Guntram von Schenck, September 2021

 
Churchill, seine Erben - Gefahr für Europa


Anhang

Churchill, Stalin, Hitler – eine Gegenüberstellung


Winston Churchill gilt im Westen als Staatsmann, der Europa vor dem Faschismus und dem Nationalsozialismus gerettet habe. Als Premierminister Großbritanniens habe er nach der Niederlage Frankreichs 1940 ganz allein Nazi-Deutschland getrotzt. Entsprechend wird er heroisiert.

Besonders in England, wo sein Andenken hoch gehalten wird. Genau wird z. B. registriert ob die Büste Churchills nach einer USA-Präsidentenwahl im Oval Office des Weißen Hauses als Beweis der angelsächsischen Sonderbeziehung zwischen London und den USA aufgestellt wird.

Ein Buch von Boris Johnson von 2015: „Der Churchill Faktor“, zeigt, wie mächtig das Erbe Churchills im Vereinigten Königreich noch wirkt (1). Boris Johnson ist seit Juli 2019 Premierminister des Vereinigten Königreiches, das er mit dem Brexit aus der Europäischen Union (EU) geführt hat. Es ist das Buch eines erfolgreichen Politikers, der mit dem Brexit das Erbe Churchills , so wie er es versteht, umgesetzt hat und damit fortfahren will.

Johnsons Buch wirft zwei zentrale Fragen auf: Wie ist Churchill im Licht neuerer Diskussionen insbesondere innerhalb des ehemaligen Britischen Empire zu beurteilen? Welche Hinweise gibt das Buch für die Politik Londons, da sich Boris Johnson und große Teile der englischen Gesellschaft in die Tradition Churchills stellen? Und eine dritte: Wie ist Churchill neben seinen europäischen Protagonisten Stalin und Hitler historisch einzuordnen?



Britisches Empire


Churchills Lebensweg ist mit dem Britischen Empire so verwoben, dass die Geschichte des Empire in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ohne die Rolle Churchills nicht zu schreiben ist. Dasselbe gilt für die Biographie Churchills, die nur im Kontext des Empire dargestellt werden kann.

Churchills Ruf und Ruhm hat mit der Zeit Kratzer bekommen. So musste u. a. am 12. Juni 2020 eine Statue von Churchill vor dem britischen Parlament zum Schutz vernagelt werden, nachdem die Statue zuvor beschmiert worden war: Churchill sei ein Rassist gewesen. Stimmen aus dem ehemaligen Empire werden immer lauter, die Churchill als Imperialisten, Kolonialisten und Rassisten charakterisieren und kritisieren.

Das britische Empire war das größte Kolonialreich, das es bis dahin gegeben hatte. 1920 erreichte es mit Übernahme der deutschen Kolonien seine größte Ausdehnung. Wie das spanische einige Jahrhunderte zuvor war es ein Imperium, in dem „die Sonne nie unterging“. Es umspannte den ganzen Globus. Piraterie gegen die spanische Flotte im 16. Jahrhundert stand am Anfang. Im 17. und 18. Jahrhundert waren der Sklaven- und Zuckerhandel zwischen der Karibik und Afrika Quelle des Reichtums englischer Kaufleute sowie der wachsenden Macht Londons.

Der englische Dreieckshandel von Ankauf/Raub afrikanischer Sklaven, deren Transport und Verkauf nach Amerika und die Rückkehr der mit Zucker und anderen Kolonialwaren reich beladenen Schiffe nach England wurde Anfang des 19. Jahrhunderts gestoppt. Der Handel war nicht mehr profitabel, für den karibischen Zucker gab es nun Ersatz in Europa. Die britischen Sklavenhändler wurden vor der Regierung für diesen Verlust reichlich entschädigt (2). Heute werden in Jamaika Stimmen laut, die von London wegen des Sklavenhandels Schadensersatz in Milliardenhöhe fordern.

Englands Handel fand im 19. Jahrhundert Ersatz mit dem Textilhandel. Es importierte billige Rohstoffe aus den Kolonien und setzte auf den britischen Inseln gefertigte Endprodukte in den Kolonien und der ganzen Welt ab. Es verbot und ruinierte die in Indien blühende Textilindustrie und zwang die Inder und andere Kolonialvölker zur Abnahme britischer Waren. Wo es Widerstand gab, wurde unter der Flagge des „Freihandels“ der Zugang zum Markt und der Absatz britischer Waren mit Gewalt erzwungen.

Der technologische Vorsprung Europas sicherte die britische, militärische Überlegenheit: gegen britische Schnellfeuergewehre war mit Pfeil und Boden, Säbeln, Speeren und alten Vorderladern nichts auszurichten. Ein besonders makabres Beispiel für erzwungene Marktöffnung sind die Opiumkriege 1839-1842 und 1856-1860 gegen China, mit dem Ergebnis, dass die Engländer das Opium, das sie auf ihren indischen Plantagen anbauten, ohne Einschränkungen in China verkaufen konnten. Die gesundheitlichen und sozialen Folgen für die chinesische Bevölkerung waren natürlich katastrophal.

Wenn dies Aspekte sind, die schon längere Zeit diskutiert und erforscht werden, so tritt mit der weitgehenden Vernichtung einheimischer Bevölkerungen in Nordamerika, Australien und Neuseeland durch meist englische Siedler ein weiterer schwerwiegender Kritikpunkt hinzu. Die jüngste Entdeckung von tausenden Gräbern verscharrter indigener Kinder neben Einrichtungen zur Umerziehung in Kanada wirft neues Licht auf die späten Opfer der angelsächsischen Landnahme. In Australien zahlt die Regierung für die zur Umerziehung „gestohlenen Kinder“ der indigenen Urbevölkerung nach langen Auseinandersetzungen Entschädigung. Die düsteren Schattenseiten und Folgen des Kolonialismus, die bis in die Gegenwart reichen, werden mit der Aufarbeitung der Fakten sichtbar.

Mit der Landnahme und Besiedlung Nordamerikas, Australiens und Neuseelands durch englische Kolonisten wurden die indigenen Einwohner (Indianer in Nordamerika, Aborigines in Australien, Maoris in Neuseeland) nach und nach zurückgedrängt, ihrer wirtschaftlichen Grundlagen beraubt, ihre Lebensweise und Kultur zerstört. Den Ureinwohnern wurde jede Zukunftsperspektive genommen, als sie in Reservate umgesiedelt und dort eingepfercht wurden. Die Auslöschung vieler indigener Stämme und Völker war die Folge. Bis weit ins 20. Jahrhundert sind diese Praktiken fortgesetzt worden.

Die Entstehung der heutigen angelsächsischen Welt in Kanada, den USA, Australien und Neuseeland war aus der Sicht der betroffenen indigenen Völker ein verschleierter Völkermord. Die Gräber der Urbevölkerung sind der Humus, aus dem die angelsächsischen Gesellschaften sich nähren. Mehr und mehr zeitgenössische Forscher und Kritiker der europäischen Kolonialpolitik sehen das ähnlich (3). Wie man heute weiß, hat sich Hitler für seine geplanten Eroberungen in Osteuropa von der angelsächsischen Landnahme und Besiedlung inspirieren lassen. Das Scheitern des Angriffs auf die Sowjetunion hinderte ihn daran.

Die Engländer standen mit ihrem Britischen Empire nicht allein. Nahezu alle europäischen Staaten nahmen an der Kolonisierung der Welt teil, die einen früher (Spanien, Portugal), die anderen gleichzeitig (Frankreich, Holland) oder später (Deutschland, Belgien). Siedler kamen nicht nur von den britischen Inseln, sondern ebenso u. a. aus Deutschland, Italien oder Skandinavien. Aber die Engländer waren die bei weitem Erfolgreichsten, die mit dem Empire wie eine Krake den Erdball umklammerten und die Reichtümer der Welt an sich rissen. Sie waren die unumstrittene Spitze des europäischen Kolonialismus und Imperialismus. Für die englischen Konservativen (Tories) und Teile der englischen Gesellschaft ist dies noch heute Anlass zu nostalgischer Ruhmseligkeit.

Der Rechtfertigungen sind bekannt: Verbreitung des Christentums und Schutz christlicher Missionstätigkeit, die Behauptung, die Länder seien leer gewesen und man habe sie erst urbar gemacht und in Wert gesetzt; die Ureinwohner seien grausame, unzivilisierte Barbaren gewesen, rassisch unterlegen und nur durch die lenkende Hand des weißen Mannes zu höherer Lebensart fähig etc. Die Unterwerfung der Welt zu einem höheren Zweck sei die „Bürde des weißen Mannes“. Noch heute sehen sich konservative Engländer historisch als Wohltäter und reagieren gereizt, wenn dieses Selbstbild in Frage gestellt wird.



Churchill und das Empire


Für Boris Johnson ist Churchill die zur Person gewordene Inkarnation des Empire in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: ohne Churchill kein Empire, ohne Empire kein Churchill. Churchills Leben kann hier nicht ansatzweise nacherzählt werden. Aber es fällt auf, dass er in jungen Jahren überall dort präsent war, wo es im Empire nach Pulverdampf roch: im Sudan, in Afghanistan und in Südafrika. Mit einer militärischen Strafexpedition zog er nach Afghanistan, in deren Verlauf Siedlungen niedergebrannt und widerständige Afghanen erschossen wurden (4). In Südafrika kämpfte er im Krieg gegen die Buren (1899-1902), auf deren Gebiet Gold und Diamanten gefunden worden waren, die das Begehren der Briten weckten. Frauen und Kinder der Buren wurden in Konzentrationslager gesperrt, um den Widerstand der Buren zu brechen. Rund 30.000 starben dort an Hunger und Krankheiten.

Im Ersten Weltkrieg war Churchill für eine der schwersten Niederlagen der Entente verantwortlich. Die Halbinsel Gallipoli, über die man den Zugang zum Schwarzen Meer kontrollieren konnte, sollte von alliierten Truppen erobert werden. Es war eine Idee Churchills. Zum Einsatz kamen vor allem australische Truppen, Angehörige des Empire. Der Feldzug war ein Misserfolg, die Australier erlitten grausame Verluste. Seither gibt es einen Knacks zwischen London und Australien. Churchill verlor vorübergehend seinen Regierungsposten. Nach dem Krieg schlug Churchill 1920 als zuständiger Minister den Aufstand der Araber im Irak nieder, die gegen ihre Kolonisierung und die willkürlichen imperialen, britischen Grenzziehungen rebellierten. Den Aufstand unterdrückte Churchill mit dem Einsatz von Chemiewaffen - „mit ausgezeichneter moralischer Wirkung“, wie Churchill anmerkte (5).

Ein besonders düsteres Kapitel Churchill´scher Imperialpolitik betraf Indien im Zweiten Weltkrieg. In Indien herrschte in Bengalen 1943 eine schwere Hungersnot. Der britische Vizekönig Archibald Wavell hatte Churchill 1943 aufgefordert, dort lagernde Nahrungsvorräte freizugeben, um die Hungersnot zu lindern. Churchill verweigerte die Freigabe mit dem Argument, er benötige die Vorräte für die Kriegsführung gegen die Deutschen. Gegenüber dem Secretary of State for India , Leo Amery, bemerkte Churchill seinerzeit (6): „I hate Indians...they are a beastly poeple with a beastly religion“ (Ich hasse die Inder.. Sie sind ein tierisches Volk mit einer tierischen Religion).

Leo Amery, ein glühender Verfechter britischer imperialer Kolonialpolitik, meinte dazu: „On the subject of India, I believe Winston is not quite sane...I didn´t see much difference between his outlook and Hitler´s“ (Beim Thema Indien, glaube ich, ist Churchill nicht ganz gesund/dicht...Ich sah keinen großen Unterschied zwischen seiner Sichtweise und der Hitlers). Die folgende Hungersnot kostete nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen drei und fünf Millionen Indern das Leben. Die Nahrungsmittel wurden nie abgerufen, zur Kriegsführung wurden sie nicht gebraucht (7). 1931 nannte Churchill Mahatma Gandhi, der Indien in die Unabhängigkeit führte, einen „nackten Fakir“ (8).

Die Aufzählung der fragwürdigen und problematischen (Un)-Taten Churchills im Empire ist unvollständig. Aus heutiger Sicht sind sie ohne Zweifel zum großen Teil verbrecherisch zu nennen. Hier werden sie nur kursorisch angedeutet, um eine bessere Einschätzung der Mentalität Churchills und seiner Rolle in Europa, auch im Hinblick auf Deutschland zu bekommen. Sie sind unappetitlich und die Befassung damit ist schockierend. Die kritische Aufarbeitung sollte Engländern, Briten und den Betroffenen in den einstigen Kolonien überlassen bleiben. Das geschieht, aber es ist ein qualvoller Prozess (9).



Churchill und Europa


In Europa ist Churchills Politik keineswegs unumstritten: In Griechenland hat er nach dem Abzug der Deutschen 1944 einen Bürgerkrieg angezettelt, indem er eben jene Kräfte stützte und zur Macht verhalf, die zuvor mit den Deutschen kollaboriert hatten (10). Nach Absprache mit Stalin sollte Griechenland zum Einflussgebiet Großbritanniens gehören. Der griechische Bürgerkrieg dauerte mehrere Jahre und hat fürchterliche Verheerungen hinterlassen. In Jalta 1945 hat er – wenn gewiss nicht ganz freiwillig - das verbündete Polen Stalin überlassen, obwohl Großbritannien wegen Polen 1939 in den Krieg eingetreten war.

Mers-el-Kebir ist ein anderes Datum, das Churchills rücksichtslose Machtpolitik kennzeichnet: Frankreich hatte nach dem Sieg der Wehrmacht am 22. Juni 1940 in Compiegne einen Waffenstillstand mit Deutschland unterzeichnet. Unklar war die Rolle der französischen Kriegsmarine geblieben. Zwar hatte die französische Regierung unter Darlan den Briten Garantien gegeben, die französische Flotte nicht in die Hände der Deutschen fallen zu lassen. Sie war größer und moderner als die deutsche Kriegsmarine. Doch Churchill misstraute diesen Garantien der Franzosen, die bis vor wenigen Tagen noch seine Bündnispartner gewesen waren, und ließ die französische Kriegsflotte am 3. Juli 1940 in Mers-el-Kebir bei Oran in Nordafrika ohne Vorwarnung versenken.

Noch vor Abschluss der Verhandlungen zwischen dem französischen Flottenbefehlshaber, Gensoul, und einem subalternen britischen Offizier, Captain Holland, begann am 3. Juli 1940 nachmittags der britische Überfall auf die französische Kriegsflotte. Er endete mit dem Tod von 1300 französischen Seeleuten und der Vernichtung der französischen Kriegsschiffe. Boris Johnson schreibt selbst, es sei eine Schlächterei gewesen war, wenn auch eine notwendige. Es war - so Johnson (11): „the chilling und calculated act of a skull-piling warlord from the steppes of central Asia“ (der eiskalte und kalkulierte Akt eines Schädel-sammelnden Kriegsherrn aus den Steppen Zentralasiens). Trotzdem rechtfertigt Boris Johnson Mers-el-Kebir als absolut notwendig und richtig (12). Im Nachhinein wurde der Überfall und die Vernichtung der französischen Kriegsflotte von den Briten als Missverständnis hingestellt; nach Churchills erneuter Wahl zum Premier 1951 sollen die Spuren des Überfalls aus den Akten getilgt worden sein.

Die Verhinderung einer dominierenden Macht auf dem europäischen Kontinent und die Erhaltung des europäischen Machtgleichgewichts waren - so Johnson - britische Politik seit fünf Jahrhunderten (13). Sie waren Voraussetzung für das ungehinderte, globale englische Ausgreifen auf dem Erdball und das imperiale Schalten und Walten Londons auf allen Weltmeeren. England griff nur dann in die Händel auf dem Kontinent ein, wenn es galt, das europäische Machtgleichgewicht gegen eine dominierende Macht wieder herzustellen. Diese Politik als Außenstehender war gewissermaßen Teil der DNA Londoner Politik.

Das galt für Frankreich unter Ludwig XIV und Napoleon genauso wie für Deutschland unter Kaiser Wilhelm II oder Adolf Hitler. Es ging immer gegen die dominierende oder potentiell dominierende Macht auf dem Kontinent, gleichgültig wer dort in der Spitze stand. Boris Johnson schreibt unter Berufung auf Churchill zum Kriegsausbruch 1914 (14): „Britain had absolutely no choice but to folllow the rules of 500 years of foreign policy – and try to prevent a single power from dominating the continent“ (Großbritannien hatte absolut keine Wahl als den Regeln von 500 Jahren Außenpolitik zu folgen – und versuchen zu verhindern, dass eine einzige Macht den Kontinent dominiert). Soviel als Nebengedanke zur heiß diskutierten Kriegsschuldfrage des Ersten Weltkriegs, die im Versailler Vertrag 1919 allein Deutschland zugeschrieben wurde.

Gerade Letzteres musste z. B. der Widerstand gegen Hitler schmerzhaft erfahren. Eugen Gerstenmaier, der spätere Bundestagspräsident (1954 - 1969), der dem Widerstand gegen Hitler um den 20. Juli 1944 im Kreisauer Kreis angehörte, schreibt, dass „der Widerstand (gegen Hitler) die bittere Erfahrung machte, dass der Krieg nicht nur gegen Hitler und sein Reich sondern gegen Deutschland in jeder Gestalt geführt wurde“ (15). Die Feindschaft galt Deutschland als dominanter, hegemonialer Macht, egal wer dort an der Spitze stand.

Verbrämt wird diese nackte Machtpolitik mit dem Anspruch, London habe den Völkern Europas Freiheit und Demokratie gerettet. Das ist Propaganda: Tatsache ist, dass beispielsweise nach 1945 Mittel- und Osteuropa unter die Fuchtel Stalins und des Kommunismus gerieten (Jugoslawien ist ein Sonderfall). Lediglich die Staaten Westeuropas wurden gemeinsam mit den USA befreit. Spanien und Portugal blieben Diktaturen und Griechenland wurde in einen Bürgerkrieg gestürzt. Als Kolonialmacht bis Mitte des 20. Jahrhunderts war das Vereinigte Königreich in großen Teilen der Welt hartnäckiger und brutaler Unterdrücker von Freiheit und Freiheitsbewegungen. Vielfach konnten sich die Kolonien nur mit Gewalt von den Kolonialfesseln befreien. Unvergessen ist auch das enge Bündnis mit Stalin (Uncle Joe), wahrlich kein Freund von Freiheit und Demokratie, das Churchill eingegangen war. Churchill verteidigte im Zweiten Weltkrieg immer das Empire, nicht die Demokratie.



Brexit


Boris Johnson bringt die Europäische Union (EU) in eine gedankliche Nähe zum Machtstreben der Nazis, wenn er über den Widerstand Churchills gegen Hitler 1940 schreibt (16): „This country would not have been a haven of resistance, but a gloomy client state of an infernal Nazi EU“ (Dieses Land wäre keine Zuflucht (Hafen) des Widerstandes gewesen, sondern ein Klientelstaat einer höllischen Nazi EU). Die EU wird gedanklich in die Nähe des von Nazi-Deutschland besetzten Europa gerückt. Die EU wird als dominierende Macht auf dem Kontinent phantasiert, die bei allen Unterscheiden in der Nachfolge früherer dominierender Mächte steht. Wo Franzosen mit Ludwig XIV und Napoleon oder Deutsche mit Wilhelm II oder Hitler gescheitert seien, erhebe nun die EU ihr Schreckenshaupt und bedrohe Englands Freiheit, Souveränität und Zukunft. Boris Johnson und seine Kampfgefährten, die Brexiteers, leben in diesen Vorstellungen, die sie als das Erbe von Churchill interpretieren.

Ob die Verhinderung einer dominierenden Macht auf dem europäischen Kontinent, gleichgültig in welcher Gestalt, heute noch immer ein brauchbares politisches Ziel britischer Politik sein kann, ist sehr die Frage. Churchill selbst hatte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ein enges Zusammengehen Frankreichs und Deutschlands befürwortet, also durchaus die Bildung einer dominierenden Machtkonstellation auf dem Kontinent. Die Zusammenarbeit von Frankreich und Deutschland funktioniert bis heute. Großbritannien sollte allerdings mit dem Empire nicht dazu gehören und Außen vor bleiben. Mit dem Brexit sehen sich Johnson und seine Mitstreiter im Einklang in der Tradition Churchills. Großbritannien war für Churchill etwas Besonderes, nicht Teil der europäischen Einigung.

Damit stellt sich die Frage, ob der Brexit für Johnson und seine Mitstreiter auch gleichbedeutend mit der Bekämpfung der EU als dominierende Macht auf dem Kontinent ist, ob also eine Rückkehr zu 500 Jahren englischer Politik gegenüber dem Kontinent ansteht? Wenn London die frühere Politik wieder aufnehmen und weiter spielen will, weil es in der Vergangenheit über fünf Jahrhunderte so erfolgreich war, wird es gefährlich für die Europäische Union, freilich ohne gleichzeitig - wie in der Vergangenheit - die globale Position Großbritanniens zu festigen. Global dominieren außereuropäischen Mächte. Der Zerfall der EU wird auch das Vereinigte Königreich hinunter reißen, da Europa als Ganzes verliert. Ist London versucht, trotz der veränderten Weltlage, die Europäische Union zu zerstören, würde Europa endgültig marginalisiert und mit ihm auch der weitere Abstieg des Vereinigten Königreiches besiegelt.

Die bitteren Auseinandersetzungen vor und nach dem Austritt des Vereinigten Königreiches aus der EU weisen in diese Richtung. Die Verschlechterung der Beziehungen, wachsendes gegenseitiges Misstrauen, der eskalierende Streit um Nachfolgeregelungen des Brexit, das Hochkochen von Emotionen beiderseits des Kanals, schlicht die vom Brexit ausgelöste negative Dynamik plus die angebliche oder tatsächliche DNA englischer Politik sind ein schlechtes Omen. Mit dem Brexit liegt ein verminter Weg vor uns: es geht immer um Geld und als lebenswichtig wahrgenommene Interessen, um die gestritten wird und über die verhandelt werden muss. Mit dem Insiderwissen von 40 Jahren Mitgliedschaft Londons dürfte es nicht sonderlich schwer sein, die bekannten Schwächen der EU auszunutzen, um diese zu unterminieren. Londoner Spielchen könnten in der Tat zum Untergang der Europäischen Union führen.

Noch ist die EU ein prekäres Gebilde, das in den Gefährdungen und Stürmen der Weltpolitik unerprobt ist. Die EU ist die letzte Chance Europas, Stimme und Gewicht auf globaler Ebene zu bewahren, zu verteidigen und zu festigen. Johnson und die Tories müssen klären, welches Erbe Churchills gilt: Verhinderung einer dominierenden Macht auf dem Kontinent oder die wohlwollende Duldung einer sich erweiternden und vertiefenden EU? Die Antwort ist bisher ambivalent. Der Zug zur rücksichtslosen, lügenhaften, zum Teil ruchlosen und hinterhältigen Durchsetzung eigener nationaler Interessen, den Churchill verkörpert und den Johnson und die englischen Konservativen rechtfertigen, sollte eine Warnung sein. Frankreich war noch wenige Tage vor dem Überfall auf die französische Kriegsflotte in Mers-el-Kebir (3. Juli 1940) der engste Verbündete Londons, als Churchill die französische Kriegsflotte ohne Vorwarnung versenken ließ. Wer Johnson und seinen Mitstreitern auch nur ein Minimum an Vertrauen zubilligt, handelt grob fahrlässig.



Churchill und Deutschland


Als ehemalige Kriegsgegner sind die Deutschen eher nicht berufen, lautstark in die Kritik an Churchill einzustimmen. Gleichwohl: die Jahrzehnte, in denen Churchill die britische Politik entscheidend mitgestaltete und prägte, sind auch die Jahrzehnte der Rivalität und der Feindseligkeit zwischen Großbritannien und Deutschland, die sich in zwei Weltkriegen entlud. Die Auseinandersetzung zwischen Großbritannien und Deutschland kann deshalb nicht ausgespart werden, das Bild Churchills wäre an entscheidender Stelle unvollständig.

Die Kriege zwischen Deutschland und Großbritannien weisen auf eine Konstellation hin, die als sogenannte THUKYDIDES-Falle bekannt ist: die etablierte Macht wird durch einen Aufsteiger herausgefordert. Der griechische Historiker THUKYDIDES hatte diesen Konflikt in seiner Geschichte des 30-jährigen Peloponnesischen Kriegs zwischen dem aufstrebenden Athen und dem hegemonialen Sparta (431 – 404 v. Chr.) beschrieben. Ein Krieg wird nahezu unausweichlich, auch wenn die Protagonisten ihn selbst gar nicht wollen - sie werden hineingezogen. Großbritannien sah sich Anfang des 20. Jahrhunderts dem aufsteigenden Deutschen Reich konfrontiert, das England industriell überflügelte und seinerseits einen „Platz an der Sonne“ beanspruchte. In vergleichbarer Weise sehen sich heute die USA vom aufsteigenden China herausgefordert (17).

Nach dem gewonnenen Ersten Weltkrieg erreichte Großbritannien mit dem Empire den Höhepunkt seiner Macht und Ausdehnung. Der deutsche Konkurrent war entscheidend geschwächt. Wirtschaftlich taumelte Deutschland von der Hyperinflation in die Weltwirtschaftskrise, mit dem Aufstieg der Nazis isolierte es sich politisch selber. Auf der Weltbühne konnte London nach Übernahme der ehemaligen deutschen Kolonien frei schalten und walten. Gleichwohl waren Krisenanzeichen nicht zu übersehen. Großbritanniens Wirtschaft litt schwer unter der Wiedereinführung des Goldstandards, in den Kolonien regte sich erster Widerstand. Einen erneuten Krieg mit dem Deutschen Reich vermied London mit der sogenannten Appeasementpolitik solange es eben ging - wohl wissend, dass ein zweiter Waffengang das Vereinte Königreich ein weiteres Mal entscheidend schwächen würde.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war das Britische Empire nur noch ein Schatten seiner selbst. Hochverschuldet und zum Juniorpartner der USA degradiert, war Großbritannien so erschöpft und schwach, dass es unmittelbar nach 1945 das Kronjuwel Indien aus dem Empire entlassen musste. London hatte als Weltmacht ausgespielt. Der Sieg von 1945 war für die Briten ein Scheinsieg, ein Sieg, der die Realität vernebelte. Das Empire löste sich auf und zerfiel . Churchill gehörte 1945 neben Roosevelt (USA) und Stalin (Sowjetunion) nur noch dem Namen nach zu den „Großen Drei“. Neben der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten , die die Hauptlast des Krieges gegen die Wehrmacht trugen, war der militärische Beitrag Großbritanniens vergleichsweise gering. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges versuchte Churchill noch einmal die Rolle als einer der „Großen Drei“ einzunehmen, als er Stalin die Westverschiebung Polens um 200 Kilometer bis an die Oder-Neiße vorschlug. Stalin konnte er damit seinen Wert als nützlicher Bündnispartner erweisen.

Die Komplizenschaft Churchills mit Stalin, die mit der Streichholzgeschichte ihren sinnhaften Ausdruck fand, steht am Anfang dieser Völkerverschiebung. Churchill hatte auf der Konferenz in Teheran (28. 11. - 1. 12. 1943) drei Streichhölzer auf den Tisch gelegt, eines für Russland, eines für Polen und eines für Deutschland. Er verschob sie jeweils nach Westen, um seine Vorstellung von der Neuordnung Europas zu demonstrieren. Der Überlieferung nach fand Stalin das lustig und schlug ein (18). Auf diese – lockere - Weise haben imperialistische Kolonialmächte auch in Afrika und anderswo ohne Rücksicht auf Bevölkerungen und Jahrhundert alte Siedlungsgebiete Grenzen gezogen. Die Streichhölzer werden bis heute sorgsam in London aufbewahrt.

Die Westverschiebung Polens auf Kosten Deutschlands betrifft nicht nur Deutschland, sondern ganz Europa. Deutschland verlor ein Viertel seines Territoriums, mit Einschluss der Verluste nach dem Ersten Weltkrieg rund ein Drittel. Die daraus folgende Vertreibung von (geschätzt) 13 bis 15 Millionen Deutschen aus Mittel- und Osteuropa, aus Siedlungsgebieten, die sie seit 800 Jahren innehatten, war eine gewaltsame Völkerverschiebung, wie sie in Europa seit dem Hohen Mittelalter nicht mehr gesehen hatte. 1 bis 1,5 Millionen Deutsche (geschätzt) sind auf der Flucht infolge der Vertreibung umgekommen. Auch die Polen mussten ihre Ostgebiete, die an die Sowjetunion fielen, verlassen. Ethnische Säuberungen gelten heute weltweit zurecht als Verbrechen. Aus einer solchen Aussaat ist selten ein dauerhafter Frieden hervorgegangen.

Stalin war nicht irgendwer, was man 1943 auch in London wusste. Schließlich hatte Stalin mit Hitler am 23. August 1939 mit dem sog. Ribbentrop-Molotow-Pakt Polen geteilt und war wie vereinbart im September 1939 dort ebenfalls eingefallen. In Katyn hatte er wenig später 30.000 polnische Offiziere und Intellektuelle umbringen lassen. Die mörderischen Säuberungen Stalins in der Sowjetunion mit Millionen Opfern waren auch im Westen hinreichend bekannt. Uncle Joe (Onkel Joe), wie Stalin in der alliierten Propaganda verniedlichend genannt wurde, war alles andere als ein menschenfreundlicher, vertrauenswürdiger Zeitgenosse. Aber als Bundesgenosse war er unentbehrlich. Die Rote Armee trug die Hauptlast des Kampfes gegen die Wehrmacht.

Der militärische Beitrag Großbritanniens im Krieg war in der Tat vergleichsweise bescheiden. Die Alleinstellung Großbritanniens nach der Niederlage Frankreichs, der Rückzug 1940 hinter den Ärmelkanal auf die britische Insel waren nicht so heroisch wie behauptet: Schließlich hatte das Vereinigte Königreich damals das Weltreich des Empire hinter sich und erhielt schnell US-amerikanische Unterstützung in Form von Krediten und Waffen (u. a. Lend-Lease Act / Leih-und Pachtgesetz). Das größte Verdienst am Sieg über Nazi-Deutschland hatte sicher die Sowjetunion mit einem Anteil von 50-60 Prozent, da die Wehrmacht in den Weiten Russlands verblutete. Die USA dürften dank des Einsatzes ihres gewaltigen wirtschaftlichen, industriellen und demographischen Potentials ca. 20-25 Prozent beanspruchen. Andere wie die Partisanen in Jugoslawien, Griechenland und Frankreich haben etwa einen Anteil von ca. 5-10 Prozent. Der Rest, d. h. ca. 10 -15 Prozent wäre britisch.

Zur Kompensation haben die Briten auf Betreiben Churchills massive Flächenbombardements auf zivile Ziele in Deutschland geflogen: beispielsweise noch am 14. April 1945 mit 500 Lancaster-Bombern auf Potsdam, zwei Wochen vor dem Fall Berlins, mit ca. 1500 Toten und 24.000 zerstörten Wohnungen. Die Zerstörung kultureller Denkmäler von deutscher nationaler Bedeutung war dabei unvermeidlich und implizit beabsichtigt. (Es erinnert an Gangsterfilme: ein Mann liegt schon am Boden und ringt mit dem Tode, aber es wird noch zwei- dreimal auf ihn geschossen, um sicher zu sein, dass er auch wirklich tot ist.) Die Bombardierungen der Briten waren militärisch fragwürdig bzw. nutzlos, was man in London durchaus wusste. Aber Churchill forcierte sie, weil sie das einzige Mittel waren, Deutschland anzugreifen, wie Boris Johnson in seinem Churchill-Buch schreibt (19). Was für ein Hass muss hinter diesem Zerstörungs- und Vernichtungswillen gestanden haben!

Der Wiederaufstieg Deutschlands nach der Wiedervereinigung 1990 war absehbar. Als geographisch zentrale und wirtschaftlich stärkste Macht im Herzen Europa würde Deutschland in Europa wieder ein wichtiges, in manchen Fragen das entscheidende Wort haben. Der politische Ballast der Nazi-Zeit würde im Lauf der Jahrzehnte verblassen und Deutschland erlauben, politisch wieder selbstbewusster und freier aufzutreten und zu agieren. Es würde die Europäische Union nutzen, um seine Interessen durchzusetzen. Daher der massive Widerstand von Margaret Thatcher gegen die Wiederherstellung der deutschen Einheit 1989/1990, auch wenn in Deutschland kein Kaiser, kein Hitler regierte und Deutschland nun ein demokratisch verfasster Staat war.

Der Feind war eben nicht dauerhaft vernichtet, sondern erhob wieder sein Haupt - in neuer Gestalt. Noch einen Tag vor Abschluss des 2+4 Vertrags vom 12. 09.1990 über die endgültige innere und äußere Souveränität des vereinten Deutschlands versuchte London die Vertragsunterzeichnung mit einem Trick zu torpedieren. Die Schuld sollte Moskau zugeschoben werden. Die alarmierte deutsche Delegation konnte mithilfe der Amerikaner die Sabotage des 2+4 Vertrages durch London im letzten Moment noch verhindern.

Die Engländer sind nachtragend und vergessen nicht schnell. Nirgendwo auf der Welt wird die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg mehr wachgehalten und gepflegt als auf der britischen Insel. Noch beim Fußballspiel England gegen Deutschland während der Europameisterschaft 2021 im Wembley-Stadion in London sollen Erinnerungen an den Weltkrieg laut dem englischen Trainer seine Mannschaft motiviert haben. Die Verklärung Churchills gehört in diesen Kontext.

Wer in Ländern des ehemaligen Britischen Empire mit offenem Ohren als Deutscher unterwegs ist, bekommt immer wieder zu hören: Großbritannien habe in über hundert Kriegen ein Weltreich erobert, nach zwei Kriegen mit Deutschland aber alles verloren. Dies ist die Erfahrung und Wahrnehmung der vordem unter britischer Herrschaft, d. h. kolonialer Abhängigkeit und Unterdrückung lebenden Völker. Der Verlust des Empire ist für konservative Engländer schmerzhaft und verursacht Phantomschmerzen. Aber Phantomschmerzen und Nostalgie sind keine guten Grundlagen für zentrale politische Entscheidungen.



Anhang

Gegenüberstellung: Churchill Stalin Hitler



Vergleiche und Gegenüberstellungen historischer Persönlichkeiten waren in der Antike ein beliebtes Genre, das PLUTARCH (ca. 45 – ca. 125 n. Chr.) zur Vollendung brachte. Sie wurden als erhellend und nützlich angesehen.


Vergleiche mit Hitler oder sonstigen Nazigrößen gelten in Deutschland allerdings als Tabu. Wer das Tabu bricht, gehe unweigerlich in die Irre und scheide unwiderruflich aus dem konsensfähigen Dialog aus. Aber ganz so einfach ist es nicht: Stalin nannte z. B. Churchill in seiner Antwort auf dessen Rede in Fulton (USA) vom 5. März 1946 den „neuen Hitler“ (20). Der renommierte amerikanische Historiker Timothy Snyder stellte die Frage (21): Hitler vs. Stalin: Who was worse? (Hitler gegen Stalin – Wer war schlimmer?) Auch der schon erwähnte Leo Amery, Minister für Indien und Burma im Kabinett Churchill während des Zweiten Weltkriegs, verglich Churchill mit Hitler (22). Geoffrey Wheatcroft weist in seinem 2021 erschienen Buch: `Churchill´s Shadow´ auf die "unheimliche Affinität" (uncanny affinity) zwischen Churchill und Hitler hin. Hitler habe die schlimmsten und abstoßendsten Züge Churchills noch gesteigert und beiden sei ein Hang zur Megalomanie eigen gewesen (23). Neu ist die Frage also nicht. Es gibt einiges, was zu denken gibt.

Die wichtigste Gemeinsamkeit zwischen Churchill, Stalin und Hitler ist ihr Scheitern in dem Hauptziel, das sie sich gesetzt hatten. Hitler wollte das Deutsche Reich zur Weltmacht erheben: am Ende des Krieges hatte das Deutsche Reich aufgehört zu existieren. Das Britische Empire, dessen Erhalt Churchills unbedingtes Kriegsziel war, kollabierte unmittelbar nach 1945, als es Indien, das Kronjuwel des Empire, in die Unabhängigkeit entlassen musste. Der Verlust Indiens war der entscheidende Todesstoß. Großbritannien war nach dem Krieg so geschwächt, dass es das Empire und den Weltmachtstatus nicht mehr halten konnte. Das Reich Stalins ging 1991/1992 etwas später unter, als die Sowjetunion infolge Überdehnung und abwegiger kommunistischer Staatsideologie zerfiel und der Warschauer Pakt sich auflöste. Heute hat Russland in etwa der Größe, auf die es nach dem Frieden von Brest-Litowsk vom 3. März 1918 zwischen dem Deutschen Reich und der jungen Sowjetunion erzwungenermaßen zurückgeworfen wurde. Der Zerfall der Sowjetunion erfolgte 1991/1992 freiwillig, ein wichtiger Unterschied zu 1918!. Soweit es Siege bis 1945 gab, waren es Scheinsiege, denen keine dauerhaften Folgen beschieden waren.

Alle drei: Hitler, Churchill und Stalin haben de facto den Krieg verloren. Auch wenn die Zeitgenossen das etwas anders wahrgenommen haben, lässt der historische Rückblick kein anderes Urteil zu. Das Vereinigte Königreich ist zur Regionalmacht und zum Juniorpartner der USA geschrumpft; es trauert (unter Boris Johnson) nostalgisch vergangener Größe nach. Russland klammert sich an den Weltmachtstatus, ohne das notwendige, vor allem ökonomische Potential zu haben. Deutschland ist wieder stärkste Macht in Europa, hat aber weder das politische Gewicht noch das moralische Ansehen, das für eine hegemoniale Stellung notwendig wäre; beides war in der NS-Zeit verspielt worden. Churchill, Stalin und Hitler haben in ihrem erbitterten Kampf, den sie bis zur Vernichtung gegen- und miteinander führten, die dominierende Weltstellung Europas untergraben und zerstört.


Es hat noch nie ein Imperium oder Reich gegeben, das nur durch sanftes Zureden und kulturelle Überlegenheit erobert und verteidigt worden wäre. Das gilt auch für Churchill, Stalin und Hitler. Zu diesem Zweck konnten ruchlose, hinterhältige Aktionen wie die Vernichtung der französischen Kriegsflotte in Mers-el-Kebir oder das Hungern und Sterben mehrerer Millionen Inder als notwendig gerechtfertigt werden - zum Teil gegen Widerstände aus den eigenen Reihen. Auch Stalin hat mit dem sog. Holodomir 1932/1933 in der Ukraine erbarmungslos mehrere Millionen in den Hungertod getrieben, gerechtfertigt, wie er es sah, durch das Ziel der Errichtung des Sozialismus. Dafür mussten die Kulaken, die reichen Bauern als Feinde des Kommunismus vernichtet werden. Hitler ließ Millionen sowjetische Kriegsgefangene verhungern und plante noch mehr Hungertote nach dem Sieg. Der Hungertod von Millionen Menschen zählte weder für Stalin, Hitler oder Churchill. Eine erbarmungslose Unmenschlichkeit bei der Durchsetzung von Interessen und Zielen kennzeichnet sie alle Drei.

Boris Johnson widmet ein ganzes Kapitel der Frage, ob und inwiefern Churchill ein Spieler war, der alles auf eine Karte setzte (24). Er kommt zum Ergebnis, dass kein anderer Politiker so viele offenkundig riskante Positionen eingenommen hat, wie Churchill. Kein anderer Politiker sei in so viele Schlamassel involviert gewesen wie dieser. Churchill liebte riskante Unternehmen und glaubte an die Vorsehung, einen Schutzengel oder Dämon, der ihn vor Schaden, z.B. vor feindlichen Kugeln behüten würde. Nicht nur in seiner stürmischen Jugend suchte Churchill die Gefahr in kriegerischen Auseinandersetzungen, als Politiker blühte er in Kriegen auf: es war sein Element. Auch Hitler war ein Spieler, der wiederholt alles auf eine Karte setzte. Lange war er damit von Sieg zu Sieg geeilt, bis er mit seinem letzten Einsatz, dem Angriff auf die Sowjetunion mit dem Unternehmen Barbarossa alles verlor. Von Stalin sind ähnlich riskante Unternehmungen weniger bekannt; er bewegte sich vorsichtig und wartete auf Fehler der anderen, was ihn freilich nicht davon abhielt, im sog. Winterkrieg November 1939 bis März 1940 in Finnland einzufallen.

Churchill hatte das britische Kriegskabinett nach der Niederlage Frankreichs 1940 zur Fortführung des Krieges gegen Deutschland u. a. mit dem Argument überzeugt, dass es besser sei, kämpfend unterzugehen als sich zu ergeben (25). Die Überzeugung, dass es besser sei bis zum bitteren Ende zu kämpfen als zu kapitulieren, teilte Churchill mit Adolf Hitler, der sich bis zum Endkampf um Berlin im April 1945 weigerte, aufzugeben und zu kapitulieren. Dass dabei Millionen von Menschen in den Tod gerissen würden, nahmen beide in Kauf. Die Entschlossenheit, politische Entscheidungen ungeachtet aller Opfer bis zum Ende durchzuziehen, ist für beide kennzeichnend.

Allen Drei war auch ein Vernichtungswillen eigen, der vor schweren Verbrechen nicht halt machte. Stalin verfolgte seine innerparteilichen Gegner und Rivalen bis in den Tod. Den Säuberungen in der Kommunistischen Partei und der Kommunistischen Internationale fielen alle zum Opfer, die sich seiner Alleinherrschaft und seinem Weg zum Kommunismus in den Weg stellten. Er verfolgte sie bis ins ferne Ausland, wie seinen Gegenspieler Trotzki, den er in Mexiko mit einem Eispickel ermorden ließ. Vor dem Zweiten Weltkrieg ließ er fast das ganze Offizierskorps der Roten Armee auslöschen/liquidieren. Von den Kulaken war bereits die Rede. Seiner hasserfüllten Paranoia fielen Millionen Menschen zum Opfer, die in Zwangsarbeitslagern, den sog. Gulags, den Tod fanden.

Churchills Vernichtungswillen richtete sich vornehmlich gegen die Deutschen, gegen deren Zivilbevölkerung er Bombergeschwader einsetzte, die kein anderes Ziel hatten, als die Bevölkerung zu demoralisieren und zu terrorisieren, obwohl auch der britischen Kriegsführung bald klar war, dass damit das erstrebte Ziel nicht erreicht würde. Im Gegenteil: die Deutschen kämpften bis zum Schluss weiter. Ca. 800.000 Zivilisten, Frauen, Kinder und alte Männer fielen den Bomberangriffen zum Opfer, sie verbrannten in den Ruinen oder wurden unter ihnen begraben. Die Auslöschung des deutschen Ostens, der Provinzen Schlesien, Ost- und Westpreußen, Ostpommern und des Sudetengebiets, die Churchill einleitete und mit Stalin umsetzte, zeugen vom unversöhnlichen Willen, den deutschen Rivalen ein für alle Mal vernichtend aus dem Feld zu schlagen. Preußen, das Deutschland 1870/1871 geeint hatte, musste nicht nur von der Landkarte verschwinden, auch die Provinzen, aus denen es entstanden war, mussten physisch ausgelöscht werden.

Hitlers Vernichtungswillen übertrifft freilich beide. Der Mord an 6 Millionen europäischen Juden stellt alles in den Schatten, was die Welt bisher gesehen hatte. Über den Holocaust ist viel geschrieben worden und wir wissen fast alles, was darüber gesagt werden kann (26). Der Antisemitismus war und ist kein rein deutsches Phänomen, aber er gipfelte mit Hitler im Zweiten Weltkrieg mit dem Holocaust zum Menschheitsverbrechen schlechthin. In der Sowjetunion Stalins hat es nach dem Zweiten Weltkrieg auch antijüdische Verfolgungen gegeben, aber sie können mit Hitlers Vernichtungspolitik in keiner Weise verglichen werden. In den angelsächsischen Ländern und Frankreich war der Antisemitismus in der Form des sog. Salon-Antisemitismus ebenfalls verbreitet, man denke etwa an die antisemitischen Äußerungen der Gattin von US-Präsident Roosevelt. Von Churchill ist nicht bekannt, dass er sich antisemitisch geäußert hätte.

Bleibt die Frage des Rassismus. Rassistische Äußerungen von Churchill gibt es zuhauf, wie die bereits erwähnten zu Indien. Churchill glaubte an die Überlegenheit der weißen Rasse. Nicht zufällig wurde seine Statue vor dem britischen Parlament mit dem Vorwurf des Rassismus beschmiert. Rassismus war in ganz Europa und Nordamerika im 19. bis weit ins 20. Jahrhundert eine kaum hinterfragte Grundüberzeugung, die man für wissenschaftlich belegt hielt. Noch heute steht z. B. das Wort Rasse wie selbstverständlich im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland. In diesem Sinne war Churchill ein Rassist, ein Kind seiner Zeit, auch wenn manche seiner Äußerungen selbst für Personen, die ihm nahe standen, mitunter das Maß des Zumutbaren überstiegen (27) . Hitler war zweifellos ein Rassist, der die Rassenideologie mit dem Antisemitismus und dem Holocaust auf die Spitze trieb. Von Stalin ist nichts dergleichen überliefert. Als Georgier in der von Russen dominierten Sowjetunion legte er keine Allüren rassischer Überlegenheit gegenüber den zentralasiatischen Völkern oder sibirischen indigenen Völkerschaften an den Tag, die Teil der Sowjetunion waren.

Churchill hatte gegenüber Stalin und Hitler den Vorteil, dass er als Premier Großbritannien in einer Zeit führte, als es noch saturierte Weltmacht mit gefestigten und bewährten inneren Strukturen war. Das britische Empire ruhte in sich selbst, auch wenn es zwischen den beiden Weltkriegen schon Krisenerscheinungen gab. Radikalität und exzessive Handlungen von Politikern sind in einer solchen Ausgangslage eher die Ausnahme, sie sind ungewöhnlich und unüblich. Stalin hingegen stand als Generalsekretär der Kommunistischen Partei an der Spitze eines Staates, der eine umwälzende Revolution hinter sich hatte, dessen Strukturen sich noch in der Entwicklung befanden und deshalb prekär waren. Eine revolutionäre Radikalität war vorgezeichnet, Machtkämpfe endeten tödlich für die Protagonisten. Hitler wiederum eroberte die Macht in einem Land, das, verkürzt gesagt, durch die Niederlage im Ersten Weltkrieg traumatisiert war und die im Versailler Vertrag von 1919 fixierten Ergebnisse unbedingt revidieren wollte, gegebenenfalls mit Gewalt. Radikalität und die Suche nach Sündenböcken für den verlorenen Krieg waren die Folge.


Churchill, Hitler und Stalin waren, was rücksichtslosen, mörderischen Macht- und Vernichtungswillen angeht, Kinder ihrer Zeit. Sie waren Brüder in Geist und Tat, zwar nicht gleichrangig, aber doch ähnlich. Wenn Hitler unbestreitbar die Spitzenposition innehat, so folgt ihm Stalin und dann Churchill in der Rangfolge. Um (zynisch) ein Bild zu gebrauchen: für Hitler die Goldmedaille, für Stalin Silber und für Churchill Bronze.





Anmerkungen

(1) Boris Johnson, Der Churchill-Faktor, Klett-Cotta 2015, engl. The Churchill Factor, How one man made history, London 2015; im folgenden zit. Johnson, Churchill, Seitenzahlen nach engl. Ausgabe. Das Buch ist als `banal´und `schnell hingehauen´ kritisiert worden. Seine Bedeutung ist aber nicht literarisch und/oder historisch, es soll vielmehr eine politische Tradition begründen.

(2) Vgl. The human stain, The Economist, 14. 11. 2020, S. 48 f.: Buchbesprechungen von Padraic Scanlan, Slave Empire, Robinson 2020; Michael Taylor, The Interest, Bodley Head, 2020

(3) ebda

(4) Geoffrey Wheatcroft, Churchill´s Shadow, London 2021, S. 21

` (5) Ben Macintyre, Invasion, Bombs, Gas – we have been here before, in: The Times, London, 15. 2. 2003, S. 20

(6) Priyamvada Gopal, Why can´t Britain handle the truth about Churchill, in: The Guardian, 17. 3. 2021

(7) Joseph Lazzaro, Bengal Famine of 1943 – A Man-Made Holocaust, International Business Times, 22.2. 2013

(8) Johnson, Churchill, S. 216

(9) Vgl. u.a. Saul Dubow, Britain´s imperial history deserves better than petty culture wars (Britanniens imperiale Geschichte verdient besseres als läppische Kulturkriege), in: The Guardian online 13.08.2021; Geoffrey Wheatcroft, Churchill´s Shadow, a.a.O.

(10) Athens 1944: Britains dirty secrets, in: The Guardian, 30.11.2014

(11) Johnson, Churchill, S. 239

(12) Johnson, Churchill, S. 236

(13) Johnson, Churchill, S. 174

(14) Johnson, Churchill, ebda

(15) Der Kreisauer Kreis, Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, 15 (1967), 3, S. 238

(16) Johnson, Churchill, S. 30

(17) Vgl. u. a. Graham Allison, Destined for War: Can America and China Escape Thucidides´s Trap?, New York, 2017

(18) Vgl. Michael Sontheimer, Churchills Streichhölzer, in: Der Spiegel, 1/2011

(19) Johnson, Churchill, S. 277

(20) Gregor Schöllgen, Geschichte der Weltpolitik von Hitler bis Gorbatschow 1941-1999, München 1999, S. 44

(21) The New York Review of Books, 27. Januar 2011

(22) Priyamvada Gopal, Why can´t Britain handle the truth about Churchill? a.a.O.

(23) Geoffrey Wheatcroft, Churchills Shadow, a.a.O. S. 206

(24) Johnson, Churchill, S. 201 ff

(25) Ian Kershaw, Wendepunkte. Schlüsselentscheidungen im Zweiten Weltkrieg, München München 2008, S. 65; engl.: Fateful Choices: Ten decisions that changed the World 1940-1941

(26) Vgl. dazu auch: Guntram von Schenck, Kriegswende 1941 und Holocaust, Schriften zur Politik und Geschichte, Radolfzell 2013, S. 235; Holocaust – Folge der Ruhmsucht Hitlers?, ebda. S. 250, und unter: www.guntram-von-schenck.de

(27) Priyamvada Gopal, Why can´t Britain handle the truth about Churchill? a.a.O.





Guntram von Schenck, September 2021


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