II. Studium

5. Kapitel

1961 - 1964: Uni Sorbonne / Paris

  Begonnen habe ich mein Studium in Genf in der Schweiz. Ursprünglich wollte ich gleich nach dem Abitur nach Paris an die Sorbonne. Dort bestand das Studium aber aus Studienjahren, die jeweils im Herbst anfingen. Die Sommermonate in Genf sind mit als ein Herumplätschern in allerlei Fachrichtungen in Erinnerung: Geschichte, Philosophie, Romanistik, Jura (man konnte damals in Genf deutsche Rechtswissenschaft studieren). Es gab vergleichsweise wenig Studenten, das Universitätsgebäude schien mir nicht viel größer zu sein als mein ehemaliges Gymnasium. Nur eine Professorin, Mme Hersch, hat einen nachhaltigen Eindruck bei mir hinterlassen. Auch ein Seminar über Machiavelli, in der ich über den "Antimachiavell" Friedrichs II von Preußen referierte, blieb bei mir haften, weil ich andere, um nicht zu sagen gegensätzliche Meinungen zum Dozenten vertrat.

  Ansonsten viel Sonne, Schwimmen, Kanusport, auch etwas Reiten. Kontakt hatte ich vor allem zu Deutschschweizern, deren Dialekt meinem südbadischen Alemannisch sehr nahe kam (Singen ist nur 2-3 km von der Schweizer Grenze entfernt). Statt Französisch lernte ich Schweizerdeutsch, was meine ohnehin unverkennbare Dialektfärbung verstärkte. An der Universität Bonn erntete ich damit einige Jahre später ungewollt Lachsalven bis ich mir das Hochdeutsche nach und nach anbequemte.

Frankreich/Paris/Sorbonne

  Oktober 1961: endlich Paris! Der Studienbeginn war mit bürokratischen Hürden gepflastert. Um immatrikuliert zu werden, brauchte ich einen "permis de séjour", eine Aufenthaltserlaubnis. Für die Aufenthaltserlaubnis hätte ich immatrikuliert sein müssen. Dieser war eine Sprachprüfung vorgeschaltet, die ich bestand, aber deren Ergebnisse auf sich warten ließen. Ich weiß nicht mehr, wie sich das Knäuel löste, ich erinnere mich nur noch an tagelanges Stehen in Warteschlangen. Die "Grande Nation" hatte im Laufe ihrer Geschichte eine äußerst komplexe, gewöhnungsbedürftige Verwaltung aufgebaut. (Später auf Auslandsposten und Reisen in der Dritten Welt habe ich mich oft gefragt, ob Frankreich seine Verwaltung dorthin exportiert hat oder ob diese Staaten bei den Franzosen in die Lehre gegangen sind - wahrscheinlich beides.)

  Der Lehrbetrieb an den französischen Hochschulen war zu Beginn der 1960er Jahre im Vergleich zu Deutschland oder der Schweiz schon sehr verschult. Es gab einen sehr genau vorgeschriebenen und reglementierten Studienaufbau. Zunächst war ein Propädeutisches Jahr von allen zu absolvieren und diente dazu, die Spreu vom Weizen zu trennen. Über die Hälfte der Aspiranten fiel bei der Abschlussprüfung durch. Danach folgten vier Zertifikate, die jeweils wieder mit einer Abschlussprüfung endeten. Waren alle vier bestanden, war man "licencié". Die Licence war ein erster Studienabschluss, der dem 1. Staatsexamen in Deutschland entsprach. Die Gleichstellung erfolgte allerdings erst Jahre später im Zuge der deutsch-französischen Zusammenarbeit.

  Zunächst wollte ich in Frankreich nur ein Jahr bleiben und danach in England weiterstudieren. Paris und das Leben in Frankreich hatten es mir aber so angetan, dass ich dort über das erste Jahr hinaus noch blieb. Das Propädeutische Jahr hatte ich für allerlei Nebeninteressen genutzt und viele Stunden in der Bibliothek der Sorbonne oder der Geneviève verbracht. Ich streckte meine Fühler in alle Richtungen aus. Paris selbst, die französische Literatur, das Theater... alles war für einen deutschen Provinzler spannend, anregend und aufregend. Das Studium war nicht schwer, wenn man einmal begriffen hatte, wie eine sogenannte Dissertation, ein Aufsatz aufzubauen war. Es gab strenge Regeln: 1) Thema präzisieren, 2) These, 3) Antithese, 4) Schluss mit Synthese. Der Spielraum für das mehr Essayistische eines deutschen Aufsatzes war nicht gegeben.

  Nach bestandenem Propädeutikum schrieb ich mich für die Licence in Geschichte ein. Zertifikate jeweils in Alter Geschichte, Mittelalter und Neuer Geschichte sowie ein Zertifikat in Geographie waren abzulegen. Mit der Geschichte des Altertums und des Mittelalters habe ich begonnen. Es gab Vorlesungen mit sehr enger Thematik und überaus spezialisierte Übungen: z. B. die "Tyrannis in Sizilien im 4. Jahrhundert v. Chr.", die "Ikonoklastischen Kaiser in Byzanz", "Paläographie", Klimatologie" usw. In Alter Geschichte waren es Übersetzungen vom Latein ins Französische, die ich besonders knifflig fand. Vor allem die Paläographie machte mir zu schaffen. Ich fiel denn auch im ersten Anlauf in mittelalterlicher Geschichte durch; von mehr als 1400 Studenten hatten allerdings nur 20 bestanden! Im Jahr darauf lief es dann problemlos, auch in Neuer Geschichte und Geographie. Nach drei Jahren in Frankreich war ich Licencié.

  Trotz der Studentenmassen hatte ich Kontakt zu Professoren. Mir wurde als Arbeitsraum sogar die "salle des agrégatifs" angeboten, der Raum, wo sich wenige Studenten privilegiert auf die Agrégation vorbereiten durften, die höchste Stufe der französischen Universitätsausbildung. Als ich im Mai 1968 während der Studentenrevolte in Paris war und die Sorbonne besuchte, hatten die aufrührerischen Studenten in diesem Raum eine Kinderkrippe eingerichtet. Was mit den Büchern geschehen war, weiß ich nicht; ich hoffe, sie kokelten nicht mit den anderen Büchern im Feuer auf dem Innenhof der Sorbonne. Die Vorlesungen an der Sorbonne genoss ich nur zum Teil, sie waren oft zu detailverliebt. Aber die Vorlesung von Lemerle über die byzantinische Geschichte ist mir unvergesslich. Seine Ausführungen über den Kampf der Studiten-Mönche gegen die Ikonoklasten (Bilderfeinde) habe ich immer noch im Ohr. Oder den alten Perroy (er sah so ledern aus wie seine Pergamente), der mir letztlich doch noch die Paläographie nahe brachte; einmal hatte er mich regelrecht zusammen gestaucht, weil ich die drei lothringischen Bistümer Metz, Toul und Verdun nicht auf Anhieb entziffern konnte.

In Neuerer Geschichte war ich zum Thema "Paris während der Revolution" im Mündlichen von einem Dozenten geprüft worden, der aus Wangen im Allgäu stammte. Wangen hatte wie Singen zur französischen Besatzungszone gehört. Er unterhielt sich mit mir zunächst auf Deutsch. Er erzählte, dass er zunächst als Fremdenlegionär "angeworben" worden war, nach der Militärzeit aber die Chance zu Studium und Universitätslaufbahn erhalten hatte. Nach diesem Vorgespräch war die mündliche Prüfung - dann auf Französisch - eher eine Formalität; meiner Erinnerung nach war ich aber auch gut vorbereitet. ("Angeworben bei der Fremdenlegion" war natürlich ein Euphemismus; junge Männer wurden u. a. betrunken gemacht und dann über die Grenze nach Frankreich verschleppt; die Fremdenlegion brauchte Nachwuchs für die Kriege in Indochina und Algerien, in den 1950er Jahren war die Umgangssprache in der Legion deutsch. In der französischen Besatzungszone soll dergleichen öfter vorgekommen sein - es war ein mehr oder weniger offenes Geheimnis.)

  Ein kleiner Vorgriff auf 1968 sei hier eingeschoben: Ende Mai, Anfang Juni 1968 - die Studentenrevolte neigte sich dem Ende zu - war ich für einige Tage aus familiären Gründen in Paris. Natürlich suchte ich auch die Sorbonne und einige andere Schauplätze der Pariser Studentenrevolte auf. Die großen Vorlesungssäle der Sorbonne, die "heiligen", mit gewaltigen Fresken ausgeschmückten Hallen, mit denen sich die Französische Republik auf dem Höhepunkt ihrer imperialen Macht um 1900 feierte, waren zu meiner Studentenzeit Bühnen für die Vorlesungen berühmter Professoren gewesen. Hier hatten feierliche Veranstaltungen zu ebenso feierlichen Anlässen stattgefunden - und sollten später auch wieder stattfinden. Sie waren umfunktioniert, gewissermaßen entweiht, zu Theaterbühnen, Druckereien, Malerwerkstätten usw., alles selbstverständlich mit "revolutionärem" Hintergrund.

  Mich frappierte vor allem der Kontrast zu den Zeiten meines Studiums. Als ich im großen Amphitheater (in Deutschland der Aula entsprechend) eintraf, fand gerade eine Art Striptease-Szene statt: zwei Damen und ein Knabe bewegten sich ziemlich lasziv auf dem Podium der Vorlesungsbühne. (Szenen wie diese sind auf vielen deutschen und europäischen Bühnen heute fast selbstverständlich, waren es damals aber keineswegs - auch darin war die Studentenrevolte eine Vorwegnahme.) Dass auf dem Hof der Sorbonne ein Feuer mit (hoffentlich nicht wertvollen) Büchern brannte, habe ich schon erwähnt. Das unweit gelegene Odeon-Theater war auch "besetzt", aber so stark von Tränengas durchzogen, dass man sich nur kurze Zeit dort aufhalten konnte. Mit der Mai-Revolte 1968 hatten die französischen Studenten in wenigen Wochen mit Wucht nachgeholt, was an deutschen Hochschulen seit 1967 brodelte. Die Langfristwirkung des französischen Mai 68 kann kaum überschätzt werden.

  Als ich 1961 in Paris ankam, tobte noch der Algerienkrieg. De Gaulle hatte erste Gespräche mit der Unabhängigkeitsbewegung angeknüpft, die 1963 mit einem Friedenschluss und der Unabhängigkeit Algeriens enden sollten. Gegen die neue Politik de Gaulles, Algerien in die Unabhängigkeit zu entlassen, gab es massive Widerstände. Eine Demonstration von Algeriern in Paris im Frühherbst 1961 wurde brutal unterdrückt, Demonstranten wurden in die Seine gestürzt, wo viele ertranken. In Algerien putschten Generäle, die sich in der OAS (Organisation Armée Secrète = Geheimarmee) sammelten. Es gab versuchte Attentate auf de Gaulle (Petit-Clamart). An der Sorbonne äußerte sich der Streit in Demonstrationen: auf der einen Seite die eher linken Studenten der Faculté des Lettres (Philosophische Fakultät), die mit dem Ruf OAS-Assassins (OAS-Mörder) auf die Rue Saint-Jacques strömten, während die Studenten der rechts stehenden Faculté de Droit (Juristische Fakultät) mit dem Ruf "OAS-Algérie" antworteten. Einige Male artete das in Schlägereien aus, bis die Polizei eingriff und die Demonstranten trennte.

  Die beiden letzten Jahre in Paris wohnte ich im Quartier Latin, in einer Seitenstraße der Rue Saint-Jacques, in einer ehemaligen "chambre de bonne", einem Dienstmädchenzimmer, hoch oben über und mit Blick auf Paris. Der Straßenlärm war weit weg, nur ein gedämpftes fernes Rauschen. Paris bot unvergleichliche Möglichkeiten. Erwähnt sei insbesondere die Cinemathèque, wo man in der Rue d´Ulm für einen Franc und einen Centime pro Film die ganze Filmgeschichte in sich aufnehmen konnte. Etwa zur gleichen Zeit haben dort die späteren Koryphäen des neuen deutschen Films, wie Volker Schlöndorff und Werner Herzog verkehrt. Sie sollen dort Tage und/oder Nächte verbracht haben. (Hätte ich gewusst, dass sie einmal berühmt werden würden, hätte ich den Kontakt gesucht!) Theater, Oper, Jazz-Musik taten ein Übriges. Die Wucht einer Brecht-Aufführung "Der unaufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" im Théatre National Populaire ist mir unvergesslich, auch die Aufführung von Becketts "Warten auf Godot" auf einer kleinen Bühne. Es war eine gute, intellektuell ungemein anregende Zeit.

  Mit 19 Jahren war ich nach Paris gekommen, mit 22 konnte ich glatt als Franzose durchgehen. Die Anpassung war nicht schwer gewesen. Ich war freundlich aufgenommen und akzeptiert worden. Treue Freunde sind mir aus dieser Zeit geblieben, sie sind im Ruhestand wie ich, und der Kontakt hat sich seither intensiviert. Liiert habe ich mich 1963 mit einer Französin, Francoise, in deren Familie ich herumgereicht wurde. Wir heirateten und bekamen eine Tochter. Die Ehe hielt nicht. (Wir haben uns schnell auseinandergelebt, die räumliche Distanz zwischen Bonn und Paris, wo Francoise arbeitete, war für damalige Verhältnisse doch sehr groß.) Ich hätte 1964/1965 Franzose werden können. Mir fiel der Übergang leicht. Ich hatte begonnen, Französisch zu denken. Zum Schreiben auf Deutsch benutzte ich manchmal ein Wörterbuch, weil mir der deutsche Begriff nicht mehr spontan einfiel. Noch heute fühle ich mich in Frankreich, besonders in Paris zuhause (mehr als in Berlin). Im Beruf, in der Politik habe ich davon profitiert. Die französischen Kollegen merkten manchmal gar nicht, dass ein Deutscher mit ihnen am Tisch saß. Ich redete und dachte wie sie.

  Franzose wurde ich dennoch nicht. Zwar hatte mein Schwiegervater, ein hoher Beamter im französischen Bildungsministerium, angeregt, ich könnte doch einen Antrag auf Zulassung zur Agrégation, einem der höchsten französischen Bildungsabschlüsse stellen, die mir die Tür zu hohen Funktionen in Frankreich geöffnet hätte. Ein Brief an den Staatspräsidenten de Gaulle würde genügen. Aber das lag mir doch fern. Mag sein, dass der selbstverständliche französische Patriotismus, das Sendungsbewusstsein einer Nation, die unter de Gaulle an die alte Grandeur/Größe anknüpfen wollte, in mir Abwehrreaktionen hervorrief. Wahrscheinlich ging es mir wie anderen Deutschen, die in Frankreich zum Selbstbewusstsein ihrer eigenen Nation fanden - ein Phänomen, das zu Beginn des 19. Jahrhunderts besonders ausgeprägt war. Das deutsche Nationalgefühl war im 19. Jahrhundert ohnehin eine Gegenreaktion auf die Entwicklung in Frankreich, die in den Befreiungskriegen gegen Napoleon ihren sichtbarsten Ausdruck fand. In mir wurde jedenfalls etwas angestoßen, was man die Rückkehr zu den eigenen Wurzeln nennen könnte.

  War ich genetisch vorbelastet? Meine Familie, die Freiherrn Schenck zu Schweinsberg, hatten durch die Jahrhunderte hindurch in Deutschland Offiziere, Diplomaten, Kirchenfürsten und Staatsmänner gestellt. Unverrückbar hatten sie auf ihren Burgen und Schlössern in Hessen und Thüringen gesessen. Die Stammburg steht in Hessen bei Marburg (erste Erwähnung 1199). Allerdings war ein Teil der Familie schon im 19. Jahrhundert in die USA ausgewandert. Einer meiner Brüder wurde schwedischer Staatsbürger. Einige meiner Jugendfreunde, die in Singen, in der Schule und bei den Grauen Reitern dieselben Prägungen erfahren hatten wie ich, sind in die weite Welt, insbesondere die USA ausgewandert oder sind dem Lockruf der benachbarten Schweiz erlegen und haben sich dort niedergelassen. Die familiäre Prädisposition oder mein jugendlicher Werdegang waren es also nicht, die mich nach Deutschland zurückkehren ließen.

   Ich brachte etwas mit aus Frankreich, was sicher mehr war als eine Art Firnis, den man wieder abschüttelt. Die Jugendjahre zwischen dem 18. Lebensjahr und Mitte zwanzig sind bekanntlich außerordentlich formativ, sie prägen ein ganzes Leben. Frankreich war für mich fortan ein Bezugspunkt, nicht nur im Hinblick auf Nation und Nationalität. Unbewusst, manchmal auch bewusst, habe ich französische Vorstellungen auf Deutschland übertragen. Die Folge war eine Art Spannung zwischen Anziehung und Abstoßung, eine Dialektik zwischen Widerspruch und Zustimmung, eine Ambivalenz, die von der platten Frankophilie (meist nur Vorliebe für Rotwein, Croissants und Baguette), ebenso weit entfernt ist wie von der deutschtümelnden Ablehnung von allem Französischen. Beides gibt es ja bekanntlich in deutschen Landen, die antifranzösische Deutschtümelei jetzt etwas gemildert durch die deutsch-französische Zusammenarbeit der letzten Jahrzehnte.

René Girard: Frankreich/Deutschland

  René Girard (RG), sagt, worauf ich hinaus will - und viel besser als ich es könnte. Sein Werk: Achever Clausewitz ("Clausewitz vollenden"), Carnets Nord, Paris (2007) liegt bis heute allerdings noch nicht in deutscher Übersetzung vor. René Girard, gestorben 2015, war Mitglied der Académie francaise und ist bekannt als großartiger Literaturwissenschaftler mit oftmals neuem Blick auf die Dinge. Er ist einer der ganz wenigen Autoren (übrigens auch auf deutscher Seite), die sich gleichermaßen mit Heidegger, Carl Schmitt, Hegel, Clausewitz, Ernst Jünger, Hölderlin u. a. intensiv auseinander gesetzt haben. Damit steht Girard in einer französischen Tradition, die auf Germaine de Stael zurückgeht, einer Zeitgenossin Kaiser Napoleons mit ihrem berühmten Buch "De l ´Allemagne" (Über Deutschland).

  Girard über Hölderlin: Auf andere Weise als seine Freunde Hegel, Schelling und Fichte habe Hölderlin - so Girard - auf die Herausforderung der Französischen Revolution und Napoleons geantwortet. Während jene im Sinne der von Girard vertretenen Theorie der Nachahmung ("mimétisme"), und des damit verknüpften des Anstiegs der Gewalt ins Extreme ( "montée aux extremes de la violence") die deutsch-französische Rivalität und Erbfeindschaft philosophisch unterlegten, habe sich Hölderlin in den Tübinger Turm zurückgezogen.

Madame de Stael sei die französische Replik. Mit ihrem Buch "De l´Allemagne" habe sie - so Girard - mit anti-napoleonischem Ressentiment eine Beschreibung und Interpretation des deutschen Geisteslebens um 1800-1810 verfasst, in das sie u. a. von Schelling eingeführt worden war. Sie macht die deutsche Romantik und die Philosophie in Frankreich bekannt und prägt damit das französische Deutschlandbild bis heute.

  Mit Hölderlin, Clausewitz und Germaine de Stael führt uns René Girard ins Herz der deutsch-französischen Beziehungen, in die Rivalität und den selbstzerstörerischen Gewaltausbruch beider Nationen gegeneinander. Man wird seiner Interpretation nicht immer folgen können: er sieht eine Gesetzmäßigkeit am Werk, die "montée aux extrêmes", die die Geschichte durchdringe.

  (RG): Pourquoi Hölderlin s´est-il rendu à Bordeaux? Parce qu´il sentait plus qu´aucun autre le provincialisme de l´Allemagne. Mais il n´a rien rapporté de France. Il a beaucoup souffert de l´absence de dialogue entre les deux pays, lui qui a eu la naiveté de croire en la Révolution francaise. Il ne tarde pas à rentrer à Tübingen...(S. 271). (Warum ging Hölderlin nach Bordeaux? Weil er mehr als andere den Provinzialismus in Deutschland empfunden hat. Aber er hat nichts aus Frankreich zurückgebracht. Er hat sehr unter dem Fehlen eines Dialogs zwischen den beiden Ländern gelitten, er, der naiv genug war an die Französische Revolution zu glauben. Er verliert keine Zeit um nach Tübingen zurückzukehren.)

  RG: Cette oeuvre (Hölderlin) m´habite depuis longtemps...Elle s´impose tout à coup à moi parce qu´elle se situe au coeur du noeud franco-allemand. C´est par Hölderlin, et aucun autre, que nous pouvons comprendre ce qui est en train de se passer en 1806, à Iéna. (Dieses Werk beschäftigt mich seit langem...Es hat sich mir aufgedrängt, weil es im Herzen des deutsch-französischen Knotens steht. Durch Hölderlin, und niemand sonst, können wir verstehen, was 1806 in Jena passierte.)

  RG: Nous tenons là une date absolument décisive. C´est le moment où Hegel voit "passer l´esprit du monde à cheval" (Napoleon) sous ses fenêtres; où Clausewitz se rapproche du "dieu de la guerre" (Napoleon); et où Hölderlin sombre dans ce qu´on va bientot appeler sa "folie" (S. 216) (Das ist ein absolut entscheidendes Datum. Das ist der Moment an dem Hegel den "Weltgeist zu Pferde" (Napoleon) unter seinen Fenstern vorbeireiten sieht; an dem Clausewitz sich dem "Kriegsgott" (Napoleon) nähert; und an dem Hölderlin in das versinkt, was man bald seine Geisteskrankheit nennen wird.)

  RG: Parler de la "folie" de Hölderlin, à propos de sa retraite de presque quarante ans, c´est méconnaitre l´ épreuve dont sort alors le poète (S. 219).
(Von Hölderlins Geisteskrankheit wegen seines fast 40 Jahre langen Rückzugs reden, bedeutet die Prüfung falsch zu verstehen, die der Dichter durchlaufen hat.)
Hölderlin: Mais aux lieux du péril croit / Aussi ce qui sauve..." (Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch...).

  RG: Hölderlin est une espèce de Clausewitz lui aussi fasciné par la France (S. 230). (Hölderin ist eine Art Clausewitz ebenfalls fasziniert durch Frankreich.)

  RG: Nous comprenons ainsi pourquoi le silence et la tristesse de Hölderlin sont contemporains du retour de la Prusse sur la scène de l´histoire allemande. Le retrait de Hölderlin a lieu au moment même où s´opère en Allemagne une accéleration inquitante de l´histoire. Le poète est en cela infiniment plus lucide que son ami Hegel. Tout se passe comme s´il avait senti ce devenir affolé, et que les hommes étaient incapables d´entendre cette vérité (S. 220/221). (Wir verstehen deshalb, warum das Schweigen und die Traurigkeit Hölderlins mit der Rückkehr Preußens in die deutsche Geschichte zusammenfällt. Der Rückzug Hölderlins findet zu dem Zeitpunkt statt, in dem in Deutschland eine beunruhigende Beschleunigung der Geschichte einsetzt. Der Poet ist darin unendlich hellsichtiger als sein Freund Hegel. Alles findet statt als hätte er dieses panikartige Geschehen vorhergesehen, und dass die Menschen unfähig waren, diese Wahrheit zu sehen.)

  RG: Hölderlin, au contraire, a trouvé dans sa retraite finale le seul moyen de cesser d´osciller entre la glorification et la dénégation de soi, la seule facon de surmonter cette torture (S. 222). (Hölderlin hat in seinem endgültigen Rückzug das einzige Mittel gesehen, das Schwanken zwischen der Selbstverherrlichung und der Selbstverleugnung, die einzige Weise, diese Qual zu beenden.)

  RG: Le grand silence du poète est donc celui d´une relation mystérieuse à l´absence de Dieu, une imitation de ce retrait (S. 223). (Das große Schweigen des Dichters ist das einer geheimnisvollen Beziehung zur Abwesenheit Gottes, eine Nachahmung dieses Rückzugs.)

  RG: C´est donc bien Germaine de Stael, en effet, qu´il faut convoquer pour aborder la question des rapports entre les deux pays, au coeur de cette montée aux extrêmes qui va détruire l´Europe (S. 272). (Man muss Germaine de Stael aufrufen, um die Frage der Beziehungen der beiden Länder anzusprechen, die im Herzen dieses Anstiegs des Gewalt ins Extreme stehen, der Europa zerstören wird.)

  RG: Parce que Germaine de Stael comprend les lois de ce qu´on pourrait appeler le conformisme allemand et le mimétisme francais, elle est au coeur du duel qui va détruire l´Europe. La France imite alors les vieux modèles et les Allemands croient devoir imiter la France. Les Francais se crispent sur leur classicisme démodé et les Allemands sont humiliés par l´Empire napoléonien (S. 278). (Weil Germaine de Stael die Gesetze dessen kennt, was man den deutschen Konformismus und die französische Nachahmung nennt, steht sie im Herzen des Duells, das Europa zerstören wird. Frankreich imitiert die alten Modelle und die Deutschen glauben, Frankreich imitieren zu müssen. Die Franzosen klammern sich an ihren veralteten Klassizismus und die Deutschen sind vom napoleonischen Empire gedemütigt.)

  RG: Elle sent que la relation franco-allemande détient l´essence de l´Europe: se battre pour la reconciliation des deux pays, ce serait sauver l´Europe du reniement, voire de l´autodestruction (S. 273). (Sie fühlt, dass die deutsch-französische Beziehung das Wesen Europas in sich birgt: für die Versöhnung der beiden Länder zu kämpfen, bedeutet Europa vor der Selbstverleugnung zu retten, wenn nicht vor der Selbstzerstörung.)

  RG: Les Allemands, qui s´apprêtent à se relever au moment où Germaine de Stael écrit sur eux, vont en effet tomber dans une passion identique à celle des Francais devenus romantiques après 1815. Il en résultera, un siècle et demi de retard, le même épuisement. L´Allemagne connaît aujourd´hui, elle aussi, un effondrement démographique (283). (Die Deutschen, die ansetzen, sich zu erheben, in dem Augenblick, in dem Germaine de Stael über sie schreibt, werden in die gleiche Leidenschaft verfallen wie die Franzosen 1815, als sie romantisch wurden. Das Ergebnis ist dieselbe Erschöpfung, anderthalb Jahrhunderte verspätet. Deutschland kennt, heute, ebenfalls einen demografischen Zusammenbruch.) René Girard zieht einen Vergleich zwischen dem demografischen Niedergang Frankreichs nach den napoleonischen Kriegen und Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg. Bis um 1800 war Frankreich das bevölkerungsreichste Land Europas, danach stagnierte die Bevölkerung, während die der anderen europäischen Völker zum Teil explosionsartig wuchs. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Demografie in Deutschland negativ.

  Die katholische Versöhnungsmesse, die de Gaulle und Adenauer gemeinsam 1963 in der Kathedrale von Reims feierten, beendet für René Girard die deutsch-französische Rivalität. Die "montée aux extrêmes" ist gebrochen und im Katholizismus auf- und eingefangen. Die Gedanken von Girard hierzu darzulegen, würde zu weit führen. Das Heil im Katholizismus ist zudem nicht jedermanns Sache.

  Die Symbolik der Messe in der Kathedrale von Reims 1963 hat für mich besondere Bedeutung, da das (früh-)mittelalterliche Reims das Thema meiner Doktorarbeit wurde. Die Kathedrale von Reims war im Ersten Weltkrieg von deutschen Truppen mit gezieltem Artilleriefeuer schwer beschädigt worden. (Die damals zerstörten Fenster sind vom deutschen Künstler Imi Knoebel Anfang des 21. Jahrhunderts neu gestaltet und ersetzt worden.)