VI. Zeitenwende 1989-1991

17. Kapitel

1989 -1990: Deutsche Einheit

   Annus mirabilis 1989, das wunderbare Jahr. Mit Perestrojka und Glasnost hatte Gorbatschow in Moskau eine neue Politik eingeleitet, die anfangs kaum wahrnehmbar und schwer zu entziffern, dann aber in großen Schüben die Dinge zum Tanzen brachte. Wie ein unterirdisches Grummeln erreichten uns, die wir aufmerksam nach Osten blickten, ab 1988 Nachrichten, die zunächst in ihrer Bedeutung für die deutsche Politik schwer einzuordnen und zu deuten waren. In der DDR und in der Tschechoslowakei war man keineswegs gewillt, den Reformprozess in der Sowjetunion mitzumachen und nachzuvollziehen. Der Satz des Chefideologen der SED, Kurt Hager (1912 - 1998), von den Tapeten, die man nicht zu wechseln brauche, wenn der Nachbar seine Wohnung neu streiche, sprach Bände. Allerdings war das Rascheln und Knistern hinter den DDR-Tapeten ab Frühjahr 1989 nicht mehr zu überhören. In Polen war die Entwicklung schon weiter, aber die DDR lag wie ein Riegel zwischen dem Westen und den positiven Entwicklungen im Ostblock. Nichts war entschieden, alles war noch möglich. Ein Rückfall Moskaus in die alten Verhaltensmuster des Sowjetimperiums war nicht ausgeschlossen. Der Einmarsch in Prag lag nur zwanzig Jahre zurück.

China - die andere, die katastrophale Möglichkeit

   In China hatte eine von Studenten getragene Reformbewegung zu Unruhen geführt, die im Mai 1989 mit der Besetzung des Tien´anmen-Platzes in Peking, dem "Platz des Himmlischen Friedens" ihren Höhepunkt erreichten. Wochenlang blockierten die Studenten den Platz und die anliegenden Straßen in Peking, um eine Reformagenda durchzusetzen. Ein von den internationalen Medien begleiteter Staatsbesuch Gorbatschows gab ihnen Gelegenheit, ihre Forderungen in die ganze Welt zu lancieren. Die chinesische Staats-und Parteiführung schien lange Zeit uneins, wie auf die Krise geantwortet werden sollte. Die harte Linie setzte sich schließlich durch. Die Armee beendete am 3./4. Mai 1989 den Aufstand blutig; er ging als Tien´anmen-Massaker in die Geschichtsbücher ein. Es war naheliegend, diese blutige Reaktion der chinesischen Machthaber als Vorbote und Menetekel für die weitere Entwicklung in den kommunistischen Staaten Ost- und Mitteleuropas zu deuten. Auch in Bonn haben es viele - vor allem in der SPD - so gesehen und haben vor schweren Rückschlägen gewarnt, die eine gewaltsame Reaktion der sowjetischen Staats- und Militärmacht mit sich bringen würde.

  Die Nachrichten vom Tien´anmen- Massaker liefen in einer sitzungsfreien Woche ein, d. h. die Bundestagsabgeordneten waren bis auf wenige sog. "Stallwachen" außer Haus, in den Wahlkreisen oder auf Reisen. Es ging trotz aller Bedenken nicht an, die Geschehnisse in Peking mit betretenem Schweigen zu übergehen. Für mich als Fraktionsreferent war das die Stunde, die Initiative zu ergreifen. Ehmke schlug ich vor, einen Resolutionsentwurf mit einer deutlichen Verurteilung zu entwerfen und ggfs. die Fraktion der "Grünen" dafür zu gewinnen. "Mach mal", meinte er. Mit der Abgeordneten der Grünen, Angelika Beer, die darauf einstieg, machten wir einen ersten Entwurf. Sie saß an der Schreibmaschine, während ich Formulierungshilfe gab - so läuft das eben manchmal unter Zeitdruck. Angelika Beer schien mir hochneurotisch, denn sie schaute mich kein einziges Mal an. Kurzfristig schlossen sich nach einigen Änderungen und Ergänzungen die CDU/CSU und sogar die FDP an, denen wir den Entwurf zur Kenntnis gegeben haben. Wir hatten einen überfraktionellen Entwurf, den mir Ehmke mit der Bemerkung freigab, dass sicher noch einiges korrekturbedürftig sei.

  Ich gehe auf die Entstehung der Resolution aus zwei Gründen ausführlich ein. Er zeigt erstens, unter welchen schwierigen Umständen und auch manchmal irgendwie zufällig wichtige Stellungnahmen zustande kommen. In der SPD-Bundestagsfraktion hatte ich mir nur von Horst Ehmke ein einschränkendes OK geben lassen können. Den Abgeordneten der SPD-Arbeitsgruppe Außenpolitik hatte ich den Entwurf kurzfristig per Fax zugeschickt, die meisten erhielten ihn erst kurz vor der Sitzung der Arbeitsgruppe. Sie waren, wie schon erwähnt, schwer oder gar nicht erreichbar auf Reisen oder im Wahlkreis. Was ich dann in der Sitzung erlebte, übertraf alles, was ich bisher - bildhaft gesprochen - an Prügeln hatte einstecken müssen. Die Abgeordneten fielen regelrecht über mich her: vorschnell, eigenmächtig, miserabel formuliert waren noch die minderen Vorwürfe. Wenn man sie reden hörte, schien es nur noch eine Frage von Stunden bis zu mein Rauswurf aus der Fraktion. Ich war also ein immenses persönliches Risiko eingegangen, indem ich den Resolutionsentwurf vorgeschlagen, mit formuliert und mit den anderen Fraktionen abgestimmt hatte.

  Der Resolutionsentwurf wurde trotzdem noch in derselben Sitzungswoche von den Fraktionen der CDU/CSU, FDP, den Grünen und der SPD, einstimmig, also geschlossen vom ganzen Deutschen Bundestag verabschiedet. Das hat absoluten Seltenheitswert.

  Die Resolution war zweitens aus einem politischen Grund eminent wichtig. Allmählich sickerte auch in die letzten Betonköpfe die Bedeutung der Ereignisse in Peking ein. Sie begriffen, dass Peking mit dem Massaker die in der kommunistischen Welt schwelende Reformkrise mit Gewalt "gelöst" hatte. Das Massaker hatte eine Tragweite, die weit über China hinausging. Die "chinesische Lösung" schwebte fortan das ganze Jahr 1989 wie eine stete Drohung über Mittel- und Osteuropa - auch und besonders über der DDR. Der Bundestag wollte deshalb zwei Wochen später eine ähnliche Resolution nachschieben. Das Auswärtige Amt intervenierte und versuchte mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mittel, eine neuerliche scharfe Verurteilung Chinas zu verhindern. Es fürchtete um die deutsch-chinesischen Beziehungen. Die zweite Resolution wurde deshalb nur abgeschwächt angenommen.

  Festzuhalten bleibt: Der Deutsche Bundestag hat in der ersten Resolution die richtige Entscheidung getroffen. Wenn man so will: aus dem Bauch heraus. Es ging nicht nur um die Reform und Gewalt in einem fernen Land, es ging um uns Deutsche selbst. Der Bundestag konnte gar nicht anders, als das, was im fernen Peking geschehen war und unseren Landsleuten in der DDR drohte, zu verurteilen.

  Ein Jahr später wurde ich zu einer Konferenz nach Paris geschickt, die an das Tien´anmen-Massaker und die zerstörten Hoffnungen der chinesischen Reformer erinnern sollte. Ich durfte dort unsere Position mit aller Schärfe vortragen (in den "heiligen" Hallen der Sorbonne und in französischer Sprache). Hans-Jochen Vogel, der mich danach zum Rapport bestellte, bemerkte nur, dass ich im deutschen Fernsehen, das meine Rede in den Abendnachrichten (in deutscher Übersetzung) übertragen hatte, kurzfristig zum Abgeordneten befördert worden war. Doch dafür konnte ich nichts. Ansonsten hatte er nichts auszusetzen.

Auf dem Weg zur deutschen Einheit

  Im Mai 1989 war in Peking eine Variante des sich in Auflösung befindlichen real existierenden Kommunismus durchgespielt worden. Es kam darauf an, die Entwicklung in Mittel-und Osteuropa so zu beeinflussen, dass sich diese Tragödie nicht wiederholte.

  Krisenzeiten sind Zeiten der Exekutive, aus der Opposition heraus konnte die SPD die Ereignisse allenfalls am Rande beeinflussen. Helmut Kohl hat als Bundeskanzler das Staatsschiff sicher durch die Fährnisse gesteuert und am Ende die deutsche Einheit wieder herstellen können. Das bleibt sein unbestrittenes Verdienst und ist mehr als eine Fußnote im Geschichtsbuch. Im Sommer 1989 stand dieses Ergebnis keineswegs fest, ja es zeichnete sich noch nicht einmal am fernen Horizont ab. In der Bundesrepublik hatte man sich mit der Dauerhaftigkeit der Teilung abgefunden. Nur Wenige hatten die Hoffnung nicht aufgegeben. Ich selbst hatte mich Anfang der 1980er Jahre in diesem Sinne publizistisch zu Wort gemeldet (GvS, Schriften I, 84), was mir - milde ausgedrückt - das amüsierte Grinsen der Kollegen eingebracht hatte.

  Das Thema hat mich nicht mehr los gelassen. Nach drei Jahren an der deutschen Botschaft Damaskus und meiner Rückkehr in die SPD-Bundestagsfraktion gab es 1988 die ersten Anzeichen, dass sich in der deutschen Frage etwas bewegen könnte. Osteuropäische Gesprächspartner aus den oppositionellen Bürgerrechtsbewegungen deuteten an, dass ihr Erfolg davon abhinge, dass der Riegel DDR wegfiele. Sie sahen einen direkten Zusammenhang zwischen ihrem Erfolg und der Lösung der deutschen Frage. Aus ihrer Sicht war beides Teil eines einzigen Prozesses. Ihnen war klar, dass damit auch die Frage der deutschen Einheit wieder auf die Tagesordnung kommen würde. Aus Frankreich, wo potentielle Bewegungen in der deutschen Frage besonders aufmerksam, weil besorgt registriert wurden, konnte man ähnliche Schlussfolgerungen heraushören.

  Schon im Sommer 1989 war der Gärungsprozess kaum zu übersehen. In der Bundesrepublik fiel man freilich aus allen Wolken. Noch im September 1989 hatte die Zeitung "Die Welt" aus dem Springer-Konzern erstmals die Anführungszeichen, mit denen sie das Kürzel DDR einrahmte, weg gelassen, als Zeichen dafür, dass nun auch die Springer-Presse das Unvermeidliche, das Faktum DDR und die deutsche Teilung ohne Wenn und Aber anerkannte. Das spricht nicht gerade für deutsche außenpolitische Klar- und Weitsicht. Es spricht aber dafür, dass in der Bundesrepublik Idee und Substanz der Nation nahezu aus dem Blickfeld geraten waren. Die Einheitsrhetorik war zum Lippenbekenntnis verkommen. Jeder Gedanke an die deutsche Einheit galt vielen Westdeutschen als überholt, wenn nicht als abwegig.

  Im August 1989 beschleunigte sich die Entwicklung: In Ungarn wurde der Grenzzaun geöffnet, in den deutschen Botschaften in Prag und Warschau sammelten sich erste Ausreisewillige aus der DDR. In den ersten Septembertage 1989 verfasste ich eine Denkschrift, die in der Krise die Möglichkeiten unseres Handelns in der Deutschlandpolitik aufzeigen sollte. Der entscheidende Tenor war das Ineinandergreifen von Demokratie und Nation. In Frankreich, in den USA waren Demokratie und Bildung der Nation ein identischer Vorgang gewesen. Demokratie und Nation waren die beiden Seiten der gleichen Medaille. Wer demokratische Reformen forderte, stellte gleichzeitig die Frage nach der Nation. Auch für die DDR war diese Entwicklung wahrscheinlich, wenn nicht sogar vorhersehbar. Diesen Prozess zu kanalisieren und zu steuern, ohne Mitteleuropa und damit ganz Europa zu destabilisieren, musste höchste Priorität zukommen.

  Die Stabilität Europas und des Friedens hing vom Gleichgewicht der Kräfte zwischen Ost und West ab. Dies infrage zu stellen hätte 1989 Chaos und Gefahr bedeutet. Einige hatten vorgeschlagen, deshalb unwiderruflich auf die Wiedervereinigung, die Herstellung der staatlichen Einheit Deutschlands zu verzichten. Das lehnte ich ab und trat für einen tragfähigen deutschen und internationalen Konsens ein, ohne die einzelnen Schritte Anfang September 1989 schon nennen zu können. Ein erster Schritt könnte eine deutsche Konföderation sein.

  Nachdem ich mich einigermaßen rückversichert hatte, was mir die Freiheit eines "Minenhundes" gab, publizierte ich meine Gedankengänge als Artikel am 18. Oktober 1989 ganzseitig in der Frankfurter Rundschau (GvS, Schriften I, 78). Es war der Tag, an dem Erich Honecker zurücktreten musste. Aus der Sozialdemokratie war ich mit diesem Artikel - soweit ich sehe - der Erste, der dazu aufrief, die nationale Frage zu stellen und nicht den Rechten zu überlassen. Unmissverständlich war ich für eine Politik in Richtung deutsche Einheit eingetreten. Zur DDR hatte ich geschrieben: "Kann man in Europa in einer Zeit, die - Gott sei Dank - mit den Relikten des Stalinismus gründlich aufräumt, an einem Staat festhalten, der von Stalin gegründet, von Altstalinisten beherrscht und im reformunfähigen Stalinismus seine Existenzberechtigung sieht? Ist eine solche Stalinzone noch tragbar?" (Wohlgemerkt: gleichzeitig hatte die Springer-Presse die "DDR-Gänsefüßchen" als Zeichen der definitiven Akzeptanz der DDR weggelassen.)

  In der deutschen Öffentlichkeit wurden die Ereignisse in der DDR und im Ostblock, die sich von Stunde zu Stunde zu überschlagen schienen, noch mit zögerndem Staunen verfolgt. Der Artikel war meine letzte Publikation während meiner Berufstätigkeit. Die öffentlich geäußerte Meinung in strittigen Fragen ist in der Öffentlichkeit nicht immer von Vorteil. Aber in Sachen deutsche Einheit musste ich Flagge zeigen.

Israel und die deutsche Einheit

  Am 9. November 1989 fiel die Berliner Mauer. Es war ein Ereignis, das uns zu diesem Zeitpunkt völlig überraschte. Mit einer Gruppe Journalisten war ich gerade in Jerusalem/Israel, als mich am Morgen des 10. November 1989 die Nachricht erreichte. Als mir beim Frühstück zugerufen wurde, die Mauer sei weg, dachte ich zuerst an die Mauer, die bis 1967 Jerusalem in einen jüdischen und arabisch-jordanischen Teil getrennt hatte, aber längst verschwunden war. Die Berliner Korrespondentin der Süddeutschen Zeitung (Frau Heuwagen), die mit uns reiste, brach in Tränen aus. Der 9. November 1989 war ihr Tag und sie war nicht in Berlin! So gut wir irgend konnten, halfen wir ihr beim sofortigen Rückflug.

  Am Nachmittag des 10. November 1989 hatten wir ein Gespräch mit einem ehemaligen israelischen Botschafter in Bonn. Eine gewisse Irritation war ihm anzumerken. Mir schien allerdings, dass es weniger die sich abzeichnende Wiederherstellung der deutschen Einheit war. Es war vielmehr die Aussicht, dass im Zuge der Beendigung des Kalten Krieges ein Staat, der seine Existenz eben dieser Nachkriegszeit verdankte, von der Landkarte verschwinden könnte. Dachte er dabei an Israel und seine prekäre Lage im Nahen Osten? Ähnliche Gedankengänge stellte ich bei anderen Israelis fest.

  Israel sollte im Zusammenhang mit der Wiederherstellung der deutschen Einheit und der Zeitenwende 1989/1990 wiederholt in der deutschen Politik eine Rolle spielen. Als der Trend zur Wiedervereinigung im Frühjahr 1990 irreversibel geworden war, meldeten sich israelische Abgesandte mit Forderungen, die Wiedergutmachung nunmehr auf die DDR auszudehnen. Adenauer hatte in seinem historischen Abkommen mit Ben Gurion 1960 die DDR ausgeklammert. Die Israelis argumentierten, dass mit der Wiedervereinigung dieses letzte Drittel an Wiedergutmachung nunmehr fällig werde. Mit Zins und Zinseszins errechneten sie eine hübsche Summe. Für die SPD und ihren Chef, Hans-Jochen Vogel war ich der Ansprechpartner, was mir manch unruhige Nächte und Urlaubstage einbrachte.

  In einer weiteren Angelegenheit wurden die Israelis bei uns vorstellig. Die Sowjetunion hatte die Auswanderung der Juden frei gegeben, die in großer Zahl diese bisher verschlossene Möglichkeit nutzten. Allerdings zeichnete sich ab, dass ein großer Teil gar nicht nach Israel sondern vorzugsweise nach Westeuropa und die USA auswandern wollte. Die Israelis verlangten von uns, die großzügigen Aufnahmebedingungen in Deutschland zurückzustutzen, damit diese Einwanderungswelle, die voraussichtlich letzte große "Aliya", Israel auch erreichen würde und nicht in Westeuropa versandete. Gleichwohl haben sich rund hunderttausend dieser Auswanderer in Deutschland niedergelassen - wofür wir dankbar sind.

Die SPD und die Einheit

  Welche Richtung würde die oppositionelle SPD nach dem Berliner Mauerfall einschlagen? Willy Brandt hatte im Herbst 1989 den Satz geprägt: "Nun wächst zusammen, was zusammen gehört". Oskar Lafontaine, damals die aufstrebende Führungsfigur der SPD, gab zunächst eine andere Richtung vor: die DDR sollte DDR bleiben. In der SPD-Bundestagsfraktion erhielt ich für meinen Artikel in der Frankfurter Rundschau vom 18. Oktober 1989 Widerspruch und Zuspruch. Kaum war ich am Erscheinungstag im Büro, rief mich Günter Verheugen, später EU-Kommissar, an und sagte, ich solle mich "warm anziehen". Es ginge nicht an, dass Fraktionsassistenten Abgeordnete kritisierten.

  In der Tat hatte ich u. a. Norbert Gansels Ansatz, den "Wandel durch Annäherung" mittels "Wandel durch Abstand" zu ersetzen, als zu kurz gegriffen abgelehnt. Wenig später erschien Hans Koschnick, ehemaliger Bürgermeister von Bremen, 1989 Stellvertretender SPD-Partei- und Fraktionsvorsitzender, in meinem Büro und sagte: "Also du darfst, der Gansel nicht". Fraktionschef Hans-Jochen Vogel hatte Gansel einen deutschlandpolitischen Maulkorb verpasst. Natürlich erschien auch der Vorsitzende unserer Arbeitsgruppe Deutschlandpolitik und bemerkte, er könne nun wohl seine Arbeit und die seiner Arbeitsgruppe einstellen und an mich abgeben. Ein Botschafter meldete sich bei mir mit den Worten: "Bei uns wird man damit Staatssekretär oder man fliegt sofort raus". Ich wurde weder Staatssekretär noch flog ich raus. Dafür landete ich auf der schwarzen Liste von Oskar Lafontaine und seines Anhangs.

  Das Bild, das die SPD in der deutschen Frage 1989 und Anfang 1990 gab, war diffus. Viel zu lange hatten Kräfte in der SPD und in der SPD-Bundestagsfraktion an ihren guten Verbindungen zu den SED-Machthabern festgehalten und selbst dann noch Gespräche geführt, als diese offenkundig Macht und Einfluss verloren. Ein Protagonist dieser Politik war Horst Ehmke, der sich eng mit Oskar Lafontaine liiert hatte und als dessen außenpolitisches Alter Ego galt. Er wurde im Spätherbst 1989 von Hans-Jochen Vogel de facto entmachtet und spielte im weiteren Verlauf des Einheitsprozesses keine Rolle mehr, obwohl er als außenpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion formal der höchste Repräsentant sozialdemokratischer Außenpolitik war. Hans-Jochen Vogel erwies sich als "cunctator", als Zauderer, der zwischen seinem auf deutsche Einheit gerichtetem Engagement und seinem Wunsch, das Steuer an Jüngere, im konkreten Fall an Lafontaine abzugeben, schwankte.

  Hans-Jochen Vogel hatte wohl gehofft, dass Lafontaine noch rechtzeitig die "Kurve kriegen" würde, als auf sein Betreiben Lafontaine im Januar 1990 zum Kanzlerkandidaten ausgerufen wurde. Eine Wende vollzog Lafontaine nur zögerlich und spät - angesichts der stürmischen Entwicklung zu spät; haften geblieben sind vor allem seine Einwände und Vorbehalte. Besonders sinnfällig wurde der Dissens in der SPD auf dem Berliner Parteitag im Dezember 1989: am ersten Tag hielt Willy Brandt eine große Rede in Richtung deutsche Einheit, am zweiten Tag Oskar Lafontaine eine Rede mit all seinen bekannten deutschlandpolitischen Vorbehalten. Beide Reden wurden begeistert beklatscht. Ich frage mich noch heute, ob denn niemand die unglaubliche Diskrepanz bemerkt hat. In der zentralen Frage der Jahre 1989/1990 war die SPD uneins. Willy Brandt reagierte auf seine Weise: er verließ während der Parteitagsrede von Lafontaine seinen Platz auf der Vorstandstribüne und kehrte erst nach deren Ende wieder zurück. Die Quittung erhielt die SPD bei der Bundestagwahl 1990. Helmut Kohl und seine CDU wurden triumphal wieder gewählt.

  Mehrmals durfte ich die "positive" Einstellung der SPD zur deutschen Einheit darstellen, so in Frankreich, in Tunis, in Manila auf den Philippinen und in Kuala Lumpur in Malaysia, wenig später in Abidjan/Elfenbeinküste. Manche Skepsis schlug mir da entgegen, auch aus dem "Parti Socialiste" Francois Mitterrands. Aus der Diskussion nach meinem Vortrag im Institut für Auswärtige Politik in Kuala Lumpur ist mir noch erinnerlich, wie nachdrücklich dort der Wunsch geäußert worden war, man möge den Prozess der deutschen Einigung, den die Weltöffentlichkeit mit großem Interesse aber nicht ohne Sorge beobachtete, doch etwas "entschleunigen". Ich hielt dem entgegen, dass wir das Zeitfenster unbedingt nutzen und den Prozess noch schneller ("even faster") vollenden wollten. Darauf möge man sich einstellen.

Persönliches

   Im September 1990 reiste ich einige Tage durch die untergehende DDR. In Weimar, Naumburg, Leipzig, Halle, Potsdam, Berlin sog ich einmalige Eindrücke auf. (In Potsdam hätte man damals kaufen müssen, wunderschöne, aber halbverfallene Villen wären günstig zu haben gewesen; aber ich bin kein Kaufmann.) Im Cecilienhof in Potsdam, wo Stalin (Sowjetunion), Churchill (Großbritannien) und Truman (USA) 1945 das besiegte Deutschland aufgeteilt und die deutschen Ostprovinzen an Polen und ein Teil Ostpreußens mit Königsberg der Sowjetunion zugeschlagen hatten, hob ich bei einem ausgezeichneten Essen das Glas auf deren endgültigen Abschied. In einer Art Tagtraum malte ich mir aus, wie ihre Geister mit kläglichem Gewimmer durch den Kamin davonstoben...

  Nun folgt eine Geschichte, die mir wahrscheinlich nicht geglaubt wird, die aber stimmt. In Sangershausen, kurz vor der ehemaligen DDR-Grenze fand ich nach längerer Suche eine Unterkunft. Von dort wollte ich nach Bad Frankenhausen, um das von Werner Tübke ausgemalte Bauernkriegsmonument zu besuchen. Durch ein eingenebeltes, von Nässe triefendes Waldgebirge erreichte ich eine Höhe. Ein größeres Hinweisschild war durch drei Arbeiter verstellt, die mit ihren Schaufeln davor standen. Als ich mich näherte, um zu lesen, was drauf stand, drehte sich einer halb um und rief mir zu: "Wir kaufen keine Teppiche". Ich gab amüsiert auf, folgte aber der Ausschilderung ohne zu wissen, wohin sie mich führte, und erreichte über einen Fußweg einen roten Felsen. Die Herbstsonne brach gerade durch den Nebel und ließ das rote Gestein aufleuchten und erglühen. Kolossale Gesichtszüge waren in den Fels gehauen. Einer Schrifttafel entnahm ich, dass es sich um Kaiser Barbarossa handelte, der im Kyffhäuser bis zum Tage der Wiederaufrichtung Deutschlands schlief. Ich war ohne jede Absicht ausgerechnet an diesem Ort gelandet.

  Die von mir erstrebte deutsche Einheit war für meine eigenen beruflichen Pläne weniger förderlich. Ein SPD-Wahlsieg hätte mich wahrscheinlich aus einer optimalen Ausgangsposition in die Regierung, z.B. ins Auswärtige Amt getragen. Dort wäre ein weiterer Aufstieg vermutlich nicht unmöglich gewesen. Daraus wurde nun nichts. Helmut Kohl hatte mit seinem klaren deutschen Einheitskurs die Wahl für sich entscheiden, die SPD blieb in der Opposition. Es war für mich allerdings kein persönlicher, beruflicher Absturz, wie für die meisten früheren DDR-Funktionäre, die allenfalls auf einen gepolsterten, vorzeitigen Ruhestand hoffen konnten. Für einige junge, unbescholtene und fachlich hervorragend qualifizierte Mitarbeiter des ehemaligen DDR-Außenministeriums habe ich mich eingesetzt. Vergeblich, das Auswärtige Amt unter Genscher hat die Übernahmen abgeblockt.