Vorwort



  Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte? Die Frage, die Friedrich Schiller seinen historischen Vorlesungen voranstellt, kann in abgewandelter Form auf eine Biographie übertragen werden. Was heißt Biografie und welchem Zweck soll sie dienen? Im Pathos Schillers heißt es: "Fruchtbar und weit umfassend ist das Gebiet der Geschichte...Durch alle Zustände, die der Mensch erlebte,...muss sie Rechenschaft ablegen". So auch die Biografie.

  Aus der schieren Unübersichtlichkeit geschichtlichen, menschlichen Lebens müssen Geschichte und Biografie herausfiltern, was - wiederum in Schillers Sprache - "zu den Menschen redet". Es kann nicht alles gesagt werden, es muss verkürzt werden, notwendig sind Erklärungen, Zuordnungen, Ergänzungen. Kurz, eine Biographie ist das Produkt einer versuchten Annäherung, einer Sichtung, eines ordnenden Überblicks. Sie redet zu uns, wenn überhaupt, in dieser Unvollkommenheit.

  Eine politische Autobiografie unterliegt eigenen Gesetzen: vieles kann nur knapp im Zusammenhang mit dem politischen Werde- und Fortgang der Geschehnisse und Entscheidungen behandelt werden. Der historische Bericht, auch die Autobiografie, muss sich - so der große Historiker Fritz Stern - des Risikos immer bewusst sein, "Erinnerungen und Geschichte zu verschmelzen, jene ungleichen Zwillinge, die einander fördern und gefährden".

  Die Versuchung, im Nachhinein allem einen Sinn, eine Richtung zu geben, ist immer da. Für die Autobiografie gilt das vermehrt. Auf dem schmalen Grad zwischen Rechtfertigung und Rechenschaft versuchen wir uns der Erinnerungen und Stationen des Lebens zu vergewissern. Die Autobiografie ist eine kontinuierliche Selbstreflexion: Haben wir etwas erlebt, das mitteilenswert ist - was ich für mitteilenswert halte?

  Als Grenzgänger zwischen Geschichtswissenschaft, aktiver Politik und Diplomatie sind mir Erfahrungen zugefallen, die verhältnismäßig selten sind. In meine Tätigkeit in der aktiven Politik ist immer geschichtliches Wissen eingeflossen, es hat mich bereichert und gestützt. Historische Kenntnisse und langjährige, politische Erfahrung waren mir in der Diplomatie gleichermaßen von Nutzen.

  Vom "Aufrührer" in der Studentenrevolte 1966-1969 zu einem deutschen Botschafter in Rom, vom promovierten Historiker über die Politikberatung und kritischen Publizistik zur aktiven Politik und (spät) ins Auswärtige Amt führt in Deutschland kein gerader Weg, keine vorgezeichnete Karriere. Die Bundesrepublik ist Werdegängen nicht günstig, die hergebrachten Vorstellungen zuwider laufen.

  Meinen Weg habe ich mit Publikationen begleitet - soweit das möglich war. Die Publikationen sind Teil dieser Lebenserinnerungen, sie sind unverändert eingearbeitet. In der erweiterten 2. Auflage wird einiges ergänzt, anderes nachgeholt, was bisher noch nicht öffentlich gesagt wurde.


Radolfzell, 2016