Guntram von Schenck, September 2014



A.J.P. Taylor:

Die Ursprünge des 2. Weltkriegs



Im Jahre 1961 veröffentlichte A(lan), J(ohn), P(ercivale) Taylor ein Buch über die "Ursprünge des 2. Weltkriegs" (The Origins of the Second World War), das in Großbritannien heftigste Diskussionen auslöste. Es liest sich wie der Kontrapunkt zum zeitgleich 1961 erschienen Buch von Fritz Fischer "Griff nach der Weltmacht" über die deutsche Kriegsschuld am 1. Weltkrieg. Zwei Historiker, die die damals gängige, vorherrschende Meinung zur Politik Ihrer Nationen zum Beginn des 1. und 2. Weltkriegs massiv in Frage stellten und weit über den Kreis der Fachhistoriker hinaus aufwühlende Kontroversen auslösten. Fritz Fischer setzte sich in Deutschland durch, Taylor verlor seinen Lehrstuhl an der Universität Oxford in England.

Heute wird Fritz Fischer wieder relativiert und seine These zwar als "mutig" aber einseitig weitgehend verworfen. Taylors Buch hingegen scheint - soweit ich sehe - vergessen zu sein. Dazu muss man wissen, dass A.J.P. Taylor als Historiker in England einer der wirkungsmächtigsten Publizisten der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts war, der in Rundfunk und Fernsehen ein Massenpublikum erreichte und fand. Seine Vorlesungen in Oxford waren so geschätzt, dass sie im größten vorhandenen Saal schon morgens um 8:30 abgehalten wurden, um die Hörerzahl zu begrenzen. Sein Buch hatte bis 1965 6 (sechs) Auflagen. (Seitenangaben nach dieser 6. Aufl.) Als Folge der Kontroverse verweigerte ihm die Universität Oxford 1964 die Erneuerung seiner Professur (lecturer).

Was war so provokant am Buch von Taylor? Er widersprach einem Geschichtsbild, das für Politik und Öffentlichkeit in Großbritannien, aber auch für die anderen Siegermächte zum Vorlauf und Ausbruch des 2. Weltkriegs feststand. Danach hatte eine Gruppe verbrecherischer Nazi-Größen, Militärs, Ministerialbeamter, Wirtschaftsführern etc., allen voran Hitler, den Krieg zielstrebig vorbereitet, um Anfang September 1939 mit dem Angriff auf Polen schließlich den 2. Weltkrieg zu beginnen. Sie waren In Nürnberg nach 1945 als Kriegsverbrecher vor Gericht gestellt und (meist) verurteilt worden. Damit waren die Siegermächte von jedweder (Mit-) Verantwortung entlastet. Taylor stellte diese Selbstgewissheit insbesondere der britischen Siegermacht entschieden in Frage.



Argumentation A.J.P. Taylors

Vorausgeschickt werden muss, dass Taylor ein anerkannter Fachhistoriker der Außenpolitik der europäischen Großmächte (Diplomatiegeschichte) und der deutschen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts war. Er war ein hervoragender Kenner insbesondere der britischen Außenpolitik und der einschlägigen Aktenlage. Nicht ohne Grund war er bis zu seinem "Rauswurf" 1964 Professor an der Eliteuniversität Oxford. Nur stichwortartig kann seine Argumentation, die er über knapp 300 Seiten ausbreitet, wiedergegeben werden.

Einiges von dem, was Taylor vorbringt, ist Allgemeingut. Im Versailler Friedensvertrag von 1919 sieht auch er eine unbefriedigende Friedensregelung, die früher oder später zum Einsturz kommen musste. Da Deutschland als Einheit erhalten blieb und nicht geteilt wurde, war sein Wiederaufstieg aufgrund des wirtschaftlichen und demographischen Potentials unausweichlich. Die Siegermächte Frankreich und Großbritannien waren kräftemäßig nicht in der Lage, die mit großen Opfern erkämpfte dominante Position von 1919 aufrecht zu erhalten, zumal die Vereinigten Staaten, die letztlich den Ausschlag für Ihren Sieg gegeben hatten, sich schnell wieder aus Europa zurückzogen, und die Sowjetunion weitgehend außen vor blieb.

Zudem waren sich London und Paris oft nicht einig: London neigte eher zu Zugeständnissen an Deutschland als Frankreich, das Deutschland dauerhafte, um nicht zu sagen endgültige Fesseln anlegen wollte. Mit der Rheinlandbesetzung Februar 1936 endete schließlich das Versailler Vertragsregime. Hitler stieß auf keinen nennenswerten Widerstand der Westmächte, als er die Wehrmacht dort einrücken ließ. Dasselbe gilt danach für den Anschluss Österreichs März 1938 und auch für das Münchner Abkommen September 1938, das die Zerschlagung der Tschechoslowakei besiegelte. Hitler schritt von einem Erfolg zum anderen und machte die Erfahrung, dass die Westmächte (einschließlich Italiens) in der Krise stets nachgaben.

Mit der Darstellung des Ablaufs und der Komponenten dieser Krisen entfernt sich Taylor aber in drastischer Weise vom üblichen Narrativ, das Hitler als Aggressor zeigt, der mit Bluff, Erpressung, Drohungen und Gewaltanwendung planmäßig und skrupellos seine Ziele durchsetzte. Taylor sieht in Hitler vielmehr einen Machtpolitiker, der die Krisen, die jedenfalls in Österreich und der Tschechoslowakei im Wesentlichen ohne sein Zutun entstanden seien, zu seinen Gunsten nutzte. Er sei dabei nicht anders vorgegangen als andere zeitgenössische Staatsmänner. Auch die Politik westlicher Politiker habe letztlich auf Gewalt beruht: Frankreichs Politik auf der Armee, die britische auf der Seemacht. Wenn westliche Politik moralisch überlegener erschienen sei, dann weil sie auf die Bewahrung des Status quo gerichtet gewesen sei, die Politik Hitlers auf dessen Revision (S. 71 ).

Die Methode Hitlers sei auch nicht Aggression sondern Geduld gewesen. Er habe gewartet, bis die Krise sich entfaltete, bis sich eine Gelegenheit bot. Stets habe er gewartet, dass ihm London, Paris oder auch Mussolini/ Italien Lösungen der Krise anboten. Intuitiv habe er erfasst, dass weder die führenden Politiker Großbritanniens noch Frankreichs ihre "kostbare", und mühsam errungene Position als imperiale Siegermächte des 1. Weltkriegs mit einem größeren kriegerischen Konflikt aus Spiel setzen oder schwächen wollten. Stets hätten sie nach Möglichkeiten gesucht, die zum Teil als legitim angesehenen Ansprüche Hitlers auf einigermaßen verträgliche Weise zu befriedigen. Hitler stellte keine präzisen Forderungen, er wartete auf Vorschläge und Konzessionen, um dann noch mehr zu verlangen. Hitler habe je nach Lage agiert. Er sei ein Meister des Wartens gewesen (ebd.).

Solange er das Recht der Deutschen auf Selbstbestimmung in Österreich oder den Sudeten einforderte, hatte er ein Prinzip des Versailler Vertrags auf seiner Seite. Versailles hatte das Selbstbestimmungsrecht allen Völkern zugesprochen - außer den Deutschen: Das österreichische Parlament hatte 1919 einstimmig für den Anschluss an das Deutsche Reich votiert, was in den Versailler Verträgen dann verboten wurde. Die dreieinhalb Millionen Deutschen in Böhmen/Mähren hatte niemand gefragt, ob sie tschechoslowakische Staatsbürger werden wollten. Die Trennung Ostpreußens vom Reich durch den polnischen Korridor und die Lage Danzigs waren in Deutschland durchweg als unerträglich abgelehnt worden. Die Revision des Versailler Vertrags wurde von der überwältigenden Mehrheit der Deutschen mitgetragen. Das wusste man in London und Paris. Man war beunruhigt und fragte sich, wie man die sich abzeichnenden und zuspitzenden Krisen/Konflikte entschärfen könnte.

Hitler habe auch keinen sog. Masterplan gehabt. Er ergriff - so Taylor - die Chancen wie sie sich ihm darboten. Das sog. Hossbach-Protokoll (5. Nov. 1937), das vielfach als Beleg für Hitlers Angriffspläne herangezogen wird und in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen eine herausragende Rolle spielte, wird z. B. von Taylor als irrelevant weil bedeutungslos zurückgewiesen (S. XIX). Desgleichen die angeblich zielstrebige Aufrüstung Deutschlands: Deutschland habe in den letzten Friedensjahren 1938-1939 rund 15% des Bruttosozialprodukts für Rüstung ausgegeben, Großbritannien genauso viel. Nach München sei die deutsche Rüstung sogar zurückgefahren worden. Zu Beginn des Krieges habe Deutschland nicht mehr Jagdflugzeuge, Bomber und Panzer gehabt als Großbritannien und Frankreich zusammen. "As usual, Hitler was sought to have planned and prepared for a great war. In fact, he had not". (Wie üblich nahm man an, Hitler habe einen großen Krieg geplant und vorbereitet. Tatsache ist, er tat es nicht.) Taylor bekräftige diese Aussage nochmals 1965 im Vorwort der 6. Auflage, nachdem er seine Professur in Oxford verloren hatte (S. XVII).

Hitlers politischer Instinkt, mit dem er sich vorsichtig und abwartend von Erfolg zu Erfolg gehangelt habe, sei durch München korrumpiert worden. Danach habe er geglaubt, mit Bluff, Einschüchterungen, Drohungen und gekonnt orchestrierten Nervenkriegen weitere Erfolge einfahren zu können. Schließlich hatte man in London und Paris das Münchner-Abkommen als großen Erfolg und Triumpf der Appeasement-Politik gefeiert. Insbesondere nach Abschluss des Hitler-Stalin Paktes vom 23. August 1939 sei Hitler davon ausgegangen, dass London und im Gefolge Paris es nicht darauf ankommen lassen würden, einen großen Krieg zu riskieren, wenn er versuchen würde, die Danzig- und Korridorfrage gewaltsam zu lösen. Dass es überhaupt zu einem deutsch-sowjetischen Pakt kam, lastet Taylor der dilatorischen und streckenweise amateurhaften Politik Londons an, das seit Monaten ebenfalls mit Moskau verhandelt hatte.

Letztlich sei eine Lösung der Danzig- und Korridorfrage an der sturen Haltung Polens gescheitert, das weder zu Konzessionen gegenüber Deutschland noch der Sowjetunion (Durchmarsch-Recht für sowjetische Truppen - nur so konnten sie in den Konflikt eingreifen) bereit gewesen sei. London habe sich durch die Garantie für Polen zum Gefangenen Warschaus gemacht. London habe nicht entschieden genug bei Hitler interveniert, um ihm die eigene Entschlossenheit klar zu machen. Der britische Botschafter in Berlin, Henderson, habe mit seiner deutschfreundlichen Haltung Hitler vielmehr in der Annahme bestärkt, London würde auch dieses Mal zurückweichen. Mit der Kriegserklärung an Deutschland vom 3. Sept. 1939, gefolgt von der Frankreichs, habe London einen Krieg begonnen, in dem es Polen nicht effektiv, d. h. militärisch beistehen konnte - und aus Kriegsgründen (Danzig und Polnischer Korridor), zu denen es die deutsche Position mehr oder weniger teilte und versucht hatte, in diesem Sinne auf Warschau einzuwirken.



Beurteilung / Verurteilung?

Wer dieses Buch im Kontext der heutigen deutschen Diskussion auch im weiteren Zusammenhang der Debatten um den Ausbruch des 1. Weltkriegs liest, ist zunächst einmal verblüfft. Verblüfft darüber, dass ein solches Buch von einem der maßgeblichen Historiker Englands 1961 publiziert wurde und mehrere Auflagen erlebte. Ist das Buch Taylors ein typisches Beispiel für die bekannte Exzentrik einiger britischer Geistesgrößen? Allerdings werden Exzentriker eben nur hingenommen oder belächelt, nicht aber leidenschaftlich diskutiert. Spricht aus ihm britische Fairness: Et auditur altera pars! (Auch die andere Seite muss gehört werden)? Dann hätte Taylor an der einen oder anderen Stelle sicher darauf hingewiesen. Bei den Briten muss er einen wunden Punkt getroffen haben, sonst wäre sein Buch als abseitig und abwegig, gewissermaßen als randständig und Irrläufer abgetan worden. Das geschah gerade nicht: es wurde heiß und leidenschaftlich diskutiert, mit dem Ergebnis, dass Taylor in Oxford vor die Tür gesetzt wurde. Hier kratzte einer am historisch-politischen Selbstverständnis Großbritanniens - und er sprach "ex cathedra", vom Katheder der altberühmten Universität Oxford.

In Deutschland wäre ein solches Buch bis heute wohl niedergeschrien oder totgeschwiegen worden. Sein Verfasser wäre als Alt- oder Neonazi ans Hakenkreuz genagelt worden. Denn das historische Narrativ der Deutschen zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist durchzogen von Schuldkomplexen und Betroffenheit über das, was die Forschung ständig an neuen Erkenntnissen über diese Jahrzehnte zutage fördert. In diesen "cantus firmus" passt die deutsche Stimme nur in reuevollen Molltönen. Bereits die Rezeption der Bücher von Christopher Clark (Die Schlafwandler, 2011) und Herfried Münklers (Der Große Krieg, 2013) provozieren den Vorwurf des Nationalismus und der geschichtspolitischen Exkulpierung Deutschlands. (Vgl. Heinrich August Winkler, "1914 und 1939. Die Kontinuität der Kriegspartei", FAZ-0nline 25.8.2014; Dominik Geppert," Die Geschichte ist schon weiter", Südd. Zeitung 25.8.2014). Wer in Deutschland als Historiker oder Publizist aus dem Diskurs des "politisch korrekten" Mainstreams ausbricht, muss mit z. T. bösartigen Anfeindungen rechnen.

Vermutlich trifft dies auch auf diese Buchbesprechung zu. Deshalb ist zu betonen, dass es hierbei um die Aufarbeitung eines Versäumnisses geht. Im Winter 1963/1964 hatte ich als Student an der Sorbonne in Paris eine Vorlesung des französischen Philosophen und Politologen Raymond Aron (Kampfgefährte de Gaulles im Londoner Exil ab 1940) besucht, in der u. a. das Buch Taylors erwähnt wurde. Den Hinweis hatte ich damals überhört. Ein halbes Jahrhundert später wurde diese Vorlesung in Erinnerung an den Ausbruch des 1. und 2. Weltkriegs vor 100 bzw. 75 Jahren wieder ausgestrahlt (France Culture, Philosophie et Histoire, 25.- 29. Juli 2014). Der Hinweis auf Taylor entging mir dieses Mal nicht. Diese Rezension versucht nachzuholen, was Raymond Aron schon damals anstoßen wollte: eine offene, wenn auch kontroverse Diskussion. Die Standfestigkeit des britischen Historikers, der gegen alle Anfeindungen an seinen wissenschaftlichen Erkenntnissen unbeugsam festhielt, sollte dafür eine hinreichende Rechtfertigung sein.

Raymond Aron hatte 1963 übrigens auch eine Vorlesungsstunde dem Ausbruch des 1. Weltkriegs gewidmet und die Tragfähigkeit verschiedener Erklärungen erwogen, freilich ohne ein abschließendes Urteil zu fällen. Zum Schluss gab er einen vergleichenden Hinweis auf den antiken Historiker Thukydides (460-400 v. Chr.) und dessen Erklärung des Ausbruchs des Peloponnesischen Krieges zwischen Athen und Sparta (431 - 404 v. Chr.): "Der eigentliche, wenn auch nie offen ausgesprochene Grund war meines Erachtens das Hochkommen Athens, das den Lakedämoniern Angst einflößte und sie in den Krieg trieb" (Thukydides, Peloponnesischer Krieg, I, 23). Athen steht für Deutschland. Thukydides gilt als Ahnherr aller Geschichtswissenschaft - viele halten ihn bis heute für unübertroffen.

Aktualität heute

Die von Taylor beschriebenen Krisen der Rheinlandbesetzung, des Anschlusses Österreichs, der Sudetenkrise und des Münchner Abkommens lesen sich wie eine Blaupause für den Ukraine-Konflikt 2014. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hat völlig recht, wenn er den Vergleich mit der Sudetenkrise zieht. Besorgniserregend ist die Analogie zur Politik der Westmächte damals und heute. Nach 1933 hörten sie nicht auf, Hitlers "wahre" Absichten ergründen zu wollen, anstatt die eigenen Interessen zu formulieren und deutlich rote Linien zu ziehen. Immer wieder vertrauten sie auf die Einsicht Hitlers und machten ihm Konzessionen, so dass Hitler glaubte, stets größere Forderungen stellen zu können - bis es zu spät war. Eine rechtzeitige scharfe (militärische) Reaktion bei der Rheinland-Besetzung, spätestens aber eine unbedingte Unnachgiebigkeit in München hätten genügt, um das Hitler-Abenteuer zu stoppen. Jedem, der heute den Ukraine-Konflikt verfolgt, sei zumindest unter diesem Aspekt die Lektüre dieses Buches empfohlen.


Nachweise und Seitenangaben aus A.J.P. Taylor, The Origins of the Second World War, 6. Auflage, Hamish Hamilton, London, 1965, 296 Seiten (dt: A.J.P. Taylor, Die Ursprünge des Zweiten Weltkrieges, Sigbert Mohn Verlag, Gütersloh 1962)


Guntram von Schenck, September 2014



Nachtrag: Wie der britische Guardian am 24. Oktober 2014 (Online-Ausgabe) berichtete, observierte der britische Inlandgeheimdienst MI5 neben den bekannten und führenden britischen Historikern Eric Hobsbawm und Christopher Hill auch A.J.P. Taylor. Der Brief- und Telefonverkehr, auch von Familienmitgliedern, Freunden und Bekannten wurde überwacht, Gespräche heimlich protokolliert, akademische Karrieren behindert.


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