2. Kapitel

Nachwehen des Krieges

   Meine Jugend fällt in die Zeit des sogenannten Wirtschaftswunders. Singen war in den 1950er Jahren eine Boom-Stadt. Das Wirtschaftswunder überdeckte nicht alles, bei näherem Hinsehen konnte man darunter die Wunden und Narben des Krieges unschwer erkennen. Die Kriegsschäden in Singen selbst waren gering. Aber die Menschen, die nach Singen kamen, hatten vielfach als Heimatvertriebene und/oder Flüchtlinge aus Schlesien, Pommern, Ost- und Westpreußen, dem Sudetenland und dem Balkan schlimme Erlebnisse hinter sich. Bald gab es in Singen ganze Stadtviertel, in denen die meisten Straßennamen an die verlorene Heimat erinnerten.

   Der Zweite Weltkrieg lag bei meiner Einschulung nur drei Jahre zurück, ständig trafen neue Vertriebene in Singen ein und wurden in bereits überfüllte Wohnungen zwangseingewiesen. Auf der Volksschule, aber auch noch auf dem Gymnasium wurden unter uns Kindern und Schülern die Erlebnisse der Heimatvertriebenen und Flüchtlingsfamilien beredet, es war ein stetes Raunen von der erlittenen Gewalt. Gräuelgeschichten machten die Runde. Haften geblieben ist mir eine Art Konsens, dass Flucht und Vertreibung bei den Tschechen am Schlimmsten war. Demgegenüber verblassten sogar die Begleiterscheinungen der Inbesitznahme Ostpreußens durch die Russen. Woran wir das als Kinder festmachten, weiß ich nicht mehr.

   Heute gibt es intensive Diskussionen über erlittene Kriegstraumata, u. a. im Zusammenhang mit den jugoslawischen Zerfallskriegen, Syrien, Afghanistan, deren Opfer insbesondere Frauen und Kinder wurden, die psycho-therapeutischer Behandlung bedürfen. Die millionenfachen Schädigungen und Traumata durch Flucht und Vertreibung 1945 wurden einfach tabuisiert und verdrängt. Aber es gab das Wissen unter uns Kindern. Der Krieg war noch in anderer Weise für uns Schüler gegenwärtig. Ich erinnere mich an eine Umfrage - es muss in der 5. oder 6. Klasse gewesen sein - wer in einer Familie ohne Vater aufwuchs. Mehr als die Hälfte hob die Hand. Die Väter waren gefallen, vermisst, z. T. noch in Kriegsgefangenschaft. Scheidungen waren in den 1950er Jahren noch selten. Es war eine "vaterlose" Generation, die heranwuchs - ein Schicksal, das mir persönlich erspart blieb.

   Zwei Bilder, die mich damals beschäftigten, tauchen in diesem Zusammenhang vor mir auf. An der Stirnwand der alten Aula des Hegau-Gymnasiums von Singen befindet sich ein großes Fresko, das 1936 vom Maler und Arzt Hans Lochmann (1912 - 1953) als Triptychon geschaffen wurde. In der Mitte liegt ein toter Soldat im Wehrmachtsmantel und Stahlhelm, links befindet sich eine kleine Männergruppe (Vater und Sohn?), rechts eine junge Frau mit Kleinkind. Oft habe ich über dieses Fresko gerätselt, das mich bei feierlichen oder weniger feierlichen Anlässen ( z. B. Musikstunden) während meiner ganzen Schulzeit im Gymnasium vor Augen stand. Auch andere hat es beschäftigt; ein Klassenkamerad hat die Entwürfe des Triptychons erworben und bewahrt sie in seinem Haus auf.

   Wie ich später erfuhr, war das Triptychon in der Nazi-Zeit bald zugehängt worden, weil es nicht martialisch genug war. Nachdem wir es in den 1950er und 1960er Jahren offen sehen konnten, wurde es in den 1970er Jahren wieder verhängt, weil es für diese Zeit zu martialisch war. Heute gibt es Überlegungen, es wiederum frei zu zeigen. Allerdings wird die alte Aula nur noch selten genutzt, da das Gymnasium über eine neue Aula verfügt. Was mich als Schüler sinnieren ließ, war vor und nach meiner Zeit offensichtlich ein Stein des Anstoßes gewesen. Bilder oder Fresken, die derart auf die Gemüter einwirken, haben einen eigenen Wert, der über die Wertungen eines wandelbaren Zeitgeistes hinaus geht. Man muss sie offen zeigen.

   In ähnlicher Weise hat mich die Darstellung eines großen Kirchenfensters in der evangelischen Lutherkirche in Singen beschäftigt. In der Kirche war ich konfirmiert worden, so dass ich reichlich Gelegenheit hatte, es zu betrachten. Gut sieht man es allerdings nur bei Gegenlicht von der Empore aus. Es zeigt einen tödlich verwundeten Soldaten in der Uniform des Ersten Weltkriegs mit einem Engel, der in den Himmel zeigt. Darunter die Inschrift: "Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde". Es war vor allem diese Inschrift, deren Sinn ich zu enträtseln versuchte. Für Freunde gern zu sterben, schien mir ein entlegener, zumindest kein naheliegender Gedanke zu sein.

   Sollte das der/ein Sinn des Sterbens sein? Oft hat das Fenster während der manchmal endlos scheinenden Gottesdienste und den ebenso langatmigen wie teilweise unverständlichen Predigten des Pfarrers meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Vielleicht gab es sonst nicht viel in der Kirche, was meine Fantasie hätte ablenken können? Was haben sich Stifter und Kirchenobrigkeit bei dieser Glorifizierung des Soldatentodes durch einen Engel Gottes wohl gedacht? Es steht natürlich für den Geist der Zwischenkriegs- und Nachkriegszeit in Singen. Auf den Gedanken, es zuzuhängen oder gar zu entfernen, ist meines Wissens - anders als bei dem Lochmann-Fresko im Gymnasium - noch niemand gekommen. Vielleicht weil Kirchgänger heute ohnehin selten geworden sind?

   Ab dem Alter von 15-16 Jahren habe ich mit wachsendem Interesse kriegsgeschichtliche Bücher gelesen, Schlachtpläne studiert, mir verschiedenste militärische Szenarien ausgedacht und sie vertieft. Stundenlange Wanderungen habe ich dazu genutzt oder ausgefüllt, indem ich derartigen Fantasien nachhing. Langweilte ich mich, brauchte ich nur eine entsprechende Assoziation aufzurufen und setzte damit ganze Gedankenketten in Gang, ohne jemals abzuschweifen. Da ich mehrere dicke Bände über den 1. Weltkrieg gelesen hatte, wälzte ich in Gedanken immer wieder verschiedene Alternativen durch, mit denen dieser Krieg doch noch hätte gewonnen werden können. Heute erscheint so etwas eher unwirklich, aber ich meine, dass es zumindest in meiner Generation noch etliche gab, die auf vergleichbare Gedankenspiele zurückblicken können.

   Später habe ich gelesen, dass berühmte Autoren, wie zum Beispiel Ernst Jünger, ihr ganzes Leben nie aufgehört haben, den Ersten Weltkrieg weiter zu kämpfen. Auch bei Martin Heidegger, dem Philosophen, ist das erkennbar (Anhang 3; GvS, Schriften I, 366). Es erscheint mir heute, als hätte ich deren Erbe angetreten, als wäre ich in eine Welt hineingeboren worden, die diesen Kampf wie selbstverständlich fortführte. Das galt für die Ost- und Westfront gleichermaßen. Westfront aber hieß Frankreich: Verdun, Hartmannsweilerkopf, Flandern etc. Wie oft habe ich von einem entscheidenden Durchbruch, dem Einschluss und der Vernichtung feindlicher Armeen geträumt, dem großen Sieg, zumindest von einem Ausgleichsfrieden, einem Frieden auf dem Status quo ante. Es sollte vielleicht keine Sieger, aber auch keine Verlierer geben. Der Hauptgegner hieß immer Frankreich.

   Die Weltkriege an der Ostfront haben in meiner jugendlichen Gedankenwelt ebenfalls eine große Rolle gespielt. War es Zufall oder eben doch eine jener merkwürdigen Schicksalsstunden, die mich als erste politisch-bewusste Veranstaltung an einem Vortrag über den sowjetischen Durchbruch im deutschen Mittelabschnitt im Jahr 1944 teilnehmen ließen. Ich war wohl kaum 16 Jahre alt und der Vortrag, organisiert von ehemaligen deutschen Offizieren im Hotel Central in Singen (das leider abgerissen wurde), hat lange bei mir nachgewirkt. Der sowjetische Durchbruch 1944 wurde zur schwersten Niederlage der deutschen Militärgeschichte, die Russen standen wenig später rund 1000 km weiter westlich - kurz vor Warschau - und die deutsche Heeresgruppe Mitte war vernichtet. Wenige Monate später erreichte die Rote Armee die Oder und eroberte Ende April 1945 Berlin.

   Im Ersten Weltkrieg hatten die deutschen Heere die Russen noch besiegt und mit dem Vertrag von Brest-Litowsk 1918 den Krieg im Osten beenden können. Was hätte man 1944 anders machen können, müssen? Die ehemaligen deutschen Offiziere spielten die Möglichkeiten durch. Es fehlten die Reserven, sie waren an der Westfront in Frankreich und im Süden in Italien in Kämpfen gegen die vorrückenden alliierten Truppen der USA und Großbritanniens gebunden bzw. in Afrika verheizt worden. Natürlich waren die Überlegungen der ehemaligen Wehrmachtsoffiziere auch Blaupausen für Szenarien im Kalten Krieg zu Beginn der Wiederbewaffnung und der Aufstellung der Bundeswehr. Wie hält man Kolonnen von tausend oder mehr Panzern auf? Wo würden die Sowjets versuchen, durchzubrechen? Im Fulda-Gap oder weiter nördlich frontal wie im Sommer 1944?

   Viel gedanklicher Stoff für mich auf einsamen Spaziergängen. Nun war ich allerdings kein einsamer Denker, vergleichbare Gedankenspiele wurden häufig in den Medien der jungen Bundesrepublik ausgebreitet. Die Erfahrung vom Juli 1944 saß tief. Die sowjetische Bedrohung wurde als allgegenwärtig wahrgenommen, sie war keineswegs abstrakt. Der Ungarn-Aufstand 1956 und dessen brutale Unterdrückung waren Fanale, die aufrüttelten. Ich habe die Ereignisse in Budapest erregt im Radio verfolgt und wollte den Ungarn Freiwillige zur Unterstützung schicken. Der Kalte Krieg war allgegenwärtig und schuf eine Atmosphäre ständiger Alarmbereitschaft, selbst im weitab gelegenen Singen. Jeden Samstag 12:00 heulten noch immer die Alarm-Sirenen, deren Funktionsfähigkeit regelmäßig überprüft wurde.

   Wenn ich den Krieg nicht mehr bewusst erlebt habe und in einer Atmosphäre aufgewachsen bin, in der "nur" noch die Nachwehen spürbar waren, müssen sich dennoch einige Erinnerungen aus meiner Kindheit und dem familiären Umfeld tief eingegraben haben. Als Bundespräsident Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985 seine berühmte Rede zum 8. Mai 1945, dem Tag der Kapitulation hielt und diesen Tag zum "Tag der Befreiung" erklärte, war ich im Ausland und habe die Rede erst im Nachhinein gelesen. Mir stieß die Rede sofort auf, denn sie widersprach diametral all meinen Erfahrungen. Das Thema hat in mir weiter gearbeitet, bis ich es - im Ruhestand frei von Karrierezwängen - 2011 wieder aufnahm.

   In den "Anmerkungen zur Rede von Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985 zum Kriegsende 1945" habe ich mich unter dem Titel "8. Mai 1945: Tag der Befreiung?" mit der Rede auseinandergesetzt und kam zu dem Ergebnis, dass deren "Tragweite enorm, die Tragfähigkeit nahezu null und die Folgen teilweise katastrophal" sind (Anhang 2 ; Guntram von Schenck, Schriften I, 195-220). Das Zurechtbiegen von Geschichte zu politischen Zwecken stößt an seine Grenzen, wo persönliche Erfahrungen entgegen stehen und eine Überprüfung erzwingen. Meine Jugend in Singen hat zu dieser Reaktion sicher entscheidend beigetragen.