Kontinuitaet deutscher außenpolitischer Interessen im 20. Jahrhundert?
Guntram von Schenck, Juni 2009
 
Kontinuität deutscher außenpolitischer Interessen im 20. Jahrhundert?

Es mag auf den ersten Blick befremdlich scheinen, die Kontinuität deutscher außenpolitischer Interessen im 20. Jahrhundert zu thematisieren. War doch das 20. Jahrhundert für die deutsche Politik und Geschichte von schweren Verwerfungen und Brüchen gekennzeichnet. Kontinuitäten wurden sogar bewusst gebrochen. Am deutlichsten 1945 und danach.

Auffällig ist aber schon die Parallele zwischen der Balkankrise am Anfang des 20. Jahrhunderts, die 1914 mit der Ermordung des österreichischen Thronfolgers in Sarajewo den  Ersten Weltkrieg auslöste, und der Krise Jugoslawiens am Ende des Jahrhunderts, die zum Zerfall des Balkanstaates führte. 1914 standen auf Seiten Serbiens Großbritannien, Russland und Frankreich gegen das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn. Als Jugoslawien 1992-1995 in den Zerfallskriegen auseinander brach und Sarajewo von den Serben belagert wurde, standen wiederum Großbritannien, Russland und Frankreich auf Seiten der Serben, Deutschland und Österreich auf Seiten der Kroaten, Slowenen und Bosnier. Wenige Jahre nach der Wiedervereinigung die gleiche europäische Mächtekonstellation wie 1914! 1992-1995 waren die großen europäischen Mächte ebenso wie 1914 unfähig, den Konflikt zu lösen.

Erst das Eingreifen der USA brachte 1994 die notwendigen Entscheidungen. Lange hatten sich die USA abseits gehalten, da sie davon ausgegangen waren, dass die europäischen Mächte diesen Konflikt vor ihrer Haustür in den Griff bekommen würden. Aber sie konnten es nicht. Ohne die USA als außereuropäische Macht hätte der jugoslawische Zerfallskrieg mit Sicherheit  weiter geschwelt und länger gedauert. Anders als im Ersten Weltkrieg nahmen die USA 1993/1994  gegen die Serben für die deutsche Position Partei.

Die augenscheinliche Kontinuität der Interessenlage der europäischen Mächte vor 1914 und  nach 1990 gibt schon einen ersten Hinweis auf fortdauernde Interessendifferenzen zwischen Deutschland und den anderen europäischen Mächten. Die Kontinuitätsfrage ist also keineswegs so obsolet, wie sie zunächst scheinen mag, sie verdient eine genaue Analyse.

Die Interessen der europäischen Großmächte: Großbritannien, Frankreich, Russland

Die Gründung des Deutschen Reiches durch Bismarck 1870/1871 fand in einem europäischen Kontext statt, in dem die bestimmenden großen Mächte, Großbritannien, Frankreich und Russland eine seit Jahrhunderten eingespielte und erprobte Interessenpolitik verfolgt und abgesteckt hatten. Der Neuankömmling, das Deutsche Reich, musste seine Rolle erst finden und seine Interessen so definieren, dass sie im Abgleich mit den Interessen der Nachbarn stabile und tragfähige Verhältnisse in Europa ermöglichten. Das war nicht geglückt, wie man weiß.

Die Interessen Großbritanniens können knapp mit der Aufrechterhaltung eines europäischen Gleichgewichts der Mächte, der Balance of  Power beschrieben werden. Sie garantierte England die Seeherrschaft und gab ihm die Rolle eines Schiedsrichters und Züngleins an der Waage in den Machtkämpfen auf dem europäischen Kontinent. Stets fand sich London auf der Seite derer, die den Machtzuwachs eines kontinentalen Rivalen und die Erringung einer hegemonialen Vorherrschaft bekämpften. Das tendenziell hegemoniale Frankreich unter Ludwig XIV wurde ebenso nieder gerungen wie das Kaiserreich Napoleons I ein gutes Jahrhundert später. Die Methode war immer dieselbe: England suchte und fand so genannte Festlandsdegen, die die Hauptkämpfe durchzufechten hatten und mit Subsidien und Truppenkontingenten gestützt wurden. England sorgte dafür, dass die tendenzielle Hegemonialmacht  sich so weit verzettelte, dass sie geographisch an den Rändern angegriffen und von dort aufgerollt  werden konnte.

Wichtig war für London die Herrschaft auf den Weltmeeren als Voraussetzung für den Auf- und Ausbau des Empire, des gigantischen Kolonialreiches, das auszubeuten war und dem Heimatland enorme Reichtümer zuführte. Zum britischen Konzept gehörte auch, an der England gegenüber liegenden Kanalküste keine Präsenz einer starken europäischen Kontinentalmacht zu dulden, die die englische Seeherrschaft beeinträchtigen könnte. Insgesamt handelt es sich um klare Interessenpositionen, die in Jahrhunderten gegen andere Mächte in erbitterten und langwierigen Kriegen durchgesetzt und siegreich behauptet worden waren. Entsprechend diesen nationalen Interessen wechselten die Briten die Bündnispartner. Auf dem Kontinent entstand dadurch der unzutreffende Eindruck vom perfiden Albion.

Frankreichs Interessen waren die der stärksten europäischen Kontinentalmacht. Zunächst musste Frankreich das Haus Habsburg zurückdrängen, das in Europa bis ins 17. Jahrhundert u. a. die Landmassen der österreichischen Erblande einschließlich Böhmen und Mährens, Spanien, das heutige Belgien und jenseits des Atlantik Mittel- und Südamerika beherrschte. Nach den Wirren der Religionskriege war es Richelieu Anfang des 17. Jahrhunderts gelungen, Frankreich zu zentralisieren und sein inneres Machtgefüge so zu festigen, dass es nach dem Dreißigjährigen Krieg im Westfälischen Frieden 1648 zur stärksten Kontinentalmacht aufstieg. Voraussetzung war eine entscheidende Schwächung der Habsburger, die eine Zerstückelung Deutschlands in souveräne Einzelstaaten einschloss. Der Habsburger Kaiser konnte in Deutschland nicht die Oberhoheit und dieselbe Zentralisierung durchsetzen, wie sie in Frankreich Richelieu gelungen war. Im Dreißigjährigen Krieg waren die Anläufe der Habsburger Kaiser endgültig gescheitert.

Frankreichs Interesse bestand in der Folgezeit darin, die Kleinstaaterei in Deutschland aufrecht zu erhalten. Die bayrisch-habsburgischen und habsburgisch-preußischen Rivalitäten in Deutschland galt es zu schüren, das Souveränitätsstreben der deutschen Kleinstaaten zu stärken und die Bundesverfassung, sei es in Form des Heiligen Römischen Reich bis Ende des 18. Jahrhunderts und des Deutschen Bundes nach 1815 zu schwächen. Auf den Weltmeeren rivalisierte Frankreich glück- und erfolglos mit England. England gelang es in den entscheidenden Phasen stets, eine antifranzösische Koalition auf dem Festland zu schmieden, so dass Frankreich seine Kräfte aufspalten und verzetteln musste. Aufgrund demographischer, kultureller und politischer Faktoren war eine französische kontinentale Hegemonie angelegt und möglich, allerdings blieb sie stets angefochten und konnte nie dauerhaft entfaltet werden. Frankreichs Stellung als stärkste Kontinentalmacht war infolgedessen nur tendenziell hegemonial. Es bedurfte immer besonderer Anstrengungen, um in diesem Spannungsfeld die französischen Interessen zu wahren und gegebenenfalls durchzusetzen.

Russland war erst verhältnismäßig spät in das europäische Mächtekonzert eingetreten. Der Durchbruch als östliche Flügelmacht erfolgte mit Zar Peter und  Zarin Katharina im 17./18. Jahrhundert, endgültig in den napoleonischen Kriegen zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Russland war an einer ungehinderten Ausdehnung seiner Macht auf dem eurasischen Kontinent nach Osten interessiert, der nicht durch europäische Mächte wie Schweden im 17. Jahrhundert oder Frankreich zu Beginn des 19. Jahrhunderts behindert werden sollte. Eine potentiell bedrohliche Machtzusammenballung in Mitteleuropa stand im Gegensatz zu russischen Interessen. Vielmehr war Russland an einer Mittelmacht in Mitteleuropa mit Anlehnungsbedürfnis an Russland interessiert, die  gegebenenfalls russische Interessen wahrnehmen konnte und würde. Diese Macht fand sie in Preußen, das nach der verheerenden Niederlage gegen Napoleon nur aufgrund russischer Unterstützung nicht untergegangen war. Russland suchte außerdem den offenen Zugang zum Meer in der Ostsee, aber auch über den Bosporus. Den Anschluss an die technologische Entwicklung in Europa hatte Russland früh als vital erkannt, blieb jedoch schwankend im Hinblick auf kulturelle Einflüsse.

Das war skizzenhaft dargestellt die Interessenlage der großen europäischen Mächte, die sich im Verlauf der letzten Jahrhunderte nach vielen Kriegen und zahlreichen Friedensschlüssen herausgebildet hatte, als das Deutsche Reich 1870/1871 von Bismarck gegründet wurde. Die Lage war seit dem Wiener Kongress 1815 bis zur Reichsgründung relativ stabil: Großbritannien beherrschte die Meere und expandierte sein Kolonialreich weltweit, Frankreich war stärkste Kontinentalmacht, Russland eroberte weite Teile Asiens. Nur an der Grenzlinie zwischen britischem und russischen Einfluss kam es weitab von Europa in Asien zu Streitigkeiten, die im Krim-Krieg gipfelten. Als das Osmanische Reich schwächer wurde und immer weiter zerfiel, kündigten russische Ambitionen auf dem Balkan und Bosporus neue Konflikte an. In Deutschland rivalisierten Österreich und Preußen um die Vorherrschaft, Preußen lehnte sich an Russland an, Österreich-Ungarn  fand in Großbritannien Unterstützung. Die deutschen Klein- und Mittelstaaten von Bayern bis Hannover verharrten ohne Ambitionen in beschaulicher Ruhe, ihre Existenz war für die Großmächte so etwas wie der Garant für den Status quo. Alles hätte so bleiben können, wie es war, wäre da nicht der Ehrgeiz der Deutschen gewesen, nun selber auch einen Nationalstaat zu gründen und damit an der allgemeinen europäischen Entwicklung teil zu haben. Die Deutschen waren nicht die einzigen, die an der bestehenden internationalen Ordnung rüttelten. Das gleiche galt für Italien, die Völker Mittel- und Osteuropas und des Balkan. Auch sie strebten nationale Einheit und Unabhängigkeit an.

Die Gründung des Deutschen Reiches 1870/1871 veränderte die internationale Lage in Europa entscheidend. Frankreich hatte im Verlauf der deutschen Einigungskriege, die auch Italien einbezogen, nicht nur den deutsch-französischen Krieg sondern auch den Status als stärkste Kontinentalmacht verloren. Russland musste erkennen, dass das Deutsche Reich kein größeres Preußen war, das im außenpolitischen Orbit von Russland verharrte, sondern zunehmend eine Politik aus eigenen Interessen verfolgte. Das galt besonders für den Balkan, wo Deutschland den Verbündeten Österreich-Ungarn stützte und sich mit dem Osmanischen Reich liierte, was im Zarenreich mit wachsendem Groll als Behinderung russischer Interessen wahrgenommen wurde. Großbritannien schließlich hatte schon die deutsche Einigung mit Misstrauen betrachtet. Deutschland war stärkste Kontinentalmacht geworden - für London prinzipiell ein Grund erhöhter Wachsamkeit und Misstrauens. Die demographische und wirtschaftliche Dynamik Deutschlands nach 1870/1871 konnte das Misstrauen nur verstärken, zumal Deutschland auch wirtschaftlich immer mehr als Konkurrent empfunden wurde. Deutschland erreichte eine tendenziell hegemoniale Position, die Flottenrüstung tat ein Übriges.

Es hätte großer und weitsichtiger Staatsmänner bedurft, um Europa in dieser neuen, ungewohnten Lage ohne größere Konflikte und Kriege durch die Krise zu steuern. Nach dem Abgang von Bismarck gab es diese Staatsmänner nicht, nicht in Deutschland, nicht in Paris, nicht in London und auch nicht in St. Petersburg. Großbritannien, Frankreich und Russland hielten an ihren außenpolitischen Interessen fest, dank denen sie ihre Machstellung erobert und über die Jahrhunderte befestigt hatten. Warum sollten sie ändern, was sich so lange für sie bewährt hatte? Die Meinung herrschte vor, auch die neuen Interessenkonflikte wie bisher unter Einsatz militärischer Mittel ausfechten zu können. Niemand hatte in den Hauptstädten einen auch nur annähernd realistischen Begriff davon, in welche Katastrophe ein allgemeiner bewaffneter Konflikt Europa stürzen könnte. Nur so ist die europäische Hochrüstung mit ihren Plänen zur Mobilmachung vor 1914 zu verstehen. Es war ein verhängnisvoller Irrtum, wie man heute weiß. Das Deutsche Reich  fühlte sich durch die anderen europäischen Mächte, die eine tendenzielle Hegemonie nicht hinnehmen wollten,  eingekreist. Zu Recht oder zu Unrecht, ist nicht so bedeutsam. Was zählt ist Wahrnehmung - und die war nicht nur falsch. Alle europäischen Großmächte fühlten sich vor 1914 in ihren Interessen herausgefordert und bedroht.

Der Krieg brach 1914 aus. Über die politische Verantwortung kann man streiten. Aber das löst das Problem nicht. Es waren die außenpolitischen Interessenkonflikte, die mit diplomatisch-politischen Mitteln von den zeitgenössischen Staatsmännern nicht mehr beherrscht wurden. Jeder fühlte sich im Recht. Natürlich auch das Deutsche Reich. Der Erste Weltkrieg wurde zur Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts. Der Krieg dauerte mehr als vier Jahre, Millionen starben auf den Schlachtfeldern. Deutschland verlor schließlich den Krieg. Schlimmer war, dass die deutsche Gesellschaft nach dem Krieg nicht mehr dieselbe war wie zuvor, sie war in ihren Grundfesten erschüttert und zutiefst verunsichert. Der Versailler Vertrag brachte zudem keinen Frieden, er löste die grundlegenden Probleme nicht. Deutschland begehrte dagegen auf und glaubte, mit militärischen Mitteln das Blatt doch noch einmal wenden zu können. Im Zweiten Weltkrieg zerbrachen diese Ambitionen. Deutschland wurde besiegt, es war die totale Niederlage. Das Land wurde besetzt, in Besatzungszonen aufgeteilt, um ein Viertel bis ein Drittel seines Territoriums amputiert. Deutschland war nach 1945 nur noch ein vager, unbestimmter geographischer Begriff,  kein politischer Begriff mehr. Nur unter Bevormundung ausländischer Mächte konnten sich die Deutschen nach der totalen Niederlage 1945 ab 1948/1949 in Teilstaaten organisieren.

Betrachtet man die Ergebnisse der zwei Weltkriege für Deutschland, fällt es nicht schwer zu erkennen, dass sie in etwa der Lage vor der Reichsgründung 1870/1871 entsprachen. Es gab wieder zwei Staaten in Deutschland, die Bundesrepublik und die DDR, die miteinander rivalisierten, wie einst Preußen und Österreich. Im Westen war mit der Bundesrepublik eine Art Rheinbund-Staat wie unter Napoleon I entstanden, in dem die Alliierten, vor allem Frankreich darüber wachten, dass er nicht zentralistisch regiert, sondern so weit wie irgend möglich föderal aufgebaut war. Russland hatte seinen Einflussbereich wieder nach Mitteleuropa ausgedehnt und mit der DDR eine Art neues Preußen geschaffen, das die Anlehnung an Moskau nicht nur suchte sondern existentiell benötigte, wie einst das Preußen der napoleonischen Zeit. Großbritannien hatte den Rivalen, der in eine tendenziell hegemoniale Stellung in Europa hinein zu wachsen drohte, ausgeschaltet. Insofern kann man die zwei Weltkriege als Kriege zur Wiederherstellung des Status quo ante begreifen, die die deutsche Reichsgründung revidierten. Die Interessen der europäischen Großmächte Großbritannien, Frankreich und Russland hatten sich - freilich unter immensen Opfern - wieder durchgesetzt. Alle hätten zufrieden sein können, außer den Deutschen selbst, die ihren Nationalstaat verloren hatten, dem sie aber im Lauf der Jahre immer weniger nach zu trauern schienen.

Die deutschen Interessen in der europäischen Machtbalance

Wie hätte bei der Ausgangslage 1870/1871 deutsche Außenpolitik angelegt werden können, damit der neue Staat sicher durch die Fährnisse der in Jahrhunderten gewachsenen Interessen der mächtigen Nachbarn hätte gesteuert werden können? Bismarck, dem die Probleme durchaus bewusst waren, hat sie auf seine Weise durch ein kompliziertes Bündnissystem zu lösen versucht. Seine Nachfolger waren weniger problembewusst und vertrauten mit zeitlichem Abstand zur Reichsgründung offenbar auf die Kraft des Faktischen. Das Deutsche Reich war eine Tatsache: es existierte, es würde sich schon behaupten, notfalls mit militärischen Mitteln. Den zeitlichen Rückstand zu den anderen Mächten bei der Aufteilung der Welt suchte man aufzuholen. Den eigenen Platz an der Sonne wurde man schon erringen, wenn man die eigenen Ansprüche nur nachdrücklich genug vertreten würde. Der Aufbau der Kriegsmarine diente diesem Zweck. Hinzu kam eine optimistische Grundstimmung, eine innere Selbstgewissheit, die mit der dynamischen wirtschaftlichen und demographischen Entwicklung einherging. Wohl bemerkte die deutsche Regierung, dass Deutschland zunehmend diplomatisch isoliert war. Man fühlte sich eingekreist, fand jedoch keinen Weg aus der Isolierung.

Angesichts der Interessenlage der mächtigen Nachbarn war das auch schwer erreichbar. Frankreich hatte sich mit dem Verlust des Status als stärkste Kontinentalmacht und Elsass-Lothringens nicht abgefunden und setzte u. a. mit der Finanzierung grenznaher, strategischer Eisenbahnen im Westen des Russischen Reiches fest auf diesen Bündnispartner. Russland konnte seine Interessen im Balkan nicht durchsetzen, da sie mit Interessen von Österreich-Ungarn kollidierten. Die Habsburger Monarchie in Wien zog das Deutsche Reich immer tiefer in den Balkanprobleme hinein, die mit der Erosion des Osmanischen Reiches einhergingen. Berlin konnte und wollte diesen letzten europäischen Bundesgenossen nicht verlieren und unterstützte ihn nolens volens.  Der wachsende russische Groll traf dann allerdings Berlin direkt. Großbritannien betrachtete das Deutsche Reich, das im Begriff stand, das Kräftegleichgewicht in Europa zu gefährden und schon aufgrund ökonomischer und demographischer Gegebenheiten in eine tendenziell hegemoniale Stellung hinein wuchs, mit wachsendem Misstrauen. Allein durch seine schiere Existenz und seine dynamische demographische und wirtschaftliche Entwicklung wurde das Deutsche Reich für die anderen europäischen Großmächte zu einem provozierenden Störfaktor. Auch wenn die deutsche Politik völlig immobil und passiv gewesen wäre, hätte es seltener und überragender diplomatischer Fähigkeiten bedurft, um das wachsende Unbehagen der Nachbarn zu verhindern oder auszugleichen.

Die deutsche Politik verharrte allerdings nicht in Passivität. Die Aufrüstung der Kriegsmarine wurde forciert und in London natürlich als Herausforderung wahrgenommen. Auch suchte das Deutsche Reich just in den Weltregionen Einfluss zu gewinnen, die noch als leere Flecken erschienen, aber nur deshalb, weil sie zwischen Großbritannien und Russland strittig geblieben und deshalb nicht aufgeteilt worden waren. Das betraf mit dem Osmanischen Reich den Bosporus, Vorderasien und das Zweistromland (heutiger Irak), sinnfällig geworden durch den Bau der Bagdad-Bahn, aber ebenso Afghanistan. Russland und vor allem Großbritannien empfanden das als offene Provokation. Die deutsche Politik verhedderte sich in ihrer Aufholjagd um Macht und Einfluss in der Welt im Gestrüpp der Interessen der anderen europäischen Großmächte. Ein Ausgleich mit Großbritannien über die Flottenrüstung, der in Reichweite schien, wurde in den Wind geschlagen. Auch ungeschickte Äußerungen des deutschen Kaisers Wilhelm II waren wenig hilfreich, wobei letzteres nicht überbewertet werden sollte. Verbale Kraftsprüche gehörten in jener Zeit des europäischen Imperialismus ganz generell zum Repertoire der Politiker und Staatsmänner.

Mit anderen Worten: das Deutsche Reich besaß kein durchdachtes und erprobtes diplomatisches Gerüst, keine außenpolitischen Leitlinien, mit deren Hilfe es wie Großbritannien, Frankreich oder Russland einen Weg durch die Fährnisse der kollidierenden Interessen in Europa hätte finden können. Preußen, aus dem die Diplomatie des Deutschen Reiches hervorging, war bis 1870 in Europa zwar nominell Großmacht, war jedoch im Vergleich zu Großbritannien, Frankreich, Russland und wohl auch Österreich-Ungarn von geringerem Gewicht. Viel Erfahrung im Umgang mit den Interessen anderer Großmächte gab es in Berlin nicht. Preußen hatte sich seit Napoleon I diplomatisch ganz im Fahrwasser Russlands bewegt. Es hatte nicht gelernt, mit der Macht behutsam umzugehen, weil es das nicht brauchte. Preußen-Deutschland hätte diese Erfahrung dann allerdings dringend benötigt, denn der Machtzuwachs Berlins war nach 1870/1871 enorm. Berlins Diplomatie entwickelte bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs kein Konzept, wie es die eigenen und die Interessen der anderen Großmächte dauerhaft zu einem Ausgleich bringen konnte. Berlin lernte nicht, die Interessen der anderen Beteiligten bei der Entwicklung der eigenen Politik mitzudenken und zu berücksichtigen.

Letztlich verließ man sich auf die Kraft der Waffen, um den Knoten zu durchschlagen und deutsche Interessen durchzusetzen. Mythisch überhöhtes  Vorbild wurde das Preußen Friedrichs II, der sich dank seiner Armee im Siebenjährigen Krieg 1756-1763 gegen eine Welt von Feinden, gegen Frankreich, Russland und Österreich, drei europäische Großmächte gleichzeitig, behauptet hatte. Preußen hatte sich unter Friedrich II als neue Großmacht etabliert, reichte in der Substanz aber nicht dauerhaft an die traditionellen Großmächte heran. Denn auf militärische Stärke allein war kein Verlass, wie sich wenige Jahrzehnte später in den napoleonischen Kriegen zeigte. Preußens neue Stellung war trotz der Siege Friedrichs II prekär geblieben. Nur knapp und mithilfe russischer Unterstützung hatte Preußen 1806 die Niederlage überlebt. Dass der militärisch begründete Aufstieg Preußens -  vom Großen Kurfürsten, über Friedrich II  bis zu Bismarck - einmal abbrechen und ein Ende haben könnte, war nicht Bestandteil des preußisch-deutschen Mythos. Der Mythos versperrte den Zugang zur Realität.

Erster Weltkrieg

Die Schuldfrage am Ersten Weltkrieg ist Gegenstand einer ausufernden politisch-wissenschaftlichen Literatur und soll hier nicht erörtert werden. Hier interessiert die deutsche Reaktion auf den Ausbruch des Krieges. Es fehlte die konzeptionelle Klarheit. Sie zeigte sich ganz überwiegend in einer - man kann es nicht anders sagen - unbekümmerten, weil realitätsfremden  Kriegszieldiskussion. Ohne im Einzelnen darauf einzugehen, kann man doch zusammenfassen, dass den meisten Diskussionsbeiträgen die Durchsetzung einer deutschen Hegemonie in Europa vorschwebte. In der Euphorie des Kriegsbeginns forderten die Kriegszielplaner u. a. im Westen die Annexion Belgiens, eines Teils der französischen Nordseeküste, des Erzbeckens von Lothringen und im Osten die Annexion Kurlands, Teilen Polens etc.  Der Phantasie schienen keine Grenzen gesetzt. Von einer klugen, abwägenden, langfristig denkenden und planenden Außenpolitik kann in diesem Zusammenhang keine Rede sein.

Das galt umso mehr als die deutschen Waffen noch keineswegs gesiegt hatten, der Sieg vielmehr auf sich warten ließ. Es kennzeichnet den Mangel an diplomatischer Erfahrung, dass solche Gedankenspiele, die zum Teil in aller Öffentlichkeit ausgetragen wurden, überhaupt ins Kraut schießen konnten. Die Diskussion zeugt von der vorherrschenden Unsicherheit hinsichtlich der vitalen Interessen Deutschlands. Die deutsche Politik war auf den Kriegsausbruch gedanklich überhaupt nicht vorbereitet. Man wusste nicht, was man wollte: Wenn es ein Verteidigungskrieg war, durfte es keine praktisch unkontrollierte Kriegszieldiskussion geben; war es ein Krieg zur Etablierung einer deutschen Hegemonie, dann hätte es vor dem Krieg unbedingt Klarheit über die Kriegsziele geben müssen. Ein Krieg wurde geführt, ja wofür? Es war eine unglaubliche Gedankenlosigkeit, mit der das Deutsche Reich in den Krieg eintrat. Sie spricht allerdings auch gegen eine deutsche Kriegsschuld, es sei denn im Rahmen von Fahrlässigkeit.

Die  Auseinandersetzung um einen Ausgleich zwischen berechtigten, existentiellen deutschen und den Interessen der anderen europäischen Großmächte war in Deutschland ausgeblieben. Für die deutschen Kriegsgegner Großbritannien, Frankreich und Russland war die Lage bei Kriegsausbruch hingegen klar. Ihr überkommenes und in Jahrhunderten erprobtes außenpolitisches Ordnungssystem gab die Leitlinien vor, es bedurfte keiner langen Diskussion. Sie lassen sich wie folgt zusammenfassen. Punkt eins: Das Deutsche Reich durfte keinesfalls eine faktische Hegemonie in Kontinentaleuropa erringen; Punkt zwei: es musste so weit geschwächt werden, dass auch eine tendenzielle kontinentaleuropäische Hegemonie Deutschlands auf Dauer ausgeschlossen blieb; Punkt drei: vielleicht ergab sich sogar die Möglichkeit, das Deutsche Reich, das noch nicht einmal ein halbes Jahrhundert existierte, als Störfaktor ganz auszuschalten und wieder zu zerschlagen. Eine Kriegszieldiskussion war folgerichtig nicht nötig und fand auch nur marginal statt. In Deutschland wurde nicht gesehen, wie kritisch die Lage 1914 für das Deutsche Reich war. Vor allem die Rolle Londons wurde im anstehenden Konflikt völlig falsch eingeschätzt. Dass England der Hauptgegner war und für deutsche Waffen unangreifbar auf den britischen Inseln selbst nach der Niederlage kontinentaleuropäischer Verbündeter weiterkämpfen würde, wurde in seinen Konsequenzen nicht gesehen.

Einer fiel in Deutschland 1914 aus dem Rahmen: Walther Rathenau (1867-1922), der Aufsichtsratvorsitzende der AEG, eines der größten und wichtigsten deutschen Industrieunternehmen. Als Außenminister der Weimarer Republik sollte er einige Jahre später am 24. Juni 1922 einem rechtsradikalen Attentat zum Opfer fallen. Während die überwältigende Mehrheit der deutschen Zeitgenossen, auch in den führenden politischen Kreisen, den Krieg als erlösendes Ereignis begrüßten, sah Rathenau in dem Krieg nüchtern ein Verhängnis. Er hielt den Krieg von Anfang an für eine aus falscher Einschätzung der Gesamtlage mit unzureichenden Gründen und letztlich unbedeutendem Anlass herbeigeführte Katastrophe. Gegenüber dem linksliberalen Reichstagsabgeordneten Conrad Haußmann sagte er im Herbst 1914: Wissen Sie, Herr Haußmann, warum wir diesen Krieg führen? Ich weiß es nicht, sagen Sie es mir. Was soll dabei herauskommen? (Conrad Haußmann, Schlaglichter, 13 - zit. nach Lothar Gall, Walther Rathenau. Porträt einer Epoche, Beck, München 2009, 184). Da das Unglück nun mal eingetreten war, verweigerte Rathenau sich nicht und stellte seine organisatorischen Fähigkeiten und exzellenten Beziehungen in der  Wirtschaft dem Kriegsministerium als Leiter der Kriegsrohstoffabteilung zur Verfügung.  Diese kriegswichtige, wenn nicht kriegsentscheidende Abteilung war auf seinen Vorschlag hin eingerichtet worden. Rathenau wurde damit de facto zum Organisator der deutschen Kriegswirtschaft. Gleichzeitig suchte er dem Krieg aus den deutschen Interessen heraus einen Sinn zu geben, den er in der deutschen Selbstbehauptung und  einer kompletten Umgestaltung der Verhältnisse in Europa sah.

Die von Rathenau vorgeschlagene Umgestaltung war für seine Zeit geradezu revolutionär. Wo andere nach Kriegsbeginn eine faktische deutsche Hegemonie mit der Kraft der Waffen herstellen wollten und für weit reichende Annexionen eintraten, schlug Rathenau in seinen Beiträgen zur Kriegszieldiskussion eine Zollunion mit Österreich-Ungarn sowie einen baldigen Friedensschluss und eine Zollunion mit Frankreich und Belgien vor. Also keine Annexionen sondern Ausgleich der Interessen auf wirtschaftlicher Grundlage. Er machte diesen Vorschlag auf dem Höhepunkt der deutschen Siegeszuversicht - die Marneschlacht war noch nicht geschlagen und verloren. Frankreich sollte ein Frieden gewährt werden, der ein späteres Bündnis nicht nur nicht ausschloss sondern ihm den Boden bereitete. Vorbild war der Friede, den Bismarck 1866 mit Österreich geschlossen hatte. Für Rathenau kam es darauf an, Kontinentaleuropa neu zu ordnen. Die Gründung einer Wirtschaftsgemeinschaft mit Frankreich und Belgien würde Grenzstreitigkeiten relativieren und einen dauerhaften Frieden gewährleisten. Die Verfolgung gemeinschaftlicher wirtschaftlicher Interessen und Ziele wäre die Voraussetzung für eine Neugestaltung Europas.

Die politische Klarsicht Rathenaus war bemerkenswert. Bei Kriegsausbruch gab es keine vitalen deutschen Interessen, die so bedroht waren, dass sie einen Kriegseintritt gerechtfertigt hätten. Im Balkan hatte Deutschland diese Interessen nicht. Außer durch einen generellen Krieg war das Deutsche Reich auch 40 Jahre nach der Gründung in seiner Existenz nicht bedroht. Die dynamische demographische und wirtschaftliche Entwicklung bestätigte und bekräftigte seinen Bestand. Das Streben nach faktischer Hegemonie war mehr als riskant und würde in einen allgemeinen Krieg mit unabsehbaren Folgen münden - wie es dann auch geschah. Rathenau ging davon aus, dass England auch nach der Niederlage Frankreichs weiter kämpfen werde (vgl. Gall, 185, Anm. 21). Eine Einschätzung die richtiger nicht sein konnte, wie wir heute im Rückblick auch auf das Jahr 1940 und den Zweiten Weltkrieg wissen. Rathenau hat ebenfalls realistisch eingeschätzt, wie ein Ausgleich mit Frankreich unter Einschluss Belgiens auf wirtschaftlicher Basis zustande kommen könnte. Er hat gedanklich die kleine EWG von 1957, die Vorläuferin der Europäischen Union, vorweg genommen. Er hat das Interessengeflecht durchdacht, das dem neu gegründeten deutschen Nationalstaat eine sichere Existenz und Entfaltungsmöglichkeiten geben konnte. Seine Vorschläge wurden von der deutschen politischen Führung, insbesondere Reichskanzler Bethmann-Hollweg angehört, aber verworfen.

Russland hatte in Rathenaus frühen Denkschriften von 1914 noch keine Rolle gespielt. Die AEG hatte mit der Gründung einer Tochterfirma in Russland schon vor Kriegsbeginn bedeutende wirtschaftliche Interessen verfolgt. 1915 trat Russland in den Vordergrund von Rathenaus Interesse. Er wollte London und vor allem Paris als Finanzier und Kreditgeber Russlands ablösen und Russland ökonomisch fest in das deutsche Interessengebiet einbeziehen. Rathenau: Russland ist unser künftiges Absatzgebiet…“( Boris Grekow, Russland ist unser künftiges Absatzgebiet. Walther Rathenau und Russland zwischen 1914 und 1922, in: Walter Rathenau 1867-1922, Hg. Hans Wilderotter, Berlin 1994, 204). Voraussetzung war eine Herauslösung des Zarenreiches aus der Kriegsallianz gegen Deutschland und eine Sprengung der Entente. Dieser Frage war nach Rathenau alles übrige unterzuordnen, was auch den Verzicht auf Annexionen beinhaltete.

In Brest-Litowsk schlossen am 3. März 1918 das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn mit der jungen Sowjetmacht einen Separatfrieden. Brest-Litowsk sah u. a. die Herauslösung Finnlands, Polens, der Ukraine und Teile des Baltikums aus dem russischen Staatsverband vor. Finnland und die Ukraine wurden unabhängig. Auch Georgien erlebte im Zusammenhang mit einem Zusatzabkommen eine kurze Phase der Unabhängigkeit. In Brest-Litowsk hatten sich die deutsche Oberste Heeresleitung  und die extremen Vertreter deutscher Kriesgziele durchgesetzt. Unter Protest unterzeichneten die Bolschewiki den Vertrag, weil sie andernfalls um den Bestand der jungen Sowjetrepublik fürchteten. Eine Revision des Vertrages hielt Rathenau aus politischen Gründen für absolut notwendig (ebd. 206). Rathenaus Forderung nach einer Revision war mit keinerlei Sympathie für die russische Oktoberrevolution verknüpft, wiederholt hatte er vor der Gefahr eine `Bolschewisierung´ Deutschlands gewarnt. Die deutsche Niederlage im Herbst 1918 ließ den Vertrag von Brest-Litowsk Makulatur werden. Im Februar 1920 kam Rathenau erneut auf seinen Plan einer engen politischen und wirtschaftlichen Verbindung zwischen Deutschland und Russland zurück und forderte mit einer Reihe von Vertretern der deutschen Industrie die Herstellung enger wirtschaftlicher Beziehungen zu Sowjetrussland (ebd. 207). Mit dem Vertrag von Rapallo vom 16. April 1922, den Rathenau als Außenminister unterzeichnete, verfolgte er diese Linie weiter.

Während des Ersten Weltkriegs drang Rathenau mit seinen Vorstellungen nicht durch. Die weitere Entwicklung ist bekannt. Stichworte können genügen. Deutschland verlor den Ersten Weltkrieg. Im Versailler Vertrag von 1919 wurde Deutschland so geschwächt, dass - so die Absicht der Entente-Mächte - eine tendenzielle deutsche Hegemonie in Kontinentaleuropa  auf überschaubare Zeit ausgeschlossen war.  Eine Zerschlagung des Deutschen Reiches war 1918/1919 unmöglich, weil der russische Kriegsalliierte durch die Revolution ausgefallen war. Die deutsche Politik begann schon in den zwanziger Jahren an der Revision von Versailles zu arbeiten. Im Dritten Reich mündete diese Politik in den Zweiten Weltkrieg. Deutschland wurde 1945 besiegt, besetzt, amputiert, und in zwei Staaten (und wenn man so will, mit Österreich in drei Staaten) zerschlagen. Ausländische Truppen blieben bis in die neunziger Jahre in Deutschland stationiert, im Westen Deutschlands bis heute. Deutschland war nach 1945 wieder, wie nach dem Westfälischen Frieden 1648 bis 1870/1871, potentielles Schlachtfeld. In einem Ost-West-Konflikt, wenn er denn ausbrach, war Deutschland als Kriegstheater (NATO-Jargon) vorgesehen. Atomraketen der Sowjetunion, der USA, aber auch Frankreichs waren auf deutsches Territorium gerichtet. Ein militärischer Konflikt sollte, soweit möglich, auf Deutschland (und kleinere Nachbarländer) eingegrenzt werden. Der Streit um die Nachrüstung (SS 20, Pershing II) Anfang der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts drehte sich nicht zuletzt um diese Frage.

Diese drastische Darstellung ist notwendig, um deutlich zu machen, um welche Entscheidungen es 1914 eigentlich ging. 1914 begann von deutscher Seite ein kopfloser Krieg, der mit einer Art Wiederholungszwang im Zweiten Weltkrieg 1945 endete. Dem jungen deutschen Nationalstaat war es nicht gelungen, sich in das europäische Mächtesystem einzupassen, einzuordnen, sich mit den Nachbarn so zu arrangieren, dass sie sich mit diesem neuen Machtfaktor abfanden, ihn hinnahmen, dauerhaft akzeptierten. Nun wäre es verfehlt, dieses Manko allein dem Deutschen Reich zur Last zu legen. Die wechselseitige Akzeptanz neuer Machtverhältnisse ist ein Prozess, der auch das Verantwortungsbewusstsein der anderen Großmächte mit einfordert und stets Zeit in Anspruch nimmt. Notwendig wäre ein Zusammenspiel gewesen. Die Deutschen orientierten sich am mythischen Vorbild des preußischen Staates, der unter Friedrich II sein Überleben, seinen Aufstieg und die Akzeptanz der anderen Mächte mit militärischen Mitteln  erreicht hatte. Es war freilich eine Fehleinschätzung, die das Preußen Friedrich II mit dem Deutschen Reich Bismarcks gleichsetzte. Preußen hatte unter Friedrich II das europäische Machtgefüge nur modifiziert, nicht gesprengt. Das Deutsche Reich von 1870/1871 stellte es in Frage. Die traditionellen europäischen Mächte, England, Frankreich, Russland hielten an ihren in Jahrhunderten erkämpften und bewährten Machtinteressen fest. Das multipolare Machtgefüge Europas geriet damit aus den Fugen. Die Mächte fielen auf die traditionelle Form der Krisenbewältigung durch Krieg zurück. Über die verheerenden Konsequenzen war man sich 1914 nicht im Klaren. Europa verlor in den folgenden Kriegen seine Weltstellung.

Kontinuitäten 

Vor diesem historischen Hintergrund ist die Wiedererlangung der deutschen Einheit 1989/1990 keine Selbstverständlichkeit. War im Ersten Weltkrieg in den Köpfen der Deutschen  angesichts der fast bis Kriegsende 1918 vorherrschenden Siegeszuversicht die Gefahr einer Zerschlagung des deutschen Nationalstaats  kaum präsent gewesen, so schlug sie im Zweiten Weltkrieg spätestens nach Stalingrad 1943 als drohendes finis Germaniae voll durch und wurde 1945 bis 1989/1990 Realität. 1989/1990 konnte das kurze Zeitfenster genutzt und die staatliche Einheit Deutschlands unter den einmalig günstigen Umständen wieder hergestellt werden. Die friedliche Revolution der ostdeutschen Bevölkerung von 1989 schuf eine Voraussetzung. Allein entscheidend war sie aber nicht. Die außenpolitischen Kontinuitäten und Interessendifferenzen traten offen zutage. Die deutsche Einheit war kein Selbstläufer, es gab Widerstände.

Vor allem von britischer Seite. Frau Thatcher tat so ziemlich alles, was in ihrer Macht stand, um die Wiedervereinigung zu verhindern. Frankreichs Präsident handelte hinter den Kulissen ebenso. Noch in letzter Minute versuchte er u. a. mit einer Reise nach Kiew und einem dortigen Treffen mit Kreml-Chef Gorbatschow den Lauf der Dinge zu bremsen, um Zeit zu gewinnen und die Entwicklung zu steuern. Allerdings fehlte den ehemaligen Entente-Mächten Großbritannien und Frankreich wie 1918/1919 der Partner im Osten. Wie Ende des Ersten Weltkriegs war Russland handlungsunfähig. 1917 hatte die russische Revolution für einige Jahre ein Machtvakuum verursacht. Siebzig Jahre später begann die Sowjetunion ab 1987/1988 zu erodieren und implodierte Anfang der 90er Jahre völlig. Moskau war in dieser Situation nicht imstande und nicht mehr willens, die Entwicklung in Mitteleuropa zu steuern oder aufzuhalten. Russland zog sich nach der Überspannung und Überbeanspruchung seiner Kräfte in der Sowjetzeit freiwillig hinter seine Grenzen zurück.

Ausschlaggebend für den Erfolg des deutschen Strebens nach Wiedervereinigung waren die USA. Die Weltlage hatte sich seit 1914 in der Tat dramatisch verändert. Die europäischen Mächte waren nicht mehr allein Herr der Entscheidungen. Schon im Ersten Weltkrieg hatten die USA mit ihrem Kriegseintritt 1917 den Ausschlag für den Kriegsausgang zugunsten der Entente gegeben. Im Zweiten Weltkrieg wurden sie im Westen absolut dominant und die Briten sahen sich gezwungen, der US-Politik als Juniorpartner zu folgen. Nach 1945 entstand ein Patt zwischen den USA und der Sowjetunion, das bis 1989/1990 hielt. Die USA wurden mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion alleinige Weltmacht, eine Situation, die sie tatkräftig zur Zurückdrängung Russlands nutzten. Im Kontext dieser Entwicklung sahen die USA die Möglichkeit, ihre Interessen über die deutsche Wiedervereinigung zu fördern. Der Gleichklang deutscher und amerikanischer Interessen in Europa war für beide von Nutzen. Dasselbe galt für den Balkan beim Verfallsprozess Jugoslawiens. Großbritannien und Frankreich mussten hinnehmen, dass nicht nur die Ergebnisse des Zweiten Weltkriegs, die sog. Nachkriegsordnung von 1945 aufgelöst wurde. Mit Jugoslawien zerbrach auch ein wichtiger Teil der Versailler Nachkriegsordnung von 1919. Für Regierungen, die wie Frankreich und Großbritannien ihre Außenpolitik nicht kurzatmig sondern langfristig ausrichten, war diese Entwicklung ein Schlag ins Gesicht.

Gemildert, wenn auch nicht völlig entschärft, wurden die Interessendifferenzen zwischen dem wiedervereinigten Deutschland und seinen westlichen Nachbarn durch die Europäische Union. Seit der Gründung der Montan-Union 1951/1952 und den Römischen Verträgen von 1957 war Westeuropa ökonomisch zusammengewachsen und hatte - wie Rathenau 1914 richtig erwartet hatte - gemeinsame wirtschaftliche Interessen entwickelt. Die Europäische Union hielt der Belastungsprobe der Umbruchjahre 1989/1990 stand. Ein vielfältiges Beziehungsgeflecht und eine tatkräftige Europapolitik verhinderten Widerstände gegen die deutsche Einheit, wozu es nicht nur aus London und Paris sondern etwa auch aus den Niederlanden und Italien Ansätze gab. Der gemeinsame Auf- und Ausbau Europas richtete den Blick auf die Zukunft und dämpfte Befürchtungen, die aus der Vergangenheit kamen. Dazu gehörte die Einführung der gemeinsamen Währung. Auch war Deutschlands Dynamik im Vergleich zur Zeit vor dem Ersten Weltkrieg nicht mehr dieselbe. Die zwei verlorenen Weltkriege hatten deutsches Selbstbewusstsein gekostet. Die demographische Entwicklung war im Gegensatz zur Zeit vor 1914 seit 1970 negativ, was auf längere Sicht zu einem Abbruch der ökonomischen Dynamik führen musste und geführt hat. Deutschland war im europäischen Sinne domestiziert. Die Kurzformel lautete: kein deutsches Europa sondern ein europäisches Deutschland.

Der Kriegsbeginn 1914 hatte die mangelnde Kongruenz des deutschen Nationalstaats mit dem europäischen Machtgefüge frei gelegt, wie es sich seit dem Westfälischen Frieden 1648 herausgebildet hatte. In Ansätzen war eine Lösung von Rathenau erkannt und vorgeschlagen worden. Gegenüber der Vorstellung eines militärischen Durchhauens des Knotens nach preußischem Vorbild konnte sich Rathenau während des Ersten Weltkriegs nicht durchsetzen. Es bedurfte zweier Kriege und der  glücklichen Umstände von 1989/1990, um zu einer für Europa und Deutschland verträglichen Lösung zu kommen. Die Kontinuität deutscher Interessen, wie sie Rathenau bereits zu Beginn des Ersten Weltkriegs formulierte, kam 1989/1990 voll zur Entfaltung.

Deutsche Interessen nach 1990

Ein innereuropäischer Interessenausgleich wäre 1989/1990 nicht möglich gewesen ohne die USA. Die Interessen und der Einfluss der USA überlagerten seit Ende des Zweiten Weltkriegs das alt-europäische Machtgefüge. Europa hatte seine beherrschende Weltstellung verloren. Gleichwohl gilt, dass Deutschland in der Kontinuität der großen Linien der Interessendefinition von Walther Rathenau  steht: wirtschaftlicher und politischer Ausgleich im Westen mit Frankreich, wirtschaftliche und damit politische Integration Europas und enge wirtschaftliche Kooperation mit Russland. Das entscheidende Novum ist der Einfluss der außereuropäischen Macht der USA in Europa, der nach dem Zerfall der Sowjetunion noch deutlicher wurde.

Deutsche Politik ist gut beraten, die Interessenkongruenz deutscher und US-amerikanischer Interessen in Europa im Auge zu behalten und zu erhalten. Der Fehler, den deutsche Politik Ende des 19. Jahrhunderts machte, als sie den Rückversicherungsvertrag mit dem Zarenreich nicht verlängerte und damit die russische Unterstützung oder zumindest Neutralität gegen wachsende russische Feindseligkeit eintauschte, darf gut hundert Jahre später nicht gegenüber den USA wiederholt werden. Es wird, wie im Irak-Krieg 2003, immer wieder unterschiedliche politische Einschätzungen geben. Den deutsch-amerikanischen Grundkonsens sollte aber deutsche Außenpolitik nicht in Frage stellen. Der Schaden für Europa wäre groß. Die Spaltung in neues und altes Europa von 2003 wäre dann der Vorbote für kommende Zwistigkeiten, die das Projekt Europa zurückwerfen.

Die Beziehungen zu Russland bleiben für Deutschland von vitalem Interesse. Das legen schon historische Erfahrungen nachdrücklich nahe. Rathenau hatte den Frieden von Brest-Litowsk vom 3. März 1918 kritisiert, bei dem sich die deutsche Oberste Heeresleitung im Verein mit Vertretern radikaler Kriegsziele gegenüber der jungen Sowjetmacht durchgesetzt hatte. Betrachtet man die heutige Lage aus den Sicht Moskaus, so bemerkt man unschwer, dass sie derjenigen von Brest-Litowsk 1918 sehr nahe kommt. Die baltischen Staaten, die Ukraine, Georgien sind als unabhängige Staaten wiederum aus dem russischen Staatsverband heraus gelöst, Finnland und Polen seit 1919 ohnehin. Russland ist weit zurückgedrängt. Es beklagt - ähnlich wie das Deutsche Reich nach dem Versailler Vertrag 1919 im Hinblick die Millionen Deutschen in den abgetrennten Gebieten - , dass nunmehr Millionen Russen außerhalb der eigenen Grenzen leben. Allerdings ist dies nicht die Folge eines Diktatfriedens wie in Brest-Litowsk, sondern der freiwilligen Selbstauflösung der Sowjetunion. Wer mit Russland langfristig tragfähige Beziehungen pflegen will, sollte dennoch dieses politische Umfeld immer präsent haben. Für die deutsche Politik gilt, dass enge wirtschaftliche Kooperationen mit Russland, wie sie schon Rathenau gefordert hatte, helfen können. Auch die Frage einer Ausdehnung der NATO und US-amerikanischer Präsenz in Osteuropa ist in diesem Kontext zu sehen und zu bewerten.

 Eine Dauerlösung sind entscheidender Einfluss und Präsenz der USA in Europa nicht. Es muss Ziel der Europäer sein, die Probleme in Europa selbst zu lösen. Nach Außen und nach Innen stabilisierend wird der Auf- und Ausbau der Europäischen Union wirken, die über die Ökonomie hinaus zu einem handlungsfähigen Subjekt der internationalen Politik in der entstehenden mulipolaren Welt werden muss. In dem Maße wie das gelingt, kann sich Europa von den USA emanzipieren, können die USA in Europa entlastet werden. Die überkommenen Probleme aus der Vergangenheit, wie das deutsche Verhältnis zu Großbritannien und das deutsche Sonderverhältnis zu Russland können mithilfe der engen Zusammenarbeit Deutschlands und Frankreichs gemeinsam europäisiert werden. Es bleibt eine Herausforderung, nichts ist selbstverständlich. Das gilt auch für die deutsch-französische Zusammenarbeit, die nie einfach war und es voraussichtlich auch in Zukunft nicht sein wird. Die Bildung neuer gemeinsamer Interessen der Europäer schwebte Rathenau vor. Diese Kontinuitätslinie deutscher Politik ergibt sich aus der Katastrophe von 1914.

Guntram von Schenck                                                            Juni 2009

 
 


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