3. Kapitel

Pfadfinder und Graue Reiter

  Mit 8 Jahren kam ich zu den Pfadfindern. 1951 verbrachten wir ein erstes Sommerlager in Immenstadt im Allgäu. Von da an war ich fast jede Woche mindestens einmal mit den Pfadfindern zusammen, erst als sogenannter Wölfling, dann Pfadfinder, Sippenführer und zum Schluss Stammführer der "Grauen Reiter" von Singen. Als solche hatten wir uns Mitte der 1950er Jahre vom Bund Deutscher Pfadfinder (BDP) abgespalten und historisch - wie ich heute weiß - an die "Bündische Jugend" vor 1933 angeknüpft. Wir veranstalteten nicht nur Heimabende, wo wir allerhand Wissenswertes und Brauchbares (z. B. Werken: Töpfern, Schnitzen) oder weniger Wissenswertes (Marschieren nach Planzahl) lernten, sondern unternahmen auch mehrtägige Touren zu Fuß oder mit dem Fahrrad.
  
  Als Zelte hatten wir sogenannte Kothen, in denen ein Feuer gemacht und gekocht werden konnte. Wir lernten uns mit ganz wenig Geld zu verpflegen, zu kochen, bei Regen Feuer zu machen etc. - Fertigkeiten, die die Selbständigkeit entwickelten und das jugendliche Selbstbewusstsein hoben. In Deutschland waren wir mit den "Nerothern", einer anderen Gruppe der Bündischen Jugend liiert, international vor allem mit den Franzosen, die an unserem Lagerleben teilnahmen. Stolz hissten letztere immer die Trikolore. Auch Schweizer Pfadfinder fanden sich bei uns ein, die uns eine Art "demokratischer Entwicklungshilfe" angedeihen ließen.

  Im Nachhinein kann ich diese Art von Pfadfinderei besser einordnen, als Jugendlicher konnte ich das noch nicht. Bis Mitte der 1950er Jahre ging es streng militärisch zu: Wecken, Frühsport, Waschen, Kochen, Wache schieben (mit Speer), Touren zu Fuß, mit Fahrrad oder auf Skiern. "Durst aushalten", "gelobt sei, das da hart macht", "durchhalten" waren die Parolen. Das Rudel oder die Sippe, wo es am besten klappte, wurde belobigt und ausgezeichnet. Alkohol und Rauchen waren absolut verpönt. Vermutlich war es in der Hitlerjugend auch nicht anders zugegangen. Einige unserer ersten Führer waren ja noch in der Hitlerjugend gewesen. Was uns davon unterschied, war die Freiwilligkeit, niemand zwang uns dazu.

Lager der Pfadfinder Singen im Allgäu Anfang 1950er Jahre

  Mit dem Übergang zu den "Grauen Reitern" änderte sich etwas. Das Militärische verschwand allmählich, wir suchten Vorbilder bei den "Steppenvölkern" (oder was wir dafür hielten), veranstalteten bunt gemischte sogenannte "Steppenlager" - das erste fand 1955 bei Villingen im Schwarzwald statt. Die Anregung kam von dem Schriftsteller und Maler Fritz Mühlenweg (1898 - 1961), der uns auch bei der Durchführung beriet. Wir gaben uns in Singen Namen aus der Völkerwanderungszeit, bevorzugt gotische. Die Goten waren - so sahen wir das - mit den Steppenvölkern verbündet gewesen. Im Grunde eine Art Folklore ohne nationalen oder gar nationalistischen Hintergrund. Brav wie andere Jugendgruppen machten wir auf den Vulkanbergen des Hegau zum Gedenken an den 17. Juni 1953, dem Tag des Aufstandes in der DDR, große Feuer, die vom Einheitswillen des deutschen Volkes künden sollten. Unter den Älteren gab es mitunter Diskussionen um die von Adenauer betriebene Wiederbewaffnung, aus denen ich undeutlich mitbekam, dass einige im Ernstfall nicht gegen andere Deutsche kämpfen oder sich als Hiwis (Hilfswillige) amerikanischem Kommando unterstellen wollten.


Hohenkrähen

  Einschneidend war für uns die Selbstverpflichtung, die wir 1956 zur Erhaltung und Wiederherstellung der Burg Hohenkrähen eingegangen waren. Der Hohenkrähen liegt im Hegau an der Strecke zwischen Singen und Engen und ragt markant in die Landschaft hinein. Er hatte im Mittelalter Raubritter und eine Handelsniederlassung der Fugger beherbergt. Von Jörg von Frundsberg war die Burg Anfang des 16. Jahrhunderts im Auftrag des Schwäbischen Bundes geschleift worden. Der Eigentümer der Burg, Baron von Reischach, hatte uns die Burg zum "Lehen" gegeben (verpachtet). Wir hatten uns um den Erhalt der Ruinen und des auf halber Höhe gelegenen Forsthauses zu kümmern.

  Gleichzeitig bauten wir den daneben gelegenen Stall zu einem Heim aus, wo wir uns versammeln und ggfs. in größerer Zahl übernachten konnten. Wir wurden kleine Baumeister, schleppten Zement, Bausteine, Ziegel, allerlei Baugerät heran und wirkten und werkelten von da an fast wöchentlich an und auf der Burg. Das Nebengebäude, der ehemalige Stall, eine Ruine, wurde neu errichtet, das Forsthaus saniert, die Wege auf der Burg so gut es ging instand gehalten. Aber unsere Singener Gruppe, auf der die Hauptlast der Arbeit lag, zerbrach fast dabei. Es war nicht jedermanns Sache, Wochenende für Wochenende auf der Burg zu arbeiten. Ein lustiges Lagerleben, wie sich das mancher vorgestellt hatte, war das nicht. Zum Ausgleich wurden wir musisch aktiv. Eine Faust-Aufführung (1. Teil) der Tübinger Gruppe ist mir noch gut im Gedächtnis.


Großfahrten

  Das Beste waren die "Großfahrten". Als 15-Jähriger zog ich im Sommer 1956 mit einigen älteren Grauen Reitern, die schon im Abituralter waren, erstmals los. Per Autostopp erreichten wir in Zweiergruppen Nizza in Südfrankreich und setzten nach Korsika über. Wir wanderten ca. 220 km von Ajaccio im Süden bis nach Ile Rousse im Norden, meistens nachts, weil es tagsüber zu heiß war, täglich etwa 20-30 Kilometer, Gepäck auf dem Rücken. Korsika war damals vom Tourismus noch völlig unbeleckt, auf der Landstraße passierten pro Tag kein Dutzend Autos und den Proviant mussten wir für mehrere Tage mitschleppen. Wir waren genügsam und geübt. Ich habe unvergessliche Bilder im Kopf, vom Meer und den roten Felsen. Einmal wurden wir nachts von einem großen Aufgebot der französischen Gendarmerie gestoppt, die uns für desertierte Fremdenlegionäre hielt. (In Algerien führte Frankreich in den 1950er Jahren Krieg gegen die Unabhängigkeitsbewegung und setzte dabei auch in Deutschland angeworbene Fremdenlegionäre ein.) Unser Erscheinungsbild muss für die Korsen doch sehr ungewöhnlich gewesen sein.

   Zwei Jahre später trampte ich per Autostopp mit einem Freund aus meiner Schulklasse über Rom, Neapel, Palermo bis Trapani an der Westspitze Siziliens. Wir setzten auf die Mittelmeerinsel Pantelleria über, von wo wir weiter nach Tunis wollten. Wegen Sturm mussten wir auf der Insel in einem winzigen Hafen ausharren: kein Laden, kein Cafe, kein Restaurant, kein Hotel, das wir uns ohnehin nicht hätten leisten können. Die Tage verbrachten wir unter einem Kaktus als Schattenspender, Süßwasser war Mangelware und nur von Weinbauern aus der Zisterne zu erhalten. In Tunesien blieben wir eine Woche. Diese Tage müssen die Grundlage meines Interesses für den Nahen Osten und die arabisch-islamische Welt gelegt haben, das dann mein ganzes Leben begleitet hat. Allerdings brachte ich aus Tunis eine schwere Amöbenruhr mit, die nur langsam ausheilte. Auf der Tunisfahrt habe ich mich mit meinem Klassenkameraden so zerstritten, dass die Freundschaft dauerhaft zerbrach.



Pantelleria, der Kaktus und ich

   Ägypten 1960 habe ich schon erwähnt. Das Jahr danach - wenige Monate nach dem Abitur - reisten wir wieder mit einer Gruppe ehemaliger Grauer Reiter (es waren im Grunde immer dieselben: die Brüder Speidel, die Brüder Danneck, W. Reichhardt und ich) über Istanbul, Ankara zur Ruine der Hethiter-Hauptstadt Bogasköy, weiter nach Aleppo in Syrien, dann Damaskus, Amman und Jerusalem, dessen arabischer Teil damals noch unter jordanischer Oberhoheit stand. Alles war von Touristen unberührtes Neuland. In Palmyra (Tadmor), in der syrischen Wüste, konnten wir noch unsere Hängematten zum Schlafen zwischen den Säulen ausspannen. Damaskus und Aleppo haben mich so beeindruckt, dass ich zwei Jahrzehnte später auch meinen ersten Auslandsposten im Auswärtigen Amt mit Erfolg in Syrien anstrebte.

  Jerusalem ist mir in besonderer Erinnerung: Während unseres dortigen Aufenthalts im August 1961 wurde die Mauer in Berlin gebaut. Wie das aussah, konnten wir in Jerusalem sehen. Der arabische und jüdische Teil der Stadt waren damals durch eine Mauer getrennt, die erst 1967 nach dem Sechstagekrieg und der Eroberung des arabischen Stadtteils durch die Israelis abgerissen wurde. Im November 1989 war ich mit einer Gruppe Journalisten wieder in Jerusalem. Als mir beim Frühstück am 10. November jemand zurief, die Mauer ist weg, dachte ich zuerst an Jerusalem und sagte, die Mauer ist doch schon lange weg. Dass die Mauer in Berlin fiel, kam für uns alle völlig überraschend. Die Berliner Korrespondentin der Süddeutschen Zeitung, die auch in unserer Gruppe war, bekam einen Weinkrampf. Berlin war schließlich ihr Thema, der 9. November 1989 war ihr Tag. Wir halfen alle mit, dass sie so schnell wie möglich zurück nach Berlin kam. Heute bauen die Israelis wieder Mauern um und bei Jerusalem.

  Jede einzelne Großfahrt wäre einen eigenen, ausführlichen Bericht wert. Aber ich überlasse das lieber dem Austausch von Erinnerungen unter ehemaligen Teilnehmern. Die Geschichten gewinnen dadurch... und werden immer besser. Die Gelegenheiten zum gemeinsamen Erinnern werden zwar seltener, da der eine oder andere krank oder bereits verstorben ist. Warum schriftlich fixieren, was im gemeinsamen Gedächtnis so gut aufbewahrt ist und ein so glanzvolles und reiches Leben führt? Die Fahrt in den Vorderen Orient war ohnehin die letzte, die wir gemeinsam machten. Danach zerstreuten wir uns in die ganze Welt zu langen oder dauerhaften Auslandsaufenthalten.