4. Kapitel

1961: Frankreich statt Militär

  Mit dem Abitur (1961) beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Es ist der Moment, kurz inne zu halten und so etwas wie eine Summe zu ziehen: Mit auf den Weg gaben mir das Elternhaus emotionale Stabilität, die Schule Kenntnisse und Wissen. Bei den Pfadfindern und Grauen Reitern konnte ich soziale Kompetenz erwerben - so würde man das heute wohl nennen (es hätte mehr sein können). Der Abiturabschluss gab mir das Selbstvertrauen, dass man etwas erreichen kann, wenn man will und sich im entscheidenden Augenblick etwas Mühe gibt. Es war die Erfahrung, unter Stress bei Prüfungen oder Examen besser zu sein als sonst. Diese Erfahrung hat mich mein ganzes Leben durch manche kritische Situation wohltuend getragen. Selbständig war ich durch die Großfahrten geworden, die meine Neugier und meinen Wagemut befriedigten. Es war die Gewissheit, es irgendwie doch noch zu schaffen, wenn es, wie zum Beispiel oft beim Autostopp, mal überhaupt nicht voran gehen wollte.

  Für mich stand die Entscheidung an, ob ich zur Bundeswehr gehen oder ein Studium, möglichst in Frankreich beginnen sollte. Frankreich war in meiner Jugend immer gegenwärtig. Es war die Vernunft, menschliche Begegnungen und die tägliche Erfahrung der Realität, die mich dazu brachten, die tradierte Erbfeindschaft zu Frankreich umzukehren und in eine andere Bahn zu lenken. Neun Jahre mussten wir auf dem Gymnasium Französisch lernen, das hatte Frankreich als Besatzungsmacht verordnet. (Es wurde abgeschafft, sobald das Besatzungsstatut endete.) Wenn wir zelteten, waren Franzosen oft dabei, in den meisten benachbarten Städten lagen französische Garnisonen. Die Begegnungen und das Nebeneinander waren niemals feindselig, sondern es wuchs ein gegenseitiges Vertrauen heran. Es gab damals eine Art emotionales Aufeinander-Zugehen. Das galt für beide Seiten. Im Menschlichen wurden die Interessengegensätze überwunden und eine Brücke in die Zukunft gebaut. Ich wollte die Sprache, das Denken, die Lebensweise, die Geschichte und Politik des Nachbarlandes kennen lernen. Das war kein Willensakt, das ergab sich wie von selbst.

  Mein Verhältnis zu Frankreich war aber zwiespältig: einerseits die militärischen Gedankenspiele, andererseits das vertrauensvolle gegenseitige Kennenlernen. Dieses Spannungsverhältnis blieb bestehen - wenn später auch auf anderen inhaltlichen Ebenen. Es war und ist eine Art Dialektik, die von der Möglichkeit des Konflikts (und der Erfahrung dieses Konflikts) lebt, um dann in die Zusammenarbeit einzumünden. Die Frankophilie der Deutschen ist vielleicht nicht selten aus dieser Dialektik geboren. Ich bin mir sicher, dass es viele Franzosen gibt, die in umgekehrter Richtung ähnlich denken und empfinden, jedenfalls in der Politik. Allerdings gibt es in Frankreich nach meiner Kenntnis keine Germanophilie, das Gegenstück zur deutschen Frankophilie, oder nur äußerst selten. Die Geschichte ist noch nicht vergangen. Was im menschlichen Bereich kein Problem darstellt, ist auf anderen Ebenen weiterhin eine Quelle möglicher Irritationen und Interessenkonflikte. Das deutsch-französische Verhältnis bleibt eine Sache des Verstandes, des Kopfes.


Familie und Tradition

  Woher kam mein Interesse an militärischen oder besser militärtheoretischen Fragen? War ich bei den Pfadfindern und Grauen Reitern entsprechend konditioniert worden? So deutlich war das dort nicht ausgeprägt, wie ich heute meine. Ich denke eher, dass Familiäres eine Rolle spielte, eine genetische Prädisposition, die auf 800 Jahre Militärdienst in den verschiedensten Formen zurückging.


Einschub: Hartmannsweilerkopf

  Der folgende Bericht ist Teil der Familiengeschichte. Der Kommandeur des Jägerbataillons 14, das im Ersten Weltkrieg fünf Mal in besonders kritischen Phasen (1915/1916) auf dem Hartmannsweilerkopf (HK) kämpfte, war Hans Freiherr Schenck zu Schweinsberg (1873 - 1944). An ihn erinnern auf dem HK ein Schweinsberggraben und ein Schweinsbergstollen. Er ist kein unmittelbarer Vorfahr des Autors.

  Am 1. August 2014 gedachten der französische Präsident Francois Hollande und der deutsche Präsident Joachim Gauck auf dem Hartmannsweilerkopf (HK) im Elsass gemeinsam des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs vor einem Jahrhundert. Der Hartmannsweilerkopf war im Ersten Weltkrieg Schauplatz blutiger Kämpfe, die als "Totentanz" in die Geschichtsbücher eingingen. 30.000 Soldaten fanden hier den Tod, Unzählige mehr wurden verwundet.

  Im Bericht des mecklenburgischen Jägerbataillons Nr. 14 (JB 14) heißt es dazu (Zitate in Anführungszeichen, in Klammern Ergänzungen d. Verf. zum besseren Verständnis):



Hartmannsweilerkopf 2015: Am Schweinsbergstollen

I.

  "In die fruchtbaren Gefilde des Oberelsass hinausragend, erhebt sich schroff der 960 Meter hohe Gipfel des Hartmannsweilerkopfes. Er hat keine besondere Höhe, aber wer seinen Gipfel besitzt, beherrscht mit Scherenfernrohr und Geschützrohr die elsässische Ebene von Mühlhausen bis Kolmar. Und solange die Vogesenwacht hielt, durfte der Kopf nicht in Feindeshand sein. So sind die heißen und blutigen Kämpfe um seinen Besitz zu verstehen, die an Erbitterung keinem der berüchtigten Hügel in Flandern oder der Champagne nachstehen".

  1915 war der Hartmannsweilerkopf (HK) schon mehrfach Schauplatz schwerer Kämpfe gewesen. Ende Dezember 1914 hatte ein französischer Vorposten auf dem HK Posten bezogen. Am 21. Januar 1915 eroberten die Deutschen den Gipfel, ein französischer Gegenangriff am 27. Februar 1915 wurde abgewehrt. Nach wiederholtem Artilleriebeschuss nahmen französische Gebirgsjäger und das Regiment 152 am 26. März 1915 den Gipfel wieder ein. Am 25. April 1915 erobern die Deutschen den Gipfel erneut, verlieren ihn tags darauf aber wieder. Am 15. Oktober 1915 wechselt der Besitz des Gipfels erst in die Hand der Deutschen, dann in die der Franzosen, um dann wieder teilweise an die Deutschen zu fallen.

  Bereits dreimal war das JB 14 im Jahre 1915 auf dem HK im Einsatz gewesen: im Januar, im April und im September/Oktober 1915 - immer dann, wenn die Situation besonders brenzlig wurde. Gegenüber standen stets französische Eliteeinheiten: Bataillone der Gebirgsjäger ( Chasseurs Alpins) und das berühmte "eiserne" Sturmregiment 152. Das JB 14 hatte bald einen einschlägigen Ruf erworben, wie aus einem am Lingekopf/Vogesenfront erbeuteten französischen Befehl hervorgeht: "Le 14. chasseur boche, figure de connaissance" (sinngemäß: "14. deutsches Jägerbataillon, schon bekannt", wobei die Übersetzung von "boche" mit "deutsch" ein Euphemismus ist).

  Im Dezember 1915 war es wieder soweit, das JB 14 hatte erneut auf dem HK Stellung bezogen. Am 20. Dez. kam die Meldung, dass nach Aussage eines französischen Überläufers für eine der nächsten Nächte ein überraschender Angriff geplant war. Solche Berichte waren mit einem Unsicherheitsfaktor verbunden. Der genaue Frontabschnitt war ohnehin unbekannt. Da alles zunächst ruhig blieb, arbeiteten am 21. Dez. die Reserven, Pioniere und Armierungssoldaten des JB 14 wieder in den vordersten Stellungen.

  10Uhr15 setzte schlagartig schwerstes Trommelfeuer auf der ganzen Linie des Frontabschnitts ein. "Die Beschießung konnte zu keinem ungünstigeren Zeitpunkt für das Bataillon (JB 14) kommen. Alle Gefechts- und Arbeitskräfte befanden sich in diesem Augenblick in der vordersten Linie und wurden durch das verheerende Feuer in die Deckungen und Stollen gezwungen und von dem rückwärtigen Stellungsteil abgeschnitten. An Reserven stand dem Bataillon deshalb nichts Nennenswertes, vor allem keine geschlossene taktische Einheit mehr zur Verfügung; die Handvoll zerstreuten Leute der Baukompanie Stein und einige Pioniere, zusammen vielleicht 30, fielen nicht ins Gewicht".

  "Da die Beschießung und ihre Folgen immer verheerender wurde und die "Wetterstation" (Aufklärung) abgehört hatte, dass der Infanteriesturm um 3Uhr15 nachmittags erfolgen sollte, erbat der Bataillons-Kommandeur (Hans Freiherr Schenck zu Schweinsberg) von der Brigade ein Bataillon zur Unterstützung...". Erschwerend lag das erbetene deutsche Artillerie-Sperrfeuer zunächst falsch, so dass um 3Uhr nachmittags der Artillerie-Verbindungsoffizier zur Batterie entsandt werden musste. "Um 3Uhr 20 setzte der feindliche Infanterie-Sturm ein, nachdem noch einmal rasendes Feuer auf der ganzen vordersten Linie gelegen hatte".

  "Weit stießen die Sturmkolonnen der französischen Alpenjäger und Linien-Infanterie - Infanterie-Regiment 152 - ...über das Grabengewirr und Trümmerfeld hinweg ...vor..., die Besatzung (der als Stützpunkte ausgebauten) Felsennester mit ihren Maschinengewehren wurde erst niedergekämpft, als sie von den Franzosen mit Flammenwerfern ausgeräuchert wurde. Nach dem Durchbruch des Feindes war (eine letzte, dritte) Linie - eine Handvoll Leute, die aus Meldern, Burschen, Telefonisten ....und aus einigen Leuten der Baukompanie Stein (gebildet) worden... so daß allmählich eine zusammenhängende Feuerlinie von 60 bis 80 Gewehren entstand...".

  "Das war alles, was vorläufig von Kämpfern im Abschnitt noch vorhanden war. Und obwohl diese Abteilung aus schwerste erschöpft und von beiden Seiten umfaßt war...genügte sie, um einem weiteren Vordringen des Feindes hier Einhalt zu gebieten und wichtige Anklammerungs- und Stützpunkte, die für die Wiedereroberung ...von größter Bedeutung waren, bis zum Eintreffen der Unterstützung zu behaupten. Um 6Uhr30 nachmittags traf ein Zug Reserve-Jäger 8 als erste Unterstützung ein. ...Noch in der Nacht wurden von diesem Bataillon alle Vorbereitungen zum Gegenangriff getroffen, im weitesten Maße von den kampffähigen Resten des Bataillons (JB 14) unterstützt...".

  "Am Frühmorgen des 22. Dezember begannen die Gegenangriffe....die im Laufe des Tages in erbitterten wechselnden Kämpfen zur restlosen Wiedereroberung des Kopfes (HK) führten...".

  "Am Abend (des 22. Dezember) wurden alle Teile des Bataillons (JB 14) herausgezogen und marschierten nach Gebweiler in die so nötige und wohlverdiente Ruhe. Am 23. Dezember wurde auf Befehl der Division aus den kampffähigen Resten eine Gefechtskompanie von etwa 150 Gewehren zusammengestellt. Das war außer dem Stabe und einem Maschinengewehrzug...augenblicklich alles, was vom Bataillon verwendungsbereit war. Alles übrige vom Bataillon war gefallen, verwundet, vermißt oder zum größten Teil in Gefangenschaft geraten". (Ein deutsches Kampfbataillon verfügte im 1. Weltkrieg in der Regel über 1000 bis 1200 Mann.)

  Großherzog Albrecht von Mecklenburg besuchte am 8. Januar 1916 das JB 14, das in Kolmar ruhte, "hielt eine zu Herzen gehende Ansprache und verteilte eine größere Anzahl von Auszeichnungen". Der Kommandeur des JB 14, Hauptmann Freiherr Schenck zu Schweinsberg, wurde am 27. Januar 1916 (Kaisers Geburtstag) zum Major befördert. An ihn erinnern auf dem HK ein sog. "Schweinsberggraben" und "Schweinsbergstollen". Nach der Wiederauffüllung rückte das JB 14 am 17. Januar 1916 zum 5. Mal bis zur Ablösung am 17. Februar 1916 auf den HK.

  Soweit der Bericht des Jäger-Bataillons Nr. 14 ( Verlag Deutscher Jägerbund, Berlin 1926, S. 82-87; Veröffentlichung: Expedition Hartmannsweilerkopf, www.hk1418.de.)

II.

   Das Reserve Jäger Bataillon Nr. 8 (RJB 8) führte am 22. Dezember 1915 den Gegenangriff. Die Voraussetzungen waren gut. Es hatte von Mitte Oktober bis November 1915 auf dem HK gelegen, bevor es vom JB 14 abgelöst wurde. Teile der Stellungen waren auf dem HK von ihm ausgebaut worden. Die Kämpfe am 21./22.Dez. 1915, werden in der Bataillonsgeschichte des RJB 8 wie folgt geschildert:

  "Der Vormittag des 21. Dezember begann friedlich. ..Da wurde 11 Uhr vormittags das Bataillon durch Divisionsbefehl alarmiert!...Als gegen 2 Uhr nachmittags der Brigadebefehl eintraf, sogleich aus der Ruhestellung um Berrweiler und Ebeneck zum HaKa (HK) abzumarschieren, konnte sich jeder vom Bataillon denken, dass es ernst werden würde... Die Jägerkompanien hatten bei dem Marsch über St. Anna bereits unter dem Artilleriefeuer zu leiden, mit dem die Franzosen die Straßenabschnitte abwechselnd belegten. Sie überwanden diese Strecke im Laufschritt und konnten ohne Verluste erlitten zu haben um 7Uhr 30 alle ihr Eintreffen bei Kurve 2 (Sammelpunkt des RJB 8) melden....".

  Major Kachel, Kommandeur des RJB 8, war schon 5Uhr30 dort eingetroffen. "Es waren schwere Stunden, die Major Kachel an der Kurve 2 beim Kommandeur des HK-Abschnitts, dem Kommandeur des Jäger-Batl. 14 (Schenck zu Schweinsberg) bis zum Eintreffen der vordersten Teile seine Bataillons...verbrachte. Er (Kommandeur JB 14) schilderte... die Lage ...folgendermaßen: Die Franzosen hatten nach mehrstündigem Trommelfeuer den HaKa genommen...Französische Patrouillen waren um 4 Uhr nachmittags weit unten gesehen worden. Die letzten Reste des Jäger-Bat. 14, etwa 2 Offiziere und 80 Jäger hielten noch eine keilförmige Stellung...unterhalb des Bischofshutes. ...Diese eben noch mit letzter Anstrengung bis jetzt gehaltene Stellung war jedoch fast vom Gegner umzingelt".

  Über eine unterirdische Telefonleitung zur Felsenkaserne im Abschnitt B, die weiterhin bestand , "meldete ( Major Hoffmann), dass die Franzosen überall durchgebrochen seien, seinen Unterstand aber offenbar noch nicht gefunden hätten. Er wolle versuchen, sich bei völliger Dunkelheit durchzuschleichen. Bald nachher wurde jedoch durch den gleichen Fernsprecher gemeldet, die Franzosen kämen gerade zur Tür herein und der ganze Stab...sei gefangen".

  "Nachdem... alle Kompanien zur Stelle waren , gab er (Major Kachel) selber...den Befehl zum Aufpflanzen der Hirschfänger (bei den Jägern statt Bajonette) und feuerte mit aufmunternden Worten seine Jäger an, den Franzosen aus..."unserem HaKa" zu werfen. ..."

  "Unter Berücksichtigung ihrer Geländekenntnis aus früherer Zeit, erhielten die Kompanien folgende Aufträge:...Der Kommandeur hatte der 3. Kampanie befohlen, um 6 Uhr (morgens) zum Angriff anzutreten. Obgleich zu dieser Zeit die Handgranaten noch nicht zur Stelle waren, trat die Kompanie pünktlich an....Zwei Jäger fallen, zwei werden verwundet...aber (die) Jäger lassen sich nicht aufhalten. Mit Hurra stürmen sie ...vor...Auf das Hurrarufen hatten die Franzosen den Grabenrand stark besetzt und ein lebhaftes Feuer bergab eröffnet. Jedoch ihre Köpfe hoben sich scharf gegen den hellen Morgenhimmel ab...sie gaben ein gutes Ziel für den frontal bergauf stürmenden Jäger. Kopfschuß auf Kopfschuß konnte als Treffer gemeldet werden".

  "Jetzt endlich trafen auch die Handgranaten ein, gerade im letzten Augenblicke. In der Bastion hatte gerade an dieser Stelle früher die 3. Kompanie ihren Übungsplatz im Handgranatenwerfen gehabt. Nun konnte die junge Mannschaft beweisen, was sie gelernt hatte...Wohl hatten die Franzosen ihren Graben schon Mannstief ausgehoben. ...(aber es) fehlten Schulterwehren darin. Als der Jäger aus Flanke und Rücken dem dicht besetzten Graben zu Leibe ging, war die Wirkung daher vernichtend. ...der Zug Jahn schob sogleich Gruppen mit Handgranaten nach und so gelang es in kurzem, die ganze Bastion zu besetzen... Die Franzosen, die nicht fielen, ergaben sich nach kurzem Kampf. Gegen 100 Franzosen lagen im Graben, 152 Gefangene wurden...gemacht...".

  "Auf dem rechten Flügel wehrten sich nur noch Feinde, die in den Klippen saßen...Sie behinderten besonders das Vorbringen von Handgranaten und Munition auf dem Wege hinauf zur Bastion. Als sie aber sahen, dass auf diesem Wege bereits zahlreiche Gefangene zurückgebracht wurden, verloren sie den Mut. Sie gaben ein Zeichen und ein der französischen Sprache mächtiger Jäger rief ihnen zu, wenn sie sich schnell ergeben würde, seien sie vor dem sicheren Tode bewahrt und sollten es gut haben. Das ließen sie sich nicht zweimal sagen. ...Sie kamen aus dem Graben...Es waren Infanteristen des berühmten "eisernen" Regiments 152 und auch 5. Jäger (Bataillon Chasseurs Alpins Nr. 5), im ganzen etwa 250 Mann...".

  "Nachdem derart der Angriff auf dem rechten Flügel umfassend mit Erfolg eingeleitet war, konnte gegen 10 Uhr vormittags der Befehl...gegeben werden, um 11 Uhr auf der ganzen Linie den Angriff fortzusetzen....Auf der ganzen Front tobte nunmehr ein Handgemenge in der alten Stellung der Jäger. Überall wurde der Gegner von allen Seiten bedrängt und zahlreiche Gefangene aus den Unterständen und Stollen herausgeholt. Überall eilten die Jäger, ohne auf Befehle zu warten, auf die gewohnten Plätze der vordersten alten Grabenlinie, soweit diese nicht vollständig durch Artilleriefeuer des vorhergehenden Tage eingeebnet waren. Um 12Uhr 30 ... war ...die gesamte ursprüngliche Stellung wieder im Besitz der 8. Res. Jäger".

  "Ein großer Erfolg war durch das Res. Jäger Batl. 8 errungen. Der 22. Dezember 1915 zählt zu seinen größten Ehrentagen. Die Beute....des Tages bestand aus über 1200 Gefangenen, darunter zwei Majore...Der HaKa, dieser Eckpfeiler der deutschen Vogesenstellung, war in glänzendem Siege wieder genommen worden noch ehe der Franzose sich dort unwiderstehlich festsetzen konnte. In unvergleichlichem Schwunge und Schneid hatten die Jäger ungeachtet der Anstrengungen, der hohen Arbeits- und Marschleistungen, die ihnen abverlangt werden mussten, diesen Ehrenberg deutschen Heldentums mit stürmender Hand gesäubert von dem Eindringling".

  Soweit Wilhelm von Jecklin, Das Reserve-Jäger-Bataillon Nr. 8 im Weltkriege 1914-1918, Verlag Reinhold Stenger, Erfurt 1930, S. 91-99 ; Veröffentlichung: Expedition Hartmannsweilerkopf, www.hk1418.de . Das Reserve-Jäger-Bataillon Nr. 8 wurde im Raum Kolmar (Colmar), Neu-Breisach und Schlettstadt (Séléstat) aufgestellt, d. h. ein Großteil der Mannschaften dürfte entsprechend der damaligen Rekrutierungspraxis aus Elsässern bestanden haben.

III.

  Die Kämpfe am 21./22. Dezember 1915 waren die letzten, die um den HK mit großem Einsatz geführt wurden. Danach begnügten sich beide Seiten mit dem Besitz von Teilen des Gipfels und seiner unmittelbaren Umgebung. Das schloss zwar gelegentliche Gefechte nicht aus, größere Geländegewinne wurden aber nicht mehr gesucht und gemacht. Die Front verlief teilweise in einem Abstand von nur 50 Metern. Beteiligt gewesen waren an den Kämpfen um den HK 1915 auf deutscher und französischer Seite im Wesentlichen immer die gleichen Truppenteile. Das Sturmregiment 152 und verschiedene Gebirgsjägerbataillone für die Franzosen, das Jäger Bataillon Nr. 14 und das Reserve-Jäger-Bataillon Nr. 8 für die Deutschen. Insbesondere das Regiment 152 und das Jägerbataillon Nr. 14 wurden in den Kämpfen derart aufgerieben, dass sie nahezu komplett neu aufgefüllt werden mussten.

IV.

  Aus heutiger Sicht muten diese Kämpfe fast unwirklich an. Zehntausende junger Männer wurden unter extremsten Bedingungen in die Schlacht geschickt und geopfert. Man muss auf dem felsigen Gipfel und den steilen Abhängen des HK gestanden haben, um zu ermessen, was es hieß, bei winterlichem Wetter: Schnee, Eis und Minustemperaturen unter massivem, stundenlangem Artilleriebeschuss auszuharren oder je nach Gefechtslage auf Befehl zu stürmen. Was bedeutete es, feindliche Gräben mit Handgranaten zu säubern, mit Flammenwerfern auszuräuchern, dem Feind mit Bajonetten (Hirschfängern) oder ersatzweise Spaten auf den Leib zu rücken, während überall schon Leichen und Verwundete herumlagen? Und das auf engstem Raum des Gipfelbezirks des HK? Für unsere "postheroische" Zeit schwer zu vermittelnde Vorstellungen.

  Beide Gegner schenkten sich nichts. Das französische Sturmregiment 152, das "Eiserne" wie es genannt wurde, hatte eine spezielle Angriffstaktik entwickelt. Normalerweise wurde nach dem Artilleriebeschuss der feindlichen Stellungen einige Minuten gewartet, bevor der eigene Angriff begann. Damit sollte vermieden werden, dass die Soldaten ins eigene Feuer liefen und deswegen schon die ersten Ausfälle zu beklagen waren. Dem Feind wurden so kostbare Minuten geschenkt, der seine Verteidigungspositionen verbessern oder ggfs. neu ordnen konnte, Minuten, die selbstverständlich genutzt wurden. Das Regiment 152 verzichtete trotz Gefährdung der eigenen Soldaten darauf und griff noch unter andauerndem eigenen Feuer an. Der Überraschungseffekt war perfekt und hat manchen Erfolg ermöglicht.

  Die Sprache der Bataillons-Tagebücher und Regimentsberichte hat es in sich - (u. a. deshalb wurden hier kleine Ausschnitte zitiert). Das gilt für die Franzosen und die Deutschen - aus sprachlichen Gründen wurden hier nur die Deutschen zitiert. Die Berichte liegen für fast alle deutschen Gefechtseinheiten des Ersten Weltkriegs vor und stammen überwiegend aus den 1920er Jahren. Da ist triumphierend von "Kopfschüssen", "ausräuchern", "niedermachen", "Beute", "Hurra-Geschrei" etc. die Rede. Die Brutalisierung erreichte ein Ausmaß, das aus den feindlichen Soldaten zu vernichtende Objekte machte. Wohlgemerkt: die Berichte sind Jahre nach Ende des Krieges verfasst worden. Wer in diesen deutschen Tagebüchern und Berichten liest, dem schwant, dass der Krieg 1918 nicht zu Ende war, dass es einen weiteren Krieg geben würde - auch ohne Zutun der Nazis.

V.

  Die Kampfhandlungen und Kampferfahrungen auf dem Hartmannsweilerkopf müssen für die beteiligten Soldaten ohne Zweifel extrem gewesen sein. Von US-Soldaten aus dem Vietnam- und Irakkrieg (2003 f.) wird berichtet, dass viele an sog. Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS, engl.: PTSD) gelitten haben bzw. leiden. Die Zahlen sind sehr unterschiedlich: im Vietnamkrieg über 30 % , im 2. Irakkrieg lediglich 2% der eingesetzten Soldaten. Für die unterschiedlichen Zahlen könnte eine Rolle spielen, ob der Krieg gewonnen oder verloren wurde. Nach der methodisch seriösesten Studie sollen jeweils ca. 7,5 % der Kombattanten von einer PTBS betroffen gewesen sein (R.J.Nally, Are we winning the war against PTSD?, in: Science. 336, Nr.6083, 18.5.2012, S.872f.) Auch bei deutschen Soldaten im Afghanistaneinsatz (2002 f.) gab und gibt es PTBS-Fälle, Prozentzahlen liegen allerdings nicht vor.

  Aus den Berichten des JB 14 und das RJB 8 über die Kämpfe im Ersten Weltkrieg am HK finden sich für die deutschen Soldaten keine Anhaltspunkte für PTBS. Nur an einer Stelle wird von einem Soldaten berichtet, der nach den Kampfhandlungen an der Vogesenfront, insbes. dem Artilleriebeschuss, noch ein halbes Jahr nervlich völlig zerrüttet war. Sollten sich die Menschen - auch die Deutschen - im Lauf eines knappen Jahrhunderts in der heutigen postheroischen Zeit vollständig verändert haben? Wohl kaum. Es stellt sich die Frage, ob im Ersten Weltkrieg die PTBS-Symptome einfach übersehen wurden? Wurden die bei US-Soldaten in den Vietnam- Irak- und deutschen Soldaten im Afghanistankrieg festgestellten Symptome mit nachfolgenden z. T. erratischen, gestörten Verhaltensmustern einfach nicht erkannt oder als "normal" eingestuft und hingenommen?

  Was heißt es für eine Gesellschaft, wenn ein relevanter Prozentsatz von Männern mit solchen Störungen ins Zivilleben zurückkehrt? Nach dem Ersten Weltkrieg wurden 1918/1919 rund 5 Millionen deutsche Soldaten demobilisiert. Was trugen die mindestens 7,5 % deutschen Kriegsheimkehrer mit PTBS in die Gesellschaft hinein? (Nach den viereinhalb Jahren Krieg dürften es eher mehr als 7,5 % Betroffene gewesen sein, zumal der Krieg verloren und alle Opfer umsonst gewesen waren.) Wer die Verarbeitung des Vietnamkrieges in den US-Medien, in der amerikanischen Literatur und im Film zum Vergleich in Betracht zieht, kann einen ungefähren Eindruck von den Folgen der Rückkehr einer so großen Zahl ehemaliger Soldaten mit PTSB erhalten.

  Könnte nicht ein Teil der Entgleisungen und Radikalisierungen der Weimarer und später vor allem der Nazi-Zeit damit zusammenhängen? Für die sozialpathologische Forschung und die Geschichtswissenschaft müssten sich daraus relevante Fragestellungen ergeben.

( Einschub Ende )


(Un-) gebrochene Militärtradition?

  Trotz aller militärischen Gedankenspiele habe ich niemals beruflich eine Offizierslaufbahn ins Auge gefasst. Damit folgte ich wohl unbewusst der Reaktion vieler adliger Familien, die jahrhundertelang Offiziere gestellt hatten, nach dem Missbrauch in der Nazi-Zeit aber nicht mehr bereit waren, dasselbe für die neue Bundesrepublik zu tun. Die Bundesrepublik war eine Gründung der Alliierten auf deutschem Boden, die nicht souverän war und keine selbstbestimmte Politik machen konnte. Das blieb nicht verborgen, auch wenn in der Bonner Politik bis zur Wiedervereinigung 1990 meist etwas anderes suggeriert wurde. Für viele war das ein Grund, nicht in der Bonner Bundeswehr zu dienen - ein Beweggrund, der mit der Wiedervereinigung 1990 wegfällt.

  Die Freiherrn Schenck zu Schweinsberg hatten seit Jahrhunderten (erste Erwähnung 1199) unverrückbar auf ihren Burgen und Schlössern u. a. in Hessen und Thüringen gesessen. Die Stammburg steht in Hessen zwischen Marburg und Fulda, sie war im Dreißigjährigen Krieg dem Erdboden gleichgemacht worden. Was wieder aufgebaut wurde, ist ein Schatten früherer Anlagen, aber immer noch sehenswert. Noch heute besitzt die Familie große Forste in Hessen, um deren Verwaltung es immer mal wieder Streit gibt (ich habe mich nie darum gekümmert). Jahrhunderte hindurch haben die Schencken in Deutschland Offiziere, Diplomaten und Kirchenfürsten (u. a. Fürstäbte in Fulda) gestellt. Im Staatsdienst sind sie in Hessen allerdings nicht zu der Bekanntheit gelangt wie Adelsfamilien in Preußen oder im Habsburgerreich.



Wappen der Freiherrn Schenck zu Schweinsberg

  Ich war Teil eines breiteren Phänomens, einer abgebrochenen Militärtradition. Der Ehrgeiz richtete sich nunmehr auf andere Bereiche. Wenn ich 1961 nach dem Abitur zum Militär eingezogen worden wäre, hätte ich den Militärdienst nicht verweigert - freiwillig melden wollte ich mich aber auch nicht. Meinen Bedarf an dem Militär angelehnten Übungen hatte ich schließlich bei den Pfadfindern und Grauen Reitern voll gedeckt. Da nur ein Bruchteil meines geburtenstarken Jahrgangs eingezogen wurde, konnte ich unbehelligt nach dem Abitur zum Studium ins Ausland nach Frankreich gehen. Einen Musterungsbescheid erhielt ich erst viel später und wurde zurückgestellt, weil man mich nicht mitten aus dem Studium herausreißen wollte.

  Meine Entscheidung für den Brückenbau ins Nachbarland war gleichzeitig eine Entscheidung gegen militärische Tradition und persönliche Veranlagung gewesen. Das stand mir 1961 allerdings nicht so deutlich vor Augen: sicher war ein Auslandsstudium seinerzeit für mich attraktiver als der Dienst auf dem Kasernenhof. Aber die Zukunft war 1961 offen. Dass die Entscheidung so weit in die Zukunft weisen würde, konnte ich damals nicht ahnen.