22. Kapitel
 
 
2001-2006: Deutsche Ständige Vertretung Rom
 
 
   Mit dem Eintritt ins Auswärtige Amt (AA) hatte ich schon die Absicht verbunden, alsbald auf einen Auslandsposten zu wechseln. Die Funktion eines Beauftragten für den Barcelona-Prozess war nur eine Übergangsposition gewesen, die es mir erlauben würde, das Innenleben des AA besser kennen zu lernen. Auf einem Auslandsposten sind solche Kenntnisse und Erfahrungen von großem Wert. In Vorgesprächen hatte ich eine deutliche Präferenz für den Mittelmeerraum und Frankreich zu erkennen gegeben. Dort hatte ich mich seit meinen Jugendreisen bewegt. Ohne Zögern habe ich eingeschlagen, als mir Rom in Aussicht gestellt wurde. Ich sah in Rom eine gute Zwischenstation, von wo aus ich später nach Paris oder in den Nahen und Mittleren Osten weiter ziehen würde. Rom hatte als Stadt alles, was ich mir wünschen konnte. Meine jüngere Tochter würde in Rom die Deutsche Schule besuchen können, musste also nicht das Schulsystem wechseln. Rom war für mich als Historiker zudem ein Ort, der vom Altertum bis in die Moderne grandioser nicht sein konnte. Allein die kunsthistorischen Zeugen der Vergangenheit bieten Stoff für mehrere Forscherleben.

   Als mir Rom angeboten wurde, war mir neu, dass es dort eine deutsche Ständige Vertretung bei den Internationalen Organisationen der Vereinten Nationen (VN) gab. Die Ständige Vertretung ist neben den Botschaften beim italienischen Staat (Quirinal) und dem Vatikan die dritte Vertretung der Bundesrepublik Deutschland mit einem Botschafter in Rom. Sie war noch kaum bekannt, weil sie erst nach der Wiedervereinigung 1992 eingerichtet worden war, um dem gewachsenen politischen Gewicht Deutschlands Rechnung zu tragen. Deutschland war 1992 mit Frankreich, Großbritannien, den USA, aber auch den Niederlanden gleichgezogen, die bei den VN-Organisationen in Rom schon Vertretungen mit Botschaftern hatten. Die in Rom angesiedelten Internationalen VN-Organisationen: die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), das Welternährungsprogramm (WEP) und der Internationale Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung (IFAD) hatten Aufgaben, die bisher nicht zu meinen Interessengebieten gehörten. Mein einziger inhaltlicher Bezug zur künftigen Tätigkeit war die Forstwirtschaft, da wir in der Familie einen größeren Waldbesitz geerbt hatten, dessen Pflege ich aber interessierten (und zerstrittenen) Vettern überlassen hatte.
 
   Die deutsche VN-Vertretung war im gleichen Gebäude wie die bilaterale Botschaft untergebracht, hatte aber die bei weitem repräsentativsten Räume inne, einschließlich einem wundervoll getäfelten Sitzungssaal. Mein Büro war etwa doppelt so groß wie das des bilateralen Botschafters. Der Fußboden der Vertretung war mit Porphyr ausgelegt. Ich kann aber nicht sagen, dass das mein (oder unser) Selbstwertgefühl sonderlich gehoben hätte. Warum die Aufteilung des Gebäudes so vorgenommen worden war, entzog sich meiner Kenntnis, veranlasste aber mehrfach die bilateralen Botschafter zu (ironischen) Bemerkungen. Es mag skurril klingen, aber das Thema Botschaftsgebäude war in Rom eines der großen Themen. Zweimal hatte Deutschland in Rom als Folge des Ersten und Zweiten Weltkrieg repräsentative Botschaftsgebäude verloren: Vor dem Ersten Weltkrieg hatten wir zum Missfallen der Italiener auf dem (heiligen) Kapitol im Palazzo Caffarelli gesessen und wurden nach dem Kriegseintritt Italiens 1915 enteignet; zwischen den Kriegen war die Botschaft in der Villa Wolkonsky untergebracht, die die Briten nach 1945 (als Kriegsbeute) übernahmen und die sie bis heute als Botschaft nutzen. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Suche nach einer neuen repräsentativen Botschaft entweder an den Italienern oder an deutschen Fiskalbeamten, vermutlich an beiden gescheitert. So saßen wir nun seit einigen Jahren im Bahnhofsviertel (Termini) in einem renovierten, ehemaligen Bankgebäude. Mir hat es gut gefallen.

 Die Verwaltung der Vertretung war mit der bilateralen Botschaft (Quirinal) in einer Verwaltungsgemeinschaft zusammengelegt, was Vor- und Nachteile hatte. Der Vorteil war, dass wir uns nicht um alles kümmern mussten und die Verwaltung uns viel Kleinkram abnahm. Der Nachteil war sicherlich, dass sich die Verwaltung mehr um die Belange der bilateralen Botschaft bemühte und die Ständige Vertretung manchmal als eine Art Anhängsel betrachtete. Über die Verwaltung gelangten Stellungnahmen an das AA in Berlin, die den Interessen der bilateralen Botschaft entsprachen, die aber nicht immer mit mir abgestimmt waren, mir aber zugeschrieben wurden. Das war ärgerlich und ich musste dann energisch korrigierend eingreifen. So wurde über die Verwaltung wiederholt versucht, mich zur Aufgabe meiner Residenz, dem Botschafter-Wohnsitz mit dem herrlichen Ausblick auf die benachbarte Engelsburg zu bewegen. Dazu muss man wissen, dass die Residenz des bilateralen Botschafters (Quirinal), die Villa Almone, außerhalb der Stadt (extra muros) auf einer Verkehrsinsel in einem wenig attraktiven, ehemaligen Sumpfgelände lag und trotz millionenschwerer Stützmaßnahmen immer weiter im Morast absackte. Im AA in Berlin beobachtete man solche Spielchen amüsiert. Ob das zu den üblichen Nickelichkeiten im AA gehört?

 Ansonsten waren die Beziehungen zur Quirinalbotschaft entspannt, es gab kaum Berührungspunkte, außer zu besonderen Anlässen, wie dem jährlichen Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober. Botschafter Michael Gerdts (2004-2007) fiel etwas aus dem Rahmen. Er galt als typisches Genscher-Produkt, eng verwoben mit den FDP-Seilschaften und deren Interessen im Amt. Es gab Diskussionen, dass er als deutscher Botschafter seine Kinder nicht auf die Deutsche Schule Rom schickte, sondern auf eine andere Schule der Stadt. Es hatte damals Probleme an der Deutschen Schule gegeben und wir, d. h. die Botschaftsangehörigen mit Kindern, hatten uns mehrfach in der Schule dafür einsetzen müssen, den ordnungsgemäßen Schulbetrieb sicherzustellen, einmal auf einer nächtlichen Sitzung bis in die frühen Morgenstunden. Zur Vatikanbotschaft waren meine Beziehungen durchweg gut bis sehr gut.



Bruno Epple, 2002: Botschafter mit Blick auf die Engelsburg von der Residenz
 
 
 Die Residenz, d.h. mein dienstlicher Wohnsitz, war rd. 3-4 km vom Botschaftsgebäude entfernt und lag unmittelbar neben der Engelsburg, auf die wir vom Balkon aus einen - nachts beleuchteten - überwältigenden Ausblick hatten. Der Balkon war groß genug, um dort Empfänge für hundert und mehr Personen veranstalten zu können. Von der Residenz waren es nur wenige hundert Meter zum Vatikan und zum Petersdom. Das Centro Storico, das historische Zentrum Roms, konnte ich von der Residenz in wenigen Minuten zu Fuß über die Engelsbrücke erreichen und von dort zur Piazza di Spagna oder dem Trevi-Brunnen gelangen. Oft ließ ich mich vom Fahrer absetzen und schlenderte den Rest einer Strecke durch die alten Gassen. Auch das tägliche Leben in Rom hatte seine Reize: die Espresso-Bars, die Restaurants, der gute Wein, die Einkaufsmöglichkeiten waren einmalig. Daneben gab es den Stress des dichten, oft chaotischen Verkehrs, unter dem alle litten. Ich hatte den Vergleich mit Kairo im Kopf und fand Rom gar nicht so schlimm, zumal die Innenstadt, das Centro Storico, für den Verkehr überwiegend gesperrt war. Der Dienstwagen und der Fahrer, die mir als Botschafter zur Verfügung standen, erleichterten mir natürlich das für andere manchmal beschwerliche Stadtleben ungemein.
 
   Die in Rom ansässigen Kulturinstitute offerierten ein reichhaltiges Angebot, das alle Freizeitwünsche abdeckte. Das Deutsche Archäologische Institut, das Deutsche Historische Institut, die Biblioteca Hertziana (Kunsthistorisches Institut), das Goethe-Institut, die Casa Goethe, die Villa Massimo wetteiferten mit den Franzosen, Briten, Amerikanern und den Italienern selbst, um den Interessierten etwas Besonderes zu bieten. Zu allen pflegte ich ein gutes Verhältnis und freute mich besonders, als das große französische Kulturinstitut, die über der Piazza di Spagna thronende Villa Medici, nach einer langen Renovierungsphase die Neueröffnung mit einer Ausstellung meines aus Donaueschingen stammenden Landsmanns und Künstlers, Anselm Kiefer, wieder eröffnete. Auch die Villa Massimo, die deutschen Stipendiaten für einige Monate eine edle Bleibe bietet, war renoviert worden, und entfaltete unter ihrem neuen Direktor, Joachim Blüher, rege und anregende Aktivitäten. Wir konnten eine Stipendiatin der Villa Massimo für die Neugestaltung des German Room, des deutschen Saals in der FAO gewinnen, und feierten den Abschluss des Projekts in den weitläufigen Parkanlagen der Villa. Das Latium, die relativ unbekannte Umgebung Roms, ergänzte mein Freizeitprogramm. Das Latium kann durchaus mit anderen Regionen Italiens, wie der Toskana, an landschaftlicher Schönheit und interessanten historischen Sehenswürdigkeiten wetteifern.


Einschub: Villa des Horaz

Die Villa des Horaz befindet sich eine Autostunde von Rom, in den Monti Lucretili, erreichbar über Tivoli, Vicovaro, ca. 2 Kilometer vor der Kleinstadt Licenza.

Ein magischer Ort.

"ergo ubi me in montes et in arcem ex urbi removi
quid prius inlustrem saturis musaque pedestri"
(nachdem ich dann aus der Stadt in die Berge in meine Burg entrückt bin, ist dies Glück auch der reizvollste Stoff für mein Geplauder, für das schlichte Schaffen meiner Muse)
Horaz, Satiren, 2. Buch, 6

Ein paar archäologische Reste, Fundamente, Teile von Mosaiken, wenig gepflegt und geschützt - das ist alles, was wir heute dort vorfinden. Die Republik Italien ist außerstande, alle Kulturgüter angemessen zu erhalten.

Maecenas hatte die Villa 33 Jahre v. Chr. dem Dichter Horaz geschenkt. Als Dank haben die Verse des Horaz den Namen des Maecenas unsterblich gemacht. Maecenas wurde zum Synonym eines Förderers der Kunst - bis wir in der heutigen Zeit schnöde zum "Sponsor" übergegangen sind. Wird je ein sog. Sponsor den Ruhm des Maecenas erreichen oder gar übertreffen?

Der Parkplatz vor der Villa ist klein, Besucher gibt es selten, manchmal taucht ein Wärter oder Wächter auf. Zwei Schautafeln erklären die Anlage. Es war kein geringes Gut, das Maecenas dem Dichter zum Geschenk machte. Es hielt alles bereit, was der römische Komfort jener Zeit zu bieten hatte - und das war mehr, als selbst heute in vielen luxuriösen Landhäusern zu finden ist: Großzügige Bäder (heute wohl als überdimensionierte Saunaanlagen klassifiziert), Fußbodenheizung, Empfangsraum, Wirtschaftsräume, Küchen etc.

Eine Quelle:
"fons etiam rivo dare nomen idoneus, ...infirmo capiti fluit utilis, utilis alvo"
(dazu eine Quelle, reich genug, um einem Bach seinen Namen zu geben...
die strömt hier, hilfreich einem kranken Kopf, hilfreich dem Magen...)
(Horaz, Epist.1, 16,5-16)

Die Quelle mag die benachbarte Diana-Quelle sein, die im 17. Jahrhundert von der römischen Adelsfamilie Orsini mit einem runden Becken eingefasst wurde. Ein Schloss der Orsini überragt das benachbarte Dorf Roccagióvine. Drei Päpste und zahlreiche Kardinäle haben die Orsini gestellt.

Reste einer Fontänenanlage sind noch zu erkennen. An heißen Tagen lagert mitunter eine Familie am Brunnenrand, verzehrt ein mitgebrachtes Vesper - sie verstärkt die träumende Stille des Ortes.

Dahinter beginnt der Wald, der den Berghang um 500 bis auf 800 Meter Höhe hinaufklettert. Das steile Gelände eignet sich kaum für die Landwirtschaft, die Bewaldung hat die Jahrhunderte überdauert. Die Wege und Pfade mögen ihren Lauf verändert haben, das Gesamtbild aber dürfte dasselbe sein. Hier hat Horaz auf seinen Spaziergängen und Wanderungen die Inspiration für seine Verse gefunden - so berichtet er selbst.

Einer meiner ersten Ausflüge von Rom führte mich hierher, es war Zufall. Ich wollte aus der engen, quirligen Stadt hinaus ins Grüne entfliehen und nicht weit fahren müssen. Die Monti Lucretili boten sich an. Ein Wanderweg, wenn auch schlecht ausgeschildert, beginnt bei der Villa und steigt den Berg hinauf. Eine gute Stunde schweißtreibenden Aufstiegs durchs Niederholz, knappe Lichtungen, verschattete Waldstücke, entlang irreführender Spuren und von Wildschweinen aufgewühlten Grasplätzen. Ein paar Cancelli, Tore, die die Waldbesitzungen voneinander trennen, müssen überwunden und hinterher wieder sorgfältig geschlossen werden. Pferde und Rinder bewegen sich hier frei, auch Schweine durchstöbern in Rotten den Wald. Sind junge Schweine (Frischlinge) dabei, sollte man den Rotten nicht zu nahe kommen. Echte Wildschweine verdrücken sich, wenn sich Menschen nähern, diese halbwilden Schweine aber können Kampfstellung einnehmen und Anstalten machen anzugreifen.

Oben angekommen, öffnet sich das Gelände zu weitläufigen, von kleinen Einschnitten und Hochtälern durchzogenen Weiden. Der Blick geht über die Hochebene bis zu fernen Bergen mit unklaren Konturen. Im Westen ist es bis Rom nicht weit, höchstens 30 - 40 km; im Süden, im Dunst, lösen sich die Albaner Berge auf; im Osten türmen sich die Gebirgszüge des Apennin. Man stößt auf langgezogene Brunnen, die in Stufen das Wasser stauen, um das Vieh zu tränken. Wasser wird hier oben rar und in den heißen Sommern kostbar.

Die Zeit, die Jahrhunderte scheinen still zu stehen. In altrömischer Zeit hat es auf diesem Hochplateau vermutlich genauso ausgesehen. Von hier zogen die Bauern und Hirten aus und eroberten als Legionäre für Rom die damals bekannte Welt. Etwas von dieser Kraft lastet wie eine Melancholie über den Gebirgsweiden. Oder wird die Schwermut gerade von Windstößen weggeblasen?

In einer Schleife geht es hinüber zum Abstieg durch eine Schlucht nach Roccagióvine. Kurz vor Roccagióvine stößt man auf ein ländliches Lokal, in dem man vorzüglich zu sehr vernünftigen Preisen Spezialitäten der lokalen Küche, vor allem Wild speisen kann. Ein herzhafter offener Rotwein gehört dazu.

Zurück zum Parkplatz, vorbei an der Dianaquelle: Über dem grünen Schimmer des im Becken gesammelten Wassers entsteigen spiegelnde Gestalten aus Dunst. Hat hier Horaz seine Verse gefunden? Verse, deren Schönheit sich leider nur noch denen erschließt, die des Lateins noch mächtig sind.

Je länger man auf und in das Wasser blickt, bricht ein Zeitfenster auf: Horaz ist nicht nur der entrückte Dichter, wie ihn sich Romantiker vorstellen. Er hat in seiner Zeit kräftig mitgemischt. Er kommandierte eine Legion in der berühmten Entscheidungsschlacht von Philippi (42 v. Chr.), in der die Caesarmörder Brutus und Cassius vom späteren Kaiser Augustus und Mark Anton besiegt wurden. Das Kommando über eine römische Legion wurde nicht irgendwem anvertraut. Nur erfahrene und bewährte Militärs erhielten diese verantwortungsvolle Position. Gute politische Beziehungen gehörten auch dazu, vor allem, wenn es sich - wie hier - um einen Bürgerkrieg handelte.

Horaz gehörte zu den Verlierern und gelangte nie mehr in eine höhere Position. Die römische Ämterlaufbahn, der eigentliche Lebensinhalt eines Römers der alten Republik war ihm verbaut. Die alte Römische Republik war nach Philippi ohnehin nur noch ein Schatten ihrer selbst, da Augustus das Imperium, sein Kaisertum errichtete. Horaz musste jetzt seinen Lebensunterhalt durch "Schreiben" und "Dichten" verdienen. Auch das wurde zur imperialen Geste: Seine Sprache, das Latein, wurde zur Weltsprache für fast zwei Jahrtausende. Erst heute scheint diese Tradition abzubrechen.

Oft bin ich während meiner Zeit in Rom zu seiner Villa des Horaz zurückgekehrt, allein, mit Freunden, mit der Familie. Von hier aus habe ich viele Ausflüge unternommen und die Umgebung durchstreift. Immer wieder...

Der Naturpark der Monti Lucretili, der an die Villa des Horaz Villa anschließt, lädt dazu ein. Nördlich von Licenza, von Orvinio aus, steigt man in das Bergmassiv bis zu einem unzugänglichen, zerklüfteten Tal. Dort endet der Pfad an einem kleinen Aussichtpunkt, von dem man ein Adlerpaar beobachten kann - wenn man Glück hat. Der Horst hängt in einer mehrere hundert Meter aufragenden Steilwand. Alles keine 40-50 km von Rom entfernt.

Fragt man Römer nach den Monti Lucretili, so scheint niemand diese fast unberührte Naturlandschaft zu kennen. Auch das ein kleines römisches Wunder.

Horaz begegnet man auch in Venosa, einer Kleinstadt in Apulien. In Venosa, einer römischen Kolonie im damals griechischen Siedlungsgebiet Süditaliens (damals Venusia), die an der Hauptverkehrsader von Rom nach Brindisi (damals Brundusium) lag, wurde Horaz 68 v. Chr. geboren. Auf einem Platz steht er, keck, in Erz gegossen, und grüßt den überraschten Besucher. Ich habe zurück gegrüßt.


Zurück zum Dienst
 
   Der dienstliche Bereich meines römischen Postens war weniger positiv. Die VN-Organisationen, für die ich zuständig war, gaben viel Anlass zur Kritik. Die kurz nach dem Zweiten Weltkrieg gegründete FAO hatte sich unter ihren langjährigen Generaldirektoren zu einem schwerfälligen, unübersichtlichen, bürokratischen Großapparat mit mehreren tausend Mitarbeitern entwickelt. Trotz des teilweise hervorragenden Potentials an hoch qualifizierten Mitarbeitern - Deutschland stellte allein rd. 70 Mitarbeiter des höheren Dienstes - war die FAO aufgrund ihrer verkrusteten Strukturen unfähig, die ihr von den internationalen Staatengemeinschaft gestellten Aufgaben auch nur annähernd zu erfüllen. Die Sicherung der Ernährungsgrundlagen der Menschheit und die Hungerbekämpfung waren wahrhaftig wichtig genug. Wer unter den Organisationen der Vereinten Nationen nach Beispielen von Ineffizienz suchte, wurde bei der FAO mehr als fündig.
 
   Da Deutschland knapp 10% des FAO-Budgets finanzierte, sah ich es als meine vordringlichste Aufgabe an, einen Beitrag zum Reformprozess der FAO zu leisten. Wie andere stieß ich dabei auf die Schwierigkeit, die unterschiedlichen Interessen der Industrie- und Entwicklungsländer zu einem gemeinsamen Reformprojekt zu bündeln. Hinzu kamen die Eigeninteressen des FAO-Apparats und des FAO-Generaldirektors, des Senegalesen Jacques Diouf. Die FAO-Reform war die ganzen Jahre über ein zermürbendes Unterfangen, Erfolge waren kaum zu erkennen. Das ist freilich kein römischer Sonderfall, sondern gilt für die Reform der Vereinten Nationen und ihrer Organisationen weltweit. Trotzdem führt kein Weg daran vorbei. Etwas besseres als die Vereinten Nationen hat die Weltgemeinschaft nicht. Auch die deutsche Politik bleibt für die Durchsetzung ihrer Interessen auf die Vereinten Nationen angewiesen.
 
   Trotz des beachtlichen Finanzierungsanteils von bis zu 10% war unser deutscher Einfluss in der FAO eher begrenzt. Nur gemeinsam mit Verbündeten war etwas zu erreichen. Ein geeignetes Instrument hätte die EU-Koordinierungsrunde sein können. Je nach Anlass traf sich diese Runde mindestens einmal im Monat, manchmal auch mehrmals in der Woche, um eine gemeinsame Politik abzustimmen. EU-Koordinierungen hatte ich in Brüssel als Beauftragter für den Barcelona-Prozess bereits als mühseliges Geschäft kennen gelernt. Unzählige frustrierende Erfahrungen hatte ich auf Sitzungen im Laufe eines langen Berufslebens im Bundestag, in der SPD und in anderen Gremien schon machen müssen. Ich war wirklich abgehärtet und nicht mehr leicht aus der Fassung zu bringen. Was aber in Rom ablief, stellte alles in den Schatten.
 
   Im AA war ich vorgewarnt worden. In vielen Jahren hatte sich dort eine Sitzungsroutine mit enormem Leerlauf entwickelt und eingespielt, die allenfalls für unausgefüllte Egos befriedigend sein konnte. Diese fanden hier eine Bühne. Wer die Rituale kritisierte, machte sich - milde ausgedrückt - keine Freunde. Ein Bekannter, dem ich einmal Sitzungen schilderte, meinte, es handele sich wohl um eine Art politischen Kindergarten - was ich natürlich dementierte (in Gedanken sah ich eher eine politische Krabbelgruppe vor mir). Manchmal brauchte ich Tage, um mich von diesen Sitzungen zu erholen. Der geneigte und unbefangene Leser kann sich freilich mit Mitleidsbekundungen zurückhalten. Ein deutscher Botschafter wird schließlich nicht nach Rom geschickt, nur um die Sonnenseiten des Lebens zu genießen. Die Sitzungen in der römischen EU-Koordinierung und in der FAO sorgten ausgiebig für Ausgleich.
 
   Für die FAO war in der Bundesregierung das von Frau Renate Künast (Die Grünen) geleitete Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft (BMVEL) federführend zuständig. Inhaltlicher Schwerpunkt des BMVEL war das Menschenrecht auf Ernährung. Das war an sich eine gute Sache, musste aber unter den gegebenen Umständen schnell auf "Freiwillige Leitlinien für das Recht auf Nahrung" reduziert werden. Was folgte, war ein für die Vereinten Nationen typischer, jahrelanger Beratungs- und Konferenzzirkus, der in diesem Fall fast ausschließlich von Berlin, sprich dem deutschen Steuerzahler bezahlt wurde. Er fand letztlich in den o. g. "Freiwilligen Leitlinien" seinen Niederschlag. Manche hatten Mühe, darin einen Fortschritt zu sehen und wollten nur "heiße Luft" bemerkt haben, die zwischen Rom und Berlin hin und her bewegt wurde. Das "Menschenrecht auf Ernährung" bleibt eine Baustelle, bis zur "Nachhaltigkeit" und Rechtsverbindlichkeit ist es noch ein weiter Weg.
 
   2002 hatte das BMVEL ein kleines Budget erhalten, um in Afghanistan über die Landwirtschaft einen Beitrag zum Wiederaufbau des Landes zu leisten. Auch das war an und für sich eine gute Sache, da die FAO in den ersten Jahren nach der internationalen Intervention 2002 als "neutrale" UNO-Organisation einen guten Zugang zu den potentiellen afghanischen Empfängern hatte. Das BMVEL, das über keine eigenen entwicklungspolitischen Erfahrungen verfügte, förderte über die FAO viele kleine und disparate Projekte, die eher den Karriereinteressen ihrer Förderer dienten als vor Ort Wirkung zu zeigen. Ein Beitrag, den man mit den deutschen Geldern gut hätte leisten können, wäre die Entwicklung einer alternativen Landwirtschaft zum Mohn/Opium-Anbau in Afghanistan gewesen, wofür es in der FAO Ansätze gab. Wiederholt habe ich ab 2002 - vergeblich - dafür plädiert; die Chance wurde vertan. Was damals schon abzusehen war, konnte ab 2006/2007 nicht mehr zu übersehen werden: die wachsenden Anbauflächen für Mohn in Afghanistan korrespondieren mit dem Erstarken der Taliban, die sich über den Mohnanbau und das Opium finanzieren.
 
   Das Welternährungsprogramm (WEP) war effizienter und straffer geführt. US-amerikanisches Unternehmensdenken hatte hier viele Jahre Regie geführt. Problematisch war allerdings die Dominanz der USA, die in der Regel auch mehr als die Hälfte der Finanzierung, vor allem in Form von Sachleistungen aufbrachten. Nicht nur Menschenfreundlichkeit stand hinter dieser Politik, denn die USA setzten über das WEP ihre Agrarüberschüsse ab und fuhren ihren Anteil jeweils zurück, wenn die Überschüsse kleiner wurden oder auf dem freien Weltmarkt gute Preise zu erzielen waren. Die kostenlose Verteilung von Lebensmitteln gefährdete und zerstörte zudem die lokale Produktion in den Krisenregionen. Die Instrumentalisierung des WEP für die US-Politik wurde im Irak-Krieg 2003/2004 vollends offensichtlich, als sich das WEP kriegsbegleitend auf die Ernährung der irakischen Bevölkerung und deren Unterbringung in Flüchtlingslagern vorbereitete. Das ist an sich nichts Schlechtes, aber nach internationalem Recht nicht Aufgabe der internationalen Staatengemeinschaft, sondern der Besatzungsmacht, in diesem Fall der USA und ihrer Verbündeten. Kofi Anan, der UN-Generalsekretär, hatte den Irak-Krieg überdies als "völkerrechtswidrig" erklärt.
 
   Der Internationale Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung (IFAD) war die kleinste römische VN-Organisation und wurde von Bage Lennart, einem Schweden, geleitet. Mir war der IFAD gleich am Anfang durch verschwenderische Empfänge in römischen Palästen aufgefallen, Empfänge, die man eigentlich nur als "großes Fressen" bezeichnen konnte - angesichts des Hungers in der Welt eine Obszönität. IFAD war in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre gegründet worden, um Gelder der Erdöl-exportierenden Staaten in die Entwicklungshilfe zu lenken, litt aber unter der schrumpfenden finanziellen Unterstützung dieser Ölstaaten, die gleichwohl ihren maßgeblichen Einfluss behalten wollten. Auch diese Organisation war dringend reformbedürftig.
 
   Obwohl das AA und das Bundesministerium für wirtschaftliche Entwicklung (BMZ) bekanntlich im Dauerclinch lagen, war die Zusammenarbeit mit dem BMZ, bei dem die Zuständigkeit für das WFP und IFAD lag, einfacher als mit dem BMVEL. Das lag sicherlich an der entwicklungspolitischen Professionalität der BMZ-Mitarbeiter und deren vergleichsweise geringe Karriereerwartung in Bezug auf die römischen VN-Organisationen. Die Ministerin, Heidi Wieczorek-Zeul, kannte ich seit Juso-Tagen und hatte immer ein gutes Verhältnis zu ihr. Konflikte gab es deshalb nicht und auch keine überflüssigen Irritationen. Sie stattete uns in Rom einmal einen mehrtägigen Besuch ab, der ihr und uns die Gelegenheit gab, sich von der jeweils besten Seite zu zeigen. Eine Zwistigkeit möchte ich allerdings nicht unerwähnt lassen, weil sie ein bezeichnendes Licht auf die deutsche Ministerialbürokratie auf Bundesebene wirft.
 
 Bei Reisen von Regierungsmitgliedern und Beamten aus den Bundesressorts ins Ausland werden sogenannte Delegationslisten erstellt, aus denen die Rangordnung der Delegationsmitglieder, zu denen immer der Botschafter vor Ort gehört, erkennbar ist. Das AA besteht darauf, dass ein Botschafter immer und in jedem Fall höherrangig ist als ein Abteilungsleiter. Allenfalls ein Minister oder (umstritten) ein Staatssekretär stehen höher. Eine Abteilungsleiterin aus dem BMZ wollte das mit Hinweis auf einen Präzedenzfall nicht akzeptieren und so eskalierte der Zwist bis auf die Ebene der Staatsekretäre im AA und BMZ. Letztlich wurde ein etwas merkwürdiger Kompromiss gefunden und die Abteilungsleiterin zur Leiterin der anreisenden Delegation erklärt, auf der Delegationsliste stand sie aber weiter auf Platz zwei. Diese zeit- und energieaufwendigen Spielchen sind Außenstehenden nicht zu vermitteln. Es war im Übrigen das einzige Mal, dass ein Vorgang in all meinen Jahren als Botschafter in Rom streitig auf die Ebene der Staatssekretäre beider Ministerien gehoben wurde.
 
   Ein wesentlich angenehmerer Teil meiner dienstlichen Tätigkeit war meine Rolle als Gastgeber für anreisende Repräsentanten unseres Staates. Angefangen vom Bundespräsidenten Johannes Rau, der mich noch aus meiner Zeit in der Hochschulpolitik kannte (er war seinerzeit NRW-Wissenschaftsminister), über die Ministerinnen Heidi Wieczorek-Zeul und Renate Künast, Landesministern aus Baden-Württemberg und Hessen, Mitgliedern des Bundestages, darunter Peter Harry Carstensen, später Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, Herta Däubler-Gmelin, Bundesjustizministerin a. D., Staatssekretären, Abteilungsleitern und der Bonner Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann konnte ich alle in entspannter Atmosphäre bei einem guten römischen Essen näher kennen lernen. Bärbel Dieckmann hatte sich für den UNO-Standort Bonn engagiert und war zum Einwerben von Unterstützung nach Rom gekommen. Die Tätigkeit eines Botschafters besteht auch in der Herstellung einer günstigen Atmosphäre, in der Zusammenführung der richtigen Personen, ggfs. im Einleiten von Kompromissen und Lösungen. Nicht in alle fachlichen Einzelheiten muss und kann sich der Botschafter immer einarbeiten, dafür hat er Fachleute, seinen Stab, der ihm zuarbeitet. Schnell wird er feststellen, wer ihn gut berät, und wird seine Schlüsse daraus ziehen.


   Die Jahre in Rom gingen schnell vorüber. Die Frage eines Wechsels auf einen anderen Posten hatte ich in der Personalabteilung des AA in Berlin angesprochen. Die vorzeitige Auflösung des Bundestags 2005 mit dem einhergehenden Stopp aller Personalveränderungen bedeutete das Aus aller Veränderungspläne. Für eine Verlängerung meiner Dienstzeit bis zum 67. Lebensjahr gab es im Auswärtigen Amt aufgrund der damaligen Gesetzeslage keine Möglichkeit. So ließ ich denn mein Berufsleben in Rom nach knapp sechs Jahren ausklingen, in der Stadt, in der ich die ersten Wochen nach dem Abitur verbracht und die ersten Schritte ins eigenverantwortliche Leben getan hatte.


Abschiedsblick auf die Engelsburg von der Terrasse meiner Residenz