20. Kapitel


1995-1999: Frankreich, Naher und Mittlerer Osten, Afrika


  Es war zur schlechten Angewohnheit geworden: die SPD hatte 1994 erneut die Bundestagswahlen verloren. Im Rhythmus der Legislaturperioden war ich im Spätherbst 1994 aus Ägypten nach Bonn zurückgekehrt. Die Ausgangslage für die Wahlen war zwar nach 12 Jahren Kanzlerschaft Helmut Kohls ganz gut gewesen. Die Umfragen hatten lange Zeit der SPD einen großen Vorsprung signalisiert, der allerdings auf den letzten Metern verspielt worden war. Dieter Engels, Fraktionsassistent, später Präsident des Bundesrechnungshofes, organisierte meine Rückkehr in die Bundestagsfraktion. Dort fand ich mich mit Gleichaltrigen in den Führungspositionen wieder. Ein gutes Verhältnis fand ich schnell zu den außenpolitischen Sprechern Günter Verheugen und Karsten D. Voigt. Meine Themenschwerpunkte bestimmte ich selbst, ich suchte sie mir dort, wo ich die künftigen außenpolitischen Brennpunkte sah. Natürlich verblieb mir der Nahe und Mittlere Osten, hinzu kamen vor allem Frankreich, Afrika und Indien.

  Mit einigen neu zur Außenpolitik gestoßenen Bundestagsabgeordneten hatte ich ein Problem. Sie stießen sich daran, dass Gesprächspartner aus dem Aus- und Inland das Gespräch eher mit mir als mit ihnen suchten. Das war nicht mein Wille, aber nach den vielen Jahren in der Außenpolitik kannte ich mich einfach gut aus und konnte ggfs. auch etwas umsetzen. Zur Erklärung sei gesagt, dass ein Bundestagsabgeordneter mindestens eine Legislaturperiode, in der Regel sogar zwei braucht, um ausreichend mit der Außenpolitik vertraut zu sein. Abgeordnete, die diesen Lernprozess noch nicht durchlaufen hatten (insbesondere aus der Ex-DDR), fühlten sich von mir womöglich etwas gegängelt oder bevormundet, obwohl ich mich soweit wie möglich zurücknahm und zurückhielt. Dennoch steuerte mich 1995 z. B. eine Delegation der Taliban, die damals im Westen noch akzeptiert waren, direkt an, weil sie meinen Namen aus meinem früheren Afghanistan-Engagement kannten. Mit erfahrenen Außenpolitikern und der Fraktionsspitze hatte ich dieses Problem nicht. Dort wurden meine Anregungen und Ratschläge gern angenommen.

  Konsequent arbeitete ich an meinem nächsten Anlauf für das Auswärtige Amt und versuchte, mir einen möglichst breiten Überblick zu verschaffen. Den Fraktionsbetrieb kannte ich, das Auswärtige Amt auch einigermaßen. Was mir noch fehlte waren Reisen, Kenntnisse und Kontakte vor Ort in den Weltregionen, die mich primär interessierten. Im Ergebnis war ich den nächsten Jahren ständig auf Dienstreisen rund um den Globus. Ich war so oft weg, dass meine Frau protestierte, sie sei praktisch "alleinerziehend" - Tochter Sophia besuchte damals Kindergarten und Grundschule in Bonn. Mindestens einmal im Monat war ich in Paris; in den Nahen und Mittleren Osten, nach Indien und Afrika bereitete ich Delegationsreisen vor und begleitete sie. Stützen konnte ich mich auf die Deutschen Botschaften und die Vertretungen der Friedrich-Ebert-Stiftung. Auf den Reisen fiel es leicht, freundschaftliche Beziehungen zu führenden Politikern zu entwickeln. Oft fuhr ich allein, hielt Vorträge oder führte Gespräche, meist beides. Auch Wahlbeobachtungen gehörten zu meinem Ressort.


Neujustierung der Außenpolitik

  Die Wiedervereinigung hatte das außenpolitische Umfeld Deutschlands grundlegend verändert. Das sahen viele zunächst nicht und klammerten sich mit der Krücke "Kontinuität" an den "bewährten" Grundlinien der Bonner Republik fest. Das war zwar im Hinblick auf das Ausland, das die Wiedervereinigung nicht frei von Sorgen beobachtet hatte, nicht ganz falsch: das neue Deutschland sollte weiter als berechenbar, friedfertig, pro-europäisch und pro-atlantisch wahrgenommen werden. Das reichte aber nicht aus. Deutschland war wieder voll souverän, ein wirtschaftlicher und demografischer Kraftklotz mitten in Europa, der das europäische Gleichgewicht veränderte. Die Lage war insoweit derjenigen nach der Reichsgründung 1871 bis 1945 nicht unähnlich: Deutschland war einerseits zu schwach, um eine Hegemonie auszuüben, andererseits zu mächtig, um nicht den Argwohn und Gegenreaktionen der Nachbarn hervorzurufen. Das wurde nicht sofort offenkundig: noch standen ausländische Truppen in Deutschland und das wiedervereinigte Deutschland hatte die ersten Jahre wirtschaftliche Schwierigkeiten bei der Integration der Ex-DDR.

  Es war absehbar, dass diese retardierenden Elemente verschwinden würden. Die deutsche Außenpolitik musste Wege finden, das Dilemma von 1871 - 1945 zu überwinden. Der Weg von der halbsouveränen Bonner Republik zum souveränen Deutschland, das über wirtschaftliche Interessen hinaus zunehmend außenpolitische Verantwortung übernahm, musste durchdacht werden. Natürlich war die europäische Einigung der vorgezeichnete und richtige Weg. Aber innerhalb der Europäischen Union zeichneten sich schon bald dieselben Ungleichgewichte ab, die nach der Reichsgründung 1871 Deutschlands Beziehungen zu seinen Nachbarn vergiftet hatten. Der Satz von den "Freunden, die uns umgeben" allein würde das Problem nicht lösen. Genauso wenig das Mantra vom "europäischen Deutschland", das im Gegensatz zum "deutschen Europa" stehe. Gerade diejenigen, die vor 1989/1990 für die deutsche Einheit gekämpft hatten, standen nun vor der Frage, das wiedervereinigte Deutschland außenpolitisch so zu verorten, dass sich die Katastrophen von 1914 bis 1945 nicht wiederholen konnten.

  Vor mir liegt ein Aktenordner mit Vermerken, die ich von 1995 bis 1999 verfasst habe, und Dokumente, die mit meiner Mitwirkung entstanden sind. Meist handelt es ich um interne Papiere, die seinerzeit nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren. Sie spiegeln eine interne Diskussion wieder, die heute nur noch historisches Interesse hat und deshalb teilweise offengelegt werden kann. Ein Vermerk vom 4. Oktober 1995 für den außenpolitischen Sprecher Karsten D. Voigt (eine Art Denkschrift) scheint mir besonders aufschlussreich. Er beginnt mit einem Plädoyer für das außenpolitische Denken in Begriffen des nationalen Interesses, was für die SPD damals alles andere als Allgemeingut war (bis heute nicht). Es ist die Grundlage der Außenpolitik aller Staaten dieser Welt. Wer sich nicht auf dieser Grundlage bewegt, dessen Politik ist nicht berechenbar und riskiert zu scheitern. Das Verhältnis zu Russland und zur Ukraine sowie die Stabilität im Mittelmeerraum bilden weitere Punkte des Vermerks. Die US-Präsenz in Europa, die den eigentlichen Unterschied zur Lage nach 1871 ausmacht und deshalb im wohlverstandenen Eigeninteresse Deutschlands ist, wird ebenfalls im Rahmen der transatlantischen Beziehungen angesprochen.

Frankreich

  Das Hauptproblem, das sich schon Mitte der 1990er Jahre abzeichnete, war und ist das zunehmende Ungleichgewicht zwischen Deutschland und Frankreich. Es reicht nicht, reflexartig bei jeder Krise wortreich ein "Mehr an Europa", eine immer sich vertiefende Integration einzufordern. Wenn die Europäische Einigung der Ausweg aus dem deutschen Dilemma sein soll, müssen Frankreich und Deutschland dasselbe existentielle Interesse daran haben. Sie sind die unabdingbaren Stützen oder Motoren des Projekts. Sieht sich ein Partner benachteiligt, seine Interessen von denen des stärkeren Partners beeinträchtigt oder dominiert, gibt es ein Problem. Bis zur Wiedervereinigung war das Kräfteverhältnis in etwa ausbalanciert: der wirtschaftlichen Stärke (West)-Deutschlands konnte Frankreich sein größeres internationales politisches Gewicht u. a. als Mitglied des UN-Sicherheitsrates entgegensetzen. Paris war bis 1990 ohne jeden Zweifel der wichtigste Ansprechpartner in Westeuropa. Mit der Wiedervereinigung hat sich das allmählich zugunsten Berlins verschoben. Schon Mitte der 1990er Jahren war vorauszusehen, dass es Verwerfungen geben würde, bliebe die Balance dauerhaft unausgeglichen.

  Die Frage war also, wie auf mittlere und längere Sicht das Ungleichgewicht behoben werden konnte. Die Einführung des Euro, auf der Frankreich als Konzession für die Zustimmung zur Wiedervereinigung bestand, konnte vielleicht Abhilfe schaffen. Deshalb musste der Euro gegen Widerstände in Deutschland durchgesetzt werden, bis er zu Beginn des 21. Jahrhunderts volle Realität wurde. Helmut Kohl hat das richtig gesehen und entsprechend gehandelt. Auch in der SPD gab es Widerstände - sie waren sachlich durchaus begründet. Letztlich stimmten die führenden Sozialdemokraten aus politischen Gründen zu, wofür auch ich neben anderen mit dem Hinweis auf Frankreich geworben hatte. Voraussetzung war immer gewesen, dass der Euro gut verwaltet würde und sich alle Staaten an die verabredeten Regeln hielten. Es war eine Wette auf die Zukunft, mit ungewissem Ausgang: des Ausgleichs mit Frankreich zuliebe. Pacta sunt servanda (Abmachungen/Verträge sind einzuhalten), wie die alten Römer sagten. Die deutsche Sozialdemokratie hielt sich trotz triftigen, sachlichen Einwänden daran.

  Wie brennend das Frankreich-Problem war, zeigt ein radikales Gedankenspiel, das ich in dem o. g. Vermerk entwickelte. Könnte man nicht Frankreich, d. h. dem Quai d´Orsay, dem französischen Außenministerium die europäische Außenpolitik anvertrauen. Ein europäisches Außenministerium gab es 1995 noch nicht und würde auch so schnell kein wirkliches Gewicht erlangen (wie sich später bei der EU-Außenbeauftragten Frau Mogherini zeigen würde). Frankreich hatte eine ausgezeichnete und eingespielte Diplomatie und als europäische Kontinentalmacht eine jahrhundertelange Erfahrung. Statt nur für Frankreich müsste der Quai d´ Orsay nun für West- und Mitteleuropa Verantwortung mit übernehmen und sich deren Interessen zu eigen machen. Mit anderen Worten hieß das, Frankreich eine außenpolitische Führungsrolle in der Europäischen Union zuzuerkennen. Das hätte auch die Frage des Ständigen Sitzes im UN-Sicherheitsrat gelöst, den Deutschland anstrebte. Machbar war das in der Phase unmittelbar nach der Wiedervereinigung, als sich das deutsche Selbstbewusstsein außenpolitisch noch nicht konsolidiert hatte und die deutsche Politik noch daran gewohnt war, aus dem Ausland die entscheidenden Direktiven zu erhalten.

  Das wäre auch nicht schlechter gewesen als die Politik des wiedervereinigten Deutschland, das z. B. in den jugoslawischen Zerfallskriegen in die gleiche Situation geriet, wie das Kaiserreich von Wilhelm II. Es anerkannte Slowenien und Kroatien vorzeitig an und stellte sich gegen Frankreich, England und Russland. Nur die Parteinahme der USA zugunsten der Position Deutschlands verhinderte damals Schlimmeres. Auch war in der Folgezeit nie ganz klar, welche Interessen Deutschland eigentlich vertrat: deutsche oder europäische, z. B. in der Ukraine-Krise? Die deutsche politische Klasse ist unsicher, ob und wie sie Interessenpolitik vertreten soll. Manchmal handelt sie vorschnell, manchmal schüchtern, manchmal tapsig. Sie hat anders als Frankreich, Großbritannien, Russland oder die USA kein außenpolitisches Handlungsgerüst, das diese Nationen in Jahrhunderten ausgebildet haben und auf das sie in Krisen reflexartig zurückfallen (können). In der kurzen deutschen Nationalgeschichte gab es seit 1871 nur Katastrophen. Ein erprobtes außenpolitisches Selbstbewusstsein konnte sich nie entwickeln. Die schon angesprochene "Kontinuität" von der Bonner zur Berliner Republik ist eine Chimäre, Zeugnis einer unfassbaren Denkfaulheit.

  Ein zweites radikales Gedankenspiel habe ich in dem o. g. Vermerk angesprochen. Deutschland war vor 1871 im sogenannten Deutschen Bund vereint gewesen, zu dem damals noch Österreich gehörte. Niemand störte sich in Europa an dieser großen, bevölkerungsreichen Landmasse im Herzen Europas. Erst die Bündelung dieser Kräfte mit der Reichsgründung 1871 und die Entstehung des deutschen Kraftklotzes mit unsicherer, weil unerfahrener Diplomatie im Herzen Europas ließ die Probleme aufbrechen. Wäre es nicht möglich, die Bundesrepublik nach 1990 in einer Weise zu organisieren, die sich föderal mehr am Deutschen Bund vor 1871 als dem Nationalstaat Bismarcks orientierte, d. h. irgendwo dazwischen? Wäre das nicht auch ein Konzept, das dem "Europa der Regionen" näher käme? Entspräche es nicht auch dem europäischen Zeitgeist, wenn Schottland, Katalonien, Korsika die Fesseln nationalstaatlicher Gebundenheit abwerfen wollen und nach Unabhängigkeit streben. Die föderale Neuordnung Deutschlands war nach dem Beitritt der DDR Anfang der 1990er Jahre durchaus ein Thema. Sie wurde auch angegangen, wenngleich nicht mit der gleichen radikalen Zielrichtung, wie dargelegt. Europaverträglicher wäre eine solche Neuordnung in jedem Fall gewesen.

  Mein Vermerk zirkulierte und wurde besprochen, hatte aber keine Chancen oder unmittelbaren Folgen. Das konnte er auch nicht, schließlich saß die SPD in der Opposition. Wenn er hier zum Teil referiert wird, so als Beleg dafür, dass an der Spitze der SPD die kommenden Probleme mit Frankreich durchaus gesehen wurden. Wenn 2015 im Europäischen Parlament der französische Staatspräsident Francois Hollande von Marine le Pen, der Vorsitzenden des französischen Front National, als Stellvertreter der deutschen Kanzlerin für die Provinz Frankreich begrüßt wird, zeugt das von dem tiefsitzenden Unbehagen in Frankreich über das Verhältnis zu Deutschland und Frankreichs Rolle in der Europäischen Union. Der Front National hat im Herbst 2015 bei den Regionalwahlen in Frankreich immerhin rund 25 %, in einigen Regionen bis zu 35 % der Stimmen eingesammelt.

  In Frankreich werden, um das noch anzufügen, weitere Integrationsschritte in der Europäischen Union auch von europäisch gesonnenen Franzosen (z. B. Fabius) abgelehnt, nicht nur, weil man keine Souveränitätsrechte mehr abgeben will, sondern weil es bedeuten würde, dass Berlin via Brüssel in Frankreich noch mehr hineinreden würde. Frankreich ist der Schlüssel nicht nur für eine positive Zukunft Europas sondern auch für eine gedeihliche Entwicklung Deutschlands in eben diesem Europa. Sollte der alte deutsch-französische Zwist, der jahrhundertelang das Verhältnis zwischen Frankreich und Deutschland vergiftet hat, wieder aufbrechen, dann haben wir in Deutschland und in Europa mehr als ein Problem. Es gilt das Mantra: Frankreich und Deutschland gehen zusammen oder sie gehen nirgendwo hin.

  Nach dieser grundsätzlichen Vorrede, konnte es gar nicht anders sein, als dass Frankreich ab Mitte der 1990er Jahre schnell zu meinem bevorzugten Betätigungsfeld wurde. Die Pflege der Sonderbeziehungen zu Frankreich gehört zwar verbal zum Standardrepertoire deutscher Politik, doch tun sich die meisten Politiker in der konkreten Umsetzung schwer. Eine erste und wichtige Hürde sind die Sprachkenntnisse, an denen es auf beiden Seiten zunehmend fehlt. Der vertraute Umgang stellt sich eben nicht über eine Drittsprache, wie das Englische her. Viele deutsche Politiker können englisch, aber die französische Kultur, die spezifischen Denk- und Verhaltensweisen der Franzosen sind ihnen fremd. Umgekehrt gilt das Gleiche. Politisch gibt es immer wieder Schwankungen im deutsch-französischen Verhältnis, Entfremdungsprozesse und Krisen. Sie werden meist erst dann überwunden, wenn beiden Seiten klar ist, dass es ohne den deutschen bzw. französischen Partner eben nicht geht. Die harmonische Zusammenarbeit ist kein Selbstläufer. Die deutsch-französische Zusammenarbeit darf nicht von den guten persönlichen Beziehungen der Spitzenpolitiker abhängen, so wichtig sie auch sind. Die Kooperation muss sehr viel mehr von unten nach oben aufgebaut werden.

  Darin sah ich meine Aufgabe und fand ein großes, weithin unbeackertes Feld vor. Die Beziehungen zur Schwesterpartei, der Sozialistischen Partei Frankreichs (Parti Socialiste) gestalteten sich eng. Wir erarbeiteten gemeinsame Papiere, führten zusammen Seminare, Konferenzen und Missionen durch. Die Verteidigungspolitik, der Islamismus, der Mittelmeerraum und der Balkan waren brennende Themen. Das zentrale, gemeinsame deutsch-französische Projekt war (und ist) natürlich der Europäische Einigungsprozess. Im bilateralen Bereich erarbeiteten wir Vorschläge zu Themen, die vom deutsch-französischen Fernsehsender "Arte" über gemeinsame "Akademien" bis hin zur Industriepolitik einschließlich der Rüstungskooperation reichten. Im Quai d´Orsay, dem französischen Außenministerium verkehrte ich damals wahrscheinlich häufiger als im Auswärtigen Amt. Da ich einer der wenigen außenpolitisch versierten Sozialdemokraten war, die frei auf Französisch reden und diskutieren konnten, hatte ich mehrmals die Gelegenheit, in der Assemblée Nationale, dem französischen Parlament, mit französischen Politikern öffentlich zu diskutieren, u. a. mit Jack Lang, dem bekannten, ehemaligen Kulturminister, oder Pierre Moscovici, dem späteren EU-Kommissar (GvS, Schriften I, 57).

  In Bonn hielten wir engen Kontakt mit der französischen Botschaft. Der Botschafter, Francois Scheer, war ein hoher und einflussreicher Beamter des Quai d´Orsay gewesen, bevor er Botschafter in Deutschland wurde. Er stammte aus Straßburg und sprach ausgezeichnet deutsch (leider wird im Elsass als Folge der aggressiven französischen Sprachpolitik deutsch zurückgedrängt und kaum mehr gesprochen), sein Großvater hatte im 1. Weltkrieg auf deutscher Seite gekämpft. Er war für die deutsch-französische Verständigung geradezu prädestiniert. Wir luden ihn mehrfach zu Vorträgen in die SPD-Bundestagsfraktion ein, wo er u. a. über die französische Afrika-Politik und die Probleme berichtete, die sich dort mit der Ausbreitung des Islamismus aufbauten. Einen Vortrag Scheers über den Bürgerkrieg in Algerien zwischen dem Regime und den Islamisten der FIS-Partei, der sich von 1992-1998 hinzog, blockierte Hans-Jürgen Wischnewski, der alte aus dem Unabhängigkeitskrieg Algeriens stammende Beziehungen zum algerischen Militärregime unterhielt. Die Algerier wollten nicht, dass uns zum algerischen Bürgerkrieg die französische Sichtweise geboten wurde - als hätten wir uns nicht selbst ein Urteil bilden können.

Dienstreisen

  Auf den Dienstreisen lernten wir fast immer die politischen Spitzen der besuchten Länder kennen, und, wenn wir wollten und Zeit hatten, auch die führenden kulturellen und religiösen Persönlichkeiten. Letzteres war vor allem in den islamischen Ländern wichtig. Im Ausland war bekannt, dass die SPD für die Bundestags-Wahlen 1998 beste Chancen zur Regierungsübernahme hatte, so dass wir gern gesehene Gesprächspartner waren. Man wollte uns nach den vielen Kohl-Jahren, in denen SPD-Politiker eher Randfiguren waren, in der neuen Formation kennen lernen. In Israel kannte ich ab der Zeit von Ministerpräsident Jitzchak Shamir praktisch alle maßgebenden Politiker. Das gleiche gilt für Arafat und die Palästinenser. 1998 bereitete ich für den Fall einer Regierungsübernahme die kommende deutsche EU-Ratspräsidentschaft mit vor. Die Palästinenser wollten ihren Staat ausrufen, was größte Verwicklungen ausgelöst hätte.


Mit Yassir Arafat

  Während einer Dienstreise gemeinsam mit Franzosen (Stiftung Jean Jaurès) in Rumänien wurde ich vom Tod meines Vaters überrascht. Wir gaben rumänischen Parteifreunden eine Art Nachhilfeunterricht in politisch-parlamentarischer Praxis. Die mehrtägige Veranstaltung fand in einem abgelegenen Kloster in den Karpathen statt. Adresse oder Telefonnummer hatte ich vor der Abreise nicht erhalten, also auch nicht daheim hinterlassen können. Mein Bruder benachrichtigte mich, nachdem mich das deutsche Konsulat in Temesvar irgendwie ausfindig gemacht hatte. Mein Beitrag auf der Veranstaltung wurde kurzfristig vorgezogen. Danach brachte mich ein rumänischer Teilnehmer über Brasov (Kronstadt) zum Flughafen Bukarest. Wir fuhren in Siebenbürgen durch Gebiete, die noch vor wenigen Jahren von der deutschen Minderheit der Siebenbürger Sachsen bewohnt waren, die dort seit dem Mittelalter ansässig gewesen waren. Wie ein Gleichnis des Todes ragten die großen zugemauerten Kirchen der Siebenbürger Sachsen in die Landschaft, umgeben von Friedhöfen, deren Gräber zubetoniert waren. Der Tod schien überall präsent zu sein.

  Jede Reise würde einen Bericht und Kommentare verdienen, die mehrere Bücher füllen könnten. Einige Begebenheiten sollen nicht unerwähnt bleiben. In Togo war ich mit zwei anderen Deutschen als Wahlbeobachter unterwegs. Noch vor der endgültigen Auszählung der Wahlergebnisse wurden wir zu Staatspräsident Eyadema einbestellt, der uns mit Champagner und anderen Leckereien bewirtete. Das gab es nicht umsonst, er erwartete von uns eine Absegnung seiner Wiederwahl als "frei und fair". Er spielte darauf an, dass Togo vor dem 1. Weltkrieg deutsche Kolonie gewesen sei, und meinte, "wir Deutsche" müssten doch zusammen halten. Wir segneten seine Wiederwahl nicht ab und wurden in Ungnade entlassen. Vorher hatte Eyadema aus seiner Jugend erzählt, in der er ein berühmter "lutteur" gewesen sei. Auf meine Frage, was ein "lutteur" sei, kam er herausfordernd-bedrohlich, aber grinsend auf mich zu und forderte mich auf, mit ihm zu kämpfen: er wolle mir das mal demonstrieren. So reizvoll es sicher gewesen wäre, mit einem Staatsoberhaupt zu boxen oder zu ringen, lehnte ich doch dankend ab.




  In Algerien war ich 1997 - ebenfalls als Wahlbeobachter - in der Nähe des Aurès-Gebirges in Batna eingesetzt. Im Aurès-Gebirge hatte 1956 der Aufstand der Algerier gegen die Franzosen begonnen. Die Franzosen hatten das Gebiet danach nie mehr in den Griff bekommen, der Aurès war zu wild, zu unzugänglich. 1997 glich die Lage wieder der aus dem Unabhängigkeitskrieg, der Aurès war jetzt allerdings eine Hochburg der Islamisten. Ich wurde im Gouverneurspalast untergebracht und durfte ihn wegen der allgegenwärtigen Gefahr nicht verlassen. Zur Inspektion der Wahllokale fuhr ich mit dem Gouverneur in einer Kolonne übers Land: erstes Fahrzeug ein Panzerspähwagen, darauf ein MG-Schütze, bereit zum Feuern, dahinter zwei gepanzerte PKWs mit Geheimdienstlern, dann im gepanzerten Fahrzeug der Gouverneur und ich, dahinter die gleiche Aufstellung wie vorn, nur in umgekehrter Reihenfolge. Ein Bild wie aus einem Film - so bewegen sich Besatzer in Feindesland. Man hatte mich vorgewarnt, dass ich bei einem Angriff entweder von den Aufständischen oder dem Begleitpersonal der Regierung erschossen würde, da beide Seiten keine Zeugen wollten. Ob das stimmte oder nur Gerede war, habe ich Gott sei Dank nie erfahren.

Deutschlands 007: Werner Mauss

  Im Herbst 1998 hatte die SPD die Bundestagswahl gewonnen. Die Regierungsbildung war noch nicht abgeschlossen, als ich wegen eines Deutschen kontaktiert wurde, der in Kolumbien als Geisel genommen worden war. Nachdem ich mich rückversichert hatte, erklärte ich mich bereit, mich für seine Freilassung einzusetzen. Wenig später meldete sich Werner Mauss, der Kontakte zu den Entführern in Kolumbien herzustellen versprach. In Kolumbien kämpften Guerilla-Bewegungen seit Jahrzehnten gegen den Staat und kontrollierten weite Teile des Landes. Geiselnahme war neben dem Anbau und dem Verkauf von Drogen eine ihrer wichtigsten Einnahmequellen. Werner Mauss war in Geheimdienstkreisen als Superagent und deutscher 007 bekannt und in Verruf. Mehrfach war in den Medien über ihn berichtet worden. Der frühere "Spiegel" - und spätere "Welt" - Chefredakteur Stefan Aust hatte 1988 ein Buch über ihn veröffentlicht: "Mauss: ein deutscher Agent", für das er den Adolf-Grimme-Preis erhalten hatte.

  Mauss wollte die Geiselbefreiung nutzen, um mit der neuen SPD-Regierung ins Benehmen kommen. Mit Kanzleramtsminister und Geheimdienstkoordinator Bernd Schmidbauer hatte es in der Ära Kohl häufige Kontakte und eine Zusammenarbeit gegeben. In mir vermutete er ein geeignetes Instrument, um die Fortsetzung dieser Kooperation mit der neuen Regierung einzuleiten. Nach vielen Telefonaten und Kontakten - auch zum Bundeskriminalamt (BKA) - gelang es, die Geisel ohne Lösegeldzahlung frei zu bekommen. Es handelte sich um einen Zahnarzt, der sich zur Ruhe gesetzt, dann aber (voller Unruhe) trotz Warnung mit einem Geländewagen in Kolumbien durch ein Guerilla verseuchtes Gebiet gefahren war (Süddeutsche Zeitung 11.1.1999; Focus 2/1999,12). Meine Zusammenarbeit mit dem BKA begann damit, dass mehrere Beamte in mein Büro stürmten, als hätten sich die Guerilla-Entführer dort versteckt. Vielleicht irre ich mich: aber ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass dem BKA mindestens soviel daran lag, Mauss auf die Schliche zu kommen wie die Geisel zu befreien. Mauss hatte das BKA in der Vergangenheit mehrfach ausgestochen und dumm dastehen lassen...

  Nach der Geiselbefreiung brach ich den Kontakt mit Werner Mauss ab. Ich wollte mich nicht instrumentalisieren lassen. Ich war zudem von mehreren Seiten gewarnt worden: Mauss habe noch jedem geschadet, der sich mit ihm einließ. In der Phase des Wechsels ins Auswärtige Amt konnte ich das wirklich nicht gebrauchen. Es wäre unklug gewesen, das zu ignorieren. Wie stachlig die ganze Sache war, zeigte sich wenig später: Die Geiselbefreiung hatte ein publizistisch-juristisches Nachspiel. Hans Leyendecker, Redakteur und Geheimdienstexperte der Süddeutschen Zeitung, hatte über die Geiselnahme berichtet und damit eine juristische Reaktion von Werner Mauss provoziert. Leyendecker suchte mich im Büro auf und wollte mich als Zeugen für seine Version aufrufen. Ich lehnte ab, ich misstraute ihm. Mitte der 1990er Jahre hatte Leyendecker als Spiegel-Journalist über den Spionageprozess gegen Karl Wienand berichtet und ein falsches, weil geschöntes Bild von Karl Wienand gezeichnet. Das hatte ich nicht vergessen.


  Abschließend wäre zu sagen, dass die Legislaturperiode von 1994 - 1998 recht gut gelaufen war - für mich und die SPD. Wir hatten Morgenluft gewittert, sahen uns auf der Erfolgsspur, es ging voran. Ich muss kaum betonen, dass das ungemein beflügelnd war. Im Rhythmus der Legislaturperioden war das schon die fünfte, die richtig Freude machte. Erst Damaskus, dann die Arbeit mit Hans-Jochen Vogel, die deutsche Einheit, Kairo und nun der Anlauf zur Regierungsübernahme. Besser konnte es eigentlich nicht kommen.