das war unbefriedigend, ich begann, unter Hand andere Betätigungsfelder zu suchen.

  In der Außenpolitik konnte ich zumindest gedanklich in die weite Welt ausschweifen. 1974 war mir aufgefallen, wie prekär die Lages des westlichen Bündnisses im nördlichen Mittelmeerraum war. Der griechisch-türkische Konflikt destabilisierte das Bündnis im Osten, Jugoslawien zeigte erste Risse, die von einer offensiven Moskauer Politik ausgenutzt werden konnten, in Italien gewannen die Kommunisten der KPI ständig an Einfluss, die italienischen Christdemokraten zeigten Abnutzungserscheinungen und Schwäche, in Spanien war nach dem Tod des Diktators Franco ein unblutiger Übergang zu einem demokratischen Staatswesen ungewiss und in Portugal hatte nach dem Sturz der Militärdiktatur und der Liquidation des kolonialen Erbes eine Entwicklung mit vielen Imponderabilien eingesetzt. Ich fasste diese Beobachtungen in einem Aufsatz für die Zeitschrift "Außenpolitik" (Herausgeber u. a. Walter Scheel, Carlo Schmid, Helmut Schmidt und Richard von Weizsäcker) unter dem Titel: "Westeuropa und das nördliche Mittelmeer" zusammen, der im Frühjahr 1975 auf Deutsch und Englisch erschien (GvS, Schriften I, 183).

  Als Lösung schlug ich eine eigenständige europäische Politik im Mittelmeerraum vor. Hier ein Zitat aus dem Aufsatz: "Dem Verhältnis der EG zu den USA in diesem Raum kommt deshalb besondere Bedeutung zu. Der Möglichkeiten für Missverständnisse sind viele. Wer sich an den letzten Nahostkrieg und die Vorwürfe Kissingers an die Adresse der Europäer erinnert, als diese eine eigene Stellungnahme formulierten, wird mit einiger Skepsis in die Zukunft blicken. Dennoch wird es darauf ankommen, die Führung der USA zu überzeugen, dass der Freiheit der westlichen Welt langfristig mehr gedient ist, wenn die Europäer in diesem Raum ihre eigene Politik betreiben, auch wenn dies kurzfristigen Interessen der USA zuwiderzulaufen scheint. Das wird gerade im Hinblick auf die Ölinteressen im Nahen Osten nicht einfach sein, doch gebieten der Selbsterhaltungswille Europas und die gemeinsamen Grundlagen der westlichen Welt, diesen Ausgleich mit den USA zu suchen und zu erreichen". Diese Sätze würde ich heute - mutatis mutandis - wieder schreiben. Die Interessen Europas und der USA sind im Mittelmeerraum unterschiedlich, aber nicht gegensätzlich. Um den Ausgleich muss stets neu gerungen werden, nur gemeinsam sind die Herausforderungen der Zukunft zu bestehen.

Eurokommunismus

  Eine weitere Aktivität, von der die Bildungspolitiker nichts wussten, war meine Mitarbeit in einer 1975 im SPD-Parteivorstand ins Leben gerufenen kleinen Arbeitsgruppe zum Thema "Eurokommunismus". Ich war aufgrund meiner o. g. Publikation in der Zeitschrift "Außenpolitik" in diese Gruppe berufen worden. Unter dem Vorsitz von Horst Ehmke sollte sie sich mit dem sogenannten Eurokommunismus befassen. Wir sollten die Entwicklung in den europäischen kommunistischen Parteien beobachten und, wenn möglich, in unserem Sinne beeinflussen. Das war hochinteressant, insbesondere die Entwicklung der KPI in Italien, die sich zumindest nach außen hin den Anschein einer Sozialdemokratisierung gab. Die KPI hatte seit dem Einmarsch der Roten Armee in Prag 1968 die Fixierung auf Moskau gelöst. Den regierenden italienischen Christdemokraten hatten sie einen "historischen Kompromiss" angeboten. Unsere Gesprächskontakte wurden nach und nach intensiver. Allerdings störte uns die mangelnde innere Demokratisierung der KPI. Die Organisationsstruktur blieb noch lange Zeit die einer kommunistischen Partei.

  Schwerpunktmäßig kümmerte ich mich um die KP Frankreichs, die sich allerdings sehr viel weniger bewegte als die Italiener, mithin auch weniger interessant war. Die bereits erwähnte Studie über die Sozialistische Partei Frankreichs (PS), die sich in der "Union der Linken" (Union de la Gauche) mit den Kommunisten verband, um gemeinsam die langjährige konservative Vorherrschaft der Gaullisten zu brechen, war ein Nebenprodukt (GvS, Schriften II, 20). Mitte der 1970er Jahre war keineswegs gesichert, dass sich die PS unter Führung von Mitterrand in der "Union der Linken" durchsetzen würde. Auch das Gegenteil hätte der Fall sein können, da die KP Frankreichs wesentlich besser organisiert und in der Wählerschaft stärker verankert war als die PS. Gleichzeitig verfolgten wir die Entwicklung der kommunistischen Partei in Jugoslawien, aber auch die der Ostblockstaaten. Die Kluft, die sich zwischen offizieller Rhetorik und persönlichen Einschätzungen einzelner, auch führender Mitglieder auftat, mit denen wir Kontakt hatten, war bald nicht mehr zu übersehen. Als Vorboten der Implosion von 1989 und den Folgejahren konnten wir diese Anzeichen Mitte der 1970er Jahre allerdings noch nicht deuten.

Lateinamerika

  1975 hatte ich eine Reise nach Lateinamerika (Peru und Bolivien) unternommen, die mich u. a. nach Cuzco, Machu Picchu und an den Titicacasee führte. Hauptteil des Programms war eine Trekking-Tour durch die Cordillera Vilcanota mit Bergbesteigungen (bis 6000 m). Die Zeitungslektüre vor Ort hatte mich angeregt, die politische Situation von Peru zu analysieren. Das Ergebnis war ein Aufsatz über "Die peruanische Revolution", die ich in der Zeitschrift "Dokumente" veröffentlichte (GvS, Schriften I, 176). Peru war insofern interessant, als sich dort linke Militärs 1968 an die Macht geputscht hatten. Während unseres Aufenthalts hatte Francisco Bermudez Ende August 1975 General Velasco mit einem Staatsstreich abgelöst. Sein "Pronunciamento" (Regierungserklärung) konnte er vor der Konferenz der Blockfreien, die zu diesem Zeitpunkt in Lima tagte, vortragen, was ihm eine ungewöhnlich, weltweite Publizität gab.

  Nach dem Sturz von Allende in Chile 1973 war Peru nach Kuba das politisch am weitetesten links stehende Land Lateinamerikas. Der peruanische Weg war eine "Revolution von oben", die die jahrhundertalten Probleme Perus zu lösen versprach: Bruch der Abhängigkeit von den USA, Enteignung der rund 45 Familien, die sich einen großen Teil des Grundbesitzes in Peru teilten, Verstaatlichung der Medien etc. Woran es der "Revolution von oben" bis 1975 mangelte, war die Unterstützung aus dem Volk. Die von der linken Militärregierung angestrebten Veränderungen setzten das Mitwirken der Massen voraus. Es war 1975 nicht abzusehen, ob die Militärregierung auf Dauer Erfolg haben würde. Heute wissen wir, dass das nicht der Fall war.

USA

  Das Verhältnis zu den USA war für jede Bundesregierung seit der Gründung der Bundesrepublik 1949 von entscheidender Bedeutung. Allerdings war das Verhältnis von Helmut Schmidt zu Präsident Carter nicht besonders gut. Carters Nachfolger, Ronald Reagan, stieß als ehemaliger Schauspieler in Europa, auch in Deutschland, auf Vorbehalte. Für die deutsche Politik ging es darum, das Verhältnis zu den USA unabhängig von Persönlichkeiten und deren Beziehungen wetterfest zu machen. Der Bundestag veranstaltete Anfang der 1980er Jahre eine Anhörung (Hearing), die das Verhältnis zu den USA analysieren und Vorschläge zur Verbesserung und dauerhaften Stabilisierung erbringen sollte. Besonderes Augenmerk galt dem Generationswechsel in den USA und Deutschland, da viele Persönlichkeiten, engagierte und bewährte Stützen des transatlantischen Verhältnisses, dem Ende ihrer Karriere entgegen sahen bzw. dieses schon erreicht hatten.
  
  Eine Idee, die zwar schon einige Male artikuliert aber nie in die Tat umgesetzt worden war, war ein besseres Sich-Kennen-Lernen der Mitarbeiterstäbe der Parlamente beider Nationen. In den USA spielen die Mitarbeiter der Senatoren und der Abgeordneten des Repräsentantenhauses eine wichtige Rolle. Das gleiche gilt dort für die Stäbe der Fraktionen und der Ausschüsse. Sie leisten wertvolle, unersetzliche Arbeit unterhalb der Ebene der Parlamentarier selbst. Ähnliches gilt im Deutschen Bundestag für die Mitarbeiter aller Fraktionen (Fraktionsassistenten), die vielfach in hohe und höchste Positionen des Regierungsapparats aufsteigen, sowie des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages. Sie sollten mit den KollegenInnen der jeweils anderen Seite zusammen gebracht werden, um sich persönlich und die Arbeitsweise ihres Gegenübers kennen zu lernen. Ich bemächtigte mich - wenn ich so sagen darf - des Themas.

   Nach intensiver Vorbereitung mit Vertretern der Bonner US-Botschaft beantragte und erhielt ich einen "Grant" des German Marshall Fund of the United States in Höhe von einigen tausend Dollar und machte mich daran, einen praktikablen Vorschlag für die Durchführung eines Austauschs zu entwickeln. Der German Marshall Fund of the United States ist eine unabhängige Stiftung der Bundesrepublik Deutschland in Erinnerung an die Marshall-Hilfe nach dem 2. Weltkrieg, die nicht unerheblich zum schnellen Wiederaufbau der deutschen Wirtschaft beigetragen hatte. Der Grant reichte für eine mehrwöchige Reise nach Washington D.C., wo ich in beiden Häusern des Kongresses und im State Departement im März 1982 in vielen Gesprächen die Bereitschaft, Modalitäten und vor allem die Finanzierung des Projekts erkundete. Nach Rückkehr legte ich in Bonn ein Konzept vor, dessen Finanzierungsteil der schwierigste war.

  Aber es klappte: der sogenannte "Staffer-Austausch" kam in Gang und besteht bis heute. Jährlich werden Mitarbeiter ("staffer") beider Parlamente für einige Monate jeweils nach Washington und (heute) Berlin entsandt. Sie lernen den Parlamentsbetrieb bei uns und in den USA sowie seine Besonderheiten kennen und haben Gelegenheit, persönliche Kontakte zu knüpfen. Auf beiden Seiten wird dieser Austausch hoch geschätzt und intensiv genutzt. Nach Abschluss meiner Gespräche in Washington hatte ich Gelegenheit, Vorträge mit anschließender Diskussion an mehreren Universitäten der Ostküste zu halten. Der offene, tolerante Umgang selbst mit strittigsten Fragen an diesen Universitäten war für mich eine wertvolle Erfahrung. Am meisten interessierten Fragen der Abrüstung und Rüstungskontrolle im Ost-West-Verhältnis, die in den USA seinerzeit völlig anders als in Deutschland beantwortet wurden. Argumenten gegenüber fand ich ein vollkommen offenes, vorurteilsfreies aber sehr interessiertes Publikum vor.

NATO-Doppelbeschluss

  Der Dezember 1979 markiert mit dem sogenannten Nachrüstungsbeschluss der NATO oder NATO-Doppelbeschluss (12.12. 1979) und dem Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan (26.12.1979) eine Zäsur. Der Streit um die Nachrüstung überschattete ebenso wie die sowjetische Besetzung Afghanistans die Ost-West Beziehungen. Es ging jetzt darum, vom Entspannungsprozess so viel wie möglich zu retten. Der Streit und die Verhandlungen um die Nachrüstung betrafen ein kompliziertes und komplexes Thema, das in den öffentlichen Auseinandersetzungen und in den Medien selten adäquat behandelt wurde. Schnell schwappten die Emotionen über. Das Gleichgewicht der Rüstung, das die entscheidende Voraussetzung für die Entspannung war, wurde in Ost und West unterschiedlich gesehen, die Komponenten, die das Gleichgewicht ausmachten, verschieden bewertet.

  Die Interessen im Westen waren auch nicht in allen Punkten deckungsgleich. In der Bundesrepublik wurde u. a. eine Abkopplung vom Atomschirm der USA befürchtet, die Deutschland zum vorrangigen Ziel eines atomaren Konflikts machen könnte. Frankreich hatte eine ganz andere Sicht der Dinge, die atomare "Force de Frappe" war in erster Linie auf Ziele in Deutschland ausgerichtet. Im sozialdemokratischen "Vorwärts" habe ich in einem ganzseitigen Artikel die rüstungstechnischen Grundlagen der Entspannung analysiert (24. 04. 1980). Die Problematik der Mittelstreckenwaffen hatte alles Zeug, einen neuen gewaltigen Rüstungsschub in Ost und West auszulösen und damit zu einer dauerhaften Verschlechterung des Ost-West Verhältnisses zu führen. Der Streit um die Nachrüstung führte letztlich zum Bruch der sozial-liberalen Koalition 1982.

  Die Entspannungspolitik der sozial-liberalen Koalition war von Anfang an von der christdemokratischen Opposition als "Traumtänzerei" und "theologisches Dogma" angegriffen worden. Der Entspannungsprozess war nicht gradlinig verlaufen, natürlich gab es Krisen. Es ging immer wieder darum, sich der Voraussetzungen und Modalitäten der Entspannungspolitik zu vergewissern. Die Friedenssicherung hatte für das geteilte Deutschland oberste Priorität. Ein Krieg hätte zweifellos zur Zerstörung beider Teile Deutschlands, der Bundesrepublik und der DDR geführt. Das stand allen vor Augen, die sich für die Entspannungspolitik einsetzten. Daneben richtete sich die Entspannungspolitik auf den ganz konkreten Zusammenhalt der Nation.

  Was bei Erhaltung des Friedens für den konkreten Zusammenhalt getan werden konnte, sollte mit der Entspannungspolitik gewonnen und gewährleistet werden. Was an menschlichen Erleichterungen, Durchsetzung und Respektierung der Menschenrechte in der DDR und in Osteuropa erreicht werden konnte, lohnte jeden Einsatz. Fritz Erler hatte in einer seiner letzten großen Reden im Bundestag am 29. November 1965 der Hoffnung Ausdruck gegeben, dass die Entspannung durch deutsche Gedanken so gefördert werden könne, "dass mit ihrer Hilfe die deutsche Frage einen Schritt voran gebracht wird". Das war der Kern dessen, was von der SPD-geführten sozial-liberalen Bundesregierung in den 1970er Jahren angestrebt wurde. In einem ganzseitigen Artikel im Vorwärts (10. 04. 1980) habe ich das nochmals in Erinnerung gerufen.

Rüstungsexport
  
   Rüstungskontrolle und Abrüstung waren für die SPD Identität stiftende Themen, sie waren ein Markenzeichen der deutschen Sozialdemokratie. Wer sie bejahte, konnte auch dem Rüstungsexport keine positive Seite abgewinnen. Der Rüstungsexport musste begrenzt und streng reguliert werden. Wenn überhaupt war er nur mit wirksamen restriktiven Auflagen zu genehmigen. Vor allem in "Spannungsgebiete" war deutscher Rüstungsexport zu untersagen. Die Bundesrepublik war stolz, auf der Liste rüstungsexportierender Länder auf einem der hinteren Plätze zu stehen. Ob das immer klug und auf längere Sicht durchzuhalten war, bleibt dahingestellt. Bundeskanzler Helmut Schmidt stellte jedenfalls diese bundesrepublikanische Binnensicht, die zum Teil auch ein Erbe des verlorenen Zweiten Weltkriegs war, in Frage.

  1981 berichtete Kanzler Schmidt von einer Anfrage aus Saudi-Arabien, dessen Regierung eine größere Zahl der in Deutschland produzierten Panzer Leo II kaufen wollte. Saudi-Arabien wollte sich von der einseitigen Abhängigkeit von den USA lösen und den Bezug on Rüstungsgütern auf mehrere Herkunftsländer verteilen. Als pro-westlicher Staat kamen natürlich nur Militärgüter aus einem mit den USA verbündeten Staat infrage. Die Wahl fiel auf die Bundesrepublik. Schon die Tatsache, dass Schmidt überhaupt von dieser Kaufabsicht berichtete, legt nahe, dass er dem saudischen Wunsch nicht von vornherein negativ gegenüber stand. Damit stieß er eine Diskussion an, die die Frage des Rüstungsexports noch einmal im Zusammenhang mit den Themen Rüstungskontrolle und Abrüstung in den Vordergrund schob.

  Die SPD-Bundestagsfraktion setzte eine Arbeitsgruppe unter dem Vorsitz ihres Abrüstungsexperten Egon Bahr ein, die Kriterien für den Rüstungsexport erarbeiten sollte. Die Diskussion war ziemlich abstrakt oder verlor sich in Details, die für das große Publikum bald uninteressant wurden. Wiederum ging es nur um eine Binnensicht, die in der Begründung historisch-moralisch argumentierte. Die außenpolitischen Bezüge durften meiner Ansicht nach nicht ausgeblendet werden. Egon Bahr war damit einverstanden, dass ich hierzu etwas ausarbeitete. Mit Nahost-Fragen hatte ich mich Jahre zuvor intensiv beschäftigt. Das Mittelmeer war immer meine Domäne gewesen. Natürlich witterte ich die Chance, mich zu profilieren. Das fertige Produkt übergab ich Egon Bahr, ebenso wie Horst Ehmke. Ehmke las es immerhin und gab es mir mit der Bemerkung zurück, das sei ja alles ziemlich wirr. Auf meine Frage hatte er nichts dagegen, es zu veröffentlichen, wenn ich denn für eine Arbeit von mehr als 30 Seiten einen Abnehmer fände - woran er zweifelte.

  Die Wochenzeitung "Das Parlament" veröffentlichte die Arbeit in der Beilage "Aus Politik und Zeitgeschehen" am 4. April 1981 (GvS, Schriften I, 167) - Auflage rund 100 000 - unter dem Titel "Die außenpolitischen Implikationen des Rüstungsgeschäfts mit Saudi-Arabien". Die Frankfurter Rundschau folgte zwei Tage später (6. April 1981) mit einem Nachdruck auf zwei Seiten - Auflage 150 000. Das erregte nun doch einiges Aufsehen. Egon Bahr musste bekennen, dass er die Arbeit in Händen gehalten, aber nicht gelesen hatte. Herta Däubler-Gmelin, die Ehmke und mich in einem Aufzug des Bundeshauses traf, stichelte anzüglich, wer von uns beiden denn nun der Chef sei. Shimon Stein von der israelischen Botschaft erschien bei mir mit einem Protest - danach lud er mich mehrfach zu einem Essen ein. Später war er von 2001-2007 israelischer Botschafter in Berlin. Das Ergebnis von alledem war immerhin, dass die Frage des Rüstungsexports in Deutschland nun auf etwas breiterer Grundlage diskutiert wurde.

  Das Thema ist ein Wiedergänger. 30 Jahre später, im Sommer 2011 (Juni/Juli) wurde die Frage eines Panzerexports nach Saudi-Arabien wieder aktuell, nachdem der Bundessicherheitsrat Pressemeldungen zufolge den Verkauf von 200 Leopard-2-Kampfpanzern an das arabische Königreich genehmigt hatte. Die Argumente haben sich kaum verändert.

Deutschlandpolitik

  In Frankreich hatte ich während meines dreijährigen Studiums erlebt, mit welcher Selbstverständlichkeit und Unbefangenheit die Werte und Interessen der Nation das Leben der Franzosen bestimmten. De Gaulle löste Frankreich aus dem NATO-Militärbündnis heraus, um die Interessen Frankreichs besser wahren zu können. Die Gründe waren aus französischer Sicht völlig plausibel - und für mich ohne weiteres nachvollziehbar. Nach Deutschland zurückgekehrt fand ich eine satte Bundesrepublik vor, die ihre Identität im diffus bezeichneten "Westen" aufgehen zu lassen im Begriff schien. Der dicke Ludwig Erhard, Kanzler seit 1963, war die nicht zu übertreffende Galionsfigur dieser wieder zu Wohlstand gekommenen Gesellschaft. Deutschlands Kriegsgegner Churchill hatte sich ein Deutschland "fett und impotent" gewünscht, sein Wunsch war in Erfüllung gegangen. De Gaulle strafte Erhard mit Verachtung, ebenso wie Konrad Adenauer, wenn auch aus anderen Gründen.

  Der SPD war ich über die Geschichte der Arbeiterbewegung nahe gekommen. Kurt Schumacher, der erste SPD-Bundesvorsitzende nach dem Zweiten Weltkrieg, hatte mir imponiert. Im Ersten Weltkrieg hatte er einen Arm verloren. Den größten Teil der Nazi-Herrschaft war er im KZ eingesperrt gewesen, wo er seine Gesundheit eingebüßt hatte. Schon 1945 begann Schumacher mit dem Wiederaufbau der SPD. Unbeirrbar war er für die deutschen Interessen eingetreten. Adenauer hatte er als "Kanzler der Alliierten" bezeichnet. Die West-Alliierten liebten diesen schroffen Mann nicht. Nach seinem Tod hat vor allem Fritz Erler die Politik Schumachers fortgesetzt. In Erlers Reden, die die nationalen Interessen nicht hintan stellten und die Bedeutung des Sozialen betonten, fand ich mich am ehesten mit meinen Vorstellungen wieder. Es ging mir um einen realistischen Ansatz in der Deutschlandfrage. Die Deutschland-Rhetorik der regierenden Christdemokraten erschien mir leer weil realitätsfremd. So war mein Eintritt in die SPD 1966 von Anfang an mit durch die nationale Frage motiviert.

  Die von Willy Brandt eingeleitete Entspannungspolitik, mit der die Anerkennung der DDR einher ging, wurde von der CDU/CSU-Opposition als Anerkennung der Spaltung Deutschlands mit allen Mitteln angegriffen. Man übersah dabei die Motive, die in der Anerkennung der Realitäten die Voraussetzung für den Erhalt nationaler Interessen, wie menschliche Erleichterungen, Begegnungs- und Reisemöglichkeiten, Kooperation im wirtschaftlichen und kulturellen Bereich sahen. Die DDR blieb dadurch z. B. implizit Teil des Wirtschaftsraumes der Europäischen Gemeinschaft - ein kaum zu überschätzender Vorteil! So bescheiden das insgesamt auch immer klingen mag, es war die Voraussetzung dafür, dass das Zusammengehörigkeitsgefühl der Deutschen in Ost und West lebendig blieb. Moskau und Ost-Berlin sahen freilich in den Ostverträgen und der Anerkennung der DDR die definitive Regelung der deutschen Frage. Das galt wohl auch für die westlichen Verbündeten, die sich immer widerwilliger zu verbalen Zusicherungen im Hinblick auf die deutsche Einheit drängen ließen. Mit den Jahren begann in den westdeutschen Parteien abseits der verbalen Beteuerungen ebenfalls ein Prozess der resignierenden Hinnahme des Faktums zweier deutscher Staaten. Insbesondere die jüngere Generation, die Deutschland als Ganzes nicht mehr oder nur noch negativ im Krieg erlebt hatte, ging zunehmend von einer deutschen Zukunft in zwei Staaten aus. Einige, die sich besonders progressiv wähnten, propagierten das offensiv.

  Es gab aber auch eine Gegenbewegung. In den Medien setzten sich u. a. Rudolf Augstein, Herausgeber des "Spiegel" und Axel Springer, Herausgeber von "Die Welt", "Bild" etc., in der Politik u. a. Alfred Dregger (CDU) und Egon Bahr (SPD) für eine Festigung und Neuverankerung des Nationalgedankens ein. Horst Ehmke hatte sich bereit erklärt, für "Die Welt" eine Artikelfolge zu dem Thema zu liefern. Wieder einmal musste ich die Feder zücken und einen Entwurf vorbereiten. Er fand bei Ehmke zwar Anerkennung aber keine Gnade. Ehmke schrieb seinen Artikel selbst, was mir nur recht sein konnte. Ein paar Monate lag mein Entwurf in der Schublade, er tat mir irgendwie leid. Schließlich schickte ich ihn an die Redaktion von "Forum DS", der "Zeitschrift für Theorie und Praxis des demokratischen Sozialismus", das theoretische Organ der Jungsozialisten, Hrsg. u. a. von Wolfgang Roth, Hermann Scheer, Karsten Voigt und Heidi Wieczorek-Zeul. Sie druckten ihn 1979 unter dem Titel: "Die deutsche Nation" (GvS, Schriften I, 84). Das war gut, denn ohne eine solche Rückendeckung in der Partei konnte man mit so einem belasteten Thema hart auf die Nase fallen.

  Vorgestellt wurde der Aufsatz von der Redaktion wie folgt: "Nirgendwo in Europa ist es der Rechten so erfolgreich wie in Deutschland gelungen, sich der Öffentlichkeit als wahrer Anwalt der Nation zu präsentieren. Nirgendwo aber hat die Rechte mehr zur Zerstörung des Ansehens einer Nation in der Welt und ihrer Einheit beigetragen als in Deutschland. Der Artikel ruft die Linke auf, sich bewusst zu werden, dass sie weit mehr historische und aktuelle Berechtigung hat, sich zum Anwalt der Nation in Deutschland zu machen und einen Zustand zu überwinden, in dem es den Rechten immer wieder gelingt, die Nation als ihr Thema auszugeben". Die Frankfurter Rundschau übernahm den Artikel am 24. Januar 1980 komplett (GvS, Schriften I, 84). Damit war ich da, wo ich am Beginn meines Engagements für die Sozialdemokratie sein wollte: im Herzen der nationalen Frage. Die Reaktionen waren freilich unterschiedlich. Einige KollegenInnen zeigten mir den Vogel, weil ich an die "Wiedervereinigung" glaubte. Die Friedrich-Ebert-Stiftung veranstaltete Seminare zum Thema Nationalismus von rechts und links auch unter Bezugnahme auf diesen Artikel. Ich wurde mehrfach zu Vorträgen zum Thema eingeladen.

  Das Thema ließ mich nicht los. Ein Jahrzehnt später, am 18. Oktober 1989, veröffentlichte ich zur Deutschlandfrage einen ganzseitigen Artikel in der Frankfurter Rundschau (GvS, Schriften I, 78). Es war der Tag, an dem Erich Honecker als Staatsratsvorsitzender wegen der anschwellenden Unruhen in der DDR zurücktreten musste. Aus der Sozialdemokratie war ich - soweit ich sehe - mit diesem Artikel der Erste, der 1989 unübersehbar dazu aufrief, die nationale Frage nicht den Rechten zu überlassen und der für eine Politik in Richtung deutsche Einheit eintrat. Das war zu dieser Zeit keineswegs sozialdemokratischer Konsens, die Dinge waren im Schwimmen. Staunend, manchmal wie gelähmt, verfolgten wir die Ereignisse in der DDR und im Ostblock, die sich von Stunde zu Stunde zu überschlagen schienen. Es ging darum, Zeichen zu setzen und die Richtung vorzugeben. Willy Brandt hat das seinerzeit das Wort geprägt: "Nun wächst zusammen, was zusammen gehört". Oskar Lafontaine, damals die aufstrebende Führungsfigur in der SPD, gab eine andere Richtung vor: die DDR sollte DDR bleiben. Die Geschichte gab Oskar Lafontaine Unrecht, die deutsche Einheit kam und Lafontaine verlor als SPD-Kanzlerkandidat 1990 krachend die erste gesamtdeutsche Wahl.

  Es war meine letzte Publikation solange ich berufstätig war. Schon die Jahre zuvor hatte ich mit Veröffentlichungen zurückgehalten. Der Zweck des Publizierens hatte sich für mich mit der Überwindung der Sperre Wehners erfüllt. Die öffentlich früh geäußerte Meinung ist in der Politik selten von Vorteil, oft gereicht sie zum Nachteil. Der gewiefte Taktiker wartet, bis sich eine Mehrheit abzeichnet, um sich dann mit Wucht auf die überlegene Seite zu schlagen. Aber zur deutschen Einheit wollte, ja musste ich unbedingt Flagge zeigen.