Holocaust - Folge der Ruhmucht Hitlers
Guntram von Schenck, Februar 2008
 
Holocaust - Folge der Ruhmsucht Hitlers?

      “Ohne die Juden keinen Ruhm” (Friedrich Nietzsche)

      “Les extrêmes se touchent” (Die Extreme berühren sich)


Der Holocaust, die Vernichtung der europäischen Juden, ist bis in die Einzelheiten erforscht. Historiker wie Saul Friedländer, Raul Hilberg,  Hans Mommsen, Ian Kershaw, Eugen Kogon und andere haben fundierte Arbeiten vorgelegt, die sämtliche heute bekannten Tatsachen festhalten. Wir können die unheilvollen Steigerungen der Judenverfolgung von 1933 bis zum Holocaust im Zweiten Weltkrieg mit den Fakten belegen. Wir kennen den Antisemitismus und den ins Maßlose gesteigerten Judenhass Hitlers und der Nazi-Führungsgruppe ; er ist umfassend dokumentiert. An unstreitigen Informationen über den Holocaust fehlt es nicht.

Wir kennen zum Holocaust das Was, das Wie und das Wann. Dem Begreifen  und Verstehen entzieht sich der Judenmord dennoch für alle Nachgeborenen. Eine Lücke bleibt, es bleibt das Unerklärliche. Daraus ergibt sich die Forderung und Notwendigkeit, die Erkenntnissuche über menschliches Verhalten und Versagen bis an ihre äußersten Grenzen voran zu treiben. Verstehen ist nicht gleichbedeutend mit Entschuldigen. Mit dem Verzicht auf das Verstehen würden wir menschliche Geschichte dämonischen Kräften und Mächten überantworten, die uns (oder die Menschheit)  zum hilflosen Objekt machen. Die Verantwortung können und wollen wir nicht abgeben.

Als Erklärungen für den Holocaust werden in der Forschung  genannt: wachsender Antisemitismus in Deutschland nach der Niederlage des Ersten Weltkriegs, Antisemitismus in seiner spezifischen Hitlerschen rassistischen Ausprägung einschließlich der Radikalisierung des Antisemitismus im Krieg, schließlich  Hitler als das Fleisch gewordene “Böse“ schlechthin. All das sind Erklärungsmuster, die aus heutiger Sicht  den Massenmord nicht verstehbarer machen. Es gibt zu viele Widersprüche, die ins Auge springen. Sie sind aus heutiger Sicht, aus der Sicht des deutschen Zeitgenossen zu Beginn des 21. Jahrhunderts, so wenig zu übersehen, wie sie es damals eigentlich schon waren oder hätten sein müssen.

Wenn Hitler in den Juden insbesondere den politischen Feind sah: Wie kann sich dieser Feind laut Hitler als Vertreter des jüdischen Finanzkapitals in den angelsächsischen Finanzzentren London und New York zur maßgeblichen Macht aufschwingen während er gleichzeitig  den harten Kern, die Avantgarde der bolschewistischen Revolution in Moskau stellt?  Gemeinsam haben sie sich erfolgreich verschworen - so Hitler - die Völker der Welt in den Zweiten Weltkrieg zu stürzen. Ein Widerspruch, besser: paranoider Unsinn, der auch antisemitischen Zeitgenossen kaum verborgen geblieben sein dürfte, standen sich doch Marxismus und Kapitalismus unversöhnlich gegenüber. Wenn Juden als Bankiers und Spitzenkräfte des angelsächsischen Finanzkapitals  und als führende Revolutionäre in der Sowjetunion sicherlich eine “Elite” darstellten und als “gefürchtete” Feinde von Hitler auch geachtet wurden, wie können sie als Juden gleichzeitig “Abschaum”, “Pestbazillen” etc. gewesen sein? Alles jede Logik sprengende Absurditäten des Antisemitismus.

 Als Hitler seine Drohung der Reichstagsrede vom 30. Januar 1939: Prophezeiung der Vernichtung der Juden für den Fall, dass sie die Völker Europas erneut in einen Krieg treiben sollten, wahr machte, warum vergriff er sich an den Juden, die an dieser “Verschwörung” gerade nicht teil hatten und objektiv nicht teil haben konnten, den Juden in seinem Machtbereich? Die Entscheidung zum Judenmord fiel nach Saul Friedländer und anderer Historiker  in der 2. Jahreshälfte 1941, wahrscheinlich gegen Ende des Jahres. Es war zu und ab diesem Zeitpunkt  ausgeschlossen (die Wehrmacht war vor Moskau zum Stehen gekommen und die USA in den Krieg eingetreten), dass Hitler sich an den jüdischen “Feinden”, die sich außerhalb seines Machtbereichs befanden, im Sinne seiner Drohung würde rächen, sie würde vernichten können. Die Juden in Amerika, im Nahen Osten, insbesondere Palästina, im nicht besetzten Russland stellten die Mehrheit des Judentums. Die Entscheidung Hitlers zum Judenmord in seinem Machtbereich konnte sie nur veranlassen, den Kampf mit Erbitterung gegen ihn fortzusetzen -  was sie auch taten.

Dem Erfordernis der Hitlerschen Kriegsführung widersprach die absolute Priorität, mit der ab 1942 die so genannte Endlösung betrieben wurde. Die Nazis hämmerten den Deutschen ein, dass sich Deutschland in einem Kampf um seine Existenz befand. Die alliierte Forderung von “bedingungsloser Kapitulation” vom Januar 1943 gab auch einigen Grund dazu. Was hat Hitler und seine engeren Gefolgsleute trotz dieser Extremsituation bewogen, u. a. wichtige Transportmittel vorrangig für Menschentransporte in die Vernichtungslager und nicht für den Nachschub der kämpfenden Truppe einzusetzen? Was hat  die Kerngruppe um Hitler veranlasst, dieses Geschehen vor der deutschen Öffentlichkeit geheim zu halten? (Was nicht verhinderte, dass trotzdem zahlreiche Gerüchte in der deutschen Bevölkerung zirkulierten, weil es natürlich auch Mitwisser und Mittäter des Holocaust gab.)

Nun kann man die Widersprüche aufzulösen versuchen, indem man Hitler und seine Gefolgsleute zu “Irren ” erklärt, die getrieben von Wahnideen die Welt erobern wollten und nach Sündenböcken für ihre Misserfolge Ausschau hielten, um sich daran schadlos zu halten. Als Irrer wurde Hitler allerdings mehrheitlich von seinen Zeitgenossen nicht wahrgenommen. Das gilt nicht nur für die große Mehrheit der Deutschen. Die frappierenden Anfangserfolge Hitlers, auch auf internationaler Ebene, sprechen eine andere Sprache und legen zumindest  eine gewisse Rationalität im Handeln Hitlers nahe. (Für die Schlussphase mag dann etwas anderes gelten.) Es könnte deshalb aufschlussreich sein, zu versuchen, die Beweggründe in den Vorstellungs- und Wahnwelten Hitlers zu entziffern, um die Entwicklung seines Denkens und der Nazi-Kerngruppe im historischen Kontext besser zu begreifen. Zu fragen ist, ob es nicht jenseits bekannter Erklärungsmuster  Motive für das Handeln Hitlers gegeben haben könnte, die uns dem Verstehen des Geschehenen näher bringen könnten?

Nochmals: Verstehen heißt nicht entschuldigen oder rechtfertigen! Heute trennen uns mehr als 60 Jahre vom Holocaust. Die Deutschen waren von 1933-1945 keine Opfer. Der nachfolgende Text ist der eines (nachgeborenen) Deutschen zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Er ist und kann nicht mit dem Diskurs der Opfer identisch sein; er schließt aber die uneingeschränkte Empathie mit den Opfern ein.

   I.  Antisemitismus

Der Genozid an den Juden wird auf die Ideologie der Nazis zurückgeführt,  deren wesentlicher Bestandteil der Antisemitismus war. Es kann hier keine Darstellung des Antisemitismus und seiner Geschichte in Deutschland wiederholt werden; es gibt hierzu viele ausgezeichnete und hervorragend dokumentierte Publikationen. Was interessiert, ist die Zwangsläufigkeit, die aus dem Antisemitismus der Nazis (und auch der Deutschen zu dieser Zeit) für den Völkermord  abgeleitet wird. Ob nun “kumulative Radikalisierung” (Hans Mommsen) oder “Mordabsicht von Anfang an”, stets wird in der Ideologie, im Hass auf die Juden der Zugang zum Begreifen des Geschehens gesucht. Gewiss: ohne den Antisemitismus wäre der Holocaust nicht möglich gewesen. Aber führte er wirklich zwingend zur apokalyptischen “Endlösung”?

Zunächst fällt auf, dass der Antisemitismus eine krude Mischung völlig widersprüchlicher Behauptungen ist. Es wurde schon darauf hingewiesen, dass Juden  nicht als Finanziers in New York und London die Weltmärkte beherrschen, die dortige Politik bestimmen und gleichzeitig als revolutionäre Bolschewiki in  Russland in verschwörerischer Zusammenarbeit mit letzteren die “gesunde” Welt zersetzen und zerstören  oder - wie es in den Nazi-Schriften heißt - nach der Weltherrschaft greifen können. Das schließt sich gleich in mehrfacher Hinsicht aus. Gewiss hat es eine Bedrohung der traditionellen Lebenswelten in Deutschland und anderswo durch Kapitalismus auf der einen und Kommunismus auf anderen Seite gegeben, aber daraus zu schließen, die Juden seien daran überwiegend oder ausschließlich schuld, ist paranoider Unsinn.

Sozialneid, der sich daraus ergab, dass Juden an vorderster Front der Moderne, gewissermaßen als eine der Speerspitzen der Moderne seit der Judenemanzipation im 19. Jahrhundert als Anwälte, Ärzte, Journalisten, Schriftsteller, Industrielle, Bankiers usw. in der Gesellschaft erfolgreich tätig waren, ist noch lange kein Grund für staatlich sanktionierten und organisierten Mord und Totschlag. In einer sich säkularisierenden Welt, auch und gerade in Deutschland seit Beginn des 20. Jahrhunderts, hatte der religiös begründete Antisemitismus (Luther, aber auch kath. Kirche) zwar seine  bestimmende Wirkungsmacht verloren, sicherlich  hat es aber noch Restbestände gegeben. Die Rassenideologie wurde von den Nazis selbst bei ihren haarspalterischen Versuchen, wer als Jude zu gelten habe (Halb- Vierteljude etc.) ad absurdum geführt.

Der Vorwurf mangelnden Patriotismus und Verrats der deutschen Juden hält den Tatsachen nicht stand. Es gab unter ihnen glühende Nationalisten, die im Ersten Weltkrieg ihr ganzes Wissen und Können der deutschen Nation zur Verfügung gestellt hatten. Sie standen mit an der Front und erhielten die höchsten militärischen Auszeichnungen. Bessere Propagandisten für die deutsche Sache konnte man gar nicht finden. In der Kultur, in der Literatur und Kunst,  im Film und in der Wissenschaft waren sie bis 1933 mit die besten Vertreter Deutschlands. (Heute tun sie es wieder, zum Teil kamen sie nach Deutschland zurück.) Wenn die Nazis deutsche Nationalisten gewesen wären, wie sie behaupteten, hätten sie dieses gewaltige Potential nutzen, diesen Schatz heben müssen. Sie taten das Gegenteil.

Das gesamte ideologische antisemitische Gebäude des Nationalsozialismus war weder kohärent noch stringent. Es war in sich brüchig und unglaubwürdig, verquer, verklemmt, paranoid und letztlich antinational (wenn auch anderes behauptet wurde). Sicherlich gab es ein Segment in der deutschen (und europäischen) Bevölkerung, das für die paranoiden Wahnvorstellungen des Antisemitismus anfällig war und zum Teil fanatisch daran glaubte. Wie weit verbreitet dieser fanatische Antisemitismus in der deutschen (und europäischen) Gesellschaft war, ist heute kaum mehr feststellbar. Manche Gestapo- und Parteiberichte zeigen ein für die Nazis eher ernüchterndes Bild. Jedenfalls wurde mittels Propaganda von Goebbels und anderen Parteiführern alles versucht und getan, um mangelnde argumentative Überzeugungskraft durch  Wiederholung von Behauptungen, durch penetrantes Einhämmern von Parolen zu ersetzen.

Sicher war die antisemitische Nazipropaganda nicht wirkungslos. Es gab dafür auch Anknüpfungspunkte. Berichtet wird vor allem für die Jahre vor 1933, für die Zeit der Weimarer Republik, von wachsendem Antisemitismus, einem latenten Unbehagen gegenüber den Juden - auch jenseits der deutschen Grenzen. Es gab ein weit verbreitetes, gesellschaftlich akzeptiertes Schimpfen auf die Juden, die an allem schuld gewesen sein sollten. Der Erste Weltkrieg hatte dies verstärkt. Folgenlos war es freilich in der Weimarer Republik auch schon nicht, wie die Ermordung von Walter Rathenau, Rosa Luxemburg und anderen zeigt. Unbehagen gab es nach 1933 in Deutschland aber auch gegenüber der antisemitischen Propaganda und Hetze und den antijüdischen Aktionen der Nazis, das sich freilich selten genug in aktiver Missbilligung und Hilfe für die Juden konkretisierte. Das von den Nazis systematisch geschaffene antijüdische Klima, Repression, Terror und Angst haben die Hilfsbereitschaft noch weiter zurückgedrängt.

Wiederholt hatte man im Lauf der Jahre bis zum Krieg in Deutschland  (zum Teil auch bei den jüdischen Mitbürgern ) und auch im Ausland  den Eindruck, dass es sich bei dem Antisemitismus um eine Marotte der engeren Nazi-Clique handelte, mit der  abhängig von der jeweiligen Situation umgegangen wurde. Hitler schraubte die antisemitische Hetze und antijüdische Aktivitäten immer dann zurück, wenn es ihm opportun erschien. Das gilt für mehrere Phasen, wie die Jahre vor 1933, als die Machtübernahme in greifbare Nähe rückte, und die Zeit vor und während der Olympiade 1936. Die Innenansicht des Naziregimes zeigt, dass das Pogrom vom 9. Nov.1938 (von den Nazis als “Reichskristallnacht” bezeichnet) im wesentlichen eine Einzelaktion von Goebbels war, die auf  Widerspruch der meisten anderen Nazi-Machthaber stieß. Hitlers Haltung ist nicht klar, offen unterstützt hat er das Pogrom aber nicht (Raul Hilberg, Die Vernichtung der europäischen Juden, Frankfurt/M, 10.Aufl.,2007, Bd. I, S. 44/45).

Die Annahme, Hitler sei im Hinblick auf die Juden quasi unzurechnungsfähig gewesen und hätte nur mit blinder Wut und Schaum vor dem Mund auf Fragen in diesem Zusammenhang  reagiert, ist  falsch. Er kalkulierte genau und wusste, was und wann er es tat. Die zunehmende Ausgrenzung der Juden, die Rationalität mit der sie in Schüben nach und nach über bürokratische Maßnahmen durchgeführt und durchgesetzt wurde, spricht Bände. Die Judenfrage war für Hitler eine paranoide Obsession, ohne Frage. Aber er ließ sich davon nicht zu unkontrollierten Aktionen hinreißen. Wenn es richtig ist, dass Politiker die meiste Energie, die in ihr Handeln einfließt, aus der Kontrolle und Kanalisation von Aggressionen und daraus folgenden hochgradigen Erregungen beziehen, dann bezog Hitler sie aus dieser Quelle. Aber es war kein blindwütiges Dreinschlagen, keine pure Mordlust. Es war Berechnung, kalte Berechnung, mit  System in die Tat umgesetzt.

Zeitgenossen und Historiker stimmen darin überein, dass Hitler nicht alle Einzelheiten der Judenverfolgung und -vernichtung selbst veranlasst hat. Er hatte Zuträger, Zuarbeiter, willige und entschlossene Mittäter (auch außerhalb Deutschlands, im europäischen Ausland). Aber ohne Hitler wäre es voraussichtlich nicht zum Genozid gekommen. Er kann aus dem ganzen Geschehen nicht weggedacht werden. Hitler steht im Zentrum. Deutschland war 1933 trotz des verlorenen Ersten Weltkrieges eine der mächtigsten Nationen mit einem gewaltigen Potential. Hitler machte sich dieses Potential binnen kurzem zunutze. Saul Friedländer hat Hitlers Antisemitismus wie folgt auf den Punkt gebracht: ”Für Hitler war der Kampf gegen die Juden die unveränderliche Basis und der zwanghafte Kern seines Verständnisses von Geschichte, Politik und politischem Handeln“  (Das Dritte Reich und die Juden, Sonderausgabe, München 2007, S.117).

 II.  Hitler, der Krieg und die Juden

Am 1. September 1939 führte Hitler Deutschland in den Krieg. Die Wehrmacht besetzte nach kurzem  Feldzug den Westteil Polens, Großbritannien und Frankreich antworteten am 3. September 1939 mit der Kriegserklärung an Deutschland. Stalin holte sich, wie mit Hitler  abgesprochen, kurz darauf seinen (größeren) Teil der polnischen Beute, besetzte das Baltikum und fiel in Finnland ein (letzteres ohne Absprache). Deutschland kam 1940 - freilich unter hohen Verlusten - mit der Besetzung Norwegens und Dänemarks um wenige Stunden Großbritannien zuvor. Frankreich wurde noch im gleichen Jahr in wenigen Wochen besiegt und teilweise besetzt, Belgien und die Niederlande gleichfalls von der Wehrmacht eingenommen.

Hitler stand auf dem Höhepunkt seiner Macht. Aber Großbritannien - obgleich isoliert - gab nicht auf und kämpfte weiter. Churchill war auf Hitlers Angebot nicht eingegangen: für London das Empire, für Berlin die Hegemonie/Herrschaft auf dem Kontinent. Hinter London standen die USA, zunehmend feindselig gegenüber dem Dritten Reich und offen zu massiven Hilfsleistungen  für Großbritannien bereit. Es war absehbar, dass irgendein Auslöser den Eintritt der Vereinigten Staaten an der Seite Großbritanniens wie im Ersten Weltkrieg zur Folge haben würde. Diese Aussicht bestärkte Churchill in seinem Widerstandswillen. Er setzte alles daran, die USA für einen baldigen Kriegseintritt zu gewinnen, was sich aber angesichts des damals ausgeprägten Isolationismus in der US-amerikanischen Bevölkerung als schwierig erwies.

Es kann hier nicht das Rätsel gelöst werden, warum Hitler 1941 die Sowjetunion angriff und das Deutsche Reich in einen Zweifrontenkrieg verwickelte, den er als Lehre Nummer Eins aus dem Ersten Weltkrieg unbedingt vermeiden wollte. War es die Ideologie, die sog. Sicherung von “Lebensraum”, war es - aus seiner Sicht - ein Präventivangriff oder war es schlicht derselbe Fehler, den auch Napoleon begangen hatte, als er England nicht besiegen konnte und mit der Grande Armee nach Moskau marschierte? Viel spricht für die Lebensraum-Ideologie, aber wir werden es wahrscheinlich nie genau wissen. Japan überfiel am 7. Dezember 1941 Pearl Harbor  und Hitler erklärte am 11. Dezember den USA den Krieg. Die Wehrmacht blieb im Dezember 1941 vor Moskau stecken, ein Gegenangriff der Roten Armee konnte nur mit äußerster Anstrengung und hohen Verlusten abgewehrt werden. Der Blitzkrieg im Osten war gescheitert, die Sowjetunion konnte nicht niedergeworfen werden.

Entscheidungsmonat Dezember 1941

Der Krieg war ab diesem Zeitpunkt (Dezember 1941)  nicht mehr zu gewinnen, die deutsche Weltmacht rückte außer Reichweite. Der Zweifrontenkrieg war auf Dauer nicht durchzuhalten, die Niederlage angesichts der gewaltigen feindlichen Potentiale bei rationaler Betrachtung nur mehr eine Frage der Zeit. Wir wissen, dass es bei Hitler und der engeren Führungsgruppe im Dezember 1941 eine Vorahnung der kommenden Niederlage gegeben hat. Wir wissen nicht, wie klar Hitler die drohende Niederlage im Dezember 1941 vor Augen stand. Wir kennen ihn als Hasardeur des “Alles oder Nichts”. Hat er damals schon erkannt, dass es das “Nichts” war, das ihm entgegen starrte? Zumindest musste er damit rechnen. Soviel Rationalität müssen wir ihm wohl  zubilligen. Ein Hohlkopf war er trotz aller Wahnvorstellungen nicht. Einen fast untrüglichen, unbändigen Machtinstinkt gepaart mit kalter Berechnung hatte Hitler während seines Aufstiegs bewiesen. Sollten ihm diese Fähigkeiten gerade im Entscheidungsmonat Dezember 1941 abhanden gekommen sein? (Verbürgt ist, dass Churchill seit Dezember 1941 seines künftigen Sieges - trotz zeitweiliger Rückschläge  1942/1943 - absolut sicher war.)

Im Dezember 1941 fällt im engeren NS-Führungskreis nach heutigem Erkenntnisstand und Mehrheitsmeinung der Historiker (u. a. Saul Friedländer)  ein weit reichender und verhängnisvoller Beschluss, die so genannte Endlösung der Judenfrage. Vorangegangen waren seit 1933 die Ausgrenzung der Juden aus der Gesellschaft, ihre wirtschaftliche und soziale Vernichtung, die zwangsweise Ausbürgerung, die öffentliche Kennzeichnung (Judenstern) und Deportation in Ghettos. Erwogen wurde ihre Umsiedlung nach Palästina, Madagaskar oder in die (zu erobernden)  weiten Steppen Russlands. Aus Letzterem wurde schon wegen der Kriegslage nichts. In Polen und während des Russlandfeldzugs von 1941 hat es bereits Massentötungen von Juden gegeben. Im Dezember 1941 fiel dann der Beschluss zur systematischen und koordiniert durchgeführten so genannten. Endlösung. Administrativ umgesetzt wurde die Endlösung kurz danach auf der Wannseekonferenz im Januar 1942.

Offenkundig gab es einen innerem Zusammenhang zwischen der Erkenntnis einer möglichen Niederlage Deutschlands, einer “finis Germaniae” und dem Beschluss zur Endlösung  der Judenfrage, der über ein zufälliges Zusammenfallen beider Daten im Dezember 1941 hinausgeht. Wer je im dynamischen Prozess dramatischer, politischer Entscheidungssituationen stand - und diese Lage war mit Sicherheit  dramatisch für die Beteiligten - wird der Annahme, dass zu diesem Zeitpunkt die entscheidenden Weichenstellungen vorgenommen wurden, als wahrscheinlich und plausibel zustimmen können. Es gab mehrere Möglichkeiten: Einstellung des Krieges gegen die Sowjetunion und Rückzug hinter die östlichen Reichsgrenzen  - in der Annahme, dass sich die Sowjetunion nicht so schnell wieder von den Schlägen würde erholen können (diese Möglichkeit wurde vom Generalstab durchgespielt); Fortsetzung des Krieges auch im Osten in der Hoffnung auf eine (wenig wahrscheinliche) Kriegswende unter Einsatz und Konzentration aller Kräfte. Das hätte das Ruhenlassen aller für die  Kriegsführung nebensächlichen Fragen vorausgesetzt.

Kriegsentscheidend war die so genannte Endlösung der Judenfrage ganz gewiss nicht. Sie zog Energien, menschliche und materielle Ressourcen, Transportmittel etc. von den Kriegsanstrengungen ab. Die Juden außerhalb seines Machtbereiches blieben für Hitler unerreichbar, er konnte sie nicht treffen. Er konnte dem Judentum den entscheidenden Schlag gar nicht versetzen. Im eigenen Machtbereich waren ihm die Juden hilflos ausgeliefert. Im Sinne einer konsequenten Kriegsführung, in der es um die schiere Existenz Deutschlands ging,  hätte nichts näher gelegen, als die Judenfrage, die man ohnehin nicht lösen konnte,  hintan zu stellen. In vielen anderen Fragen wurde ohne großes Aufheben so verfahren, d. h. Aufschieben, Zurückstellen  zumindest bis nach dem Krieg.

Wie man weiß, wurde anders entschieden. Das unerreichbarste Kriegsziel wurde von Hitler gewählt: der Sieg Deutschlands über die USA, Großbritannien und die Sowjetunion und die Vernichtung der Juden. Die Sowjetunion kämpfte weiter, Großbritannien war unbesiegt geblieben und hatte  einen mächtigen Verbündeten, die USA, gewonnen, deren Eintritt in den Ersten Weltkrieg den Krieg zuungunsten Deutschlands entschieden hatte. Angesichts der Kriegslage Ende 1941 war die von Hitler getroffene Entscheidung zur Vernichtung der Juden eine Entscheidung gegen die elementarsten Erfordernisse der Kriegsführung. Deutschland rang um seine Existenz, zwingend geboten war eine Konzentration der Kräfte. Aber für Hitler war die Vernichtung der Juden wichtiger. Der Genozid an den Juden war nicht nur ein bisher unerhörtes Verbrechen; die Entscheidung, die so genannte Endlösung in Gang zu setzen, widersprach auch fundamentalen, nationalen deutschen Interessen, den Interessen einer Nation im Krieg. Was war der Grund?

Geheimhaltung

Zunächst springt ins Auge, dass der systematische Massenmord an den Juden, die so genannte “Endlösung“, die mit der Wannseekonferenz Anfang 1942 begann, geheim gehalten wurde. Die Judenverfolgung seit dem Machtantritt der Nazis 1933 hatte sich bis 1941 in aller Öffentlichkeit vollzogen. Bei der Endlösung, insbesondere den Einzelheiten des Massenmordes, tat das NS-Regime hingegen alles, um strengste Geheimhaltung sicher zu stellen. In seiner 2. Posener Rede vom 6. Oktober 1943 führte Heinrich Himmler vor NS-Führern u. a. aus: ”Der Satz, die Juden müssen ausgerottet werden, mit seinen wenigen Worten, ist leicht ausgesprochen. Für den, der durchführen muss, was er fordert, ist es das Allerhärteste und Schwerste, was es gibt…..Sie wissen nun Bescheid, und Sie behalten es für sich. Man wird einmal in ganz später Zeit sich einmal überlegen können, ob man dem deutschen Volk etwas darüber sagt. Ich glaube, es ist besser, wir - wir insgesamt - haben das für unser Volk getragen, haben die Verantwortung auf uns genommen (die Verantwortung für eine Tat nicht eine Idee) und nehmen dann das Geheimnis mit in unser Grab”.

Es gab Gründe für die Geheimhaltung. Anstrengungen des Regimes zur Ausrichtung der Bevölkerung auf die “Endlösung” gerieten ab Herbst 1941 zum Fiasko. Nach dem Misserfolg der im September 1941 angeordneten Pflicht zum Tragen des Judensterns, die ein unerwartet großes Maß an Mitgefühl und Gesten der Solidarität mit den Juden provozierte, verzichteten die Nazi-Machthaber in den folgenden Monaten darauf, weitere Einzelheiten der deutschen Judenpolitik publik zu machen (Peter Longerich, Davon haben wir nichts gewusst, München 2006, S.324). Da aber schätzungsweise an die 300.000 Personen in den Vernichtungsprozess involviert waren, konnte es nicht ausbleiben, dass Einzelheiten durchsickerten, dass in der Bevölkerung Gerüchte kursierten.

Wer wissen wollte, was geschah, konnte sich bei günstigen Voraussetzungen kundig machen - wenn es auch nicht einfach war. Doch für die große Masse der Bevölkerung, die zudem  im Krieg überwiegend mit widrigen Alltagssorgen beschäftigt war, traf das nicht zu. Es scheint eine diffuse Wahrnehmung gegeben haben, dass im Osten etwas Schreckliches und Unglaubliches geschah, von dem man aber besser nichts allzu Genaues wissen oder zur Kenntnis nehmen wollte. Die Juden, deren Deportation in den Osten man beobachtete, kehrten nicht zurück. Das NS-Regime tat alles, um die (relative) Unwissenheit der Bevölkerung über die Massentötungen an Juden zu erhalten. Das Regime hielt die Endlösung so gut es ging geheim.
 

Unhaltbar wäre freilich die Vorstellung, Hitler und die engere Nazi-Führung hätten unter einer Glocke der Geheimhaltung praktisch allein mit nur wenigen Helfern den Holocaust durchführen können. Immerhin waren geschätzte rund 300.000 Personen mittelbar oder unmittelbar an dem Massenmord beteiligt. Es gab den fanatischen Antisemitismus  als paranoide Wahnvorstellung in einem Teil der deutschen ( und europäischen) Bevölkerung. Aus diesem gesellschaftlichen Segment wurden die aktiven Helfer und Täter, die den Massenmord erst möglich machten, die ihn durchführten, rekrutiert. Sie boten sich an. Gedeckt von oben konnten sie nun ihre Ressentiments ausleben. Eine jahrelange antisemitische Propaganda hatte vorgearbeitet, das Terrain vorbereitet. Hitler machte den Weg frei. Das Nazi-Regime bediente sich dieser militanten Antisemiten, sie wurden Instrumente der Endlösung,  freiwillige Werkzeuge, die blind gehorchten. Irgendwelche Erklärungen oder Begründungen waren ihnen gegenüber nicht nötig.

Die Nation im Krieg

Seit 1939 befand sich Deutschland im Krieg. Nach Stalingrad (Winter 1942/1943), als sich die Waage endgültig und für jedermann sichtbar zuungunsten des Dritten Reiches neigte, steigerte das Regime die Kriegsanstrengungen nochmals im “totalen Krieg”. Die Landung der Alliierten in der Normandie und der Durchbruch der Roten Armee im Mittelabschnitt im Sommer 1944 (letzteres die größte Katastrophe der deutschen Militärgeschichte)  markieren die endgültige und unwiderrufliche Niederlage. Dennoch leistete das Dritte Reich gegenüber erdrückender Übermacht der Kriegsgegner und nahezu vollkommener alliierter Luftherrschaft in einer fast einjährigen Agonie bis Mai 1945 an allen Fronten Widerstand.

 Erbitterten Widerstand leistete die Wehrmacht im Westen in den Ardennen, im Hürtgenwald bei Aachen und im Elsass. Beim letzten Angriff der Roten Armee auf Berlin vom 16. April 1945 bis zum Fall Berlins am 2. Mai 1945 musste die Rote Armee noch 304.000 Mann Verluste hinnehmen. Das spricht für äußerst harte Gegenwehr. Selbst im Zentrum Berlins selbst, vom Spreebogen, wo heute das neue Kanzleramt und die Schweizer Botschaft stehen, bis zum Reichstag fielen noch tausende Soldaten den Kämpfen zum Opfer. Die Sowjets hatten zum 1. Mai 1945 schon die Rote Fahne auf dem Reichstag als Symbol des Sieges gehisst, da schossen die Verteidiger noch fast einen ganzen Tag aus anderen Stockwerken und dem Keller des Reichstages zurück (Antony Beevor, Berlin. The Downfall 1945, London 2003, S. 348 ff).

Es fällt uns Nachgeborenen heute schwer nachzuvollziehen, warum sich das Dritte Reich mit solcher Entschiedenheit bis zum Schluss wehrte. Es war natürlich auch die Nazipropaganda, die den Deutschen den Durchhaltewillen einhämmerte. Allerdings vermag Propaganda wenig gegen klare Fakten. Die sich immer deutlicher abzeichnende Niederlage blieb auch dem gemeinen Soldaten nicht verborgen, geschweige denn den Offizieren höherer Dienstgrade. Nibelungentreue und Nibelungentod waren vielleicht für einige Nazis ein Grund weiter zu kämpfen, aber sicher nicht für den gemeinen deutschen Soldaten. An der Ostfront mag auch die Hoffnung auf eine Umkehrung der Kriegsallianzen eine Rolle gespielt haben, um dann den Krieg gemeinsam mit den Westmächten gegen die kommunistische Sowjetunion fortzuführen. Ein drakonisches Militärstrafrecht sicherte die Disziplin; Desertionen, ja sogar der Verdacht auf Desertion wurden mit dem Tode geahndet.

Für viele, die bis zum Schluss kämpften, war vor allem die Forderung der Alliierten nach “bedingungsloser Kapitulation” unannehmbar. Den Untergang Deutschlands, das “finis Germaniae” waren nur wenige bereit, kampflos hinzunehmen.  Helmut Schmidt, späterer Bundeskanzler, verwundet im April 1945 in der Lüneburger Heide, und Richard von Weizsäcker, späterer Bundespräsident, verwundet im April 1945 in Ostpreußen, stehen für viele andere. (Man müsste sie nach ihren Motiven befragen, solange das noch möglich ist!) Die deutschen Verluste waren im letzten Kriegsjahr extrem. Sie waren im letzten Kriegsjahr fast genauso hoch wie in allen Kriegsjahren seit 1939 zusammengenommen.

In dieser Situation - Deutschland kämpfte mit allerletzten Kräften - setzten die Nazis wichtige Ressourcen nicht für den Abwehrkampf sondern vorrangig für die Vernichtung der Juden ein. Die Vernichtung der Juden hatte für Hitler und die NS-Führungsgruppe absolute Priorität. Die Fronten im Osten und Westen brachen zusammen. Überall fehlte es an Nachschub. Zwar produzierte die deutsche Industrie 1944 noch mehr Rüstungsgüter als in den Jahren zuvor, an die Fronten gelangten diese Waffen nur noch zum Teil oder gar nicht mehr. Vorrangig wurden u. a. die Transportmittel  für den Transport von Juden in die Vernichtungslager eingesetzt - bis zum Schluss, bis zur Eroberung und Befreiung der Konzentrationslager. Die Priorität, die Hitler und die engere NS-Führungsgruppe der Judenvernichtung vor elementaren Erfordernissen der Kriegsführung  gaben, wirft  brennende Fragen auf.

Deutschland war zu diesem Zeitpunkt von Hitler längst aufgegeben gewesen. Bereits im Herbst 1944, als die alliierten Armeen deutsches Territorium erreichten, hatte er für das Reichsgebiet die Praxis der “Verbrannten Erde” angeordnet (die von Rüstungsminister Albert Speer soweit wie möglich sabotiert wurde). Den Alliierten sollten nur Zivilisationswüsten in die Hände fallen. Weltmacht oder Untergang waren Hitlers Alternativen gewesen. Der Untergang , die Niederlage Deutschlands war allerspätestens Mitte 1944 Gewissheit. Der endgültige Untergang konnte allenfalls verzögert werden. Aber in dieser Verzögerungsphase wurden die letzten überlebenden Juden im schrumpfenden Machtbereich Hitlers  erfasst, die Züge in die Vernichtungslager rollten weiter und die Tötungsmaschinerie in den Konzentrationslagern lief auf Hochtouren.

 III.   Hitlers Ruhmsucht?

Zugegeben: von hier ab bewege ich mich überwiegend im Bereich der Spekulation. Niemand weiss, was in Hitlers Kopf tatsächlich vor sich ging. Es gibt lediglich Anhaltspunkte, Indizien, die bestimmte Annahmen nahe legen. Im Ergebnis wird es keine Gewissheiten geben können, noch nicht einmal eine These. Am Ende wird nur eine Frage stehen.

Ästhetik der Gewalt

Hitlers Megalomanie ist bekannt. Die Pläne für den Ausbau Berlins sind beredte Zeugen seines ins gigantisch Monumentale ausschweifenden Bauwillens. Bei Nietzsche finden sich folgende Sätze: ”Der Architekt stellt weder einen dionysischen noch einen apollinischen Zustand dar: hier ist es der große Willensakt, der Wille, der Berge versetzt, der Rausch des großen Willens, der zur Kunst verlangt. Die mächtigsten Menschen haben immer die Architekten inspiriert; der Architekt war stets unter der Suggestion der Macht. Im Bauwerk soll sich der Stolz, der Sieg über die Schwere, der Wille zur Macht versichtbaren; Architektur ist eine Art Macht-Beredsamkeit in Formen, bald überredend, selbst schmeichelnd, bald bloß befehlend” ( Streifzüge eines Unzeitgemäßen,  Kap.11).

Der zitierte Text macht  Zusammenhänge sichtbar. Hitler, der gescheiterte Kunststudent, begriff sich selbst auch in späteren Jahren, gerade als Politiker, noch immer als Künstler und Architekten. Seine Inszenierungen des “Tages von Potsdam” (21. März 1933), die Reichsparteitage, die Massenaufmärsche, die Olympischen Spiele von 1936 zeugen noch in ihrem filmischen Abglanz bei Leni Riefenstahl vom ästhetischen Inszenierungswillen und auch Inszenierungskönnen Hitlers. Walter Benjamin hat den Faschismus die “Ästhetisierung der Politik” genannt. Die Ästhetik der Gewalt, abgekupfert zum Teil bei Italiens Mussolini und der Sowjetunion Josef Stalins, riss die Massen mit und begeisterte sie (- auch wenn wir uns heute darüber wundern und ärgern.) Hitlers Gewaltästhetik entsprach dem Geist der  Zeit eines großen Teils Europas. Hitler steigerte sie noch. Er fand in Albert Speer den Mann, über den er seine Pläne glaubte umsetzen zu können.

Hitlers Traum vom “Schönheitsstaat” (Joachim Fest,  Hitler. Eine Biographie, Frankfurt/M 1973, S. 526) zerbrach allerdings im Krieg. Ab Dezember 1941 zeichnete sich die Niederlage ab. Der Machtrausch, der für die kommenden Jahrhunderte architektonisch in Stein gehauen werden und seinen Ruhm künden sollte, zerplatzte. Wie bei einem Künstler, der sein unvollendetes, nicht zu vollendendes Werk zerstört, trat bei Hitler im jähen Umschlagen an Stelle der Bauphantasien Destruktionswillen und Vernichtungswut.  Apokalyptische Untergangsvisionen, Walstatt-Romantik, Heldentod der bis zu letzten Mann kämpfenden Nibelungen im brennenden Festsaal des Hunnenkönigs Etzel, wurden beherrschende Bilder. (Die Gemälde von Anselm Kiefer vermitteln einen Nachklang dieser Visionen.) Von Richard Wagner inspirierte Motive von Todesrausch und  Todesritt in Flammen gewannen die Oberhand.

Deutschlands Untergang

Die Ästhetik Wagners versuchte Hitler noch zu steigern - in der Realität. In der Tat: Deutschland brannte, eine Stadt nach der anderen versank unter dem Bombenhagel der angelsächsischen Bombergeschwader in einem Flammenmeer zu Schutt und Asche. Das war nicht genug: Hitler selbst gab im März 1945 die sog. “Nero-Befehle”, d. h. die Zerstörung aller “militärischen Verkehrs-, Nachrichten-, Industrie- und Versorgungseinrichtungen sowie Sachwerte innerhalb des Reichsgebiets, die sich der Feind für die Fortsetzung  seines Kampfes irgendwie sofort oder in absehbarer Zeit nutzbar machen kann…“.  Die letzte große Schlacht wurde im brennenden, zerstörten Zentrum Berlins rund um das Brandenburger Tor zwischen Neuer Reichskanzlei in der Wilhelmstraße, Spreebogen (Moltkebrücke) und Reichstag geschlagen. Die Rote Armee erlitt noch einmal, ein letztes Mal in diesem Krieg, schwere Verluste.

Hitler suchte den Ruhm im glorreichen Untergang. Wenn es schon nicht seine Prachtbauten sein konnten, so sollte sich doch das von ihm inszenierte brennende Inferno dem menschlichen Gedächtnis auf immer einprägen.  Er riss viele mit sich in den Tod: Millionen Kriegstote, Soldaten und Zivilisten, Deutsche und Nichtdeutsche. Spätestens seit der Landung der Alliierten in der Normandie und dem Durchbruch der Roten Armee im Mittelabschnitt der Ostfront im Sommer 1944 sah er dem Untergang Deutschlands ins Auge, er hat es gewusst und gewollt. Die überwiegende Zahl der Deutschen ließen sich hinein ziehen, missbrauchen. Viele wollten die “bedingungslose Kapitulation” unter gar keinen Umständen hinnehmen. Oder sie waren verblendet genug, zum Teil Opfer ihrer eigenen Mythen und Legenden, insbesondere der Dolchstosslegende. Die den Missbrauch bemerkten und sich weigerten oder wehrten, wurden kaltgestellt, hingerichtet als Defätisten, Wehrkraftzersetzer,  Deserteure.

Die Deutschen galten Hitler nichts (mehr). Da sie an der Weltmacht gescheitert waren, weihte er sie dem Tode. Er hat es oft genug gesagt: Weltmacht oder Untergang. Er nutzte die Deutschen nur noch zur Inszenierung und dem Hinauszögern seines eigenen Untergangs. Sie waren nur noch Material seiner Gewaltphantasien, für die er sie - mehr oder weniger mühelos - manipulierte und instrumentalisierte. Hitler wusste aus der Geschichte, dass seine Armeen nicht die ersten waren, die vernichtend geschlagen worden waren. Hitlers Reich war nicht das erste, das unter dem Ansturm der Feinde zusammengebrochen war. Unzählige hatten dieses Schicksal schon geteilt. Der Erdball war voll von Ruinen einstiger Größe, vergangener Reiche. Oft gab es nicht einmal Ruinen, die davon kündeten.

Die Juden und das Nachleben Hitlers

Wer garantierte ihm (Hitler) einen Nachruhm, der über das ephemere Gedenken der schnelllebigen neueren Zeit hinaus ging? Ein Andenken, wie es etwa dem brennenden Troja  Homers zuteil geworden war? Das mächtige Karthago z. B. lebte nur noch als blasse Erinnerung in verleumderischen Schriften der Römer fort. Wir wissen, wie sehr die Politiker auch heute um ihren Nachruf besorgt sind, wie viel ihnen an der berühmten Fußnote im Buch der Geschichte liegt. Sollte Hitler in seinem übersteigerten Machtwahn und Machtrausch, in seinem gewalttätigen Inszenierungsdrang wirklich davon unberührt gewesen sein? Die Kriegsalliierten: Amerikaner, Briten und Russen würden versuchen, sein Gedächtnis auszulöschen - eine Erwartung Hitlers, die durchaus realistisch war. Auf die wankelmütigen Deutschen, die er gut genug kannte, setzte Hitler ohnehin nichts. Sie würden ihn verfluchen, wie sie ihm zuvor zugejubelt hatten. Er sah unschwer voraus, dass sie ihn am liebsten so schnell wie möglich vergessen würden, wenn sie überhaupt noch zu einer Art kollektivem Gedächtnis in der Lage sein würden.

Wenn es schon die Millionen Toten, die sein Krieg forderte, und die Trümmer, die seine Feldzüge in Europa hinterließen, nicht waren, die ihm den großen Nachruhm sicherten:  dann Was, Wer?  Seit seinen Wiener Jugendjahren sah er in den Juden den Hauptfeind, der Deutschland und die Völker Europas und der Welt ins Verderben stürzte. Die Juden waren aus Hitlers Sicht bestrebt, die Herrschaft der Welt an sich zu reißen. Laut Hitler zersetzten sie, zerstörten sie zu diesem Zweck alles, was nicht minderwertig war wie sie. Hitler machte die Juden zu Unrat, Ungeziefer, das es zu “vernichten”, “auszurotten” galt, wenn Deutschland, Europa  und die Welt gerettet und erlöst werden sollten. Dennoch gelang es den Juden, wie Hitler es sah, die angelsächsischen Mächte und die Bolschewiki in Moskau gegen Deutschland und die höher stehende arische Rasse in den Krieg zu treiben , ja standen sogar im Begriff, diesen Krieg zu gewinnen. 

Offensichtlich war Hitler von der Realität seiner Wahnvorstellungen überzeugt, denn er kam wie in einer paranoiden Obsession immer wieder darauf zurück. Nicht nur im kleinen, abgeschirmten Kreis, sondern auch offen, vor der Weltöffentlichkeit, in Reden im Deutschen Reichstag. Natürlich haben sich die Juden in den USA und anderswo für den Krieg gegen Hitlerdeutschland, das die Juden auslöschen wollte, eingesetzt. Sie konnten aber in Washington noch nicht einmal die dortige Führung dazu bewegen, Auschwitz und die dorthin führenden Gleisanlagen zu bombardieren. Wenn die Juden in der Vorstellung Hitlers einerseits “Ungeziefer” waren,  auf der anderen Seite aber in London, Washington und Moskau gleichzeitig die Macht (immerhin über Krieg und Frieden!) errangen,  konnten sie so ganz  minderwertig und verächtlich  gar nicht sein. Sie mussten im Gegenteil in Hitlers Augen ein formidabler, fürchterlicher Feind, ein Angstgegner allererster Güte gewesen sein. Hitler verachtete die Juden, er muss sie aber auf der anderen Seite doch sehr, sehr hoch eingeschätzt haben. “Les extrêmes se touchent“. 

Diesem Feind eine schwere Wunde zuzufügen, das Volk der Juden um ein Drittel bis zur Hälfte seiner lebendigen Substanz zu berauben , das war eine (Un)-Tat, die so schnell nicht vergessen werden würde. Auch eine Untat sichert Nachruhm. An die große Untat ketten sich andere, weitere Erinnerungen. Hitler würde so für die Nachwelt überleben. Die Vandalen waren nicht als einer der germanischen Stämme der Völkerwanderung in die Geschichte eingegangen. Es war die Plünderung Roms (455 n. Chr.), der sie bis heute im Begriff des Vandalismus überleben ließ. Die Geschichte kündet von Dschingis Khan nicht nur als Eroberer sondern vor allem als Völkerschlächter. Sein  Name verbreitet noch heute bei den betroffenen Völkern Brand- und Leichengeruch. Die Beispiele ließen sich vermehren, bis hin in heutiger Zeit zum Morden der Roten Khmer am eigenen Volk. Nur diese Mordtat wird die Roten Khmer im Gedächtnis fortleben lassen, sonst haben sie nichts vorzuweisen.

Unzweckmäßig  war es, die Deutschen in die geplante Mordtat einzuweihen und einzubeziehen. Der deutsche Part, gewissermaßen die deutsche Komponente des Untergangsszenarios war die Abwehrschlacht bis zum bitteren Ende. Die Deutschen sollten kämpfen bis zum letzten Mann und die Niederlage so lange wie möglich hinaus zögern. Deutschland, Berlin sollten brennend untergehen. Warum sollte man die Deutschen davon ablenken, sie beunruhigen, Zweifel säen durch das, was hinter ihrem Rücken geschah? Die Erfahrungen mit der Kennzeichnung durch den gelben Judenstern im Herbst 1941 waren aus Sicht der Nazis schon niederschmetternd genug. Die Mordtat musste im Geheimen geschehen. Hitler opferte Deutschland bedenkenlos seinem Nachruhm und verbrannte ohne jeden Skrupel seine moralische Substanz.

Aber das war ihm nicht genug. Seinen Feind, seinen Hauptfeind, die Juden wollte er schlagen. Die für ihn unerreichbaren Juden würden den Mord an den Juden in seinem Machtbereich, den Genozid an mindestens 5 Millionen Juden in Europa nicht vergessen, niemals. Der Mord ließ sich - wenn auch nicht vollständig - vor den Deutschen verbergen. Niemals aber vor der Weltöffentlichkeit nach der sicheren Niederlage Deutschlands. Mehr als 5 Millionen Menschen können nicht einfach verschwinden. Man würde nach ihnen suchen. Die Juden, deren er nicht habhaft werden konnte, und denen Hitler fast alles zutraute, würden diese Mordtat aufdecken und die Kunde davon in der ganzen Welt verbreiten. Auch die Alliierten, die schon entsprechende Nachrichten über deutsche Gräueltaten in Umlauf gesetzt hatten, würden nicht zurückstehen. Das war sicher.

Hitlers Kenntnisse der Geschichte der Juden sind ungewiss. Aber einiges gehörte in seiner Zeit zum Allgemeinwissen. Die Juden hatten große Katastrophen überlebt: Die Verschleppung durch den neubabylonischen Herrscher Nebukadnezar nach Babylon (Mesopotamien) im 6. Jahrhundert v. Chr., ihre Vertreibung und  Zerstreuung im 1. Jahrhundert n. Chr. durch den römischen Kaiser Titus über das ganze Römische Reich sowie Verfolgungen über das ganze Mittelalter hinweg in Europa. Es gibt sonst kein Volk, keine Religionsgemeinschaft auf der Erde, von der auch nur annähernd eine solche Überlebensfähigkeit zu berichten wäre. Völker mit ähnlichem Schicksal waren  untergegangen - ausnahmslos. Wenn es ein Gefäß gab, das Erinnerungen durch die Jahrhunderte und Jahrtausende tragen und bewahren konnte und würde, dann das Judentum. Spätestens Hitlers exzessive Befassung mit den Juden und dem Judentum muss ihn auch an diese Erkenntnis heran geführt haben. Die Juden würden ihn und den von ihm begangenen Judenmord nie vergessen und immer davon berichten.


In den lichtlosen Dezembertagen in Berlin 1941 mag die Entscheidung  Hitlers gefallen sein, den Untergang Deutschlands in Kauf zu nehmen und Millionen Juden mit in den Tod zu reißen - um sein dauerhaftes Fortleben im Gedächtnis der Welt zu sichern.

Nachbemerkung:

Die Historiker, deren Forschungsergebnisse zum Teil herangezogen worden sind, legen die Überlegungen und Folgerungen des Autors nicht nahe und sind in keiner Weise dafür verantwortlich. Diese liegen in der alleinigen Verantwortung des Autors selbst.

Guntram von Schenck, Februar 2008

 


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