VII. Unterwegs

19. Kapitel

1992-1994: Ägypten / Kairo


   Prolog: Im Jahr der deutschen Einheit 1990 hatte die SPD abermals die Bundestagswahlen verloren, vor allem wegen der katastrophalen Deutschlandpolitik von Oskar Lafontaine. Helmut Kohl, der Ende der 1980er Jahre noch wankte und mit Mühe einen Aufstand seiner Kritiker in der CDU niederschlug, gewann im Zuge der Einheit einen triumphalen Sieg, der ihn bis 1998 über weitere acht Jahre Kanzlerschaft trug. In der SPD fand nach der Bundestagswahl ein Generationswechsel statt: Björn Engholm wurde Parteivorsitzender, Hans-Jochen Vogel wurde als Fraktionschef durch Hans-Ulrich Klose abgelöst. Das stimmte mich wenig optimistisch, denn über Klose und Engholm hatte ich mir über die Jahre aus der Nähe ein ziemlich realistisches Bild machen können. Engholm musste in der Tat schon 1993 wieder zurücktreten, sein Nachfolger wurde Rudolf Scharping. Klose stürzte die Fraktion 1992 in eine Chaos-Phase und wurde schnell entmachtet.

  In der Fraktion hatte schon vor Jahren die höchstmögliche Stufe als Arbeitskreisreferent Auswärtige Politik erklommen, höher ging es damals nicht. Ein Wechsel ins Auswärtige Amt war aus der Opposition heraus unmöglich. Ich begann mich nach Neuem umzusehen und ergriff die Chance, als die Friedrich-Ebert-Stiftung mir die Leitung des Büros in Kairo anbot. Kairo war für Nahost-Experten, bzw. für solche, die es werden wollten, ein zentraler Ort, gewissermaßen ein Muss. Nach Syrien und der intensiven Befassung mit Afghanistan, dem Iran, dem Irak und der Türkei war Kairo der nächste sinnvolle Schritt. Ein Wechsel erschien mir auch insofern geboten, als sich Norbert Gansel gegen Karsten Voigt als Stellvertretender Fraktionsvorsitzender durchgesetzt hatte. Er war nun in dieser Funktion zuständig für den Bereich Außenpolitik und mein unmittelbarer Chef. Als ich ihm zur Wahl gratulierte, meinte er in den ersten Sätzen, unseren Streit und meine Kritik an seiner Deutschland-Politik im Herbst 1989 wolle er sofort vergessen.

  Der Stachel saß also tief. Es war schließlich nicht ein Streit um eine Nebensächlichkeit gewesen, sondern schlechthin um die Frage aller Fragen, die Frage der deutschen Einheit. Er war seinerzeit falsch gelegen, ich richtig. Er bekam einen Maulkorb, ich konnte mich profilieren und einen langen Artikel veröffentlichen. So etwas vergisst man nicht, man kann es allenfalls halbwegs überspielen. Schon gar nicht vergessen würde es ein Norbert Gansel, den ich als einen der hartnäckigsten Nachbohrer bei den verschiedensten Anlässen kennen gelernt hatte. Er vergaß nichts und sammelte zweckdienliche Unterlagen zur späteren Verwendung. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war mir klar, dass ich mich nach etwas anderem umsehen musste. Ich suchte deshalb den Absprung, zu dem mich Gansel ermutigte und auch meinen Wechsel nachdrücklich unterstützte. Wie bei meinem Wechsel ins Auswärtige Amt 1982 dauerte es von der ersten Kontaktaufnahme mit der Ebert-Stiftung bis zum tatsächlichen Arbeitsantritt wieder ein gutes Jahr. Irgendwie ging auch das vorüber.

Politische Stiftungen

  Die Friedrich-Ebert-Stiftung (FES), die mich für drei Jahre nach Ägypten entsandte, ist eine der SPD nahestehende Stiftung. Die CDU verfügte damals mit der Adenauer-Stiftung, die CSU mit der Hanns-Seidel-Stiftung und die FDP mit der Friedrich-Naumann-Stiftung über ähnliche Institute, die mit jeweils unterschiedlichen Arbeitsschwerpunkten und Arbeitsweisen im In- und Ausland tätig waren. Um die Auslandsarbeit dieser Stiftungen wurde die Bundesrepublik sehr beneidet. Sie gestattete uns mit großer Flexibilität trotz relativ geringer Finanzmittel überall dort Einfluss zu nehmen, wo dies mit der traditionellen Arbeit der Botschaften und Diplomatie nicht oder nicht mehr möglich war. Die Stiftungen sprachen nicht für die Bundesregierung, die sich nicht in gleicher Weise hätte exponieren können. Es hing vom Geschick der Stiftungs-Vertreter vor Ort ab, wie weit man Impulse geben und sich jeweils vorwagen konnte.

  Die FES gab mir für diese Aufgaben einen gut bestückten Instrumentenkasten an die Hand. Mein Etat war einer der größsten, den die FES einem Auslandsbüro zur Verfügung stellte. Außerdem bestand die Möglichkeit, Drittmittel einzuwerben, was mir mehrfach gelang. Ich konnte wissenschaftliche Studien in Auftrag geben, Publikationen unterstützen, Seminare, Tagungen, Konferenzen veranstalten, zu denen Gäste aus aller Herren Länder eingeladen wurden. Wir co-finanzierten Fernsehspots, lancierten Artikel in die Presse, schickten Ägypter zu Reisen nach Deutschland und holten Deutsche nach Ägypten; Einladungen zu Reisen waren immer sehr beliebt und begehrt. Es kam darauf an, die richtigen Leute zusammen zu führen. Die Themen waren so breit, wie die Politik selbst. Wir stimmten uns mit den anderen deutschen Stiftungen vor Ort ab und hielten Kontakt zur Deutschen Botschaft. Es gab genug für alle zu tun, wir brauchten uns nichts zu neiden. Vorgaben wurden uns von der Deutschen Botschaft nicht gemacht, einmal im Jahr gab es eine Sitzung, in der die allgemeine Richtung skizziert wurden.

  Meiner Arbeitsbewilligung als Vertreter der Ebert-Stiftung war eine sogenannte Akkreditierung vorgeschaltet. Der ägyptische Geheimdienst prüfte die entsandten Vertreter eingehend, meine Prüfung dauerte besonders lang. So lernt man gleich zu Beginn, wer im Lande das eigentliche Sagen hat. Besonderes Misstrauen schlägt Ausländern entgegen, die das Arabische beherrschen - oder gar den ortsüblichen arabischen Dialekt: das können nur Spione sein, so der Verdacht. Arabisch hatte ich in Syrien gelernt. Ohnehin durfte man sich das Ägypten der Präsidenten Sadat und Mubarak nicht als Demokratie im westlichen Sinne vorstellen. Den demokratischen Anschein gab sich Mubarak gern, schon um seine grundsätzlich pro-westliche Ausrichtung zu unterstreichen. In Wirklichkeit wurde das Land vom Militär beherrscht, das sich nach außen bedeckt hielt, aber letztlich alles im Griff behielt. Es waren/sind Machtstrukturen, die denen in anderen arabischen Staaten, wie Algerien und Syrien, aber auch in der nicht-arabischen Türkei (bis ins 1. Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts) oder Pakistans ähnlich sind. Stellte jemand in Ägypten ernsthaft die Machtfrage, etwa indem er die Legalität und Legitimität von Wahlen anzweifelte, zog die ägyptische Staatsmacht die Samthandschuhe aus und griff hart zu.

  Hinter der Fassade war Ägypten eine Militärdiktatur. Respektierte man die Grenzen und konnte den Vertretern des Regimes hinreichend klar machen, dass gemeinsame Interessen bestanden, konnte man weit gehen und in relativer Freiheit arbeiten. Während z. B. eine Zusammenarbeit mit den ägyptischen Gewerkschaften möglich war, konnten wir zu meiner Zeit keine konkretere Kooperation mit der Regierungspartei NDP (National Democratic Party) vereinbaren, obwohl die NDP Mitglied der Sozialistischen Internationale war. Gut ging es auch im Bereich Umweltpolitik. Anfang der 1990er Jahre war ein Umweltbewusstsein in Ägypten freilich kaum vorhanden. Von der Wasserversorgung bis zum Dauersmog, von der Energieversorgung bis zur Abfallbeseitigung, fast überall musste zunächst einmal Problembewusstsein geschaffen werden. Untersuchungen mussten angestoßen und finanziert, die Bewusstseinsbildung in der breiten Bevölkerung, in den Behörden und in den Medien gefördert werden, eine Sisyphus-Arbeit. Der Umweltbereich wurde im FES-Büro Kairo von Dr. Khaled Fahmy hervorragend abgedeckt, einem ägyptischen Mitarbeiter, der in der DDR promoviert hatte. Später wurde er ägyptischer Umweltminister.

  Spätetstens seit 2010 hat sich das politische Umfeld für Nicht-Regierungs-Organisationen (NRO´s) stark verschlechtert. Das gilt nicht nur für Ägypten, sondern weltweit, z. B. für Russland und auch Israel. NRO´s, die ganz oder teilweise aus dem Ausland finanziert werden, wie die Ebert-Stiftung, sind besonders der Willkür der Machthaber ausgesetzt, müssen mit Drangsalierungen rechnen oder werden gleich ganz verboten. Anfang der 1990er Jahre hatten wir in Ägypten noch relativ viel Freiraum. Auch Ägypter, die dem Regime nahe standen, wunderten sich manchmal darüber. Aber es gab an der Spitze der Regierung einige weitblickende Leute, mit denen ich sehr offen reden konnte. Meist hatten sie im Ausland studiert, lachten über die in arabischen Gesellschaften weit verbreiteten Verschwörungstheorien und waren zur Selbstironie fähig. Überhaupt wurde, anders als in Syrien, viel gelacht. Die Machtfrage durfte freilich, wie bereits gesagt, nicht ernsthaft gestellt werden.

  

Mit Osama El-Baz, Berater der ägypt. Präsidenten Mubarak u.Sadat für Camp David


Leben in Kairo

  Ägypten war das bei weitem bevölkerungsreichste, arabische Land und Kairo eine Metropole, von der niemand wusste, ob sie 12 oder 18 Millionen Einwohner hatte. Die Stadt schien von Menschen überzuquellen. Der Verkehr war mehr als chaotisch, selbst für kurze Strecken benötigte man manchmal Stunden. Im Dienst war das kein Problem, da mir zeitweise drei Fahrer zur Verfügung standen. Über der Stadt lag meist eine grau-gelbe Dunstglocke aus Abgasen, Wüstenstaub und stinkendem Rauch brennender Abfallhaufen. Die Umweltbelastung war enorm, die von uns erhobenen Messdaten durften nicht veröffentlicht werden; sie lagen weit über den international zulässigen Werten. Während des Ramadan, dem Fastenmonat, wurde das Leben in Kairo besonders stark beeinträchtigt. Das Gebot des Fastens wurde von mehr und mehr Gläubigen Muslimen befolgt. Muslime dürfen im Ramadan von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang weder essen noch trinken. Wenn der Ramadan in die Sommermonate fällt, wie 1992-1994, wird das Leben in Kairo manchmal unangenehm. Die Leute haben nicht nur - verständlicherweise - starken Mundgeruch, es herrscht eine allgemeine Mattigkeit, oder auch Gereiztheit, die sich bis zum Fastenbrechen am Sonnenuntergang zur Aggressivität steigern kann.

  An den Wochenenden, von Freitag bis einschließlich Sonntag (Freitag war Feiertag), floh ich mit meiner Familie aus der Stadt. Am Rande der Wüste, im Sakkara Country Club, wurden wir Mitglied. Dort war die Luft sauber, man konnte in einem kleinen Wasserbecken schwimmen und sich erfrischen. Es gab eine mittelgroße grüne Wiese, wo einige Leute sogar Golf spielten. Ich hatte mir ein Pferd gekauft und machte stundenlange Ausritte in der Wüste. Oder es zog uns auf den Sinai, wo es herrliche Strände und Möglichkeiten zum Tauchen gab. Kilometerlange Korallenriffe boten ein ebenso buntes wie aufregendes Spektakel. Einen Hai habe ich nie gesehen, obwohl immer mal wieder Unfälle mit Haien gemeldet wurden. Die Anfahrt zum Sinai war allerdings lang, circa vier Stunden. Ausflüge zu den historischen Sehenswürdigkeiten nach Luxor-Karnak, Assuan und den Wüstenoasen kamen hinzu. Die Oase Siwa erwähne ich besonders, sie war zu dieser Zeit ein geradezu mystischer Ort. Kleopatra soll dort in einer Quelle gebadet und Alexander der Große einer Legende nach in Siwa begraben sein. Weniger begeistert war ich von den zahllosen Besuchen des Ägyptischen Museums in Kairo, die ich mit den vielen Besuchern immer wieder absolvieren musste. Allmählich kannte ich wirklich alle Exponate...

Re-Islamisierung

  Kairo hatte sich seit meinen früheren Besuchen stark gewandelt. Die Welt, die Nagip Mahfus, der ägyptische Nobelpreisträger für Literatur, beschrieben hatte, gab es nicht mehr. Eine mächtige Welle der Re-Islamisierung hatte das Land erfasst. Das von Nagip Mahfus gezeichnete Nachtleben gab es allenfalls noch in den großen Touristenhotels. Als ein Indiz mag die Ablehnung des Alkohols gelten. Bier und Wein hatten seit Jahrtausenden zum ägyptischen Alltagsleben gehört, wie auf den vier- bis fünftausend Jahren alten Reliefs und Wandmalereien der Pharaonenzeit zu sehen ist. Alkohol war nun verpönt: der früher exzellente ägyptische Wein hatte einem teuren, weinähnlichen Einheitsgesöff Platz gemacht; die meisten Bierbrauereien waren zerstört, die verbliebenen produzierten ein hygienisch zweifelhaftes Gebräu, von dem jede Flasche anders schmeckte. Wer gesund bleiben wollte, rührte am besten beides nicht an.

  Optisch war die Re-Islamisierung an der Bekleidung der Frauen nicht zu übersehen. Frauen und Mädchen begannen wieder das Kopftuch zu tragen, einige den Vollschleier "Naquib", oder verhüllten den Körper ganz. Es gab dazu keine Statistiken, aber dem Augenschein nach wurden es jährlich mehr, bald dominierten sie das Straßenbild. Auffällig waren auch die Menschenmengen, die sich zum Freitagsgebet auf den Straßen vor den Moscheen einfanden, weil sie in den Moscheen keinen Platz mehr fanden. Die religiösen Sendungen in den öffentlichen Medien Fernsehen und Radio nahmen einen immer prominenteren Platz ein. Wollte man z. B. einen angekündigten Film sehen, erschien statt dessen ein muslimischer Prediger auf dem Bildschirm, zu den Gebetstunden ohnehin. Ein Fernsehmoderator namens Mohamad Ramadan Mohamad (sic!) war zeitweise mehrmals am Tag zu sehen und zu hören, schon sein Name war Programm. Selbstverständlich musste ich meinen arabischen Mitarbeitern Pausen für die rituellen Gebete einräumen.

  Die Re-Islamisierung hatte verschiedene Gesichter. Es gab neben der rein religiösen Rückbesinnung auf islamische Glaubensinhalte den politischen Islam mit seinen Ausprägungen: Gründung politischer Parteien, Unterwanderung von Berufsorganisationen bis hin zur Organisation von Terrorzellen. Daneben entwickelten sich Wohltätigkeitsorganisationen und wohlhabende Muslime bewirteten u. a. während des Ramadan zum Fastenbrechen die Anwohner ganzer Straßenzüge. Es war ein religiöses Aufglühen, dem sich kaum ein Muslim entziehen konnte: Ein Weckruf Allahs, wie mir Ägypter sagten. Ägypten war für diese Re-Islamisierung besonders empfänglich, war doch hier schon 1928 die Moslembruderschaft gegründet worden, die in die ganze arabisch-islamische Welt ausstrahlte. Es gab ägyptische Intelektuelle, die diesen Prozess aufmerksam - teils besorgt, teils sympathisierend - beobachteten, und mit denen man offen darüber reden konnte, meistens allerdings nur auf Arabisch.

  Wir versuchten, die Entwicklung so nah wie möglich nachzuzeichnen und zu analysieren. Mit eigenen Kräften war das nicht möglich. Ich suchte mir Partner, die ich bei aufgeschlossenen Ägyptern fand. Mit dem "Center for Political Research and Studies" der Universität Kairo machten wir Studien über "Islamic Movements in a Changing World", die wir publizierten (Hrsg. Ola A. AbouZaid, Kairo 1985). Die FES Kairo hat die Forschungsarbeiten mit mehreren Seminaren begleitet und unterstützt. Der Zugang der ägyptischen Wissenschaftler zu den Quellen war unvergleichlich besser als der westlicher Beobachter. Sie konnten an und in der Universität gewissermaßen am Puls des Geschehens arbeiten. Dabei muss sich einiges in Grau- und Grenzbereichen abgespielt haben, wie mir zu Ohren kam.

  Diese Aktivitäten, die wir immer mit ägyptischen Partnern durchführten, mussten bei den zuständigen ägyptischen Stellen, sprich Geheimdiensten angemeldet und mit ihnen abgesprochen werden. Die einschlägigen Seminare führten wir teilweise abgeschirmt außerhalb Kairos auf Arabisch durch. Innerhalb des Regimes gab es offenkundig Personen und Strömungen, die bis zu einem gewissen Grad der Re-Islamisierung wohlwollend gegenüberstanden und entsprechende Aktivitäten teilweise tolerierten - abgesehen davon, dass sie natürlich wissen wollten, was da ablief und was wir machten. Es war ein Balanceakt, der Anfang der 1990er Jahre gelang. Es war nicht zu übersehen und zu überhören, dass sich mit der Re-Islamisierung die Eruption eines neuen gesellschaftlichen, auch politischen Denkens vorbereitete. Die Unruhe konnte sich jederzeit explosionsartig entladen. Der Iran hatte es mit Khomeini 1979 vorgemacht; in Algerien herrschte seit 1992 schon Bürgerkrieg, der sich bis 1998 hinziehen sollte. Besser man war darauf vorbereitet.

Außenpolitik: Israelisch arabischer Friedensprozess

   Der arabisch-israelische Konflikt war ein Thema, das mich seit den 1970er Jahren beschäftigte. Ägypten war ein idealer Ausgangspunkt, um einen Beitrag zum Friedensprozess zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn zu leisten. Kairo hatte gegen alle Widerstände der arabischen Staaten nach dem historischen Besuch von Präsident Sadat 1977 in Israel an der Politik der Verständigung mit Israel festgehalten und eine lange Durststrecke der Isolierung in der arabischen Welt erfolgreich durchgestanden. Ägypten zog auf vielerlei Weise Nutzen aus dieser Politik, sicherheitspolitisch und ökonomisch. Ägypten war für den Friedensprozess und die Stabilität im Nahen Osten schlicht unverzichtbar. Die USA und der Westen ließen sich das etwas kosten. Die USA leisteten massive Militär- und Wirtschaftshilfe, auch Deutschland finanzierte so manches Entwicklungsprojekt, dessen Sinnhaftigkeit zumindest hinterfragbar war.

  Ein Höhepunkt meiner Arbeit in Kairo war sicherlich die große Konferenz zum Thema "Middle East Regional Cooperation: Prospects and Problems" (Regionale Zusammenarbeit im Nahen Osten: Möglichkeiten und Probleme) , die wir im Frühjahr 1993 durchführten. Es galt den 1991 begonnenen Friedensprozess zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn zu begleiten und zu unterstützen. Unser ägyptischer Partner war das "National Center for Middle East Studies", das von einem ehemaligen General mit besten Beziehungen in die Regierungsspitze geleitet wurde. Unterstützt wurden wir von der Harvard Universität, USA. Wir hatten über hundert Teilnehmer aus der arabischen Welt, Europa und den USA in Kairo versammelt. Das Entscheidende war jedoch, dass erstmals Israelis an einer solchen Konferenz auf arabischem Boden teilnahmen. Das war ein absolutes Novum und alles andere als selbstverständlich.

  Wenige Tage vor Beginn drohte die Konferenz zu platzen, weil, wie so oft im Nahen Osten, die politische Wetterlage von einem Tag auf den anderen von gemäßigt freundlich auf schlecht umgekippt war. Unser ägyptischer Partner wollte schon absagen, aber mit Hilfe der zuständigen Abteilungsleiterin im ägyptischen Außenministerium, Frau Tellawi, die in die Vorbereitungen mit einbezogen war, gelang es, die Konferenz zu retten. Wir hatten ohnehin schon die Flugtickets verschickt, Hotels gebucht etc. - bei einer so kurzfristigen Absage wäre das Chaos ausgebrochen. Die Konferenz wurde wie geplant eröffnet - in Anwesenheit des britischen und französischen Botschafters, der deutsche und der US-Botschafter fehlten. Angesichts der angespannten außenpolitischen Lage und der damit verbundenen Sicherheitsprobleme mussten wir auf ein erweitertes Publikum verzichten, was die Teilnehmer aus Israel und den USA bedauerten. Sie hatten auf eine große Ausstrahlung der Konferenz in die ägyptisch-arabische Öffentlichkeit gehofft.

  Vom Handel über die Finanzinstitutionen, dem Privatsektor, dem Arbeitsmarkt bis zum Tourismus wurden auf der Konferenz die Möglichkeiten der wirtschaftlichen Kooperation zwischen Israel und den arabischen Staaten untersucht und auf eine mögliche Friedensdividende abgeklopft. Wenige Wochen nach der Konferenz konnten wir die wichtigsten Beiträge und Ergebnisse in einem Reader zusammenfassen (Middle East Regional Cooperation: Prospects and Problems. Proceedings of the International Seminar, Cairo 29-31 March 1993). Noch ein Jahr später sagte mir der britische Botschafter, dass er zur Vorbereitung einschlägiger Gespräche diese Zusammenfassung zu Rate zöge. Die Konferenz zeigte vieles auf, was man tun konnte, um die Kooperation voran zu bringen - den politischen Willen immer vorausgesetzt. Alle würden davon profitieren, wenig wurde umgesetzt. Ich selbst bemühte mich in meiner verbleibenden Zeit in Kairo, das eine oder andere noch in Gang zu bringen - es war ein zeitraubendes und harziges Geschäft. Über Ansätze kam ich trotz mehrerer Reisen nach Israel und vielen Gesprächen nicht hinaus.

  Besonders interessierten mich natürlich die außenpolitischen Vorstellungen der Islamisten, die noch vage blieben. Forschungen veranlasste ich zur "Organisation der Islamischen Konferenz" (OIC), deren Sitz sich in Riad/Saudi Arabien befand und deren Funktionsweise im Westen noch relativ unbekannt war (Hrsg. Mohammad El Sayed Selim, Kairo 1984). Auffällig war die geringe Präsenz der Europäischen Gemeinschaft (EC, heute EU) im öffentlichen Bewusstsein Ägyptens. Im Vordergrund standen immer die USA. Um diesem Manko zu begegnen, führten wir 1993, wieder mit dem "Center for Political Research and Studies" der Universität Kairo ein Seminar zum Thema "EC, Germany and Egypt" durch, das auch die Botschaften in Gestalt der Gesandten des Vereinigten Königreichs und Deutschlands interessierte. Der britische Gesandte beteiligte sich besonders aktiv an der Diskussion und bedauerte, dass Großbritannien keine den deutschen vergleichbare Politische Stiftungen habe.

Terrorismus

  Wenn es eines Anstoßes zur Befassung mit dem politischen Islam bedurft hätte, dann war der islamistische Terrorismus in der Region eine tägliche Herausforderung. Mir ging es dabei weniger um eine Beschreibung und Analyse des Phänomens als um Überlegungen, vielleicht sogar Elemente längerfristiger Strategien, wie ihm zu begegnen sei. Zwar war das Alltagsleben in Kairo vom Terrorismus kaum beeinträchtigt. Von einem allgemeinen Klima der Angst konnte keine Rede sein. Die Anschläge richteten sich meist gegen Touristen, um die empfindliche Tourismus-Industrie, die eine wichtige Einnahmequelle des Landes war, zu schädigen und lahm zu legen. Es gab Anschläge auf Touristenbusse, so vor dem Ägyptischen Museum oder nilaufwärts in Luxor und im Tal der Könige, bei denen Touristen und Einheimische getötet wurden. Die bei Touristen so beliebten Kreuzfahrten wurden auf dem Unterlauf des Nil wegen der Gefährdung eingestellt. Wenn man Touristenansammlungen vermied, konnte man sich ohne Gefahr bewegen.

  Ein bis zwei Monate waren auch Ausländer generell im Visier. Auf die Bank, wo ich das Konto der Ebert-Stiftung und meine Privatkonto führte, war ein Anschlag verübt und eine Drohung hinterlassen worden: alle Ausländer sollten sofort das Land verlassen, wenn ihnen ihr Leben lieb sei. Die deutsche Evangelische Oberschule, die bei den Ägyptern sehr beliebt war, ergriff zeitweise Sicherheitsmaßnahmen. Das war für mich wichtig, denn meine jüngste Tochter ging dort in den Kindergarten. Eine besonders leidige Begleiterscheinung der Re-Islamisierung waren die Übergriffe auf Christen in Oberägypten, gegen die koptische Minderheit, die in einzelnen Regionen teilweise bis zu zwanzig Prozent der Bevölkerung ausmachte. Auch der Bau oder die Renovierung von christlichen Kirchen wurde erschwert, ja praktisch unmöglich gemacht. Aber das spielte sich fernab von Kairo ab, in der oberägyptischen Provinz.

  Das Mubarak-Regime hatte die Terrorszene recht schnell im Griff. Polizeiliche Maßnahmen reichten zum damaligen Zeitpunkt in Ägypten aus, um der Bedrohung Herr zu werden. Die Sicherheitslage war ohnehin gut, es gab kaum Kriminalität - was für eine Millionenstadt wie Kairo nicht selbstverständlich war. Der Siedlungsraum entlang dem Nil war schmal und übersichtlich, Terroristen konnten sich - anders als etwa in Algerien - nirgends verstecken. Abgesehen vom Sinai war in der Wüste ein Überleben unmöglich. Es blieben eigentlich nur die Zuckerrohrplantagen, die aber im abgeernteten Zustand keinen Schutz mehr boten. Verdächtige, die etwa mit Bart und Jalabia, einer Nachthemd artigen Kleidung, auffielen, verschwanden in großer Zahl in Gefängnissen. Als besondere Gefährder galten Rückkehrer aus Afghanistan, die sogenannten Afghanis. Sie waren als Freiwillige nach Afghanistan in den Dschihad gegen die Russen gezogen und kehrten nun mit Kampferfahrung in die Heimat zurück. Die Ägypter machten schon vor zweieinhalb Jahrzehnten dieselbe Erfahrung mit Rückkehrern aus dem Dschihad wie wir in Europa heute.

  Der Druck der Sicherheitsorgane war so groß, dass die Islamisten ins Ausland auswichen. Ägypter stellten u. a. einen Großteil der Kader der Al-Qaida von Osama bin Laden. Sie gingen auch ins westliche Ausland und bauten dort sogenannte Schläferzellen auf. Mit einem der obersten Richter Ägyptens, Al-Ashmawy, der selbst auf der Hitliste der Terroristen an oberster Stelle stand, reiste ich 1993 nach Deutschland, um die deutschen Behörden über die Gefahr zu informieren. Wir führten u. a. einschlägige Gespräche im Bonner Innenministerium (das Innenministerium zog erst nach 2000 nach Berlin um). Man hörte uns geduldig an; ob damals schon Konsequenzen gezogen wurden, weiß ich nicht. Außerdem veröffentlichte ich einen Aufsatz unter dem Titel "Die Angst des Westens vor dem Islam", in dem ich vor dieser Gefahr gewarnt habe (Die Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte, November 1994, 1028; GvS, Schriften I, 158). Am 11. September 2001 hat sie sich mit dem Angriff auf das World Trade Center in New York auf schreckliche Weise bewahrheitet.

Zum Umgang mit dem politischen Islam

  In Ägypten konnte ich in den 1990er Jahren beobachten, dass die kompromisslose und teilweise gewaltsame Unterdrückung des politischen Islam eine Radikalisierung zur Folge hatte, die sich bis zu terroristischen Angriffen steigerte. Sollte das Mubarak-Regime am Ende zugunsten der Islamisten kippen, hätte das dramatische Folgen für den Nahen Osten, wie man am Beispiel des Iran sehen konnte. Ich kam deshalb zur Auffassung, dass eine dosierte und allmähliche Integration des politischen Islam in das sich demokratisierende politische System des Landes das beste Mittel wäre, um der Wucht der Bewegung die Spitze zu nehmen. "Dosiert" deshalb, weil "freie und faire" Wahlen, die von einem Tag auf den anderen durchgeführt würden, einen Durchmarsch der Islamisten bedeutet hätte, wie man bei Wahlen in Algerien oder auch bei den ägyptischen Berufsgenossenschaften sehen konnte. Eine Mäßigung würde sich mit der behutsamen Einbeziehung in die Verantwortung von selbst ergeben. Dies war die Politik, wie sie mit Erfolg in Jordanien und Marokko praktiziert wurde.

  Nach der Rückkehr aus Kairo nach Bonn habe ich meine Auffassung weiter vertreten. Von Kennern der Region habe ich viel Zustimmung erhalten, in Deutschland und besonders Frankreich aber auch Widerspruch erfahren. Vielfach wird der politische Islam als eine Art Einheitsfront gesehen, die notwendigerweise zum Terrorismus führt. Das ist aber nicht richtig: das breite Spektrum des politischen Islam reicht von gemäßigten Kräften, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, bis zu terroristischen Gruppen, die mit allen Mitteln bekämpft werden müssen. Dazwischen gibt es viel Raum, der von einer klugen Politik genutzt werden kann - und genutzt werden muss. Muslime können das besser als Christen oder laizistische westliche Politiker. Die Beschränkung auf eine kompromisslose Unterdrückung des politischen Islam in allen seinen nicht-terroristischen Facetten führt im Ergebnis zu mehr Radikalisierung und zu mehr Terrorismus.

  Eine potentiell hoffnungsvolle Entwicklung hatte in der Türkei zu Beginn des 21. Jahrhunderts begonnen. Es gab dort eine - zwar nicht perfekte, aber funktionierende - Demokratie. Eine neue Mittelschicht entstand, die immens von dem wirtschaftlichen Aufschwung profitierte. Sie war/ist im Islam verwurzelt, neigt aber nicht zu politischen Extremismus; sie will in Ruhe ihren wirtschaftlichen Geschäften nachgehen und wünscht entsprechende Rahmenbedingungen. Leider droht diese Entwicklung zu kippen, da Präsident Erdogan mehr und mehr nach persönlicher Macht strebt. Hinzu kommt die Konfrontation mit den Kurden, die Behinderung der Opposition und die Unterdrückung der Medien, die die Integration des politischen Islam in eine immer weniger demokratisch verfasste Türkei erschweren - wenn sie sie nicht ganz unmöglich machen.

  Ägypten und andere arabische Staaten setzten weiter auf kompromisslose Repression. Die Regierungen von Ägypten und Tunesien wurden 2010/2011 von der sogenannten Arabellion, dem arabischen Frühling, hinweg gefegt. Die überstürzt angesetzten Wahlen brachten - voraussehbar - die Islamisten in Ägypten an die Macht oder hatten bürgerkriegsähnliche Verhältnisse wie in Tunesien zur Folge. In Ägypten zeigte sich, dass die Islamisten unter Präsident Mursi nach dem abrupten Übergang keineswegs in der Lage waren, das Land zu regieren und in eine friedliche Zukunft zu führen. Die Losung "Islam al Hal" (Der Islam ist die Lösung) reichte keineswegs aus, um das 80-Millionen Volk der Ägypter in eine gesicherte Zukunft zu führen. Die Armee putschte unter General Al-Sisi. Nun setzte wieder eine Repression ein, die die Unterdrückung noch verschärfte und radikalisierte. Im Rückblick erscheint Mubarak fast als der sanftere Potentat. Aber der Druck im Kessel steigt. Sollte es in Ägypten zu einer mit Syrien vergleichbaren Entwicklung kommen, stehen uns in Europa Probleme und Flüchtlingsströme von ganz neuer Dimension bevor.

Die Ohnmacht der Experten

  Mit Damaskus und Kairo hatte ich zwei der wichtigsten Posten im Nahen und Mittleren Osten kennen gelernt. Reisen ergänzten meine Kenntnisse. Das Arabische konnte ich hinlänglich. In Bonn war ich fast täglich mit der Region befasst gewesen. Ob ich damit schon zum Nahost-Experten aufgerückt war, will ich dahin gestellt sein lassen. Es gab doch einige, die sehr viel besser Bescheid wussten. Dazu zählte unzweifelhaft der langjährige Nahost-Korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung, Arnold Hottinger; er war einfach unschlagbar. Die Journalisten und Publizisten, die sich mit der Region befassten, waren mir fast alle irgendwann einmal begegnet. Dazu zählt auch Peter Scholl-Latour, der zu meiner Zeit in Damaskus ein paar Tage Station machte und in seinen Büchern einige politische Porträts hinterließ. Da wir die Kontakte hergestellt hatten, fürchteten wir, einige der Personen könnten sich an den Darstellungen und ihren karikaturhaften Überzeichnungen stören. Aber sie konnten kein deutsch...ups!

  Was für die Journalisten galt, galt noch mehr für die internationalen Diplomaten. Man traf zwischen Damaskus und Islamabad, Kairo und Dubai, Marokko oder Amman fast immer auf die gleichen. Es war eine Art Expertenrunde, die sich da herausbildet hatte. Der Vorteil war, dass man überall Bekannte anlaufen konnte, die weiterhelfen konnten. Der Nachteil war freilich, dass sie mit ihren Kenntnissen - und ihren Ratschlägen! - in den Hauptstädten nur selten durchdrangen. In Bonn/Berlin, Washington, Paris und London wusste man es besser. Anders ist die kontraproduktive Politik im Irak, in Afghanistan, in Libyen, um nur die auffälligsten Fehlleistungen zu nennen, nicht zu verstehen. Wer die Macht hat, glaubt alles besser zu wissen. Wie falsch die Politik war, zeigt sich erst später, wenn mit diesen Ländern die ganze Region destabilisiert wird. Was mit guter Absicht, dem Sturz der Tyrannen begonnen wird, endet oft fatal. Der Irak nach 2003 oder Libyen nach 2011 liefern täglich Anschauungsmaterial.

  Henry Kissinger hat einmal bedauert, dass er in seiner Zeit als Chef des State Departement (US-Außenministerium) die Analysen und Ratschläge von Experten nicht gelesen und berücksichtigt habe; viele Fehler hätte er vermeiden können. Wohl wahr!